Das Böse im Biedermann
von Eva Maria Klinger
Wien, 14. Juni 2009.
Am Schluss liegen drei Leichen malerisch drapiert auf der vier
Quadratmeter großen, beleuchteten Glasscheibe, von zehn Monitoren
bewacht. Das kantige Gebilde im schwarz getünchten kahlen Bühnenraum
hat viereinhalb Stunden lang als Spiel-, Liege- und Liebesfläche
gedient und trägt nun auch Othello, Desdemona und Emilia. Zwei weitere
hat der Tod im Hintergrund ereilt.
Rund um dieses schwebende Podest hat Peter Sellars ein Kammerspiel inszeniert, in dem Liebe und Hass, Eifersucht und Rache die Tragödie herbeiführen, Rassismus und gesellschaftliche Vorurteile hat er ausgeblendet. Um diese Deutung schlüssig zu halten, hätte er den Text entsprechend bearbeiten müssen, also alles eliminieren, was den schwarzen Feldherrn zum diskriminierten Außenseiter stempelt.
Jago als melancholischer Brüter
Hat er aber nicht. Denn Sellars spielt Shakespeare komplett. Und so spotten Jago und die Militärs ausgiebig über den "alten schwarzen Bock", über Othellos Geilheit und Einfalt.
Philip Seymour Hoffmann, Oscarpreisträger ("Capote") und Mitglied der LAByrinth Theater Company ist Jago, der sonore Spielmacher. Ein untersetzter Mann, der, die Hände in den Hosentaschen, bedächtig die Bühne überquert, ein Biedermann, kein Bösewicht. Nachdenklich, fast melancholisch brütet er seine Pläne aus. Immer wieder bedeckt er die Stirne mit der flachen Hand, so bedächtig geht er vor, als litte er unter dem herbeigeführten Unrecht. Recht cool und gleichförmig walzt der ungekürzte Mammut-Text so dahin – und kommt Hoffmann auch ein paar Mal abhanden.
Ein multikulturelles Ensemble
Perfekt ist die Intrige ausgeheckt. Doch die todsichere Wirkung ist nur glaubhaft, wenn ihr Stachel einen Verunsicherten trifft, einen stigmatisierten schwarzen Außenseiter. Die weiße Frau musste er gegen den Widerstand ihres Vaters erringen, Zweifel an der Haltbarkeit des Glücks hegt er fortan. Da genügt dann ein unbewiesener Verdacht, ein verlorenes Taschentuch in der Hand eines anderen als Tatbestand der Untreue.
Peter Sellars arbeitet wie immer mit einem multikulturellen Ensemble, in dem Klassen- und Rassen-Unterschiede aufgehoben sind. Der verdächtigte Nebenbuhler Cassio (Le Roy McClain) ist somit kein weißer Konkurrent, sondern dunkelhäutig, weit mehr "Mohr" als der Puertoricaner John Ortiz als Othello. Ohne dieses zusätzliche "Schwarz-Weiß"-Motiv kommt Othellos plötzlich aufflammende Eifersucht höchst unbegründet. Ist doch die Desdemona der Jessica Chastain eine zärtlich liebende, selbstbewusste junge Frau, die ihren Mann Othello bewusst gewählt hat. Eine Frau des 21. Jahrhunderts, wie vom Regisseur intendiert. Die großen Emotionen toben schließlich in allen Jahrhunderten.
Jubelnder Applaus
Die Schauspieler bewegen sich lässig in Probenkleidung oder Uniform, Desdemona trägt ein schlichtes Kleid, Unterwäsche und zuletzt das weiße Nachthemd. Es wird viel telefoniert, in Standmikrophone gesprochen, manche Dialoge tönen über Lautsprecher aus dem Off. Sinn macht diese Technik besonders am Schluss, wenn Othello die irreparable Irreführung durchschaut und die Sätze wild durcheinander aus den Boxen schwirren.
Das Publikum hielt mehrheitlich durch und spendete jubelnd Applaus. Peter Sellars, der sympathische Gnom mit Haargebirge, hat in Wien seit vielen Jahren eine Fangemeinde.
Othello
von William Shakespeare
Regie: Peter Sellars, Bühne: Gregor Holzinger, Kostüme: Mimi O'Donnell.
Mit: Julian Acosta, Gaius Charles, Jessica Chastain, Liza Colon-Zayas, Saidah Arrika Ekulona, Philip Seymour Hoffman, LeRoy McClain, John Ortiz.
Produktion der Wiener Festwochen, Koproduktion mit Schauspielhaus Bochum in Zusammenarbeit mit The Public Theater New York und LAByrinth Theater Company New York.
www.festwochen.at
Von den Wiener Festwochen besprachen wir u.a.: Marthalers Riesenbutzbach, Alvis Hermanis' Schuschkins Erzählungen, Krzysztof Warlikowskis (A)pollonia und Johan Simons' Instinct.
Kritikenrundschau
"Shakespeares Obama" titelt die Rezension von Peter Kümmel in der Zeit
(18.6.). "Obama ist in Sellars" Inszenierung immer da, als der große
Mitgemeinte, der Schattenbruder Othellos". "Der Raum ist schwarz, die
Monitore glühen", als würde man schweben, nachts in einem
Awacs-Aufklärungsflugzeug. "Alle belauern und belauschen einander. Auch
hier ist Obama mitgemeint, der Mann, bei dem die ganze Welt darauf
wartet, dass er den ersten Fehler macht." Philip Seymour Hoffman spielt
den "Weißen, der den Schwarzenin den Untergang treibt". Er spiele ihn
so, dass man tatsächlich Angst um den Präsidenten Obama bekommt, "aus
dem Herzen des weißen Amerika heraus, warmherzig, liebenswert, jovial.
Dieser Jago ist getrieben vom Klassenhass, Rassenhass, Frauenhass,
Sexualneid." Und der Othello, den John Ortiz gibt, "ist nicht der
fremde animalische Wilde, wie ihn in berühmten Inszenierungen etwa
Ulrich Wildgruber oder jüngst Thomas Thieme gespielt hatten", sondern
"ist ein gemessener, gefasster Mann,und sein einziger Fehler besteht
darin, dass er sichJago als Berater hält." Die Inszenierung aber lebe
von Philip Seymour Hoffman. "Er ist die Maschine, die alles zieht." Für
Capote habe Hofman den Oscar bekommen. "Für Jago hätte er einen
verdient."
Sven Ricklefs spricht auf Deutschlandradio in der Sendung Fazit (14.6.) über "Othello" bei den Wiener Festwochen: Dass er der
ethnozentritischen Sicht auf "Othello" eine Ende machen will, daraus mache Peter
Sellars keinen Hehl, er inszeniere das Stück mit einem multi-ethnischen
Ensemble. Die "Schwarz-Weiß-Malerei" sei "ohnehin nicht mehr up to date", seit "sich die Welt an die Hautfarbe ihrer
neuen Heilsfigur Barack Obama" gewöhnt habe. "Zeitgenossenschaft" behaupte
Sellar vor allem über die "Ästhetik der Bühne". Auf dem aus Monitoren
bestehenden Ehebett spiele sich das eigentliche Liebesdrama ab und auf seinen
Monitoren werde das Drama "durch eine Art Bildersound" kommentiert. Auch um das
Liebesdrama wieder zu betonen, habe der Regisseur den Fokus von der Hautfarbe
weggelenkt. Der als "politisch korrekt" bekannte Regisseur bilde
Rassenkonflikte in der US-Armee ab oder lasse durch "Rollenverschmelzungen"
auch weibliche Militärangehörige auftreten. Problematisch sei aber, dass
ständig weiter von Othello dem Mohren gesprochen werde, als sei er letztlich
doch der einzig Aussätzige. So bliebe Zeitgenossenschaft letztendlich doch nur
Behauptung und man bekomme über weite Strecken eben doch nur die "allseits
bekannte Geschichte serviert". Weil Philip Seymour Hoffmann seinen Jago nicht
als das Böse schlechthin spiele, sondern als "Verletzten und verzweifelt
Eifersüchtigen" zeige, werde man ihn wohl in "anrührender Erinnerung behalten".
Was Shakespeare nur andeute, daran lasse Sellars keinen Zweifel, Jago wurde von
seiner Frau mit Othello betrogen. Für Hoffmann lohne es sich diesen langen
Abend anzuschauen.
Im Wesentlichen, schreibt Margarete
Affenzeller in Der Standard (16.6.) habe die "deutungslose,
angloamerikanisch geprägte Klassikpflege" gelähmt. Bei Sellars helfe Othellos "eigene
Multikulti-Existenz", das "imperiale Gedankengut, sprich: die Eroberung Zyperns",
zu rechtfertigen. Die "Rassendiskriminierung" sei "scheinbar überwunden". Die
Mehrheit der Akteure "ist schwarz. Othello selbst: "ein Latino". Sie alle aber
blieben bei Peter Sellars bloß "wohltemperierte Diener eines mit jeder Silbe
vergötterten" ungestrichenen Textes. Zum Glück tanze Philip Seymour Hofmann als
Jago aus der Reihe. In seinem Körper hause "die allergrößte Unruhe", er verdecke
eine "Wunde, die tiefer gehen muss als die vermutete Untreue der Gattin oder
der Karriereknick, der ihm von Othello zufügt wurde". Dieser "Teufel erträgt
die Liebe der anderen nicht, weil er sie selbst nicht erfährt". Sellars lasse "die
grobe Diskrepanz, die der Originaltext zur Szenerie" aufweise, einfach im Raum
stehen. Die "den ‚Mohren’ verunglimpfenden Schimpfwörter fallen in einer von
mehrheitlich Schwarzen bevölkerten Bühne kommentarlos zu Boden. Das irritiert
immerhin."
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.6.) schreibt Gerhard
Stadelmaier: Othello wirke wie der "wuschelig-sympathische
Streberabsolvent einer amerikanischen Navy-Eliten-Schmiede", Desdemona wie eine
"etwas anämische Edelorchideen-Erscheinung, frisch importiert aus einem
britischen Oberschichten-Internat (Teetassen-Seelchen mit abgespreiztem kleinen
Finger)". Weil ihr Bett aus Monitoren besteht, "könnte man denken" sie schliefen
"hier sozusagen auf den zersplitterten Bildern einer ganzen Welt". Ein Gedanke,
den man auch "fallen lassen könne", denn das eigentliche Zentrum der Aufführung
sei Jago. Philip Seymour Hoffman spiele ihn als einen "hoch erregten, vor dem
Schmerz, den Sünden, der Unzulänglichkeit der Welt stets in Tränen
ausbrechenden Pantoffelerlöser." "Unendlich gütig und unendlich melancholisch"
gebe er den "Narren in Christo". Jago sei "durch und durch der gute Amerikaner:
puritanisch bis in die Knochen, aber mit brennender Sorge für die Sünder". Und
Sellars kritisiere ihn nicht, lasse sich von "Hoffmans Fanatismus regelrecht
mitreißen". Das sei ein theologisch logischer Ansatz: "Nicht der Beichtvater
sündigt, der Beichtiger bekennt Sünden." Nur sei Shakespeares Tragödie "kein
Beichtstuhl". Wenn schon, müsste diesem Ansatz, schreibt Stadelmaier, "radikal
und energisch nachgesetzt werden". Doch Sellars und Hoffman verließen "schnell
Mut und Phantasie". Dann stimme gar nichts mehr. Zum Ende hin erledigten die "kreuzbraven
Holperschauspieler aus New York erledigen" den Plot "final frontal" zum
Publikum: "voller rhetorischer Gläubigkeit".
In der Frankfurter
Rundschau (16.6.) schreibt Stephan
Hilpold: Bei
Sellars stelle sich die "Frage nach der Hautfarbe" gar nicht.
Die Welt in Venedig und Zypern des 17. Jahrhunderts sei "multikulturell
-
genauso wie heute". Sellars konzentriere sich ganz
auf den "um kein Komma gekürzten und dementsprechend viereinhalb
Stunden langen
elisabethanischen Text." Wie der "plumpe Koloss des Philip Seymour
Hoffman"als
Jago seine Intrige zusammensetze, sei "interessant anzuschauen". Wie
ein "untersetzter
Truckerfahrer aus dem Mittleren Westen, der irgendwann erfährt, dass
sich seine
Ehefrau während seiner Touren anderweitig vergnügt, brummt er den Zorn
in sich
hinein". Gegenüber dem "athletischen Othello des John Ortiz" sei er
"treuer
Diener und väterlicher Beistand". Im deutschsprachigen Raum gebe es
"von Ulrich
Wildgruber bis Thomas Thieme eine ungeschriebene Aufführungstradition,
dass
Typen wie Philip Seymour Hoffman den Othello" spielten. In Wien sei
es genau umgekehrt. "Die Zuschreibungen, mit denen Shakespeare hantiert
(der
Schwarze als Tier) funktionieren nicht." Dabei interessiere sich Peter
Sellars gar nicht für aufklärerischen Impetus. "Er beschwört die Macht
der Liebe mit beinahe romantischem
Eifer." Das müsse man "einfach glauben". Sellars bringe das
"technokratische
Umfeld" und die "vormodernen Gewalten, die im Stück am Werk sind",
unter "einen
Hut". Das drohe die Inszenierung "zu sprengen", gleichzeitig spreche es
für "seinen
unbedingten Glauben an diesen großen Text der Weltliteratur". Eine
moderne
Geschichte entstehe so aber nicht.
In der Neuen Zürcher
Zeitung (16.6.) schreibt Barbara
Villiger Heilig: In Sellars’ Inszenierung bestimme "Prüderie" die
Oberfläche des militärischen Lebens. "Darunter brodeln die Triebe." Philip
Seymour Hoffman sei eine "schauspielerische Sensation". Er wirke wie ein "blossgelegtes
organisches Weichteil. Ein offenes Hirn, das alles lenkt." "Hart und weich,
hell und dunkel – minimalistische, aber klare Gegensätze zeichneten die
Inszenierung." Der Krieg breche in den Seelen aus. "Sein Motor" sei
Jago, doch Jago nutze "nur", was er vorfindet. Schwach die "Abwehrkräfte"
seiner Umgebung; "sie sichern keinen Frieden". Das sei es, was Sellars aufdecke
in einer Inszenierung. Die Schauspieler, allesamt Amerikaner, brächten im "vor
sich hindämmernden Dasein des Söldneralltags" die "ausgepowerte, jeden
Triumphalismus ausschliessende Befindlichkeit ihrer Nation" auf die Bühne, "unspektakulär,
jämmerlich". Das "Ideal von Reinheit", die Liebe zwischen Desdemona und
Othello, umgebe Sellars mit dem "Schmutz des realen Lebens". Jede scheint es
mit jedem "getrieben zu haben", was Jagos "sexuelle Frustration zu einer
hamletischen Misogynie" steigere. Hoffman "in
souverän federnder Erregung" zeige einen Jago, der sich Othello empathisch anschmiege: "der grösste Feind als bester Freund".
Hoffman erkläre nicht Jagos "Wesen". Er erzähle die "Geschichte eines
Verderbten", der "seine Ohnmacht outsourct, bis er die eigene Eifersucht
betrachten kann in Othellos Zerstörung". Eine "psychologische Studie von politischer
Wucht, denkwürdig und meisterhaft."
In der Wiener Zeitung Die Presse (16.6.) schreibt Norbert Mayer:
Die Aufführung langweile. So harmlos monoton könne Shakespeare sein, "wenn
Hollywood-Stars schlampig arbeiten". Der kühle "Technikchic" der Bühne von
Gregor Holzinger sei nur "ein kaum funktionelles Beiwerk" einer "ermüdend
monotonen Aufführung mit wenigen Einfällen". Die Aufführung kränkele an
mangelnder Fokussierung. Obwohl simultan gespielt werde, entstehe "leider keine
Spannung", was auch mit der "phasenweise schwachen Leistung Hoffmans" zusammenhänge.
Seine Darstellung des Jago wirke "uninspiriert". Hoffmans Ausdrucksmittel
beschränkten sich auf "drei Varianten": Er nuschele den Text vor sich hin, "als
ob er erst im Begriffe sei, ihn zu begreifen". Oder er bekomme eine "zornige
Wallung, die jede Beziehungskomödie in Hollywood schmücken würde". Oder er vergesse
ein paar Zeilen und lasse sich von einer Souffleuse "laut einsagen". "Präziser,
subtiler" spiele Chastain als desdemona; sicherer sei auch Ortiz als Othello. Er
verleihe der durch "kleine zeitgenössische Einsprengsel ergänzten"
elisabethanischen Sprache Glanz. Ihm gelinge auch der Übergang vom
leichtgläubigen Helden zum "alles glaubenden Manipulierten". Das "kitschige Ende"
bringe dann auch noch "unfreiwillige Komik" beim allgemeinen Untergang.
In der Berliner Zeitung Die
Welt (16.6.) schreibt Ulrich
Weinzierl: Mit einer für New York "durchaus repräsentativen Darstellermischung" werde der "Othello"-Tradition
"absichtsvoll die Geschäftsgrundlage entzogen: Die Rassenfrage scheint aus der
Welt geschafft" und so gebe es auch keinen Außenseiter mehr. Nachteil dieser Lesart: "Das
Motiv des Außenseiters ist wesentlich für die dramatische, die psychologische
Spannung des Stücks." Regisseur Sellars nehme hingegen Shakespeare und insbesondere
Jago "beim Wort". Er zeigt Jago als "ehrenwerten, zutiefst ambivalenten Mann". Insofern leiste
der "nicht allzeit textsichere" Philip Seymour Hofmann "Vorzügliches": Sein
Jago sei weder "teuflisch noch aalglatt", sondern ein "bärbeißiger Kumpel, ein
kluger Ratgeber, fast schon Therapeut". Dass Desdemona "einst mit Cassio ein
Verhältnis hatte, und Othello eines mit Emilia, wie Sellars suggeriert", wirke
nicht "sonderlich störend", es zeigte die "Verworrenheit des
militärisch-erotischen Beziehungsgeflechts". Weitgehend funktioniere "der
Transport des Renaissance-Stoffs in die Gegenwart" ziemlich "tadellos", obwohl
Shakespeares "hinreißendes Idiom präzise und mit großem Respekt gesprochen"
werde, die Originalverse auch in ihrer "manchmal obszönen Metapherngewalt" ungestört
erklingen und "frei ausschwingen dürften". Allerdings schwinde die "Kraft der
Aufführung in den Schlussakten" beträchtlich, Othellos Außer-Sich-Geraten
erschöpfe sich im Konventionellen. Und der "finale, geschmäcklerisch
arrangierte Leichenhaufen" grenze ans Kitschige.
In der Süddeutschen
Zeitung (16.6) schwärmt Christopher Schmidt von einer "bahnbrechende Lesart"
des "Othello". Die Eifersucht ziehe sich durch sämtliche Figuren hindurch, "das
Soziogramm dieser Gemeinschaft besteht aus lauter Beziehungsdreiecken, und
jeder steht im Schnittpunkt zweier Unmöglichkeiten - was Sellars"
Inszenierung faszinierend vielschichtig zeigt." Mit größter Differenziertheit
stelle Sellars die "Frage nach der Bedeutung der Hautfarbe im Stück". Denn die "Besetzung
mit afroamerikanischen, puertoricanischen - und Desdemona und Jago als einzigen
weißen – Schauspielern" spiegele die "ethnischen Konflikte in den heutigen USA".
Sellars mache deutlich, "dass der Rassismus meist unausgesprochen bleibe, aber
das "subkutane Kapillarnetz" bilde, durch das "Zwietracht, Verdacht und
Missgunst zirkulieren - jenes paranoide Bedrohungsgefühl, das die Folie dieser,
mit Anspielungen auf die amerikanische Politik gespickten Inszenierung" sei. Die
Inszenierung bewege sich in einem "Zwischenstadium, der Halbdistanz einer mal
epischen, mal illusionistischen Spielweise". Die Schauspieler - und das sei "für
uns das Ungewohnte - scheuten nicht "das Pathos, und sie weichen dem Text nie
aus". Alle seien exorbitant in "Sprachbehandlung
und Charakterzeichnung". Das heimliche "Kraftzentrum des Abends" aber sei die Emilia
der Liza Colãn-Zayas. Emilia spreche "stellvertretend für ihr Geschlecht, wenn sie
die Männer anklagt" und Sellars habe diese Figur "in ihre Rechte eingesetzt". Am
Schluss höre man "wie im Traum" die Stimmen aus dem Off, während die
Schauspieler schweigend auf der Bühne stünden. Das sei das "furiose Finale
dieser bahnbrechenden Inszenierung, die sich die Zeit nimmt, den Figuren ihre
Fallhöhe zuzumessen". Sellars erzähle von einem "gespaltenen Amerika, einem
Land, das sich nach Heilung sehnt, vielleicht durch einen schwarzen Mann". Das
größte Wunder dieser Inszenierung allerdings sei, dass sie die "Theaterkulturen"
miteinander "versöhne", die angelsächsische Kunst der Figurenbeglaubigung mit
einer entschiedenen Regie-Handschrift. Wer hoffte, "dass Relevanz nicht gegen
den Text, sondern in ihm gefunden" würde, "sieht diesen Traum in Wien
verwirklicht".
4 Kommentare. 1. Sellars Othello: Was für ein Wort?! Roy Kift, Nicht registriert "wie vom Regisseur intendiert!!!!" Als engländer kann ich nur mit dem Kopf schütteln wenn ich sowas lese. Mein Gott, was ist das für ein deutsch?. Meinst du vielleicht beabsichtigt? Es ist weder chic, noch up-to-date (wie es so schön auf deutsch heißt) sonder schlichtweg ignorant und barbarisch, so was zu schreiben. 2. Sellars Othello: Take it easy, Roy screwdriver, Nicht registriert als deutscher darf ich den engländer beruhigen, "intendiert" ist völlig in ordnung, sagt praktisch jeder, der sich mit kunst beschäftigt. man dankt's ja auch eher dem lateinischen, diesseits wie jenseits des ärmelkanals. "up-to-date" sagt dagegen niemand unter 55. aber "babarisch"??? - mein gott roy, take it easy! 3. Sellars Othello: ein Hörspiel, langweilig Sellars Othello: dröge, Nicht registriert Mich wundert, dass keiner der Kritiker ein Poblem mit der Langeweile dieser Inszenierung hatte. Die Schauspieler stehen meistens rum, sehen sich unnatürlich lange in die Augen und rollen schwerfällig Textkolonnen hin und her. Eher ein Hörspiel, jedenfalls tut sich auf der Bühne nicht viel. 4. Sellars Othello: es tut sich viel @Kommentar3, Nicht registriert Ich will die Inszenierung ja gar nicht zu sehr verteidigen, aber da tut sich schon sehr viel zwischen den Figuren. Das gelingt nicht immer, aber zu sehen gab es da schon viel. Nur eben nicht im Sinne von "Action" ... aber das war durchaus mal fordernd und intensiv. |