die nachtkritik
Beamtinnen im Stempelzimmer – Maik Priebe zeigt Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer" in Weimar. © Maik Schuck.
Weimar, 6. September 2010
Retter ohne Rettungsanker
Aus Splittern von Sozialelend und Bürokratenjargon hat Felicia Zeller 2008 das Sprachkunstwerk Kaspar Häuser Meer gebastelt. Es wurde einer der Nachspielerfolge der neueren Gegenwartsdramatik. Am Weimarer Nationaltheater zeigt nun der Regisseur Maik Priebe das Jugendamt-Trio auf einem riesigen Stempelkissen. Wie druckvoll fiel die Unternehmung aus? Ute Grundmann weiß es.
Eine Art gehobene "Sex and the City"-Variation hat
Oliver Bukowski mit seinem neuen Stück
Friday Night entworfen. Vier Frauen und ein männliches Opfer – kann das gut gehen?
Andreas Schnell hat
Jens Poths Uraufführung in Osnabrück gesehen.
Gern wollte
Peter Hacks die Arbeiterklasse aus dem Kohlenstaube auf den Sockel der Klassik hieven.
Tom Kühnel und
Jürgen Kuttner lassen sie am Deutschen Theater nun tatsächlich den Blaumann gegen Weimar-Schick tauschen. Und treiben auch sonst allerlei Anspielreiches um Hacks Solidaritäts-Utopie
Die Sorgen und die Macht, die einst einen der größten Theaterskandale der DDR entfachte.
Esther Slevogt gibt Auskunft.
"Ich muss dringend nach Neapel", sang
Schorsch Kamerun bereits als Frontmann der "Goldenen Zitronen". In seinem neuen Stück
Vor uns die Sintflut zur Saisoneröffnung des Hamburger
Thalia Theaters kommen die Boat-People aus Paris und teilen alle dieselben Zigeunergene. Was Kamerun neben Sarkozy und Sarrazin sonst noch in sein pädagogisch wertvolles Seemannsgarn einflicht, erzählt
André Mumot.
In dieser Spielzeit ist das Schauspielhaus von Kleist beseelt. Zu Beginn schickt
Oliver Bukowski in
Wenn Ihr Euch totschlagt, ist es ein Versehen einen ganz heutigen Heinrich ins Rennen. Bernd heißt er in
Markus Heinzelmanns Inszenierung, die im Mai bei den Ruhrfestspielen herausgekam. Seit gestern verzweifelt Bernd nun auch in der Kirchenallee.
Daniela Barth ist beeindruckt.
Einem Schüler fällt eine Pistole aus der Tasche und die Lehrerin greift zu. Am Ende aber outet sich die Lehrerin als Türkin, alle gehen Döner essen, nur einer will noch Franz Moor spielen. Für
Verrücktes Blut hat
Nurkan Erpulat bei der Ruhrtriennale den Banlieue-Film "La Journée de la Jupe" mit Schillers "Räubern" und "Kabale und Liebe" gekreuzt. Ob's passt, weiß
Sarah Heppekausen.
In Abidjan haben
Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen im April 2010 deutsche und ivorische Künstler zusammengebracht. Jetzt findet das gleichnamige deutsch-ivorische Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt, wo das Soundsystem im Keller wummert und etwa Hauke Heumann, Jacques Palminger, Shaggy Sharoof, SKelly, Franck Edmond Yao ihren Differenzabgleich betreiben. Mehr von
Dirk Pilz.
Nach dem Beinahe-Crash mit dem Hasardeur Hans-Joachim Frey als Intendanten versucht sich das
Theater Bremen jetzt zu berappeln. Der rot-grüne Senat hat Unterstützung zugesagt, jetzt muss sich die Kunst beweisen: Die erste Post-Frey-Saison beginnt. Mit Shakespeares
Was ihr wollt, von
Robert Schuster inszeniert.
Andreas Schnell hat zugesehen.
Auch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg geht es los, die nächsten drei Premieren sind Kooperationen mit den Ruhrfestpielen vom Mai 2010. Den Auftakt macht in scheckheft-gepflegter Besetzung
Robert Guiskard unter
Frank Hoffmanns Regie. Sarah Heppekausen
berichtete bereits anlässlich der Premiere bei den Ruhrfestspielen.
Die freien Berner Theater-Entrepreneurs
400asa stellen den dritten Teil ihres Austauschprojektes mit dem
Peng Hao Theater aus Peking vor:
La cérémonie nach einem Film von Claude Chabrol.
Kaa Linder setzte sich den Walk-Man auf und ließ sich von ihrem kleinen Mann im Ohr leiten.
Sie formieren sich wieder, die Chormassen des
Ulrich Rasche. Bei der Frankfurter Spielzeiteröffnung mit Goethes
Wilhelm Meister ließ er sie singend den Kaufmannsstand preisen oder für freie Gedanken skandieren.
Esther Boldt schwankte bei flirrendem Licht zwischen elektrisierender Hypnose und Einschläferung.
Der neuseeländisch-samoanische Regisseur
Lemi Ponifasio und seine
MAU Company verdichten in ihren Abenden politisches Theater und suggestive Bilder und Klänge zu schockhaften wie sinnlichen szenischen Narrationen. Beim Internationalen Tanzfestival
Tanz im August war als deutsche Erstaufführung in Berlin nun das international gefeierte Stück über die Unterdrückung Samoas
Tempest: Without A Body zu Gast.
Mounia Meiborg hat es gesehen.
Ein Warteraum aus Sperrholz, kein gemütliches Puppenheim ist die Szenerie von
Henrik Ibsens berühmtem Emanzipationsdrama
Nora oder Ein Puppenheim, das
Laurent Chétouane beim Internationalen Ibsenfestival im norwegischen Original
Et Dukkehjem minimalistisch in Szene setzte.
Hartmut Krug sah einen Ibsen wie von Jon Fosse.
Henrik Ibsen ist in Norwegen ein Nationalheiligtum. Was braucht so ein Mann auf dem Sockel also dringender als einen Bilderstürmer, scheint man sich beim Internationalen Ibsen-Festival gedacht zu haben. Und lud einmal mehr den Leipziger Intendanten
Sebastian Hartmann ein, der seine
Ibsenmaschine vorstellte – auf Norwegisch. Ob eine Revolution statt fand, weiß
Hartmut Krug.
"Es blitzt und donnert, aber es schlägt nichts ein", lautet das erste Kommentatoren-Fazit aus der Hauptstadt, wo das Berliner Ensemble die Stadttheatersaison gestern mit einem Donner eröffnete:
Peter Steins Inszenierung von
Ödipus auf Kolonos mit
Klaus Maria Brandauer und natürlich in eigener Übersetzung.
Reinhard Kriechbaum hat das Bühnengewitter bereits vor einem Monat bei den Salzburger Festspielen überstanden.
Caledonia ist eine Satire. Sie handelt von Schottland. Von der Gründung Schottlands, von Versprechen und Hoffnungen. Dank Uraufführungsregisseur
Anthony Neilson handelt sie aber auch von der Gegenwart, und zwar nicht nur der schottischen. Sehr zum Vergnügen der Premierenbesucher, auch von
Ulrich Fischer.
Leila und Madschnun ist die orientalische Version von Romeo und Julia.
Albert Ostermaier hat das berühmte aus dem 12. Jahrhundert nachgedichtet und Festival-Intendant
Willy Decker die Uraufführung auf eine riesige Sandfläche gesetzt.
Regine Müller weiß, wie sie in der Bochumer Jahrhunderthalle angekommen ist.
Das um den Regisseur Niklaus Helbling und den Musiker Martin Gantenbein gruppierte Kollektiv
Mass & Fieber hat schon Kolonialismus, Krieg, Bürgerkrieg und Terrorismus thematisiert, und es ist nur folgerichtig, dass es nun um die Finanzkrise geht. Ihr
Geld und Gott eröffnete gestern das Zürcher Theater Spektakel, und zwar ziemlich gelungen, so
Charles Linsmayer, der sich zwischen Dante und Comedia dell'Arte wiederfand.
Mary Mother of Frankenstein heißt die vierte Produktion im Rahmen des Young Directors Project, die sowohl auf dem Roman als auch auf der Biographie von Marie Shelley beruht. Der schlechte Grusel, den die belgischen Theatermacher
Claude Schmitz und Marie-France Collard daraus produzieren, gibt allerdings Rätsel auf. Mehr von
Reinhard Kriechbaum.
Der Festivalreisebetrieb läuft weiter: Beim Festival Tanz im August in Berlin hatte gestern Alain Platels sehr besonderer Abend
Gardenia Premiere, über den
Ulrich Fischer für uns aus Avignon berichtete. Beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg gastiert
Big Bang, Philipp Quesnes skurriler Schöpfungs- und Kunstschöpfungskommentar, den
Anne Peter bei der Premiere im Juli im Berliner HAU sah.
Eine riesige Drehwand, auf einer Seite schwarz, auf der anderen weiß - das ist in Salzburg das karge Bühnenbild für Regisseur
Matthias Hartmann und seine
Phädra mit Sunnyi Melles in der Hauptrolle. Ist das vielleicht doch noch ein Schauspiel-Höhepunkt bei den Salzburger Festspielen? Entschlackt und aufgeladen zugleich ist dieser Abend, also mehr als nur gut verpackt.
Reinhard Kriechbaum berichtet.
Die Geschichte der schwedischen Grafentochter Julie, die sich wegen ihrer Affäre mit dem väterlichen Kammerdiener entleibt, hat es schwer in Zeiten, da selbst schwedische Kronprinzessinnen ihre Fitnesstrainer ehelichen dürfen. Speziell dann, wenn die jugendlichen Rollen von reiferen Mimen verkörpert werden, wie im
Schloss Neuhardenberg, wo
Armin Holz nun
Fräulein Julie von
August Strindberg im Park in Szene setze.
Georg Kasch hat sich auf Landpartie begeben.
Das
International Festival macht Edinburgh allsommerlich zur Hauptstadt des englischsprachigen Theaters. Eröffnet wurde es gestern von der Bühnenfassung des Romans
The Sun Also Rises, der einst
Ernest Hemingway als Chronisten der Lost Generation berühmt machte – uraufgeführt von
John Collins und dem New Yorker
Elevator Repair Service. Mehr von
Ulrich Fischer.
Die Stadtraumerkundungen sind ein Theaterformat, das immer populärer wird. Zu ihren poetischsten Machern gehört die Hamburger Formation
LIGNA, die im Rahmen des Sommerfestivals auf
Kampnagel nun
Eiland, eine Untersuchung zum Wasser präsentierten. Mit von der Partie war
Katrin Ullmann.
Da hat man nun schon so einen knackigen Helden, da wäre es doch gelacht, wenn Martin Luther sich nicht auch fürs Sommertheater verwenden ließe. Oberammergau hat's schließlich vorgemacht, was für theatralische Funken religiöse Inbrunst schlagen kann. Also begab sich die Bühne Wittenberg auf
Jagd auf Junker Jörg, auch
Georg Kasch.
Die Mütter haben am Grab der gefallen Söhne einen starken Auftritt in
Einar Schleefs gleichnamigen Stück, das es seit 1986 zu keiner nennenswerten Nachspielung gebracht hat. Das Theaterlabor Bremen hat sich nun Schleefs
Mütter angenommen, samt großem Frauenchor, und was Regisseur
Patrick Schimanski sonst noch daraus macht, weiß
Andreas Schnell.
Ein Leben, erzählt in 16 Stunden Telefongespräch. Ein Teil davon ganz der Kindheit gewidmet, und mit kindlicher Emphatie haben
Pavol Liska und
Kelly Copper ihr
Life and Times - Episode 1 inszeniert, das seit gestern beim
Kampnagel-Sommerfestival in Hamburg gastiert.
Stefan Bläske berichtete über die Premiere vergangenen September im Wiener Burgtheater.
Es ist eine alte Geschichte, doch klingt sie bei
Jon Fosse wieder neu: Der norwegische Dramatiker hat das Schicksal von Ödipus und den Seinen in seiner
Sophokles-Adaption
Tod in Theben verjüngt. Dem Live-Hörspiel jedoch, das
Angela Richter nun beim Young Director's Project der Salzburger Festspiele im Bühnenbild von
Katrin Brack präsentiert, hätten ein paar weniger Leuchten und ein paar Glanzlichter mehr gut getan, findet
Joachim Lange.
Brackiges Wasser grundiert die Szenerie von Jan Pappelbaum, der mit kühlem Modernismus der archaischen Aura des enormen antiken Freilichttheaters von Epidauros zu begegnen sucht.
Thomas Ostermeier brachte hier
Shakespeares Othello heraus, als Mordgeschichte unter seelenlosen Karrieristen mit Sebastian Nakajew in der Titelrolle. Ein Crescendo der Selbstzerstörung, das
Regine Müller beobachtet hat.
Der griechische Regisseur
Theodoros Terzopoulos sieht sich in der Tradition von Heiner Müller und Einar Schleef. Leichte Kost stand also nicht zu erwarten, wenn er sich nun für die Promethiade von Ruhr.2010 des
Gefesselten Prometheus des Aischylos annahm. Ob's laut, lang und schmutzig wurde, weiß
Dina Netz.
. Ist es nun jugendliche Schnöseligkeit oder wahre Leidenschaft, die
Sylvain Creuzevault und seine Pariser Truppe
D'ores et déjà dazu treibt, die Prinzipien der Französische Revolution mit ihrem Theater gleichzusetzen? Bei
Notre Terreur (Im Bann des Schreckens), dem zweiten Beitrag beim Young Directors Project der
Salzburger Festspiele, war sich
Sabine Leucht nicht so sicher.
So oft kommt es wirklich nicht vor, dass Performance-Gruppen der Freien Szene die Möglichkeit bekommen, auf einem internationalen Festival eine Produktion zu stemmen. Die Berliner Postdramatiker-Crew von
andcompany&Co hat die Herausforderung in Sao Paulo zusammen mit brasilianischen Off-Gruppen angenommen und in
FatzerBraz Bert Brecht mit lateinamerikanischer Körperlichkeit und deutscher Ironie remixt. Wie der Cocktail mundete, weiß
Michael Laages.
Kann Prometheus, dieser vorausdenkende Kulturstifter aus der griechischen Mythologie, heutigen Zeitgenossen noch Vorbild sein? Er kann, wie
Prometheus in Athen, der neue Theaterabend von
Rimini Protokoll zeigt. Darin bekennen sich heutige krisengeprüfte Athener zu ihrem antiken Idol. Im Rahmen des Ruhr 2010 Projekts
Promethiade wurden Teile des aufwändigen Abends aus Athen in den
PACT Zollverein transferiert. Zur Begeisterung von
Regine Müller.
Der Kampf um den Weltfrieden fängt mit einem Scharmützel zwischen zwei alten Herren an. Nein,
Johannes Heesters, der Hundertundsechsjährige, ist nicht darunter. Der kommt mit brüchig tenoraler Stimme erst später zum Einsatz, wenn sich der Vorhang über der
Inselkomödie von Rolf Hochhuth gehoben hat. Doch bevor es dazu kommen konnte, musste Hochhuth sich von seinem Mieter Claus Peymann die Nutzung der Immobilie erst erkämpfen, in der normalerweise dessen Berliner Ensemble residiert. Wie weiter geschah?
Wolfgang Behrens weiß es!
Auf dem Rückweg vom Geliebten übermannt sie bereits die Angst vor der Entdeckung, und bald taucht eine Erpresserin auf, die vermeintliche Vorgängerin. Und dann liegen die Dinge doch ganz anders in Stefan Zweigs Novelle
Angst, die der Seelenerkundler
Jossi Wieler nun bei den Salzburger Festspielen inszeniert hat, mit Elsie de Brauw in der Hauptrolle und auch sonst bester Besetzung. Ob's ein Höhepunkt war, weiß
Sabine Leucht.
Vierzig Jahre hat es auf dem Buckel, das
Freie Theater München. Eine Institution in einer Stadt, die sich lange schwertat mit ihrer freien Szene. Jetzt hat sich die Zwei-Mann-Truppe zum kleinen Jubiläum mit
wie den vater nicht töten eine neue Produktion geschenkt, die ausgerechnet auf lyrischen Texten basiert. Ob mehr dabei herauskam als ein sehnsüchtiger Blick auf die historische Avantgarde, weiß
Matthias Weigel.
Wunderliches geschieht: Menschen erscheinen aus Betten und Schränken und verschwinden darin auch wieder, Zahnbürsten und Beischlafgesten laufen leer, Detektive sind verwirrt. Nicht so
Reinhard Kriechbaum, der in
Jakop Ahlboms Innenschau zur Eröffnung des
Young Director's Projekt eineinhalb Stunden Bühnenmagie erlebte.
Nun hat der der Antiken-Experte und alte Meister
Peter Stein wieder zugeschlagen. In Salzburg hob er den nahezu unspielbaren
Ödipus auf Kolonos des greisen
Sophokles auf die Bühne der Pernerinsel in Hallein. Mit dabei wieder einmal Klaus Maria Brandauer und Schauspieler vom Berliner Ensemble. Ob's ein Erlebnis war und was es mit dem großen Knall auf sich hatte, weiß
Reinhard Kriechbaum.
Die
Salzburger Festspielsaison ist eröffnet, und schon gibt es Diskussionsstoff zuhauf. Denn auf der Großbaustelle
Jedermann, wo Christian Stückl den Pressluftbohrer ansetzt und Textgeröll umschichtet, ist in diesem Jahr so einiges neu: Als da sind
Nicholas Ofczareks Jedermann und
Birgit Minichmayrs Buhlschaft, aber auch der Rest der Crew ist um eine Generation verjüngt. Das Publikum war hin- und hergerissen –
Reinhard Kriechbaum auch.
Die Welt ist schlecht, jawohl, wir wissen es! Und der Rappelkopf weiß es auch. Bis der sagenhafte Alpenkönig kommt und sein Weltbild aufmischt. So geschehen in
Ferdinand Raimunds Volksstück aus dem Wiener Biedermeier
Der Alpenkönig und der Menschenfeind, auf das in der Jugendstil-Sommerarena mit dem rumpelnden Glasdach in Baden nun der französische Altmeister des Aberwitzes
Jérôme Savary traf. Und
Thomas Askan Vierich sehr erfreute.
Der Name Prometheus steht für den Aufbruch der Menschheit aus der Gängelung durch die Götter. Und auch deren Versuch, den revoltierenden Menschen wieder zu fesseln. An drei Stätten der UNESCO-Wektkulturerbeliste, nämlich Epidaurus, Istanbul und im Ruhrgebiet wurde nun der europäische Ursprungsmythos neu befragt. Die
Promethiade begann mit
Vergessen in zehn Schritten (Anti-Prometheus) von Şahika Tekand. Mehr von
Dina Netz.
Eine Malerin erlebt stellvertretend ein Dilemma: die Schwierigkeit, vielleicht gar Unmöglichkeit, nach Erfahrung eines Krieges eine adäquate künstlerische Ausdrucksform zu finden. In Deutschland sah man zum Beispiel Wiebke Puls in dieser Rolle. Beim Hamburger
Kaltstart Festival gastierte nun die tschechische Aufführung
Land ohne Worte/Zeme beze slov, inszeniert von Kai Ohrem, mit der Prager Schauspielerin
Ivana Uhlírová. Was sie daraus macht, weiß
Daniela Barth.
Der flämische Zaubermeister
Guy Cassiers hat wieder zugeschlagen. Beim Theater der Welt in Essen zeigt er einen szenischen Auszug von
Robert Musils Großroman
Der Mann ohne Eigenschaften.
Sarah Heppekausen war dort und hat bei der Übertragung der literarischen Parallelaktion in Bilder Damen mit riesigen Pferdeschwänzen und Herren mit Pferdegeschirr um die Brust angetroffen.
200 Jahre nach der Wiener Uraufführung hat
Alejandro Qunintana Heinrich von Kleists
Käthchen wieder einmal nach Haus geholt. Mit allem Drum und Dran: also Ritter, Feuerprobe und Holunderbusch.
Katja Schlonski erzählt.
Turbulente Zeiten in Nordrhein-Westfalen: Eben wurde die erste Ministerpräsidentin des größten Bundeslandes der Republik gewählt, da tobte schon ein Unwetter über Rhein und Ruhr. Auch beim
Theater der Welt wurde es nicht gemütlicher: In "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" konfrontiert der ungarische Autor und Regisseur Kornél Mundruczó sein Publikum mit schonungsloser Gewalt. Ob sich hinter dem Exzess tiefere Erkenntnisse verbergen, weiß
Sarah Heppekausen.
Der Schnee ist nur Popcorn, aber die Schuld ist mal vier genommen.
Napoleon Raskolnikow im Schnee heißt die Dostojewski-Bearbeitung, die
Johanna Niedermüller als Koproduktion des Stuttgarter Theater Rampe und des freien Theaterlabels TART mit mehreren Raskolnikows inszeniert hat. Aber auch mit Theoriesättigung, Tanzchoreografien, Bach-Chorälen. Mehr von
Verena Großkreutz, die beschwingt aus diesem Abend ging.
Die Werkschau Festival Finale, eingebettet ins Hamburger Kaltstart Festival, zeigt die Arbeiten baldiger Regie-Absolventen. Simon Stephens, Einar Schleef und Elfriede Jelinek sind die favorisierten Autoren dieser Inszenierungen, zu denen die Vorankündigungstexte den unbedingten Willen zur Avantgarde, zur Selbst- und Fremdreferenz, Intermedialität und Intertextualität offen legten. Planvolle Reduktion war am
Eröffnungstag dennoch zu sehen, und was sonst noch, weiß
Johannes Schneider.
Der gute Rat steht den ganzen Abend hinten an der Bühnenwand: "Tue recht und scheue niemand".
Gerhart Hauptmann exerziert in seinem Trauerspiel gnadenlos durch, dass fromme Sprüche wie dieser ins Verderben führen können.
Enrico Lübbes Inszenierung am Residenztheater hat
Matthias Weigel gesehen.
Was ist es, das am Kunst- und auch am Theatermachen so verführerisch ist? Welche Sehnsüchte und gar welche Lüste treiben Schauspieler und Zuschauer an? Und was bleibt, wenn alles scheitert? Fragen wie diese stellt
Gardenia, der neue Abend von Abend des belgischen Starchoreografen
Alain Platel, der
Ulrich Fischer beim
Festival d'Avignon begeistert hat.
Durchgeknallter geht's nicht, denkt man angesichts der Personnage dieser Verlobungsgesellschaft. Der ungarische Autor-Regisseur-Schauspieler
Béla Pintér treibt hier die Skurrilitäten auf die Spitze. Wie sich diese Kunst der Übersteigerung ausnimmt, sagt
Sarah Heppekausen.
Um Rainer Werner Fassbinder soll es in diesem Stück gehen, um sein Leben, sein Werk. Aber geht es wirklich darum in dieser Uraufführung von
Judith Kriebel? Und warum heißt es
Die Fassbinder?
Rainer Petto fand reichlich Anlass, sich sehr zu wundern.
Monsieur Marthaler ist Artiste associé beim
64. Festival d’Avignon. Für seine Eröffnungsinszenierung
Papperlapapp haben er und Anna Viebrock Kirchenbänke und Waschmaschinen im Papstpalast aufgestellt.
Ulrich Fischer berichtet.
Für
Welcome to Rocksburg diente ein Kult-Comic als Vorlage. In Soweto, Johannesburgs schwarzem Township, spielt das Melodram im Hollywood-Stil. Aber Mpumelelo Paul Grootboom und sein Ensemble überzuckern das soziale Elend nicht mit Tränenkitsch,
Kerstin Edinger hat in Mülheim zugeschaut.
Die Powerspieler, die sich auf dem Rasen eines Sommerhauses aus Sowjetzeiten vor Vilnius versammelt haben, spielen nicht Fußball sondern Tschechow. Nach
Mülheim zum Theater der Welt kam
Kristian Smeds eigenwillige Version von
Der Kirschgarten per Life-Stream.
Guido Rademachers hat beim Public Viewing mitgemacht.
Im
Berliner Ensemble hat Boris Jacoby Lessings Einakter
Philotas aufgeführt. Darin drängelt sich ein Prinz nach dem Heldentod. Ob es gelingt, derartig Fernes in unserem postheroischen Zeitalter plausibel zu machen, erzählt
Georg Kasch.
Ach,
Hans Albers. Regenfilme an einem Sonntag, die Reeperbahn nachts um halb eins. In Konstanz bringt
Tatjana Reses Albers-Revue
Hoppla, jetzt komm ich! ältere Herren zum Mitsingen und das Publikum zum Toben.
Gerd Zahner sagt, ob Hans Albers das verdient hat.
Dieses Wochenende wurde das Festival
Theater der Welt eröffnet, von seiner künstlerischen Leiterin Frie Leysen auf Erkundungsfahrt über Fremdes und Eigenes geschickt. Erster Höhepunkt war die Lecture-Performance
I am not me, and this horse is not mine des südafrikanischen Künstlers
William Kentridge.
Esther Boldt hat sich in seine historiografischen Erzählströme geworfen.
Der Mann heißt Haut, Jerzy Haut, und dieses Maxi-Organ zur Trennung von Innen und Außen ist auch sein Problem. Mit der Inszenierung von
Michal Walczaks Groteske
Die Reise ins Innere des Zimmers durch den dreißigjährigen
Sebastian Linz setzt das Bayerische Staatsschauspiel seine Auseinandersetzung mit osteuropäischer Dramatik fort. Mehr von
Sabine Leucht.
Rad, Boot, Kondom, Konservenbüchse – alles Neuerfindungen der Menschheitsgeschichte. Aus welchem Geist allerdings die Liebe geboren ist oder ein titelgebendes Ding wie
Der perfekte Tag steht in
René Polleschs drittem Teil seiner Ruhrtrilogie auf dem Prüfstand, in dem wieder einmal
Fabian Hinrichs die Show gehört.
Sarah Heppekausen war im Juni bei der Mülheimer Uraufführung.
Wir schreiben das 96. Jahr des Krieges und die Schweizer Sowjetrepublik wankt. In seinem Roman
Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten experimentiert
Christian Kracht mit der Frage, was gewesen wäre, wenn Lenin sein Zürcher Exil 1917 nicht verlassen hätte. Nun kam aus Berlin
Armin Petras nach Stuttgart und legte seine heilenden Hände auf den bösen Stoff. Mehr von
Tomo Mirko Pavlovic.
Horváth hat in seinem Stück
Glaube, Liebe, Hoffnung vorgeführt, wie man Menschen mit falscher Hoffnung quälen und vor allem daran hindern kann, unerträgliche Verhältnisse zu ändern. Mit diesem kleinen Totentanz verabschiedet sich
Wulf Twiehaus als Oberspielleiter aus Konstanz.
Gerd Zahner weiß, wie es war.
Der Pariser Künstler
Philippe Quesne und sein
Vivarium Studio feiern in ihren Theaterperformances das Große im Kleinen, zaubern Wunder aus Winzigkeiten. In
Big Bang nun geht es um Allergrößtes, die Entstehung des Universums nämlich. Im HAU hat
Anne Peter der Erschaffung einer neuen quesnesken Theaterwelt beigewohnt.
Angekündigt waren drei Tage, an denen das Leipziger Theater "lustvoll" des 1991 verstorbenen Dichters Ronald M. Schernikau gedenken und seinen "Spagat üben" wollte, "zwischen politischer West-Ost-Avantgarde und Schlager-Texten, künstlerischem Anspruch und Amüsement". Doch schon der erste Abend geriet so skalaesk, dass
Matthias Schmidt entnervt und wütend das Weite suchte.
Am Nationaltheater klingt die Saison mit einer Uraufführung aus.
Nico Helminger hat unter dem etwas bemühten Titel
Dow Jones Befindlichkeitsskizzen aus dem Leben einer Gruppe von chancenlosen jungen Leuten geliefert. Anne Simon hat inszeniert und
Rainer Nolden sah der Premiere zu.
Während sich die große Masse bei der Fußball-WM an der Idee des kosmopolitischen Patriotismus übt, geht man an der
Volksbühne noch einmal der Idee des Kommunismus nach. Mit seiner im Rahmen der großen Kommunismus-Konferenz fast heimlich gezeigten Inszenierung von Brechts
Badener Lehrstück vom Einverständnis hat
Frank Castorf die Zeichen jedoch auf Abschied gestellt.
Esther Slevogt berichtet.
Der blutige Sog des Mythos ist unaufhaltsam. Pathos oder Slapstick, anders ist ein Umgang mit dem Stoff kaum denkbar. In Stuttgart hat sich
Christian Weise nun an einem dritten Weg versucht und
Friedrich Hebbels Die Nibelungen mit der Version von
Moritz Rinke verschränkt. Neben Siegfried und den üblichen Verdächtigen ist auch der legendäre Moderator Jürgen Kuttner mit von der Partie, wie
Verena Großkreutz weiß.
Alles begann, als 2006 ein Lager mit Kulissen verbrannte und der Spielzeitauftakt gefährdet war. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht und ein Marathon von Uraufführungen ohne Bühnenbild und Dekoration gespielt. Mit der 3. Ausgabe des Autorenfestivals
Ohne alles kam nun am
Bochumer Schauspielhaus die
Intendanz Goerden zu einem ausgesprochen glücklichen Ende, findet
Sarah Heppekausen schon nach dem ersten Festivaltag.
Schon Shakespeares Globe Theatre soll hier einst gastiert haben, im Hof des Heidelberger Schlosses. Nun hat Regiejungstar
Simon Solberg hier im Rahmen der Schlossfestspiele einen krachenden
Freiluft-Hamlet inszeniert, angesetzt mitten drin in unserer fiesen neoliberalen Welt. Frei
nach Shakespeare, aber Gott sei dank nicht ganz frei von Shakespeare, wie
Harald Raab berichtet.
Gibt es eine neue Kunst des Sterbens? Für ihr halbdokumentarisches Projekt
Ars Moriendi grub die Basler Gruppe
CapriConnection im HAU 1 einen alten Philosophendisput aus. Versüßt wird die bittere Pille Tod von der wunderbaren
Schola Cantorum Basiliensis und barocken "Memento mori"-Weisen. Wie diese Kombination aus Geist und Gesang fruchtete, weiß
Elena Philipp.
Seit Gott den Turm zu Babel umstupste, hat sich nicht viel verändert: Sprachverwirrnis allerorten. Zumal wenn einen die grenzüberschreitende Reise- und Liebeslust packt wie in
Laura de Wecks SumSum, wo sämtliches Begehren am mehrfachen Unverständnis scheitert. Auch das
Theater Erlangen hat die "Wanderlust" gepackt, so dass es, gefördert vom gleichnamigen Fonds des Goethe Instituts, de Wecks Stück zusammen mit dem
Teatr Pokoleniy in St. Petersburg gedoppelt hat. Dass das die Geschichte nicht besser macht, erfuhr
Matthias Weigel.
In einem "richtigen" Theater wollte der Neukölln-Komiker
Kurt Krömer gerne spielen wie in der Komödie am Kurfürstendamm, in einem "richtigen" Stück wie "Tratsch im Treppenhaus". Nun ist es doch nur
Johnny Chicago an der Berliner Volksbühne geworden, ausgeheckt von (Roman-)Autor
Jakob Hein und (Film-)Regisseur (und Oscar-Gewinner)
Jochen A. Freydank. Ob der Jux, den sich die drei über böse Fernseh-Formate machen, auch einer ist, weiß
Anne Peter.
Eine Party im Showformat feiert die britische Performance-Truppe
Forced Entertainment in ihrer aktuellen Produktion
The Thrill of it All, wo
Tim Etchells den Vergnügungsfaktor auslotet. Gestern war Berlin-Premiere im HAU 2. Bei der Deutschland-Premiere im Mai erlebte
Esther Boldt eine handfeste Drohung.
Sie ballen, rotten sich zusammen, werden gleich einer Woge von einer Ecke des Raumes in die andere gespült, bilden Schwärme einheitlich zappelnder Glieder: Die Starchoreographin
Sasha Waltz hat bei den Zürcher Festspielen mit
Continu eine Synthese ihrer jüngsten Arbeiten vorgestellt.
Anja Lachmann sah Geschichten existentiellen Ausmaßes in einem Meer von Abstraktion.
Das Theater des
Jürgen Kruse hat den Kopf in den Wolken, es zielt auf Rausch und Traum. Kein Wunder, dass sich der Regisseur am Schauspiel Köln nun zum zweiten Mal
Calderón de la Barcas Prinzen-Kaspar-Hauser-Stück
Das Leben ein Traum vorgenommen hat. Eine Inszenierung zwischen Barock und Rock'n'Roll.
Andreas Wilink hat ihr den Puls gefühlt.
Jacques Offenbach, der mitten in der allerersten großen Kapitalismuskrise die Operette als subersives Medium einer zuckersüßen Systemkritik erfand, hat gerade Hochkonjunktur. Nach Marthaler und Stemann geht nun am Zürcher Neumarkt
Sebastian Baumgarten mit
Die Banditen an den Start. Wie es weiterging, sagt
Andreas Klaeui.
Rad, Boot, Kondom, Konservenbüchse – alles Neuerfindungen der Menschheitsgeschichte. Aus welchem Geist allerdings die Liebe geboren ist oder ein titelgebendes Ding wie
Der perfekte Tag steht in
René Polleschs drittem Teil seiner Ruhrtrilogie auf dem Prüfstand, in dem wieder einmal
Fabian Hinrichs die Show gehört.
Sarah Heppekausen weiß mehr.
Das Nationaltheater macht gerne Ausflüge in den Stadtraum, diesmal unter der Leitung von
Lajos Talamonti.
Im Kreis der Besten. Leben im Quadrat untersucht städtische Bürgerämter und dort tätige Beamte: Ein Grenzgang zwischen dramatischer Realitätsspiegelung und absurder Boulevard-Performance.
Bernd Mand hat zugeschaut.
Eine handvoll Menschen in einem Hotel am Meer, das selbst der Besitzer das beschissenste Scheißhotel der Welt nennt. Die Zutaten von
Simon Stephens' neuem Stück
Marine Parade könnten einen schmerzhaften Liebesreigen abgeben. Von Premiere während der Theaterbiennale berichtet
Christopher Scholz.
Die Selbstverwirklichungstyrannei unserer Tage kann schon mal an den Rand des Selbstmords führen. So viele Wege, und keiner ist für mich dabei? Dabei könnte alles so einfach sein, wie das neue Stück
Alles in Ordnung von
Andreas Sauter und
Bernhard Studlar uns vor Augen führt.
Christina Kirsch hat
André Beckers Stuttgarter Uraufführung gesehen.
Der Chor der Kleinanleger singt jetzt auf dem Planet der Affen. Dort nämlich hat
Lukas Langhoff am Hans-Otto-Theater
Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie
Die Kontrakte des Kaufmanns angesiedelt.
Georg Kasch war dabei.
Die beiden Hauptfächer heißen Glamour und Diskurs. Durch eine Vampirschule schickt der russische Schriftsteller Viktor Pelewin seine Hauptfigur in
Das fünfte Imperium und zielt damit natürlich auf eine blutdürstende Gegenwart. Was Regisseurin
Mareike Mikat damit auf der kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters macht, weiß
Petra Hallmayer.
Erst war es jene Martha, die sich als Martha Rubin materialisierte. Jetzt animierte die lettische Bäuerin Marta, die von 1908 bis 1932 gelebt und die wunderlichsten Dinge getrieben haben soll, den Regisseur
Alvis Hermanis zu einem Theaterabend, der das Erzählen auf der Bühne einmal mehr ganz hoch hält. Auf dass Verstorbene lebendig werden und auch sonst einiges möglich scheint.
Zilākalna Marta (Marta vom blauen Hügel) ist eines der Eröffnungsstücke der Theaterbiennale.
Shirin Sojitrawalla war dort.
"Keine Zeit, keine Zeit" ruft der Hase, die Grinsekatze löst sich in Luft auf und die Herzkönigin donnert "Ab mit dem Kopf!" Nun tummeln sich die grotesken Zerrbilder der victorianischen Gesellschaft aus Lewis Carrolls
Alice im Wunderland in Frankfurt auf der Bühne.
Philipp Preuss erzählt die Geschichte mit Valery Tscheplanowa und einem Musiker.
Esther Boldt erlebte ein faszinierendes Selbstgespräch.
Aus ist. Die Saison neigt sich dem Ende entgegen, und die Münchner Kammerspiele gehen ins Bahnhofsviertel.
Munich Central heißt ein Stadtprojekt, mit dem die Realität erkundet werden soll. Christine Umpfenbach zieht mit
Gleis 11 in den Keller, Martin Clausen mit
Name sei! zu Drogenabhängigen, und Bülent Kullukcu hat jetzt in
Rettet die Vögel die Zuschauer in einen Doppeldeckerbus gesetzt, um die Liebe zu suchen.
Matthias Weigel war mit auf Reisen.
Während das
Düsseldorfer Autorenlabor einen neuen Preisträger kürte (siehe
Meldung), verschlug es den Vorjahressieger unter die Schwellköpfe: Mit viel Pappmaché rückte Uraufführungsregisseurin
Tina Lanik der Groteske
Die Trägheit von
Lukas Linder zu Leibe. Mit welchem Erfolg, das weiß
Guido Rademachers.
In Zeiten wie diesen, wo die Finanznot groß und Kunst ohnehin viel zu anstrengend ist, gerät mancher Künstler in Erklärungsnot: Muss das alles überhaupt sein? Das estnische
Teater NO 99, bekannt für beherzte Zugriffe auf brisante Themen, wagt sich bei den
Wiener Festwochen in
Wie man einem toten Hasen die Bilder erklärt an einen Abend über das Kunstmachen. Zum Zuschauerglück von
Stefan Bläske.
Nun ist er in Kassel angekommen:
Der goldene Drache von
Roland Schimmelpfennig. Inszeniert von
Maik Priebe, der 2009 für eine Arbeit am selben Haus den Kurt-Hübner-Regiepreis erhielt. Jetzt also sitzt das Ensemble leise lächelnd auf einer Stuhlreihe und nimmt mit minimalistischer Intensität gefangen. Bald wird es blutig. Ein bisschen zumindest, wie
André Mumot berichtet.
Orsino duscht im Nieselregen, der versponnene Narr rezitiert auf einer Schaukel schwingend – im Mannheimer Staatstheater hat Hausherr
Burkhard C. Kosminski Shakespeares heitere Komödie
Was ihr wollt inszeniert.
Bernd Mand weiß mehr.
In seinem Roman
Die Buddenbrooks führt Thomas Mann den Untergang einer Kaufmannsfamilie vor. In Krefeld, wo
Bernarda Horres sich John von Düffels Dramatisierung vorgenommen hat, liegt das vor allem an der vom Geld verkrüppelten Seele, wie
Klaus M. Schmidt berichtet.
Bei manchen ist es notorisch: Man will Rettung und fällt immer auf die falschen Retter rein. So geht es Russland und so geht es auch Irina, die sich in der bösen Groteske
Eine Friseuse von
Sergej Medwedew in einen Mörder verliebt.
Elina Finkel hat das gnadenlose Stück nun im Doppelpack mit der Kafkaeske
Die Kröte inszeniert. Und damit
Otto Paul Burkhardt erfreut.
Schauriges tut sich im Werkraum des Staatstheaters Mainz, wo
Luzius Heydrich nun
Claudia Tondls düstere Parabel
Leben Lügen Lagern uraufgeführt hat. Da löscht nämlich der irre Leiter eines Self-Storage-Lagers eines Tages fein säuberlich die Lebenslichter von Kunden und Mitarbeitern aus. Zum Gefallen von
Marcus Hladek.
Bei den
Wiener Festwochen hatte
Frank Castorfs Tschechow-Variation
Nach Moskau! Nach Moskau! nun Premiere im deutschsprachigen Raum. Nach draußen, nach draußen zog es dabei schließlich so viele Zuschauer, dass nur noch die Hälfte im zweiten Teil erlebte, wie das Dauerschreien um ruhigere Töne und ernsthaftere Momente bereichert wurde,
Kathrin Angerer einen phantastischen Abgang hinlegte, und sich Frank Castorf am Ende kaugummikauend den Applaus abholte.
Thomas Irmer war bereits bei der Premiere in Moskau.
"Who's the queen?" besingen die Amazonen in dieser Inszenierung ihre Königin, die wahrhaftig kein Prinzesschen ist, sondern ihren Mann steht mit Kräften für zwei. Jana Schulz, Protagonistin vieler Inszenierungen von
Roger Vontobel, setzt auch in seiner
Penthesilea eine wichtige Duftmarke. An ihrer Seite Markus John als Achill und ein Chor der Geräuschemacher. Was diese Mischung ergibt, weiß
Sarah Heppekausen.
Bitterböse Komödien hat Nobelpreis-Träger
Harold Pinter geschrieben. Zum Beispiel
Die Geburtstagsfeier.
Thomas Langhoff hat sie mit Altstars wie Dieter Mann und Cornelia Froboess am Münchner Residenz Theater inszeniert.
Petra Hallmayer sah eine Bühne von veritabler Scheußlichkeit.
Argentinien hat das alles schon hinter sich, Wirtschaftskrise, Zusammenbruch, Staatsbankrott. Die Braunschweiger Theaterformen haben deshalb ganz genau hingeschaut und neben anderen auch eine Inszenierung von
Ibsens Nora unter dem vielversprechenden Namen
El Desarrollo de la Civilizacíon venidera (Entwicklung einer künftigen Zivilisation) von Regisseur
Daniel Veronese eingeladen. Was sich hinter dem neuen Titel verbirgt, weiß
André Mumot.
Für den Zufall und das Input durch die Zuschauer stehen die Arbeiten von
She She Pop immer wieder offen. In
Träumlabor setzen sie nun die Träume aus dem Publikum in Bilder um.
Mounia Meiborg sah am Berliner Hebbel am Ufer Phantastereien aus der REM Schlafphase der angenehm leichten Art.
Zum 80. Geburtstag hat Klaus Pohl für
Otto Schenk ein Stück geschrieben, in dem es rote Rosen regnet, aber das insgeheim auch Schenks Weg zeigt: vom großartigen Opern- und Theaterregisseur zu einem Comedystar. Wie
Einmal noch im Theater in der Josefstadt ankam, weiß
Thomas Askan Vierich.
Eigentlich ist das eine bitterböse Pointe:
Helena, schönste Frau der Griechen, wurde gar nicht von Prinz Paris geraubt, sondern nur ihr Abbild. Sie selbst wurde von Göttin Hera nach Ägypten verfrachtet, wo Menelaos schließlich auftaucht und sie wieder mit nach Hause nimmt.
Luc Bondy hat
Euripides' Stück bei den Wiener Festwochen ausgegraben und mit Birgit Minichmayr inszeniert. Nicht wirklich komisch, findet
Thomas Askan Vierich.
Ach ja, die Deutsche Bahn: Weil Anschlusszüge leider nicht mehr erreicht werden konnten, schaffte es unser Kritiker erst zum zweiten Teil von
Boyzie Cekwanas Influx Controls bei den Braunschweiger Theaterformen.
On The 12th Night Of Never, I Will Not Be Held Black erzählt von Südafrika als zerrissenem Land.
André Mumot war beeindruckt.
Was treibt deutsche Marinesoldaten eigentlich auf die Weltmeere? Und was treiben sie dort? Spätestens mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten wird zum brandheißen Stoff, was
Christof Meckel an der
Landesbühne Nord mit seinem dokumentarischen Theaterabend
Schlicksoldaten anfasst. Ob er sich beim Stöbern im Soldaten-Alltag auch die Finger verbrennt, weiß
Michael Laages.
Ja, auch Du bist ein Tauschverhältnis in
Ulf Schmidts Stück
Sich Gesellschaft leisten (Ein Experiment), das Leistungsverhältnisse samt ihrer Absurditäten und Widersprüche durchspielt. Was das Theater Trier auf der Bühne, genauer in einer alten Industriehalle, daraus macht, berichtet
Rainer Petto.
Oft weiß das Kindertheater genau, wer die Guten und die Bösen sind, weshalb die Moral in der Regel mit der Gießkanne über dem jugendlichen Publikum ausgegossen wird. Das niederländische Kindertheater
TG Max sucht in seinem preisgekrönten Stück
Het geheven Vingertje (Der gehobene Zeigefinger) andere Wege, um sich der Frage "Was ist richtig und was falsch?" zu nähern.
André Mumot hat es beim
Festival Theaterformen gesehen.
In
Jacques Offenbachs Operette geht es um eine hungerleidende Bänkelsängerin, die ihren Geliebten verlässt, um Ehrendame beim Vizekönig zu werden. Bei
Nicolas Stemann, der zum ersten Mal an einem Opernhaus inszeniert, nämlich an der Komischen Oper Berlin, geht es hingegen um Über-Spaß und Dekonstruktion. Ob diese Mischung funktioniert, weiß
Wolfgang Behrens.
Ein loderner Waldbrand, der sich zum Weltenbrand weitet, verändert alles und alle in
Anja Hillings Katastrophenstück
Schwarzes Tier Traurigkeit. Jorinde Dröse zündelt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin mit Blumentapeten.
Dirk Pilz mochte sich davon nicht recht erwärmen lassen.
Zuckungen, Ticks, Entgleisungen und Verzerrungen aller Art herrschen in
Alain Platels neuem Tanzstück
Out of Context - for Pina bei den Wiener Festwochen, die aber weniger als Krankheit denn vielmehr als hypersensible Reaktion angesichts großer Gefühle gezeigt werden.
Stefan Bläske war dabei und spürte einen ganz speziellen Luftzug an der Ferse.
Georg Büchners Woyzeck, schillernd moderner Antiheld in seiner Mischung aus Opfer und Täter, wird rauf- und runtergespielt an deutschen Bühnen, auch schon mal überinterpretiert und verspektakelt. Im e-werk in Weimar ließ Nora Schlocker ihre "Woyzeck"-Inszenierung mitten im Publikum auf der Bühne beginnen. Ein starker Auftakt, findet
Matthias Schmidt, dem durchaus weitere kraftvolle Momente hätten folgen dürfen.
Skandinavische Misanthrophie, Teil 3: Mirko Borscht inszeniert
Matias Faldbakkens Unfun in der Skala zu Leipzig. Zuschauer werden herumgejagt, Plastikcapes gegen Anwürfe verschiedener Art, Schaumkusskanonaden - und zuletzt winkt das Theater doch mit dem versöhnlerisch-pädagogischen Zeigefinger. Direkt aus dem Mahlstrom berichtet
Tobias Prüwer.
Enrique Diaz gehört zu Brasiliens bekanntesten Regisseuren. Für
Otro – We know, it's all or nothing hat er sich mit der Tänzerin und Choreografin
Cristina Moura zusammen getan: Fragmente, hinter denen
Michael Laages das amorphe Durcheinander der globalen Großstadt erahnen konnte, der die Produktion im Festspielhaus Hellerau in Dresden sah.
Sie versammeln sich zum Familienbild Deutschland, junge Berliner Schauspieler, deren Geschichten nicht ganz so nahtlos zur Identität sich fügen.
Label Noir heißt das Ensemble, das mit
Heimat, bittersüße Heimat nun sein erstes Theaterprojekt vorgestellte. Mehr von
Simone Kaempf.
Spätestens mit "Faust" und "Wallenstein" ist
Peter Stein zum Experten für die Achttausender unter den Theaterprojekten mutiert. Unter 12 Stunden macht er es auch bei Dostojewskis
I Demoni – Die Dämonen nicht, die er nun mit seiner italienischen Truppe bei den Wiener Festwochen zeigte.
Thomas Askan Vierich berichtet von einem triumphalen Marathon.
Und nun
Gerhart Hauptmanns sozialkritisches Drama
Der Biberpelz:
Herbert Fritsch hat ein weiteres, bislang kaum verhaltensauffälliges Stadttheaterensemble zu seinem Zaubertheater entfesselt, wie
Michael Laages kund und zu wissen gibt.
Im Gefolge der dänischen Performance-Queen Signa sind (hmm, wie nennen wir's? vielleicht:)
narrativ strukturierte Erlebnisräume gerade groß im Kommen. Ins
Ballhaus Ost ist nun die
Kommunalka 09010 eingezogen, eine ziemlich schräge Mischung aus Rauminstallation, Theatersoap und Osteuropa-Spektakel.
Elena Philipp ließ sich zum Mitspielen animieren.
Die dramatische Forschungsreihe "Über Leben im Umbruch" des
Maxim Gorki Theaters nähert sich ihrem Ende: in
Fieber von
Juliane Kann, uraufgeführt von Anna Bergmann, geht es aber ausnahmsweise mal nicht nur um Hartz IV, sondern auch um die Liebe. Was
Georg Kasch nicht schlecht gefiel.
Sigrid, die magische Biergartenkellnerin in
Christoph Nußbaumeders neuem Stück
Die Kunst des Fallens, bringt die Männer reihenweise zu Fall. Einer gar kommt zu Tode in diesem überwirklichen Schauspiel, das
Katja Lauken in der Kölner Halle Kalk nun uraufgeführt hat. Wovon
Dina Netz berichtet.
Schauspielhaus Bochum und Maxim Gorki Theater – zwei Theater aus zwei Krisenstädten haben sich zusammen getan und ein Krisenstück ausgegraben.
Ein Mond für die Beladenen von Eugene O'Neill, Ende des 2. Weltkrieges entstanden, handelt vom ziemlich beiläufigen Zerplatzen eines Traumes findet
Regine Müller.
Eine Sekte und viel Sex sind zwar die Themen in Vladimir Sorokins
A jég - Ljod. Das Eis, sie zeigen letztlich aber nur die Oberfläche, unter der eine tiefe Sehnsucht pocht. Der ungarische Regisseur
Kornél Mundruczó hat den Roman um Eishammer, Herzschmerz und gefährliche Ideologien mit viel nackter Haut, Musikalität und eindrucksvollen Bildern inszeniert.
Stefan Bläske weiß mehr.
Eine neue Kleistiade bei den
Ruhrfestspielen: Immer-noch-Jungregisseur Kevin Rittberger (33) holt das Leben des unglücklichen Dichters in die Welt der
Marquise von O. hinein. Wie die ménage à trois zwischen Graf, Marquise und ehemaligem preußischen Offizier ausging, berichtet
Klaus M. Schmidt.
Serientäter
René Pollesch hat wieder zugeschlagen: "Fame on you" prangt im
Akademietheater über der Videoleinwand, gegeben wird das Stück
Peking Opel. (Man sollte wohl mal einen René-Pollesch-Titelfindungswettbewerb ausrufen – vermutlich würde René Pollesch gewinnen.) Und da Pollesch-Starspieler Martin Wuttke mit von der Partie ist, scheint selbige schon gewonnen. Ob dem so ist, weiß
Thomas Askan Vierich.
In einer Kurklinik zuckt ein prominenter Gast im Schlafanzug, während die Erben ans Simulantenbett schleichen. Dann aber geschieht in diesem
Volpone mit
Harald Schmidt in der Hauptrolle, inszeniert von
Christian Brey, etwas Merkwürdiges. Während das Ensemble aufs Ulkige getrimmt ist, verweigert sich Schmidt und scheint immun gegen die Überzeichnung drumherum.
Tomo Mirko Pavlovic berichtet.
"Die Deutschen sind ein sangesfreudiges Volk", schrieb Werner Bräunig in seinem Roman
Rummelplatz, der allerdings ob der Fülle an Ruinen, Traumata, Wiederaufbau und rastlosen Verdrängern der SED nicht geheuer war. Nach Armin Petras hat
Christina Friedrich das Buch nun in Göttingen als Vorlage genommen, alle Dialoge über Bord geworfen, Sinn-, Blick- und Berührungsbilder musikalisch umgesetzt und einen ganz überraschenden Abend hingelegt. Mehr dazu von
André Mumot.
"Dies alles wird bald verschwunden sein", lässt
Elmar Goerden in seiner Bochumer Abschiedsinszenierung von Henrik Ibsens
Nora den kranken Hausfreund räsonieren. Wie sich die Bühnentür geschlossen hat, weiß
Christian Rakow.
Die Last mit der Lust wird erst im Alter existenziell, und so hat
Armin Holz seine Shakespeare-Inszenierung
Was ihr wollt bei den Ruhrfestspielen mit hochkarätigen Sixtysomethings besetzt. Wie das aussah, sagt
Sarah Heppekausen.
Der französische Dramatiker
Michel Vinaver hat in seinen Texten für das Theater früh die Ausweitung der Entfremdungszonen beschrieben, so auch in
Die Live-Sendung, das
Gerhard Willert in Linz wieder ausgegraben hat. Mit welchem Ergebnis weiß
Reinhard Kriechbaum.
Als habe der Fotograf aus einem längst vergangenen Jahrhundert zu Ablichtung gerufen, versammelt sich eine Familie samt Bediensteten auf der Bühne, wo der impulsive Bildermacher
Tilmann Köhler Anton
Tschechows Der Kirschgarten überraschend bildarm ins Szene gesetzt hat, und
Ralph Gambihler manchmal fast Tschechow-Weihrauch aufsteigen sah.
Das Dorf Lükke hat Besuch. Aber im Gegensatz zu Dürrenmatts alter Dame, verhebt sich Eddie Seuss in
Philip Löhles neuem Stück
Die Überflüssigen ziemlich schnell, helfen die verbliebenen Bewohner in seinem Heimatdorf nach, dass sein Tourismus-Projekt pleite geht.
Dominic Friedels Uraufführung hat
Georg Kasch gesehen.
Herabgefallene Herbstblätter auf dem Boden, in den fünf angespitzte Metallstangen gerammmt sind. So sieht sie aus, die minimalistische Bühnenlandschaft, die Heinz Hauser für
David Mouchtar-Samorais Inszenierung von Tankred Dorst
Merlin oder Das wüste Land ins Theater Bonn gebaut hat. Wo
Dina Netz keine Köpfe mehr, sondern nur noch Ideale rollen sah.
Unter 221 Großstädten ist Wien in diesen Tagen wieder zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt worden. Elendsviertel gibt es dennoch, und der jüngste Ausflug bei den Festwochen führt in ein braches Industrieviertel, in dem
Volker Schmidt seine Inszenierung von
Hass, nach dem Film von Mathieu Kassovitz, spielen lässt. Die Zuschauer werden mit Bussen angefahren. Schon das ein Unglück. Mehr von
Thomas Askan Vierich.
Fallobst rauscht von weit oben und zerplatzt knallend auf der Bühne, auf der ein Ex-Knacki endlich Schluss machen will mit der Lebenlügerei, und ein Pastor wiederum die eigene Trostlosigkeit wettzumachen versucht.
Felicitas Brucker inszeniert
Adams Äpfel nach dem gleichnamigen Film von Anders Thomas Jensen, und zwar mit Budenzauber, dem es an theologischer Nachdenklichkeit nicht fehlt. Einen Theaterabend voller Zeichen und Wunder sah
André Mumot.
Gerüchte hatten wissen wollen, dass Ministerpräsident Putin und sein Kulturminister höchstselbst der Eröffnung des Internationalen Tschechow-Festivals anlässlich des 150. Geburtstags vom großen Anton die Ehre geben würden. Dazu ist es nicht gekommen. Und die hohen Herren mussten auf die kleine Provokationen verzichten, die Frank Castorf und die Seinen in
Nach Moskau! Nach Moskau! – eine Montage von
Drei Schwestern und der Erzählung
Die Bauern – eingelassen hatten.
Thomas Irmer war bei der Premiere im Moskauer Mossowjet-Theater dabei.
Nach der Brüsseler Premiere begab sich
Christoph Schlingensief nun auch auf Kampnagel auf seine
Via Intolleranza II. Die Lebens- und Kunstbefragung mit Video, Voodoo und Nono hatte zuerst vor zehn Tagen auf dem Brüsseler Kunstfestival Premiere.
Guido Rademachers war dort.
Das Meer als Freiheitsmetapher ist ein Grundmotiv in Henrik Ibsens Stück
Die Frau vom Meer, das Susan Sonntag vor zwanzig Jahre in einer Bearbeitung gefriergetrocktnet hat. Am
Kieler Theater, in unmittelbarer Meeresnähe also, hat die Regisseurin Annette Pullen die Fassung jetzt wieder aufgetaut, wie
Jens Wellhöner berichtet.
Sie sind einsam und scheinbar wollen sie auch nichts anderes sein, die Figuren in
Gerhart Hauptmanns Stück
Einsame Menschen - zumindest in der Fassung, die
Amina Gusner nun im Theater Altenburg-Gera inszeniert hat, die
Ute Grundmann sah.
In seinem Stück
Das blaue blaue Meer guckt
Nis-Momme Stockmann in den Kopf eines Verlierers um zu erfahren, warum einer so tief fallen kann. In Bremen hat jetzt Sebastian Martin das Stück inszeniert. Mehr von
Andreas Schnell.
Dass Sehnsuchtsmenschen tendenziell Unglücksmenschen sind, ist ein alte Geschichte. Davon wissen auch die Figuren im Stück
Ernte der jungen Dramatikerin
Claudia Grehn ein Lied zu singen, das jetzt als letztes beim Stückemarkt des Theatertreffens präsentiert worden ist. Und wo man dann, anders als anderswo (wie die Presseerklärung süffisant vermerkte) auch Preisträger fand. Mehr von
Elena Philipp.
Neonröhren flackern, eine Wäschespinne kreist, Bärentatzen verschütten Waschpulver, und dann wird über Sex und Sauberkeit debattiert in der jüngsten Arbeit der
Needcompany. Ob sich das Profane umdeutet und es in diesem Waschsalon wirklich heiß und dreckig zugeht, sagt
Esther Boldt.
Forced Entertainments Arbeiten spielen damit, dass unsere Träume und Phantasien von der Unterhaltungsindustrie geprägt sind. Ihre neue Showlektion
The Thrill of it All, die nach dem Brüsseler Kunstfestival jetzt in Essen zu sehen ist, führt auf die Tanzfläche und in die glitzernde Discokugelwelt. Was dort passiert, weiß
Esther Boldt.
Hier geht es tückisch zu: freundlich lächeln und - zack - hinterrücks die Beine weghauen. Der Kampf um die auskömmlichen Jobs wird zusehends härter. In
Warteraum Zukunft entwirft
Oliver Kluck, diesjähriger Träger des Kleist-Förderpreises, eine Drama der Stillstellung zwischen dem Traum von Karriere und Aufstieg auf der Büroleiter und fehlender Kraft zur Revolte.
Kerstin Edinger hat die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen gesehen.
Nathan der Weise, inszeniert als interreligiöser Zwist ist nicht neu.
Nathan als diskursanalytischer Ritt über den zugefrorenen Aufklärungs-See ist wenigstens gewöhnungsbedürftig wie
Jürgen Reuß, konfrontiert mit Emre Koyuncuoglus Inszenierung, an sich selbst erfuhr.
Alvis Hermanis, der lettische Meister der Tiefe und des leisen Tons, hat sich bei den
Wiener Festwochen der Blechblasmusik des Todes angenommen. Seine neue Produktion
Kapusvētki / Friedhofsfest ist eine wunderliche Mischung aus Diashow, Anekdotensammlung und frivolen Friedhofsklängen.
Stefan Bläske weiß, was davon zu halten ist.
Das verrückte Dorf, das sich
Dirk Laucke und David Richter, für ihr neues Stück ausgedacht haben, gibt es wirklich: Kursdorf, eine vom Flughafen Leipzig-Halle sorgsam eingehegte Ortschaft, wie geschaffen für das kampfeslustige Verliererpersonal Laucke'scher Provenienz.
Jens Poth inszenierte die Osnabrücker Uraufführung von
Start- und Landebahn,
Heiko Ostendorf war dabei.
Eine Sensation zeichnete sich in der westlichen Provinz ab:
Felicia Zeller war auf das Fragment eines unveröffentlichten
Zuckmayer-Stücks gestoßen - und vollendete das Werk. Dass
Der große Blöff/Entfernte Kusinen tatsächlich einer war, und zwar ein unterhaltsamer, weiß
Rainer Petto von der Uraufführung zu berichten.
Der Haar- und Barterlass des Bürgermeisters gehört wie manch anderes zur Tradition der Oberammergauer Passionsspiele. Die Erneuerung hat sich für Regisseur
Christian Stückl nicht als einfach erwiesen. Und das Bild des leidenden Jesu, in der Premiere gespielt von Pressesprecher Frederik Mayet, verrät es schon: Die
Oberammergauer Passionsspiele haben satte historische Patina, aber auch einen besonderen Blick auf die Judasfigur und einen ziemlichen Gänsehautfaktor. Mehr von
Ralph Gambihler.
Von Flugasche und schlechten Sternen ward erst die Rede, aber dann, nach Video, Voodoo und Nono-Einspielungen tritt
Christoph Schlingensief doch noch auf, um sich genauso schnell wieder aus seiner Lebens- und Kunstbefragung
Via Intolleranza II zurückzuziehen, die gestern auf dem Brüsseler Kunstfestival Premiere hatte. Gings an die Nieren oder auf die Nerven?
Guido Rademachers war dort.
Die Performer von
norton. commander. productions erhalten Ende des Monats für die Arbeit ihrer 1995 gegründeten Formation den ersten George-Tabori-Preis. Im Dresdener Europäischen Zentrum in Hellerau kam jetzt ihre neue Produktion
The Wolf Boys heraus, welche die Phänomene Vampir, Werwolf, Horror, Show, Action & Painting addiert. Mehr von
Caren Pfeil.
Das Leben ist eine Angelegenheit mit Verfallsdatum, normiert und eher freudlos. Im Verbund mit Simulationstechnologie kann alles nur noch schlimmer werden. Das neue Stück von
Rimini Protokoll will zeigen, wie aus normierten Lebensentwürden Computerspiele werden. Im kanadischen Vancouver entstanden, erlebte
Best Before im Berliner HAU nun seine Europäische Premiere. Was davon zu halten ist, sagt
Elena Philipp.
In den asiatischen Tigerstaaten hat sich ökonomisch so einiges verändert und auch in den alten Familienstrukturen knirscht es gewaltig – das ist eine der Botschaften des in Singapur lebenden Autors
Alfian Bin Sa'at. Vor fünf Jahren wurde er auf dem FIND-Festival an der Berliner Schaubühne größer vorgestellt. Jetzt trifft man ihn am Thalia Theater wieder, wo Jonas Zipf sein Stück Flüchtlinge inszeniert hat.
Daniela Barth berichtet.
Er ist der große Zauberer. Der Filmer unter den Theatermachern: Robert Lepage. Seit geraumer Zeit reist er mit
Lipsynch, seinem jüngsten opus magnum um die Welt. Dabei ist das vierstündige Werk auf mitterweile neun Stunden, inklusive fünf Pausen, angeschwollen. Wovon es handelt? Von Allerlei,
Stefan Bläske beschlich der Verdacht, Lepage könne es darauf abgesehen haben, ein Inventar der menschlichen Kultur auf die Bühne zu bringen, um das Ganze dann ins All zu schießen, als Gruß der Menschheit an fremde Kulturen.
Wie ist das eigentlich? Du sitzt bei Dir zu Hause, denkst nix Böses und plötzlich ist draußen Globalisierung. Wenn die nationalen und alle anderen Identitäten verloren gehen und die Lebenserzählungen sich den Erzählern nicht mehr fügen?
kill the katz/kac,
Gesine Danckwarts kleine deutsch-polnische Reflektion entstand aus der Zusammenarbeit des
Mannheimer Nationaltheaters mit dem
Teatr Polski in Bydgoszcz,
Bernd Mand hat die Premiere gesehen.
Hier liebt man ihn, aber versteht man René Polleschs Screwball-Diskurskomödien auch außerhalb der deutschen Lande?
Regine Müller hat beim
17. Internationalen Theaterfestival in Istanbul die Probe aufs Exempel gemacht.
Ältere Nachtkritiken finden Sie, wie alle anderen Texte auf nachtkritik.de, im Archiv