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München/Münchner Kammerspiele
Jenseits der Nasenspitze
von Petra Hallmayer
München, 30. November 2008.
Eigentlich ist es ja schön, wenn junge Autoren nicht nur um den
Bauchnabel ihrer Generation kreisen. Der 1981 geborene Dramatiker John
Birke, der mit Party- und Beziehungsdramen wie "Open End" und "pas de
deux" bekannt wurde, wagt sich in seinem neuen Stück, das nun im
Werkraum der Kammerspiele uraufgeführt wurde, an ein riesiges
Themenfeld. Auf einer Spielfläche aus Kleiderspendenballen zeigt sich
gleich zu Beginn eine Frau zu einer radikalen Tat entschlossen: Zur
Verteidigung christlicher Werte will sie sich in einer Moschee in die
Luft sprengen.
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München/Münchner Kammerspiele
Wärme kann der Mensch nicht sehen
von Petra Hallmayer
München, 23. Januar 2009. Es ist klirrend kalt in Bulbus. Die Menschen können einander nicht berühren. Wie in Eisblöcke sind sie in weiß beschlagene Telefonzellen gesperrt, die von Holzscheiten bedeckt sind. Anja Hillings "Bulbus" entführt in ein der Zeit entrücktes Dorf, in dem Badeöfen und Kaffeemühlen darauf warten, repariert zu werden.
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München/Münchner Kammerspiele
Viel flüchtig Gutes
von Willibald Spatz
München, 29. September 2007. Es gibt viel zu viele Theaterstücke. Und es gibt kaum schlechte Theaterstücke, weil in jedem einzelnen ein Mensch mit seinen Gedanken, mit dem, was ihn beschäftigt, steckt. Deshalb ist es schwer für die Theater, den richtig guten halbwegs gerecht zu werden und dem Publikum zu zeigen, was aufregend ist an der aktuellen Dramatik. Die Kammerspiele pflegen zu diesem Zweck das jährliche "Wochenende der jungen Dramatiker", dessen Hauptabend zweigeteilt ist.
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München/Münchner Kammerspiele
Doppelgänger in der Endlosschleife
von Mounia Meiborg
München, 25. September 2008. Die Welt ist eine seltsam schiefe Scheibe, und wer nicht aufpasst,
fällt runter. Schon vom bloßen Anblick der verschiedenen Neigungswinkel
kann einem schwindelig werden. Denn Andreas Kriegenburgs Bühne ist eine
Mischung aus Hamsterrad und Halfpipe. Im Vordergrund liegt eine riesige
Ellipse, die nach unverputztem Beton aussieht und
sich in der Tiefe des Raumes verengt. Der hintere Hohlraum wird von einer Holzscheibe abgeschlossen, die als steile Rampe darin liegt,
nach hinten geklappt wird und sich zugleich dreht. Fast senkrecht klebt
das Mobiliar – ein Schreibtisch, ein Esstisch, Stühle, ein Bett – auf
dem Untergrund. Anders die Menschen auf diesem ungastlichen Eiland: Sie
kraxeln und straucheln, klettern und strampeln.
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München/Münchner Kammerspiele
Drahtzieher, Puppenspieler
von Georg Kasch
München, 8. November 2007. Was für ein Theater! Da inszeniert Prospero einen Sturm, um auf seiner
öden Insel nicht nur Geister, sondern auch Neapolitaner auftreten zu
lassen. Für seinen Diener Ariel erfindet er fantastische
Kostüme, ordnet an, an welchen Handlungsorten die Geretteten ausgesetzt
werden sollen, schreibt den Geistern detailliert ihren Text vor,
arrangiert Zusammenkünfte und Romanzen. Prospero ist Autor, Regisseur
und Akteur wie weiland William Shakespeare. Und wozu das Ganze?
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München/Münchner Kammerspiele
Eine deutsche Frau
von Georg Kasch
München, 6. Juni
2007.
Maria Braun steigt auf. "Eine Reise ins Glück" tönt es aus den Boxen
der Münchner Kammerspiele. Der Schlager beschwört das Wunschkonzert,
das die junge Frau längst selbst in die Hand genommen hat. Als "Mata
Hari des Wirtschaftswunders" versteht sie zwar wenig von Buchhaltung,
aber viel von den Bedürfnissen der deutschen Frau.
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München/Münchner Kammerspiele
Happy End geht nicht
von Georg Kasch
München, 28. April 2007.
Schmal und kindlich stehen Ottokar und Agnes beieinander. Hinter ihnen
hat sich endlich die Wand geteilt und zeigt einen lichten Himmel.
Konfetti fällt. Während sie wechselseitig Verwandte verdächtigen und
sich Vorhaltungen machen, sprechen ihre Hände eine ganz andere Sprache:
Eben noch ineinanderliegend, wandern sie zu des anderen Gesicht,
streicheln es sanft, ertasten, erspüren es. Zwischen diese beiden geht
trotz eines blutigen Familienstreits kein Blatt Papier. Wenn ein Stück
vor der Pause derart ein Happy End beschwört, ist der tragische Ausgang
meist nicht weit.
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München/Münchner Kammerspiele
Sackgasse mit Gestrandeten
von Sabine Leucht
München, 28. März 2009. Es sind die Farben der Trikolore: Blau, Weiß und Rot. Drei Farben, in die Krzysztof Kieslowski zu Beginn der neunziger Jahre drei Filme getaucht hat – oder drei Menschen: Blau für Julie, die als einzige einen Autounfall überlebt, um ohne Mann und Tochter mit der ungewollten Freiheit zu kämpfen. Weiß für den Polen Karol, den seine französische Frau zum Teufel schickt, weil er in Paris tagsüber so viele Köpfe frisieren muss, dass sich nachts nichts mehr bei ihm regt. Und die Farbe Rot umhüllt zuletzt die junge Schweizerin Valentine, die einen alten, am Recht verzweifelten, selbst kriminell gewordenen Richter durch ihr Interesse wieder in einen Menschen verwandelt.
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München/Münchner Kammerspiele
Willkommen in der Tchibo-Welt
von Petra Hallmayer
München, 16. Januar 2010. Die goldenen Tage sind vorüber.
Das Familienvermögen ist futsch und nachdem sie auch noch ihren Job als
Lehrerin verloren hat, sucht Blanche Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die
in New Orleans den polnischen Einwanderer Stanley Kowalski geheiratet hat. Wie
wenig willkommen sie hier ist, wird in den Kammerspielen gleich zu Beginn
überdeutlich. Während Stella (Katja Bürkle) in einem langen Intro mit ihren
Freunden die von kahlen Sperrholzwänden umrahmten Zimmer einrichtet, findet sie
in einer Tüte ein Tüllkleid von Blanche, brüllt "Raus!" und
schleudert es weit von sich.
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München/Münchner Kammerspiele
Bei Patchworks auf dem Sofa
von Petra Hallmayer
München, 25. September 2009. "Aus nächster
Nähe betrachtet", meint Katja, "ist keine Familie normal." Die Familie,
die die Autorin und Regisseurin Lola Arias bei der Uraufführung ihres
jüngsten Stückes im Werkraum der Kammerspiele vorstellt, ist bereits
auf den ersten Blick etwas Besonderes: Nachdem sich die Eltern der
kleinen Lena getrennt hatten, verliebte sich ihre Mutter Katja in
Silja. Weil die beiden sich noch ein Kind wünschten, sprang Lenas Vater
als Samenspender ein, und so schenkte Silja ihr ein Brüderchen namens
Moses.
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