Donnerstag, 09. September 2010

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Freitag, 03. September 2010 Deutsches Schauspielhaus Hamburg Wenn Ihr Euch totschlagt, ist es ein Versehen – Oliver Bukowskis Kleist-Reflexion

Donnerstag, 02. September 2010 Schauspiel Bremen Was ihr wollt − mit Shakespeare in die Post-Frey-Ära

Donnerstag, 02. September 2010 Haus der Kulturen der Welt Berlin Rue Princesse – Gintersdorfer und Klaßen holen ihr ivorisches Festival nach Berlin

Mittwoch, 01. September 2010 Zürcher Theater Spektakel 2010 La cérémonie − 400asa brachte chinesische Freunde mit auf die Landiwiese

Freitag, 27. August 2010 20. Internationales Ibsen Festival Oslo 2010 Nora oder Ein Puppenheim (Et Dukkehjem) – Laurent Chétouane inszeniert Ibsens Emanzipationsstück

Donnerstag, 26. August 2010 20. Internationales Ibsen Festival Oslo 2010 Ibsenmaschine - Sebastian Hartmanns Eröffnungsinszenierung am Nationaltheatret Oslo

Sonntag, 22. August 2010 Edinburgh International Festival Caledonia – Alistair Beatons neues Stück uraufgeführt

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Berlin/HAU Berlin

Volk oder nicht Volk

von Esther Slevogt

Berlin, 1. Februar 2008. Zuerst also Thomas. Thomas ist einundfünfzig und Erhebungsbeauftragter. Er tritt vor das Publikum und macht kurz mit dem Prinzip des Abends bekannt, der sich vorgenommen hat, ein statistisches Abbild Berlins auf die Bühne zu bringen. Deshalb steht Thomas hier stellvertretend für genau 34.000 Berliner. Mal hundert macht dreimillionenvierhunderttausend.

Freitag, 01. Februar 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Freie Szene Berlin

"Los, Passant, komm!"

von Jan Oberländer

Berlin, 21. Februar 2008. Auf allen Bühnen, in allen Foyers, Sälen und Lounges von HAU 1–3, Sophiensaelen und Theaterdiscounter schüttet das 100°-Festival vom 21. bis 24. Februar einen großen Sack theatraler Gemischtwaren über dem Publikum aus. Alles, was sich zur freien Theaterszene zählt, konnte sich um eine Stunde Spielzeit bewerben. Beim ersten Festival im Jahr 2004 nahmen noch 100 Gruppen teil, mittlerweile sind es 150.

Donnerstag, 21. Februar 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Renaissance Theater Berlin

Das Geräusch gewordene Als-Ob

von Nikolaus Merck

Berlin, 24. Januar 2010. Großer Prominenten-Auflauf im Holzgetäfelten am Reuter-Platz. Der Regiermeister Wowereit ist da, diverse Fernseh-Zelebritäten, Vorabend und Hauptprogramm, mit bleckendem Gebiss und ohne. Die Lise möchte gleich wieder nach Hause. Aber vor die Rückkehr in die warme Höhle – schon der Gang über die Straße lässt im tiefgekühlten Berlin Mark und Bein erfrieren – sind im intarsienverzierten Renaissance Theater 33 Variationen über die Schauspielkunst gesetzt.

Sonntag, 24. Januar 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Berliner Ensemble

Kopfploppen

von Anne Peter

Berlin, 15. Dezember 2007. "Draußen passieren die Dinge nicht, über die es sich lohnen würde zu schreiben. Zumindest nicht hierzulande. Deswegen liebe ich es so, hier zu leben, weil der Alltag nicht in Konkurrenz mit der Fantasie steht." Das schreibt die 1971 in Litauen geborene Autorin Arna Aley im Programmheft zu ihrem jetzt von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble uraufgeführten Stück "4 ½ Männer und ich".

Samstag, 15. Dezember 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Deutsches Theater Berlin

Red mit mir!

von Anne Peter

Berlin, 12. Oktober 2009. Man könnte es einen positiven Fall von Kolonisation nennen. Keine Eroberung, keine Unterwerfung, keine feindliche Übernahme. Stattdessen die neugierig fragende Vereinnahmung jenes Großklassikers der westlichen Dramenliteratur, die Besetzung des überforschten Territoriums mit eigener Biographie und Erfahrung, die auch eine Befreiung vom Ballast der Bibliotheken ist.

Dienstag, 13. Oktober 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Volksbühne Berlin

Nichts mit First we take Agora

von Christian Rakow

Berlin, 24. Juni 2009. Behaupte niemand, dass wir nichts gelernt haben: "Was ist der Chor?" – "Individuen in einem gemeinsamen Zustand." Und in welchem Zustand haben wir die Individuen an diesem Abend erlebt, die Schauspieler, den Chor der werktätigen Volksbühne, den Jugendschauspielclub P 14? Festgetackert am Portal der Volksbühne, hockend oder stehend, annähernd schamfrei Texte ins Offene deklamierend, die selbst bei Wikipedia wegen ihrer Erkenntnisarmut gelöscht würden.

Mittwoch, 24. Juni 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Ballhaus Ost Berlin

Grinsekaters Gemetzel in der Kanalisation

von Nikolaus Merck

Berlin, 30. September 2009. Es geht los wie weiland das "Wunschkonzert" vom alten Kroetz. Eine Frau kommt vom Einkaufen nach Hause; Waschmaschine, Spülstein, Badewanne, Kühlschrank – alles steht auf hab Acht. Wie Giftgas legt sich ihre Einsamkeit unsichtbar und erstickend auf die Szene. Joghurt mit abgelaufenem Verfallsdatum raus aus dem Kühlschrank, man meint: dutzendweise – neues Joghurt rein. Ein bisschen Röcke-lupfendes Aerobic, das Studium der Gebrauchsanweisung des Backofens. Französisch: nein, versteh ich nicht; Englisch: nein, Chinesisch: ja. So gehen hier die kleinen Scherze.

Mittwoch, 30. September 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Volksbühne Berlin

Das Leben der Hummer

von Dirk Pilz

Berlin, 5. Januar 2010. Der kurze Text Consider the Lobster ("Am Beispiel des Hummers") von David Foster Wallace war ein Auftragswerk für die Zeitschrift Gourmet. The Magazine of Good Living. Wallace reiste im Sommer 2003 unter dem Decknamen "Hase" als vermeintlich Naiver zum Maine Lobster Festival. Sein Essay berichtet zunächst von den Fress- und Furzorgien im Festzelt, in dem "mehr als 25.000 Pfund fangfrischer Maine-Lobster über die Theke gehen". Anschließend erläutert er die Herkunft des Namens "lobster", kurz schildert er die Beschaffenheit der Hummer-Arten (sie sind "riesige Meeres-Insekten"); darauf ist von der Attraktion der Veranstaltung, dem "weltgrößten Hummerkessel", und folglich von der Zubereitung der Speise die Rede: "Der Hummer kommt lebend in den Topf." Er wird in kochendes Wasser geworfen.

Dienstag, 05. Januar 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Volksbühne Berlin

So einen verwechselten Monarchen gibt es nur in Berlin

von Dirk Pilz

Berlin, 9. April 2009. Das Bühnenbild dieses Abends im neu renovierten Prater erinnert an René Polleschs heitere Volksbühnen-Inszenierung L' affaire Martin! etc. vor drei Jahren. Ob dies etwas zu bedeuten hat, ist aber nicht auszumachen. Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Es ist jedenfalls ein schönes, auch praktisches Bühnenbild: eine lange Prospektwand mit zwei wackligen Sperrholztüren und einem aufgemalten Kamin, davor hübsche Chippendale-Möbel. Am Ende wird es in Trümmern liegen, auch das ist sehr schön.

Donnerstag, 09. April 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Inflation des Ich

von Anne Peter

Berlin, 22. September 2007. Das berühmte und so vieldeutige "Ach!" der Alkmene, mit dem Heinrich von Kleists Lustspiel "Amphitryon" endet, sagt sich hier ganz beiläufig dahin. Es ist ein schnelles Ach-ist-ja-auch-egal, ein Komm-vergessen-wirs. In Jan Bosses Inszenierung am Maxim Gorki Theater spricht Alkmene es auch nicht selbst; ihre Dienerin Charis ist es, die schnell das vermeintliche Happy End runterrattert.

Samstag, 22. September 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Schaubühne Berlin

Du böse Liebe, du!

von Dirk Pilz

Berlin, 1. November 2008. Anatol ist eine Frau. Das aber spielt keine Rolle. Denn der Mensch ist, was er ist: treulos, liebesbedürftig, erbärmlich, größenwahnsinnig, eitel, lächerlich, schwach und sterblich. Mann oder Frau, es sind am Ende alle gleich, jedenfalls an diesem bemerkenswert kurzen Abend.

Sonntag, 02. November 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Deutsches Theater Berlin

Gezüchtigtes Müller-Pathos

von Esther Slevogt

Berlin, 28. November 2007. Heiner Müller und der Kulturbetrieb, das ist die Geschichte einer einst heftigen Affäre, aus der nun die Luft raus ist und sich der Liebhaber (also das Feuilleton) fragt, was ihn wohl ritt, als er dem Phänomen Müller verfiel. Denn dessen Dramen, besonders die, die er schon als privilegierter Reisender zwischen den Systemen verfasste, zwischen den Theaterkantinen der DDR und den Talkshows des Westfernsehens, lesen sich heute fast, als blicke man auf Pomp, Plüsch und Pathos der Historienschinken eines Hans Makart samt seiner fleischig nackten Heroinen und stählernen Heroen.

Mittwoch, 28. November 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Akademie der Künste Berlin

Fußnote zur Menschheitsdämmerung

von Christian Rakow

Berlin, 24. April 2009. "Schön ist der Mond über Polen, / einen Genickschuss lang". Einer der Lieblingsverse Heiner Müllers kommt in den Sinn, wenn man in der Eingangsszene des Films den Vollmond malerisch über syrischen Hügeln aufgehen sieht. Doch der Genickschuss bleibt, Krisenregion Vorderasien hin oder her, dieses Mal aus. "Schön ist der Mond über Syrien, / eine Reifenpanne lang", dürfte es heißen, rechnet man die Hintergrundanekdote zu diesem Bild ein, die Kulturstaatssekretär André Schmitz in seiner deutungsfreudigen Eröffnungsrede preisgab. Aber Profanierung ist wirklich das Letzte, was dieses Kunstprojekt will.

Freitag, 24. April 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Engelbrot Berlin

Der große Ulkator

von Dirk Pilz

Berlin, 22. November 2007. Angst ist das Thema. Das Fürchten lehrt dieser Abend aber einzig jene, die dem gehobenen Nonsens nicht gewogen sind. Die mit Ulk und Blödelei nichts anzufangen wissen. Der Rest dagegen darf unbekümmert feixen. Allerdings, so richtige Freude kommt wohl nur auf, wenn man den Hauptdarsteller von früher kennt.

Donnerstag, 22. November 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Seltene Momente des Rauschs

von Christian Rakow

Recklinghausen, 16. Mai 2008. "Liebe ist…" – mit diesen offenen Schlussworten gibt uns Anna Karenina gewissermaßen einen Fragebogen mit auf den Heimweg. Und wer in den reichlich drei Stunden dieser Aufführung gut aufgepasst hat, kann diesen auch ohne größere Bedenkzeit ausfüllen. Also: Liebe ist 1.) nicht wirklich dauerhaft, weil 2.) bezweifelt werden darf, dass wir Menschen "uns einander überhaupt verständlich machen" können, was 3.) ein ziemlich beklagenswerter Zustand ist.

Freitag, 16. Mai 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Im hohen Ton ein Heute suchen

von Anne Peter

Berlin, 18. Dezember 2008. Jan Bosse macht Ernst. Nicht nur vom Stoff her, große Tragödie: Antigonae, Hölderlin, sondern auch im Spiel: quasi ironiefrei der Raum, der den Zuschauer ganz in Schwarz empfängt. Schwarz ausgeschlagen die Theaterwände, schwarz die schicken Kostüme der staatsmännisch auftretenden Königsfamilie. Es herrscht Trauer in Theben, das soeben einen blutigen Angriff überstanden hat. Auf der Bühne türmen sich massenhaft hingeworfene Klamotten, symbolisch die Toten vertretend. Solche Kleider-Leichen sind auch über die Sitzreihen im Zuschauerraum verteilt. Das Publikum wird also mitten hineingesetzt in diese Post-Kriegs-Landschaft. Und auch später immer wieder als Volkes Stimme angespielt, beschimpft, bekniet.

Freitag, 19. Dezember 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Volksbühne Berlin

Den Sand kneten, die Toten meinen

von Anne Peter

Berlin, 17. Juni 2009. Was sind das für Wesen? Vier Frauen, in ausladenden Kleidern, sich bauschende Sinnlichkeitshüllen aus glänzend rauschendem Stoff, den sie wie eine Last hinter sich herziehen, der sie beschwert und am Boden hält, obwohl sie barfuß gehen. Barock-Zitate, Brautkleider von Todesvermählten, die es hinabzieht, hinunterdrückt zur Erde, in den Sand, an den sie sich schmiegen. "O Grab! O Brautbett!" sind die ersten Worte, klar und ganz ohne Schaudern von Anne Ratte-Polle in den vögeldurchzwitscherten Sommerabendhimmel gesprochen. Sie ist Antigone. "Allein! Weh, ganz allein", klagt Dörte Lyssewski und greift in den Sand der Volksbühnen-Agora: "Agamemnon! Wo bist du Vater?" Sie ist Elektra.

Mittwoch, 17. Juni 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Leer kreisendes Denken

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2010 "Der Tod setzt alles in Gang" – mit Jean Baudrillards Stimme vom Band beginnt "Ars Moriendi", das zweistündige Dokumentar-Philosophie-Musik-Theater der freien Basler Gruppe CapriConnection. Ausgehend von der "Funeral Music for Queen Mary" (1693) von Henry Purcell suchten die Regisseurin Anna-Sophie Mahler und ihre Kollegen nach einer zeitgemäßen Kunst des Sterbens. Für ihr Projekt, das seine Deutschlandpremiere jetzt im Berliner HAU 1 erlebte, werteten CapriConnection Baudrillards Der symbolische Tausch und der Tod von 1976 und den Band "Der Tod der Moderne" von 1983 aus. Aus der darin dokumentierten Diskussion deutscher Geistesmenschen mit dem französischen Star-Theoretiker bastelten sie die Textgrundlage für "Ars Moriendi".

Donnerstag, 24. Juni 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/JVA Tegel Berlin

Die Freiheit in der Zwangsgemeinschaft

von Simone Kaempf

Berlin, 16. November 2007. Eine Ziege. Ausgerechnet mit einer Ziege zogen die Theatermacher durch die Gefängnisgänge, um die Insassen für ihr Theaterprojekt zu gewinnen. Es sollte um das Mittelalter gehen – aber wie das Interesse dafür wecken? So kam das Tier für wenige Stunden ins Gefängnis, und wer es dort sah, scheint es nicht vergessen zu haben. An die Ziege erinnert sich auch ein Gefängnismitarbeiter: "Als die kam, dachte ich erst, dass Vollzug und Theater nicht kompatibel sind." Sie waren es doch. Deswegen ist auch er jetzt in den Mehrzwecksaal der JVA Tegel gekommen und hält nach der Premiere der "Atriden" eine der kleinen Reden anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Gefangenentheaterprojekts.

Samstag, 17. November 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Himmelfahrt nach unten

von Simone Kaempf

Berlin, 7. Januar 2009. Das große Pappstück wird ineinander gefaltet, zwei Arbeiter ziehen Schrauben an, und schon wird die Karosserie nach vorne geschoben: mit einem großen Blumenbouquet als Kühlerfigur. "Wagen Nummer eins feiert Hochzeit", moderiert der Fertigungsleiter auf der Hinterbühne des Hebbel am Ufer. Hochzeit heißt hier, dass sich Fahrgestell und Karosse vereinen.

Mittwoch, 07. Januar 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Deutsches Theater Berlin

Experimente in der Ein-Mann-Kiste

von Anne Peter

Berlin, 17. April 2010. "Im Gegensatz zum Ausgewogenheitsprinzip sonstiger Gremien, soll die Entscheidung des Alleinjurors der Autorentheatertage radikal subjektiv und persönlich sein". So formuliert das frisch mit DT-Intendant Ulrich Khuon von Hamburg nach Berlin umgezogene Festival selbstbewusst sein Alleinstellungsmerkmal und versucht schon damit dem Eindruck einer objektiven, per Mehrheitsbeschluss abgesicherten Auswahl vorzubeugen. Ein einzelner Juror entscheidet also darüber, welche vier von diesmal 160 eingesandten Stücken in Werkstattinszenierungen bei der "Langen Nacht der Autoren" präsentiert werden, die die Autorentheatertage traditionell beschließt.

Samstag, 17. April 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Ballhaus Ost Berlin

Pulp Theatre

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. Mai 2010. Lustiger beginnt derzeit wohl kein Theaterabend in Berlin. Es tritt auf der Chor der Blogger: Grausam bebrillte Pappkameraden schwanken herein, wunderlich aus Karton ausgeschnittene und zusammengebastelte Gestalten, die mit ihrem lieblos im Pappgesicht verteilten blauen Paketklebeband irgendwie die Aura zutiefst missgelaunter Nerds verströmen. Was für eine Parade!

Mittwoch, 05. Mai 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Deutsches Theater Berlin

Tanzen bis in den Tod

von Anne Peter

Berlin, 8. April 2009. "Baal frißt! Baal tanzt! Baal verklärt sich!", wollte Brecht sein Debütstück zu Anfang nennen. Dann ließ er den Titel aber doch auf den einen dämonischen Namen zusammenschnurren: Baal. Was völlig ausreicht, sind das Fressen und Tanzen doch in dem dunklen Assoziationspfuhl enthalten, den dieser Name eröffnet. In der Inszenierung von Christoph Mehler in den Kammerspielen des Deutschen Theaters werden die Worte "frißt" und "tanzt" nun wechselweise in Weiß oben an die schwarze Rückwand projiziert. Das ist nicht gerade von Nöten, denn davor, auf einem nackten Rohholz-Podest, einer Bühne auf der Bühne, spielt sich in etwa das ab, was diese Wörter metaphorisch umfassen. Baal frisst, Baal tanzt – Baal ist Leib.

Donnerstag, 09. April 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Wer nicht leidet, bleibt Tourist

von Anne Peter

Berlin, 15. November 2007. Von einem, der auszog, "einen Kriegsschauplatz zu besuchen wie eine Sehenswürdigkeit". Er reist als Kriegsreporter nach Nahost. Nicht das Fürchten lernt er da, sondern die Abstumpfung. Das Immer-Öfter-Wegschauen. Und den Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns.

Donnerstag, 15. November 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Schaubühne Berlin

Die im Saallicht sieht man nicht

von Esther Slevogt

Berlin, 13. Dezember 2009. Das Bild ist stark. Und doch fragt man sich von Anfang an, ob seine Wirkung nicht zu kalkuliert, seine Metaphorik nicht zu simpel ist: der Boden des schwarzen Theatersaals der Berliner Schaubühne ist voller glitzernder Geldmünzen, die beim Darüberlaufen ein ungemütliches Knirschen erzeugen. Eine flächendeckende Geld-Schicht mit Dagobert-Duck-Anmutung – die höchste Lust der berühmten Comicfigur von Carl Barks ist bekanntlich, in seinem Geldspeicher in Goldmünzen zu baden. In Leuchtbuchstaben steht hoch über der Szene das biblische Gebot geschrieben: "Du sollst nicht stehlen." Bald aber tritt der Abend den Versuch des Beweises an, dass man sich leider nicht daran halten kann: denn die berühmten Verhältnisse, die sind nicht so.

Sonntag, 13. Dezember 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Filmrisse einer Stadt

von Elena Philipp

Berlin, 30. April 2009. Ernst-Reuter-Platz, Berlin, in einer lauen Frühlingsnacht auf der Verkehrsinsel. Eine Fünfergruppe feiert das lässige Großstadtleben: Grillen, Planschen, Quatschen, mehrspurig umkreist von Pkws. Gefilmt ist das Ganze in Bildern, die jeder Berliner Bierreklame Ehre machen würden. Ein Idyll, doch für das Produktionskollektiv copy & waste, das im Studio des Gorki-Theaters Jörg Albrechts neues Stück "Berlin Ernstreuterplatz" umsetzt, stellt es die Utopie einer Theatergruppe dar, geeint in post-ideologischer, herrschaftsfreier Schaffens- und Lebensfreude.

Donnerstag, 30. April 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Das Leben, ein Computerspiel

von Elena Philipp

Berlin, 14. Mai 2010. Rimini Protokoll, die Meister des Spin-Off, führen mit ihrer neuen Show in die Welt der Computerspiele. "Best Before", entwickelt in Kanada und nun erstmals in Europa zu sehen, ist ein Multi-Player-Game: Jeder Zuschauer steuert mit einem Gamepad seinen eigenen Avatar. Knapp zweihundert kleine bunte Bälle mit Augen-Nase-Mund hüpfen auf einer Leinwand im Hintergrund der Bühne auf und ab. Mit dem Controller kann man sie in der virtuellen 3D-Box bewegen, die "Bestland" darstellen soll, unser Land der begrenzten spielerischen Möglichkeiten.

Freitag, 14. Mai 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Schaubühne Berlin

Ein Land und sein Lover

von Anne Peter

Berlin, 5. Dezember 2007. Wenn sich das Auge wenigstens ans Bühnenbild hängen könnte, während man wartet. Doch da ist alles mit einem Blick erfasst: ein hellgrün gewandetes Hotelzimmer hinter Plexiglas, ein Bett links, ein Schrank, ein Schreibtisch, ein Fernseher rechts, dazwischen zwei Stühle vor nichts sagendem Vorhangmuster. Keine Pappelbaum’sche Edelglanz-Kühle, sondern austauschbarer Aufenthaltsraum ewigreisender Workaholics, wie er fader nicht sein könnte – womit Magda Willi dem Abend sein treffendes Design verpasst.

Donnerstag, 06. Dezember 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Ein Baum, ein Auto, ein Bang!

von Anne Peter

Berlin, 2. Juli 2010. Während draußen die Hitze wallt, ist drinnen eine kleine Eiszeit ausgebrochen. Der Zuschauerraum des HAU2 ist um diese Zeit der mutmaßlich wohltemperierteste Raum Kreuzbergs. Drei Wände weiß, rechts ein kleiner Eisberg, fahles Neonlicht. Isabelle Angotti steigt durch die linke Eckritze auf die Bühne, wünscht dem Publikum einen guten Abend und fängt seelenruhig an, den Eisberg zu skizzieren. 

Freitag, 02. Juli 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Schattenflug nach Seoul

von Elena Philipp

Berlin, 11. Dezember 2008. Miriam Stein und Park Yung Min stehen auf der Bühne des Berliner HAU 3. Sie sind ein und dieselbe Person: Als Park Yung Min in Korea geboren und wenige Monate nach dem – vermuteten – Geburtsdatum 5.4.1977 ausgesetzt, wird sie mit acht Monaten von einer deutschen Familie in Osnabrück adoptiert und heißt fortan Miriam Dorothee Stein.

Freitag, 12. Dezember 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Berliner Ensemble

Die Diva sägt in der Dusche

von Wolfgang Behrens

Berlin, 16. Mai 2009. In diese Zweisamkeit hat sich die große Leere eingenistet. Sybel und Jack sitzen nebeneinander auf dem Boden und haben sich nichts zu sagen. Sie kennen sich bis zur Ödnis, und sie kennen keine Scham voreinander: die privaten Gesten der Körper – hier ein Kratzen, da ein Sichgehenlassen ("Diese bösen Gesten!", wie Sybel einmal ausruft) – sprechen ein deutliche Sprache. Sätze wie "Gib mir den Schlüssel!" münden in kleine absurde Kämpfe um nichts. Es hat sich ausgeliebt.

Samstag, 16. Mai 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Akademie der Künste Berlin

Magda Medea Ulrike

von Esther Slevogt

Berlin, 3. Mai 2008. Die Idee zumindest ist spektakulär: In der Nacht ihres Selbstmords in Stuttgart-Stammheim erscheint Ulrike Meinhof im Augenblick ihrer tiefsten Verzweiflung – als sie damit hadert, die bourgeoisen Reste in sich selbst nie losgeworden zu sein, also das stalinistische Klassenziel der RAF, das Individuelle ganz der revolutionären Idee unterzuordnen, nicht erreichte – im Moment dieses ebenso religiös geführten wie hasserfüllten Selbstgesprächs in ihrer Zelle erscheint Ulrike Meinhof plötzlich der Geist von Magda Goebbels, einer Fanatikerin aus anderen Zeiten. Aus Zeiten, gegen deren Erbe die Meinhof ihren Kampf einmal begründet hatte.

Mittwoch, 04. Juni 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Tanz die Aufmerksamkeits-Misere!

von Anne Peter

Berlin, 5. Januar 2008. Dieser Theaterabend beginnt genau genommen eine halbe Stunde zu früh. Um halb acht, und damit dreißig Minuten bevor der Gong zur monochrom-blauen Weltkarte ertönt und das Abendritual so vieler Bundesbürger einläutet: Die Tagesschau.

Sonntag, 06. Januar 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Abstieg ins Erklärbare 

von Nikolaus Merck

Berlin, 1. Oktober 2007. Man muss gar nicht an den Film denken. An Lars von Triers Passionsgeschichte, in der Emily Watson als Bess sich aus Liebe für ihren gelähmten Mann prostituiert und umbringen lässt. Daran kein Gedanke. Nein, man muss stattdessen an die Landrätin Pauli denken, die der Ehe eine Haltbarkeitsdauer von höchstens sieben biblischen Jahren einräumen möchte.

Montag, 01. Oktober 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Schaubühne Berlin

Vom Tanz der Paranoia

von Anne Peter

Berlin, 14. Dezember 2007. Purer Zufall, sagt die Schaubühne. Purer Zufall, dass sich sowohl Haus- und Autorregisseur Falk Richter als auch Stamm-Choreographin Constanza Macras dem Phänomen der so genannten Gated Community, der behütet eingepferchten Mittelstands-Wohnsiedlung annehmen. Purer Zufall, das suggeriert natürlich: da ist was dran, an diesem Thema.

Freitag, 14. Dezember 2007 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

An der Endstation Sehnsucht

von Dirk Pilz

Berlin, 21. Dezember 2008. Übrigens basiert das Stück auf einer wahren Geschichte. Aber das spielt keine Rolle. Denn die Story ist nur der äußere Anlass für eine Handlung, die ins Allgemeine, Grundsätzliche strebt.

Sonntag, 21. Dezember 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Deutsches Theater Berlin

Posen der Verzweiflungsgrausamkeit

von Anne Peter

Berlin, 11. September 2008. Sie geht es ziemlich offensiv an. Auch das berüchtigt raue Theaterpflaster der Hauptstadt kann Jette Steckel offenbar nicht schrecken. In der Box des Deutschen Theaters gab die 1982 geborene Regisseurin jetzt mit einer selbstbewussten Inszenierung von Albert Camus' "Caligula" ihr Berlin-Debüt. Das Erfahrungs-Polster, das sie mitbringt, ist enorm: Unter anderem in Hamburg, Köln, Wien und Kassel hat sie schon gearbeitet, wurde in der Theater heute-Umfrage zur Nachwuchskünstlerin des Jahres 2007 gekürt, erhielt in diesem Frühjahr den "Eysoldt-Preis für junge Regisseure" und gastierte beim "Radikal jung"-Festival.

 

Freitag, 12. September 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/HAU Berlin

Koffer, Kohle und die Bundesrepublik

von Rudolf Mast

Berlin, 7. Januar 2010. Fotografie und Film wird bis heute die Fähigkeit zugeschrieben, die äußere Wirklichkeit so exakt aufnehmen zu können, dass sie sich für die Dokumentation eben jener Wirklichkeit nicht nur eignen, sondern darin ihren eigentlichen Daseinszweck finden. Doch schon den Erfindern und ersten Anwendern der noch nicht gar so alten Technik war klar, dass sich bei dem Resultat der Belichtung lichtempfindlichen Materials nicht um die Reproduktion der Wirklichkeit handelt, sondern um eine Konstruktion.

Donnerstag, 07. Januar 2010 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Der Wankelmut am Marterpfahl

von Simone Kaempf

Berlin, 30. November 2008. Das Teuflische an dieser freundschaftlichen Beratung ist vielleicht nur eine Einbildung, aber Carlos spricht vernehmlich mephistophelisch: "Warum sollten unsere Leidenschaften bleiben? Verändert sich nicht alles in der Welt?" Carlos rät seinem Freund Clavigo, mit der Heirat zu warten, bis dieser ein erfolgreicher Künstler und gemachter Mann ist.

Sonntag, 30. November 2008 | Drucken | Report | Weiterlesen
Berlin/Maxim Gorki Theater Berlin

Ökokalypse Now

von Hartmut Krug

Berlin, 6. Juni 2009. Ein Eisblock hängt im grünen Netz über der leeren Spielfläche des Maxim Gorki Studios, und stetig tropft er als wässerige Metapher in eine Plastikwanne. Hinter einer schäbigen Wellblechwand tauchen drei augenblitzende talking heads auf und erzählen uns voll komisch hilfloser Verzweiflung, was wir alle wissen: die Klimakatastrophe ist real und die Erde übervölkert, die Rohstoffe sind nicht unerschöpflich und das Ewige Eis nicht mehr ewig. Was aber tun? Demonstrieren oder sich politisch organisieren, sich aktivistisch radikalisieren oder CO 2-Quoten kaufen, lieb mich oder leck mich sagen?

Samstag, 06. Juni 2009 | Drucken | Report | Weiterlesen


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