Plädoyer für ein populäres Theater
von Stefan Keim
München, November 2007. Ein wichtiges Thema, eine
starke Geschichte, großartige Schauspieler. Berichte in allen ernstzunehmenden
Medien, inhaltliche Debatten entstanden, und sie zeigten Wirkung: Erstmals will
sich ein Vertreter des Arzneimittelherstellers Grünenthal mit einem Menschen
treffen, der durch das Medikament Contergan geschädigt wurde.
"Contergan" ist
ein Fernsehfilm, ein sehr guter, umstritten, aufregend, massenwirksam. Warum
ist "Contergan" ein Fernsehfilm? Die Frage wurde in den Feuilletons manchmal
gestellt. Allerdings mit dem Zusatz: Wieso kommt so ein Film nicht ins Kino?
Auf die Idee, dass dieser Stoff auf die Theaterbühne gehört, kam erstmal
keiner. Weil das Theater nicht mehr als zentrale Kunstform wahrgenommen wird.
Welthaltigkeit
Das liegt nicht daran, dass Themen wie Contergan auf der Bühne nicht vorkommen
würden. Im Gegenteil, seit einigen Jahren haben sich viele Theater eine größere
Inhaltlichkeit – oder wie es unter Dramaturgen manchmal heißt "Welthaltigkeit"
– auf die Fahnen geschrieben. Und es gibt auch viele ernsthafte Formen der
Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, mit Armut, Integrationsproblemen,
Rassismus usw.
Da lassen sich einige Lorbeeren verteilen, an den Bürgerchor am
Staatsschauspiel Dresden und den "Woyzeck", an das Schlosstheater Moers mit
seinen Kampagnen zu den Themen Demenz und Armut. Fast jedes Haus, das etwas auf
sich hält, zeigt Wirklichkeitserkundungen von Rimini Protokoll,
Stadtteilprojekte, manche haben sogar Spielstätten etabliert, die sich im Schwerpunkt
mit diesen Formen beschäftigen, die von der Zeitschrift "Die Deutsche Bühne"
mal als "Theater der sozialen Aufmerksamkeit" bezeichnet wurden.
Um das alles geht´s hier
nicht. All diese Dinge sind gut und schön, sie geben den Theatermachern etwas
und auch den Leuten, um die es geht. Aber sie bringen das Theater in der
öffentlichen Wahrnehmung nicht dauerhaft aus seiner Nische heraus.
Stars gegen die Marginalisierung
Die andere Strategie, um über
die üblichen Verdächtigen hinaus Aufmerksamkeit zu erregen, ist das Engagieren
von Stars. Das geschieht mal mehr, mal weniger durchdacht. Die Idee, Harald
Schmidt den Lucky in "Warten auf Godot" spielen zu lassen, der ja eine Art
absurder Standup-Comedian ist, war ein Coup. Denn die Besetzung geschah aus
einer überzeugenden inhaltlichen Überlegung heraus.
Die Zahl bekannter
Schauspieler, die gern mal wieder ernsthaft Theater spielen möchten, ist gar
nicht so klein, und das Ergebnis oft interessant. Aber auch das führt höchstens
kurzfristig dazu, dass sich ein sonst bühnenfernes Publikum ins Theater bewegt.
Wer sich mal Sebastian Koch in einer Oscar-Wilde-Komödie anschaut, geht mit
Sicherheit nicht einen Monat später in eine normale Repertoirevorstellung.
Nichts gegen Stars auf der Bühne, aber die Wirkung ist nur kurzfristig, die
Aufmerksamkeit schnell wieder verflogen.
Sehnsucht nach Geschichten
Wer das Theater zu größerer
gesellschaftlicher Bedeutung führen will, muss grundsätzlich umdenken. Nicht in
erster Linie inhaltlich, da ist vieles auf einem guten Wege. Jetzt geht es um
die Ästhetik. Es gilt weitgehend als Konsens – auch und vor allem unter
Kritikern -, dass Illusionstheater und psychologische Erzählweisen veraltet
sind. Geschichten ohne Brechungen zu erzählen, können sich nur ein paar
Altmeister leisten. Und auch die werden von ihren jüngeren Kollegen oft belächelt.
Gleichzeitig herrscht eine große Sehnsucht nach diesen Theaterformen. Das
äußert sich darin, dass deutschsprachigen Autoren gesagt wird, ein well made
play könne man heute nicht mehr machen. Gleichzeitig schlagen sich die Bühnen
um Erstaufführungen von Neil LaBute.
Die Sehnsucht nach direkt und emotional
erzählten Geschichten grassiert unter den Besuchern, aber auch unter
Schauspielern. Da hört man manchmal, in Weihnachtsproduktionen könne man endlich
mal wieder richtig Theater spielen. Und privat gehen die meisten an einem
freien Abend lieber ins Kino. Ich will keinesfalls den frisch erstarkten
Konservativen, den Helden des Spiralblocks, das Wort reden. Das Theater braucht
natürlich die Künstler, die Träumer, Spinner, Welterfinder. Nichts ist wunderbarer
als ein Regieteam, das eine ganz eigene Handschrift entwickelt, in dessen
Aufführungen viel Persönliches steckt. Das uns herausfordert, verstört und
auch mal vor den Kopf stößt. Klar. Aber das Theater braucht auch den Mut,
Geschichten einmal ohne Verfremdungen zu erzählen. Anders ausgedrückt: Das
Theater braucht Mut zum Genre.
Mut zum Genre
Der Krimi ist das populärste
dieser Genres, im Kino, im Fernsehen, als Buch, als Hörbuch. Im Theater kommen
Krimis nur gelegentlich vor. Als nostalgische Spielerei. Da leistet man sich
als Spaß in der Boulevardposition die "Mausefalle", was von Wallace oder
Durbridge. Zeitkritische Stoffe sind Fehlanzeige. Dabei ist der Krimi die beste
Form, um politische Inhalte verpackt in eine spannende Story einem großen
Publikum zu präsentieren. Verwandt sind der Politthriller, das Melodram, auch
die Gruselgeschichte.
Auf solche Genres angesprochen, zucken die meisten
Regisseure die Achseln und sagen, so etwas könne das Fernsehen besser. Das
stimmt nicht. Denn das direkte Erleben realer, atmender, schwitzender
Schauspieler hat immer noch eine Wirkung, die keine Großaufnahme erreichen
kann. Wenn man dann doch mal einen "Dracula" oder vergleichbares inszeniert,
geht es auf der Bühne immer gleich um Reflexionen, das Spiel mit den Motiven,
die Vielschichtigkeit, den Einzug einer kommentierenden Ebene, um Metatheater.
Okay, das ist ja alles auch mal spannend. Aber es ist zum Dogma geworden.
Zuschauer, die ein direktes emotionales Erlebnis wollen, haben inzwischen viele
Enttäuschungen hinter sich und winken – wenn sie entsprechende Titel lesen - im
schlimmsten Fall schon ab, weil sie kapiert haben, dass Theaterleute denken, so
etwas gehe nicht. Es geht aber, natürlich auf eine eigene Art. Doch die kann
nicht darin bestehen, ständig sich selbst und die eigenen
Produktionsbedingungen zu reflektieren. Denn – seien wir mal ehrlich – außer
uns interessiert das keinen. Außerdem sind all diese Dinge inzwischen
durchgekaut und damit öde und langweilig. Das Theater ist nicht dafür da, um
vom Theatermachen zu erzählen. Wie gesagt, inhaltlich haben das viele
verstanden, jetzt geht es darum, diese Erkenntnis auch ästhetisch umzusetzen.
Wider den Originalitätszwang
Es geht mir nicht darum,
solche Reflexionen zu verdammen, im Gegenteil. Ich rede jetzt nicht von den
Spitzenaufführungen, sondern vom Theateralltag, in dem zu viele Regisseure
zeigen wollen, dass in ihnen auch ein kleiner Pucher, Castorf, Marthaler oder
wenigstens ein Thalheimer steckt. Sie kriegen ja auch von Kritikern wie
wahrscheinlich auch von manchen Intendanten [...] das Signal, Handwerk
sei langweilig und Originalität alles.
Theater kann aber nicht ständig
originell sein, so viel Neues gibt es einfach nicht. Ein gut inszenierter
Gegenwartskrimi ist an jedem Haus ein Renner. Und wenn man ihn mit Liebe,
Ernsthaftigkeit und Humor inszeniert, kann er ein Aushängeschild werden, eine
Aufführung, die auch die Stärke des Ensembletheaters verdeutlicht im Gegensatz
zu den meisten Tourneeproduktionen.
Denn wenn tolle Schauspieler, die einen
Zusammenhalt entwickelt haben, eine spannende Genregeschichte erzählen, weist
schon ihr Spiel über das hinaus, was da konkret verhandelt wird. Weil sie ganz
automatisch anfangen, die Natur des Menschen zu erforschen.
Vom Kindertheater lernen, heißt siegen lernen
Das
Unterhaltungstheater ist nicht dafür da, ein paar konservative Abonnenten zu
bedienen und damit die Projekte
abzusichern, die den Machern eigentlich am Herzen liegen. Es hat ein eigenes
Recht. Mehr noch: Es ist zentral für die Wahrnehmung in weiteren Kreisen der
Gesellschaft. Denn die Leute gehen zum Vergnügen ins Theater.
Unsere
Konkurrenten sind nicht nur Kino und Fernsehen, sondern auch das Abendessen im
Restaurant oder die Party. Viele Menschen müssen sich – schon aus finanziellen
Gründen – entscheiden, ob sie zum Italiener oder ins Theater gehen. Diesen
Kampf sollten wir führen. Mit spannenden Krimis, tollen Liebesgeschichten, mit
Horror und intelligenten, satirischen Komödien.
Die Familienstücke vor
Weihnachten wurden früher oft geschmäht und als lästige Pflichtaufgabe
erledigt. Heute werden sie schon vielerorts mit künstlerischer Anteilnahme
inszeniert. Weil sie Aushängeschilder sind und inzwischen auch viele
Erwachsene rein gehen. Das muss auch für die anderen Formen des Entertainments
gelten. Denn es könnte eine Todsünde sein, diese populären Genres den
Tourneebühnen, Privattheatern und im schlimmsten Falle Film und Fernsehen zu
überlassen.
Da können wir übrigens lernen von den Kinder- und Jugendtheatern,
die es immer schon gewöhnt sind, auf eine sehr direkte Weise mit dem Publikum
zu kommunizieren. Sie müssen genau darauf achten, was ankommt, wo sie ihre
Zuschauer abholen müssen und schaffen es häufig, dass da keine oder nur wenige
künstlerischen Abstriche nötig sind.
Für eine zeitgemäße Operette
Besonders wichtig sind in
diesem Zusammenhang Operette und Musical. Das Repertoire ist an den meisten
Bühnen extrem eng und wird von so genannten Routiniers inszeniert, die schon
ihre vierzigste bis fünfzigste "Csardasfürstin" machen. Als ich das zum ersten
Mal hörte, hielt ich es für einen absurden Gag. Sie wissen, das ist Realität,
entsprechend sehen diese Aufführungen auch aus, Aufgekochtes, Lauwarmes,
Plädderiges. Auch hier werden Riesenchancen vertan.
Eine zeitgemäße Operette,
ein unkitschiges Musical zu schaffen, ist ein zwingendes Gebot. Die Tradition
ist da: die satirischen Operetten Jacques Offenbachs, die damals voller
Zeitkritik steckten, auch die Mischformen aus Musical und Operette aus den
zwanziger Jahren, in denen Kabarettisten auftraten, und scharfe Pointen auf
ihre Gegenwart abschossen. Eine Wiederbelebung dieser Form wurde gelegentlich
versucht, zum Beispiel in Dresden mit Wolfgang Stumph als Frosch in der
"Fledermaus" mit saftig-kabarettistischem Biss. Repertoirestücke lassen sich so
neu beleben, aber es ist auch nötig, neue zu schreiben, Operetten, Musicals,
Revuen, die den Geist der zwanziger Jahre in die Gegenwart übertragen. Da gibt
es noch viele Möglichkeiten außerhalb der Liederabende von Franz Wittenbrink.
Operette
und Musical tragen die Möglichkeit in sich, zeitkritisches, satirisches und
populäres Gegenwartstheater zu sein, weil sie das Publikum durch Lachen und
Emotionen öffnen. In den letzten Jahren haben sich einige wichtige Regisseure
mit der Operette beschäftigt. Gerade gibt es auch den Trend, dass viele
Schauspielensembles sich dem Musiktheater nähern, und auch der Operette. Das
sollte intensiviert werden, nicht mit dem Ziel der Dekonstruktion, sondern der
liebevollen Wiedergeburt.
Theatermacher brauchen neues Selbstbewusstsein
Ich habe über den
Theateralltag gesprochen. Der liefert die Grundlage, um die Bühnen wieder mehr
in den Blickpunkt eines größeren Teils der Gesellschaft zu rücken. Aber um
einen höheren Status in der mediengeprägten Welt zu etablieren, braucht es
natürlich die Spitze. Auch da brauchen wir ein anderes Bewusstsein.
Es ist
toll, dass viele Theater Uraufführungen spielen und Autoren zu Stücken anregen.
Es ist weniger schön, dass deren Honorare meist sehr übersichtlich sind. Kein
Schriftsteller kann es sich derzeit leisten, einen Stoff wie "Contergan" für
das Theater zu entwickeln. Das erfordert eine lange Recherche, sehr viel
Arbeit, und die entsprechende Bezahlung findet man eben bei Film und Fernsehen.
Und hier braucht es Mut, Mut, in solche Projekte zu investieren, Autoren zu
finden, die sich mit dem Theater auseinander setzen und Stoffe, die sie nach
vielen Diskussionen und tausend Veränderungen vielleicht beim Fernsehen
durchsetzen können, für das Theater entwickeln. Es braucht den Mut, solche
Produktionen eine bestimmte Zeit lang en suite anzusetzen, wie Peter Steins
"Wallenstein", der marketingtechnisch genial platziert war. Womit wir zu einem
der wichtigsten Punkte kommen: Die Theatermacher brauchen nicht nur ein
verändertes Bewusstsein, sondern vor allem Selbstbewusstsein.
Selbstreflexivität aus Feigheit
Die fast schon an Denkverbote
grenzende Konzentration auf verschiedene Spielweisen der Selbstreflexivität
liegt meiner Ansicht nach auch in einer Feigheit begründet. Im fehlenden
Selbstvertrauen. Man will sich dem Vergleich nicht stellen, nicht an
handwerklichen Kriterien messen lassen, behauptet einen künstlerischen
Freiraum, der in unserer Gesellschaft immer enger wird. Ich habe den Eindruck,
dass sich viele Theatermacher als Reaktion einigeln und den Bestand mit Zähnen
und Klauen verteidigen. Dadurch geraten sie in die Defensive. Angriff ist die
beste Verteidigung.
Wenn ich mir was wünschen könnte
Ich wünsche mir vom deutschsprachigen Theater, dass es
populäre Genres wie den Krimi nicht Film und Fernsehen überlässt. Ich wünsche
mir den Mut, Autoren und Regisseure an große Stoffe und große Projekte zu
setzen und die Arbeit entsprechend zu finanzieren. Ich wünsche mir, dass die
Theatermacher auch zu dem stehen, was sie machen, und spannende Uraufführungen
nicht nach ein paar Vorstellungen wieder in der Versenkung verschwinden lassen.
Ich wünsche mir, dass Sie sich Gefühle trauen, große Geschichten und
Unterhaltungstheater auf einem Niveau, das außerhalb des deutschen
Stadttheaters keiner erreicht.
Und
natürlich wünsche ich mir, dass es weiterhin die unverwechselbare Handschrift,
radikal persönliche Theaterformen und Experimente gibt. In der Verbindung liegt
die Kraft. Die große Kunst und die populäre Unterhaltung benötigen den gleichen
Aufwand an Herzblut und Energie. Dann werden sie sich öfter gegenseitig
befruchten. Und wir werden häufiger das wunderbare Erlebnis haben, dass große
Kunst populär und unterhaltend ist, und natürlich umgekehrt.
Text einer Rede, die der Journalist und Theatertreffen-Juror Stefan Keim im November 2007 bei der Münchner Tagung der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein
gehalten hat.
16 Kommentare. 1. Honorare für Autoren sind beschämend ein Autor, Nicht registriert "Es ist toll, dass viele Theater Uraufführungen spielen und Autoren zu Stücken anregen. Es ist weniger schön, dass deren Honorare meist sehr ÜBERSICHTLICH sind."
Übersichtlich ist gut! Nennen Sie es beim Name bitte: beschämend. Wo Regisseure feste Gagen haben, sind Autoren auf den Kassenerfolg verdammt. Will heißen: Wenn ein Regisseur mit einem Stück scheiß baut und das Stück schnell abgesetzt wird, hat er/sie immer noch seine Gage, und der Autor bekommt peanuts. Na ja! If you pay peanuts, you get monkeys! 2. Plädoyer für populäres Theater: leider richtig Bochum, Nicht registriert LEIDER hat Keim RECHT ! 3. Plädoyer für populäres Theater: ja, aber! Eva Pfister, Nicht registriert Lieber Stefan Keim, ich gratuliere zum Mut, für ein publikumsfreundliches Theater zu plädieren! Dass die selbstreflektiven Inszenierungen höchstens noch für den inner circle interessant sind, entspricht ganz meiner Überzeugung, und immer mehr kommen mir viele Theatermacher in ihren Äußerungen wie Mitglieder einer Sekte vor. Dennoch möchte ich am subventionierten Theater nicht unbedingt jene Krimikomödien und netten Musicals sehen, mit denen das Boulevardtheater Zuschauer anzieht. Ich denke, große Bühnen sollten auch große Geschichten erzählen, auf verständliche Art, ja, mit Emotionen, ja! Das können Klassiker sein oder neue Stücke, wobei viele Dramatiker sich meiner Meinung nach genieren, "einfach" Geschichten zu erzähen. Eine Ausnahme ist Lutz Hübner, der zwar der meistgespielte lebende deutsche Dramatiker ist, aber vom Feuilleton meist mit Naserümpfen goutiert wird. Seine Stücke beweisen aber, dass es nicht seicht sein muss und trotzdem gut ankommt, wenn man emotionale Geschichten auf die Bühne bringt. Zum Beispiel "Blütenträume" in Essen, ein Stück über die Gefühlssituation älterer Menschen ist witzig und ergreifend! In diesem Sinne schließe ich mich dem Ruf an: Raus aus dem ästhetischen Elfenbeimturm! Macht das Theater wieder zum öffentlichen (politischen) Raum! 4. Raus aus der Nische: Finanzbeteiligung aller! Berlin, Nicht registriert Die hohen Subventionen - verbunden mit dem System der Festgagen - sind leider eine Bremse. Klar, Kinos, Buchhandlungen, Fernsehen sind voll von populären, gleichzeitig relevanten Stoffen - aber eben auch, weil sich damit Geld verdienen lässt. Die Einnahmeseite interessiert im Theater wenig, der Marktwert der Künstler bemisst sich nach der Besprechung in irgendwelchen Feuilletons und Fachzeitschriften, die außer anderen Theaterleuten kein Mensch liest. Warum beteiligt man nicht auch Intendanten, Regisseure, Schauspieler - idealerweise den ganzen Apparat - am Erfolg einer Inszenierung, eines Theaters? Solche Beteiligungsmodelle gibt es in vielen Unternehmen längst, auch in anderen Medien bemessen sich Gagen direkt oder indirekt nach Auflage, Quote, Einspielergebnissen etc. Solange die Theater an ihren starren Systemen festhalten, werden bloß inhaltliche Debatten, wie sie ständig geführt werden, wenig ausrichten. Und die Theater sollten selbst das größte Interesse an entschiedenen Subventionssenkungen haben. Lutz Hübner wird viel gespielt - aber vor allem von Jugendtheatern ohne viel Geld. LaBute, Yasmin Reza werden viel gespielt - auch die kommen aus anderen Theatersystemen, mit viel weniger Geld. Diese hohen Subventionen sind leider kein Segen - weil sie das Theater in eine Nische verbannen, in die es nicht gehört. 5. Raus aus der Nische: Autoren wie Lutz Hübner braucht's Juliane Kuhn, Nicht registriert Ich schließe mich gerne dem Statement von Eva Pfister an. Und mit Lutz Hübner hat sie sehr, sehr recht! Wir brauchen mehr solche Autoren! Dialoge schreiben können, Situationen auf den Punkt bringen, Stoffe aus der Gegenwart bearbeiten... 6. Raus aus der Nische: sind Lutz Hübners Texte nicht harmlos? uli wahl, Nicht registriert hab den eindruck, dass es bei lutz hübner eher um ein kuscheltheater geht. vielleicht hab ich zu sehr meine eigene brille auf. schade allerdings, dass lutz hübner in der öffentlichkeit nicht so bekannt ist, obwohl er häufig gespielt wird. liegt vielleicht daran, dass es heute kaum mehr tabubrüche gibt: wie z.B. Heimarbeit von Kroetz als es an der Kammerspiele aufgeführt wurde, fiel über ihn die Boulvardepresse her. Daselbe passierte Sarah Kane in London. Kann es sein, dass manche Texte von Lutz Hübner zwar poetisch gut sind, aber harmlos? 7. Raus aus der Nische: Krimis über Contergan auf der Bühne? wolf, Nicht registriert Krimis über Contergan auf der Bühne - also, bitte, Leute, was soll der Unsinn - das interessiert keinen Menschen! Das kann die Zeitung nun wirklich besser - und der Gedanke, dass, wenn man den Leuten nur kein Geld zahlt, sie sich schon dem Mainstream anschliessen und populäreres Theater machen werden, ist auch so ein neoliberaler, dummer Mythos. 8. Keims Plädoyer für ein populäres Theater: Kommentar Hollarius, Nicht registriert Mein Kommentar ist zu lang geworden, man kann ihn hier finden: http://hollarius.wordpress.com/ 9. Plädoyer für ein populäres Theater: Poesie der Sprache 1 Jeanne d'Arc, Nicht registriert Wenn das Theater sich an seine Konkurrenzmedien wie Film und Fernsehen anpasst, dann wird es tatsächlich bald tot sein. Erstens lebt das Theater von seinem ganz eigenen Stoff- und Darstellungspotential. Und zweitens führt eine Unterschätzung des intellektuellen Potentials der Zuschauer in die falsche Richtung. Für den Bereich des Films hat Jean-Luc Godard bereits 1963 am Beispiel seines Films "Le Mépris" darauf aufmerksam gemacht, dass das Kino keine Zukunft haben werde, wenn die Bilder erschaffende Poesie der Sprache daraus verschwindet. Ebenso verhält es im Bereich des Theaters. Ich persönlich möchte da jedenfalls nicht noch mehr Geschichten von modernen Alltagsneurotikern hören und sehen, sondern gegenwärtige Geschichten, durch welche das historisch Gewordene bzw. bereits Vergangene durchscheint. Geschichtsbewusstsein erscheint mir gerade da notwendig, wo es besonders im Fernsehen nur noch um die profitorientierte Selbstbespiegelung des Gegenwärtigen und Zukünftigen im Sinne des neuen Produkts geht. 10. Plädoyer für ein populäres Theater: Poesie der Sprache 2 Jeanne d'Arc, Nicht registriert Zusatz: "Poesie der Sprache" meint hier nicht - wie oftmals vorschnell behauptet - eine abstrakte und selbstreferentielle Sprachverliebtheit, sondern die Art, wie ein Text formuliert ist: "Es wird überhaupt nicht transportiert, daß es ein formulierter Text ist und dass die Formulierung eines Tatbestandes schon die Überwindung eines Tatbestandes ist." (Heiner Müller) Und das lässt sich sowohl auf die historischen Stoffe als auch auf das zeitgenössische Diskurstheater anwenden. 11. Eine recht persönliche Frage an Jeanne d'Arc Susanne Peschina, Nicht registriert @ad 9, ad 10 und generell eine recht persönliche Frage.
Sie sind so umfassend gebildet, aktiv, Impuls gebend, tatsächlich sehr beeindruckend.
Das Einzige was ich nicht verstehe, ist: Warum schreiben Sie unter dem doch eher "abgelatschen" Pseudonym Jeanne d'Arc? Fehlt Ihnen der Mut zum Outing? Sind Sie zu sehr mit den Strukturen der Kunstvermittlung verknüpft? Schreiben Sie entgegen Ihren kommerziell/beruflich vertretenen Standpunkte?
Sie werden mir wahrscheinlich die Frage nicht ehrlich beantworten können, aber gestellt möchte ich sie trotzdem haben, sie beschäftigt mich eigentlich schon länger. 12. Plädoyer für ein populäres Theater: wider die Lüge Andreas Philipp, Nicht registriert Das Problem liegt weniger in den Geschichten selbst- Nicht in den Formalen Ansätzen- nicht in den leidlichen Versuchen der Theater sich einer Stadt, einem Land, einer Gesellschaft und ihren Themen anzunehmen- Das Problem ist viel Grundsätzlicher- es liegt in der Lüge- Es begegnet einem auf deutschen Bühnen leider zu oft Unaufrichtigkeit- kunstvoll konstruierte Betrugsanordnungen- ohne Sinn und Verstand und vor allem ohne Herz- Und das ist für mich das schlimmste- wenn ich das Gefühl habe belogen zu werden- (Das werde ich im Alltag schon genug- und von allen Seiten) Da sollte das Theater doch ein Ort der Aufrichtigkeit sein- der ehrlichen und offensiven Auseinandersetzung- Mich interessiert es viel mehr ein Ensemble offensiv fragend zu erleben- begeistert und leidenschaftlich sich aussetzend- als nette Einzelleistungen und eine handvoll noch netterer Regie Einfälle- die versuchen eine Welt vorzugaukeln die die Brisanz einer Vorabend Serie nicht überschreitet- (installiert von Mittelmäßigen jung und alt Regisseuren- von denen es verdammt noch mal zu viele gibt) Die fülle verseucht das Theater- der Mittelmäßigkeit und der Unaufrichtigkeit- Theater braucht einen tatsächlichen Anlass- Sonst sollte man es bleiben lassen- Und das gilt für alle: die Schauspieler, die Regie, die Dramaturgie und alle anderen die an diesen sensiblen Prozessen beteiligt sind- Lieber weniger- dafür mit mehr Zeit-und sich ernsthaft auf Dinge einlassen- Für Liebe, Kraft und Energie! Ich kann einfach besser nachdenken wenn ich ehrlich berührt bin! 13. eine recht (un)persönliche Antwort von Jeanne d'Arc Jeanne d'Arc, Nicht registriert @ Susanne Peschina: Ich könnte genauso gut unter dem Pseudonym George Sand schreiben. Pseudonyme können auch von Vorteil sein. Aber eins kann ich Ihnen ganz offen sagen, ich schreibe nur in meinem eigenen Namen. 14. ein Verdacht Démystificateur, Nicht registriert Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit: So (hyper-)aktiv, wie Jeanne d'Arc hier auftritt, handelt es sich ohnehin um ein Kollektiv, das sich hinter dem Namen verbirgt. Carry on! 15. Plädoyer für ein populäres Theater: Wortgeklingel Demissyfokus, Nicht registriert Nein, die d'arc erkennt man immer wieder, an ihrer gedanklichen Ungenauigkeit, dem aufgeregten Gebahren und dem willkürlich herbeigezerrten Zitat am Ende. Auf solchem Niveau hat dann alles mit allem irgendwie was zu tun. Aber nettes Wortgeklingel. 16. Plädoyer für ein populäres Theater: Diskussion wäre wichtig! Hollarius, Nicht registriert Irgendwie scheint mir das Thema zu wichtig zu sein, als das kleinliche Streitigkeiten zwischen Kommentierenden angebracht wären ... Diskussion wäre wichtig! |