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Die Präsidentinnen – Ernst Stötzner lässt bei Werner Schwab die Regie-Zügel locker

Lass die Drecksau raus!

von Anne Peter

Berlin, 8. Oktober 2008. Die Regine spielt die Mariedl. Und die Mariedl, die macht's bekanntlich "auch ohne". Die Regine hingegen, die macht's mit. Mit Achselhaaren zum Beispiel. Keine echten, aber welche, die echt aussehen. Und so langt Regine Zimmermann denn auch ganz tief ins rote Plastikeimerl hinein, wenn sie vom heldenhaften Griff in den Abort – eben ohne Gummihandschuhe! – erzählt: "wie die starke Mariedl den ganzen Arm hineinsteckt in die Muschel bis zu den Achselhaaren".

Oder die Nina. Die Nina spielt die Grete. Und die Grete tut sich nun einmal ganz furchtbar gern vorstellen, wie der starke Freddy seinen dicken Zeigefinger in ihren Hintern steckt. Ergo wurschtelt sich Nina Hoss umständlich das große Theaterküchenmesser unter den blau gemusterten Kittel und gerät darüber in entzücktes Aufstöhnen.

Drei Damen beim Kaffeeklatsch
Wenn man also bei Ernst Stötzners Inszenierung von Werner Schwabs "Präsidentinnen", die jetzt in der Box des Deutschen Theaters ihre Premiere feierte (es ist Stötzners dritte innerhalb von vier Wochen), von einem Regieansatz sprechen möchte, so könnte man ihn mit gewisser Berechtigung "illustrierend" nennen. Denn der drastischen Deutlichkeit des Schwabischen setzt Stötzner noch einen drauf, indem er das Publikum mit einem entsprechenden, noch deutlicheren und vor allem: vereindeutigenden Bild versorgt.

Es ist dies also kein Abend,der versucht, Schwabs gefeiertem Kunstdialektsprech bei artifiziellen Bühnenvorgängen den Sound abzulauschen. Vielmehr nimmt Stötzner den 90er-Jahre-Shooting-Star Schwab so wörtlich wie möglich und macht mit den Figuren Mariedl, Grete und Erna auf überdreht realistisch. Die drei mehr oder minder gottesfürchtigen Putzfrauen, die beim Kaffeeklatsch ins abgründige Sehnsüchteln geraten, stecken allesamt in Kittelschürzen, hautfarbenen Oma-Strumpfhosen nebst Pantoffeln und um Hässlichkeit wetteifernden Strickjacken. Das Setting ist einer x-beliebigen Wohnsiedlungs-Wirklichkeit abgeschaut: ein teilgefliestes Plattenbau-Unterteil, mit Eingangstür und Großfenster in der verschlierten Putzfassade – bei Kleinstbürgerinnen zuhaus.

Auf überdreht realistisch gemacht
Übers Fenstergitter gelehnt jammern und geifern die Pensionistinnen Erna und Grete mit Übertriebenheitsmienen um die Wette, während Mariedl entrückt in die höheren Fernen lächelt und ab und zu ihre Nächstenliebe-Floskeln dazwischen faselt. In der zweiten Szene,wenn die drei sich mit Uz-Uz-Mucke in Rummelstimmung singen und im Sprechwettstreit das ausartende Volksfest imaginieren, bei dem jede ein ihr gemäßes Schatzerl findet, lassen sie dann vorm Haus so richtig die Drecksau raus.

Eigentlich ist das Ganze ein Saurauslassspiel. Ausgedacht haben sich das die DT-Schauspielerinnen Nina Hoss und Regine Zimmermann. Sie wünschten sich ihren Ensemble-Kollegen Stötzner für die Regie und holten außerdem Michael Goldberg dazu, der mit weißer Pelzhaube den Part von Erna, der Ältesten, übernimmt. Die drei spielen jedenfalls,als könne sie nichts und niemand aufhalten. Der Regisseur scheint vornehmlich dazu da, die Zügel möglichst locker zu lassen.

Ähnlich wie bei seiner "Mirandolina" im DT-Zelt ist ein irgendwie deutungsbemühter Zugriff kaum erkennbar. Stattdessen kann Stötzner anlässlich dieses hochkomisch-bösen Volkstheaterstückes wieder ein Schauspielerfest ausrichten – was streckenweise überaus vergnüglich ist. Bloß dass hier bisweilen allzu ungehemmt die eigene, unbestreitbar vorhandene KomödiantInnen-Virtuosität abgefeiert und eben kein Deutlichkeits-Gag ausgelassen wird. Jede Pointe sitzt und produziert die erwartbaren Lacher.

Gelüstspiel und Exorzismus
Stötzner fokussiert den leicht gekürzten Text aufs Gelüstspiel und macht – dem aktuellen Papst-Stand gemäß – aus dem von Frömmel-Erna begehrten "Wottila Karl" einen "Rattinger Joe". Zur Fest-Phantasie knallen die Körper immer wieder kurz für Rammelposen zusammen. Hoss gibt eine schön schabrackige Grete mit Turmfrisur-Pferdeschwanz und abgewrackten Kayal-Augen, die von Goldbergs prüde bemühter Erna genervt ist und später mit den Hüften stets das besagte Messer schwingt. Zimmermanns Mariedl turnt als groß bebrillte Klo-Entstopfungs-Akrobatin durch den Raum. Am Ende kotzt und würgt sie sich in Exorzismus-Manier die fiesen Prophezeiungen über ihre beiden Unterdrückerinnen aus dem Leibe. Wofür diese ihr dann, auch das bleibt nicht ausgespart, auf der Kehle herumsägen. Viel mit, wenig ohne gemacht.

Die Präsidentinnen
von Werner Schwab
Regie: Ernst Stötzner, Bühne: Petra Korink, Kostüme: Christine Mayer.
Mit: Michael Goldberg, Nina Hoss, Regine Zimmermann.

www.deutschestheater.de

Hier geht's zu Ernst Stötzners Mirandolina, die im September 2008 am DT Berlin Premiere hatte, und hier zu seinem Stuttgarter Hamlet nach Koltès, der ebenfalls diesen September entstand. Nina Hoss war am DT zuletzt in Barbara Freys Groß und Klein zu sehen, Regine Zimmermann in Michael Thalheimers Ratten.

 

Kritikenrundschau

In der Berliner Zeitung (10.10.2008) zeigt Ulrich Seidler volles Verständnis für die Lust der etatmäßigen DT-Tragödinnen Regine Zimmermann und Nina Hoss, "ihr komödiantisches Talent ausleben [zu] wollen". Die "offenbar lustig verbrachte Lebenszeit bei den Proben mit dem Regie führenden Schauspieler Ernst Stötzner" gönnt er allen Beteiligten. Dennoch sei der Abend, der "nur bescheidensten Ansprüchen genügen will und nichts versucht als die Illustration von Hässlichkeit", missraten. Die "zu jung besetzten, aber durchaus virtuosen Komödianten" verpulverten ihre Auftritte "im verzappelten Durcheinander". Es fehle jede "szenische Spannung", jedes "erkennbares Arrangement" und "eine inszenatorische Haltung, die das Stück (…) braucht, damit man ihm mehr abgewinnen kann als amüsierten Ekel".

Andreas Schäfer dagegen hat einen "vergnüglichen Abend" gesehen. Im Berliner Tagesspiegel (10.10.2008) schreibt er, Nina Hoss, Regine Zimmermann und Michael Goldberg spielten "grell geschminkte, hysterisch kreischende Schwab-Zombies", die sich "gegenseitig ihr verpfuschtes Leben an den Kopf werfen". Nina Hoss als "laszive Grete" glotze "mannstoll aus ihren kajalverschmierten Augen" und koste mit "gebleckten Zähnen jede Facette ihrer seelischen Abgewracktheit aus". Michael Goldberg treibe die "Dauerempörung seiner Erna (…) bis in die apodiktisch abgehackte Sprechweise von Nazis hinauf", während Regine Zimmermann in einem "furiosen Schlussmonolog" die "Mordgelüste der abwesenden Kinder" hervorwürge. Regisseur Ernst Stötzner entpuppe sich "immer mehr als pointensicherer Geburtshelfer der inneren Rampensau".

Matthias Heine hat einem Crash-Test zugesehen. In der Tageszeitung Die Welt (10.10.2008) schreibt er: "Die unsinkbaren 'Präsidentinnen' haben den Crashtest unter der Leitung eines Regie-Dilettanten überstanden, der doch bitte bei seinen Schauspielerleisten bleiben soll". Der "tolle Schauspieler" Ernst Stötzner habe als Regisseur "nicht das geringste Gespür für die Musikalität des Stückes, bei dem sich die drei Stimmen umschmeicheln wie Instrumente in einem Terzett". Er lasse "viel zu viel brüllen", und "die Textpartitur" werde "zum bloßen Anlass für eine Reihe von Komödiantennummern". Die seien zwar "manchmal hirnzerreißend komisch", aber darüber verschwände "jede Ahnung, dass dieses Stück mehr ist als eine krachlederne österreichische Bauernkomödie".

 

 




Kommentare (2)

1. Stötzners Präsidentinnen: Verbrechen
herr stötzner sollte (...) die bühne verlassen. nach seinem letzten verbrechen in stuttgart, wo der halbe saal wegen der beschissenen regie die schauspieler auslacht, bekommt er mal wieder eine bühne.

es ist zum kotzen.

HÖREN SIE BITTE AUF UND GENIEßEN SIE IHRE RENTE.
conrad , 09. Oktober 2008 - 06:14 Uhr
2. Die Präsidentinnen am DT: ärgerlich
Ich erlitt das Schicksal, daß die "Hexenjagd" in der Kammer ausfiel und man die "Präsidentinnen" flugs aus der Box in den größeren Saal legte. Mit miserabler Beleuchtung. Und spätestens hier offenbarte sich das Dilemma: Hier läßt sich kein Schauspieler den Text auf der Zunge zergehen, hier wird ausschließlich für die ersten drei Reihen gespielt, hier sind Zäsuren geradezu igittigitt und der Metzger heißt nicht mehr Wottila, sondern Rattinger. Ob Hamlet in der nächsten DT- inszenierung auch Margarethe heißen wird? Ein vertaner, fast ärgerlicher Abend. Mögen die Kollegen solche dinge doch bitte beim Ensemblefest vorführen, aber nicht im Spielplan.
zelluloidparadies , 13. November 2008 - 14:21 Uhr

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