Samuel Finzi, der Tänzer, der Clown, der Musiker unter den deutschen Schauspielern. Der Elegante. Der Zauberer. Als Iwanow zeigt er, wie eine Figur auf offener Bühne verschwindet, obwohl sie körperlich anwesend bleibt. "Wie machen Sie das?" fragte Henning Rischbieter ihn nach der Premiere anerkennend, und das ist etwas, worauf der 40-Jährige wirklich stolz ist. Denn das Wohnzimmer von Henning Rischbieter in der Tempelherrenstraße war einer der ersten Anlaufpunkte von Samuel Finzi, als er vor sechzehn Jahren nach Berlin kam: ein bulgarischer Schauspieler ohne Bühnenerfahrung, der kaum deutsch sprach.
II.
Samuel Finzi ist ein gründlicher Mensch. Am Tag nach dem Gespräch ist ihm noch etwas
eingefallen, und so trifft man sich erneut. Mit beigem Trenchcoat über dem
Jeans-und-Turnschuh-Outfit betritt er summend das Lokal und nimmt erst an der
Theke die Stöpsel aus den Ohren. Mittelgroß, dunkelblond, grüne Augen, hohe,
beim Reden zerfurchte Stirn. Ein markanter Typ, der in jede Hotellounge passt,
aber auch ins Survival-Camp. Verblüffend freundlich dabei, fast zuvorkommend.
Jazzliebhaber.
"Die Probe war gut", sagt er gleich, obwohl er gar nicht direkt von dort kommt. "Oft
müssen die Kollegen an der Volksbühne ja etwas kaputtschlagen, um gut
draufzukommen. Was diesmal nicht ungefährlich ist, bei all dem Schaum, den wir
auf der Bühne haben. Aber heute war es sehr leise und konzentriert. Toll!" Er
verstaut den Walkman und legt eine Plastiktüte mit Videobändern auf den Tisch. "Das Thema, das ich nochmal ansprechen will, ist Tschechow. Das habe ich beim
letzten Mal nicht ausreichend betont: Wie lange wir schon an Tschechow
arbeiten. Und wie konsequent. Das macht am deutschen Theater sonst keiner." "Wir", das sind Dimiter Gotscheff und er. Almut Zilcher natürlich. Und wer
sonst noch zum Kernteam des aus Bulgarien stammenden Regisseurs gehört, der zum
Zeitpunkt des Geprächs gerade "Das große Fressen" nach dem Film von Marco
Ferreri an der Volksbühne probiert. "Ich habe Mitko übrigens gesagt, dass ich
mit Ihnen gesprochen habe. Und er fragte mich: 'Hast du ihr gesagt, dass ich
keine Vaterfigur bin und dich nicht entdeckt habe!' – 'Ja, habe ich. – Und dass in meiner Arbeit alles vom Schauspieler kommt und kaum etwas von mir!' – ' Ja, habe ich.' Nur über Tschechow müssen wir nochmal sprechen." Jeder Satz eine Geste, das Ganze eine Szene. Natural born performer.
III.
Tschechow also. Den Finzi in Deutschland oft verkitscht findet. Zum Lieferanten von
Sehnsuchts- und Weltschmerz-Abziehbildern verkleinert. Dabei sei Tschechow, den
er natürlich im Original kennt, immer ambivalent. Und dürfe, ja müsse heute
sogar sehr reduziert gespielt werden. "Diese ganzen 'Väterchen'-Schnörkel
funktionieren im Deutschen überhaupt nicht. In 'Iwanow' habe ich den Monolog in
der Mitte, den ich frontal spreche, aus der Übersetzung von Thomas Brasch
genommen. Die trifft es genauer als die von Peter Urban."
Tatsache ist, dass Samuel Finzi als Iwanow auch gar nichts sagen müsste, um einem dessen
Lebensverweigerung auf geradezu bestürzende Weise als enttäuschte Lebensliebe
vor Augen zu führen. Sein athletisches Schlurfen mit geradem Rücken,
hochgezogenen Schultern, aber hängendem Kopf genügt. Diese hastigen, aber
aussichtslosen Schritte in lächerlichen Pantöffelchen. Der fusselige Vollbart
über dem ärmellosen Campus-Shirt. Und der verlorene Blick. Da war mal jemand.
Wo ist er hin?
Seit rund fünfzehn Jahren steht Samuel Finzi auf den deutschsprachigen Bühnen. In
Düsseldorf, Köln, Hamburg, Bochum, Frankfurt/Main, Graz, Zürich, Wien und
inzwischen vor allem Berlin. Hier konnte er in diesem Frühjahr in gleich sechs
verschiedenen Inszenierungen gesehen werden, drei davon aus dieser Spielzeit:
Am Deutschen Theater in Kleists "Amphitryon" (Regie: Stefan Bachmann) und Ben
Jonsons "Volpone" (Regie: Gotscheff), an der Volksbühne in "Kampf des Negers
und der Hunde" von Koltès (gerade abgespielt), Müllers "Philoktet", "Iwanow" von Tschechow und eben dem "Grossen Fressen", alle unter Gotscheffs Regie. Dazu ist er gelegentlich im Kino und regelmäßig im Fernsehen zu sehen, in Fernsehspielen,
im "Tatort" und in "Bella Block".
Ein seit langem sehr gut und prominent beschäftigter Schauspieler, der über das
Rezensionsfeuilleton hinaus trotzdem kaum wahrgenommen wurde, wie er selber
thematisiert. "Warum haben wir dieses Gespräch nicht schon vor einigen Jahren
geführt?" fragt er – nicht vorwurfsvoll, sondern eher verwundert. Und dann
erzählt er die Geschichte des Architekten Louis Kahn aus Philadelphia, der bei
sich zuhause nie einen Job gekriegt hat – weil er Jude war. "Und ich bin Bulgare."
Jüdischer Bulgare, um genau zu sein, aber das ist ihm in diesem Zusammenhang
nicht so wichtig.
IV.
In der Tat sind Schauspieler, die das Deutsche nicht als Muttersprache sprechen, an
hiesigen Theatern überaus selten. Aber erklärt das hinreichend, warum Finzis
zweifellos vorhandenes Glamourpotential in den letzten Jahren so verkannt
wurde? Es muss ihm so vorkommen. Denn in Bulgarien, wo er sich nie länger
aufhält als ein paar Wochen im Jahr, IST er ein Star. Vor der Premiere von "Volpone" kam das bulgarische Fernsehen vorbei, und einen Tag vor der
Ausstrahlung wurde das Gespräch mit ihm und Gotscheff in den bulgarischen
Abendnachrichten angekündigt. Wegwerfend fügt Samuel Finzi hinzu, dass die
Bulgaren einfach jeden hypen würden, der es im Ausland zu einer zivilisierten
Existenz gebracht hätte, aber natürlich freut es ihn doch. Schließlich dreht er
fast jedes Jahr einen großen Kinofilm dort, und das Wort "Hauptrolle" fasst nur
mangelhaft, wie stark diese Filme auf ihn zugeschnitten sind. In "Blueberry
Hill" (2001) von Alexander Morfov spielt er – mit blondiertem Haar und Kinnbart
– einen Deutschen (Frank!), der seinen Flug nach Istanbul wegen Schneetreibens
in Sofia unterbrechen muss und sich, ausschließlich Deutsch sprechend, auf dem
Landweg durch die bulgarische Provinz kämpft.
Oder "The Devil's Tail" (2000) von Dimiter Petkov, ein magisch-realistischer Film
über einen Jazzmusiker, der in einer mafiosen Gesellschaft zu privatisieren
versucht. Hier gibt es kaum eine Szene ohne Finzi in Großaufnahme. Und "Meme
Dieu est venu nous voir" (Sogar Gott kam herab, um uns zu sehen, 2003) von Petar
Popzlatev, ein temperamentvoller und melancholisch-listiger Film über ein
abgelegenes Dorf, in dem sich die verordnete slawische und andere Identitäten
zu einer ganz eigenen inzestuösen Mischung verbunden haben. Samuel Finzi spielt
einen Intellektuellen, der zugleich als Bürgermeister, Lehrer und Postmeister
fungiert und zu diesem Zweck drei verschiedene Persönlichkeiten ausgebildet
hat, was seiner Frau das Eheleben nicht leicht macht. Von solchen Filmrollen
kann Finzi in Deutschland nur träumen. (Wie Deutschland selbst von so
poetischen und politischen Filmen wie diesen nur träumen kann.)
V.
Auch Samuels Vater Itzhak Finzi ist in der französischen Koproduktion "Meme Dieu..."
besetzt, ein Schauspieler, der in Bulgarien so bekannt und beliebt ist wie
hierzulande einst Heinz Rühmann. Keine gewöhnliche Jugend im Sozialismus also!
Privilegien? Nein, er sei ganz normal aufgewachsen, zwischen dem Theatercafé
und dem Platz unter dem Klavier – die Mutter, Gina Tabakova, ist ja Pianistin.
Sie sei für seine Geschmacksbildung verantwortlich, für seine musikalische
Auffassung von Kunst. Den Sinn für Dialektik hingegen habe der Vater geschärft.
Einmal, als Samuel von der Schule nach Hause kam und stolz erzählte, dass er
eine Eins bekommen habe, hätte Itzhak Finzi bloß gefragt: "Und, hast du auch
für eine Eins gewusst?"
Schon mit zwölf wollte Samuel Finzi weg aus Bulgarien. Einmal die Verwandten in aller
Welt besuchen. Dirigent sein. Oder Filmregisseur. Der Vater hatte ihn zu
Dreharbeiten nach Budapest mitgenommen, das muss 1979 gewesen sein, da war er
dreizehn und zum ersten Mal im Ausland. Doch als zwanzig Jahre später die Mauer
fiel und Samuel Finzi tatsächlich sofort seine Koffer packte und nach Paris
zog, tat er das als Schauspieler. "Ich wollte eigentlich Film studieren. Aber
als ich mit der Schule fertig war und zum Militär sollte, gab es gerade keinen
Jahrgang für Filmregie. Trotzdem musste ich irgendwo aufgenommen werden, weil
der Militärdienst sonst drei Monate länger gedauert hätte. Also probierte ich
es mit Schauspiel. Das hätte ich für Filmregie sowieso gebraucht. Und sobald
ich angefangen hatte, mich vorzubereiten, erwachte in mir der Ehrgeiz, so
aufgenommen zu werden, dass nachher niemand sagte, ich hätte es nur wegen
meines Vaters geschafft. Was sich dann aber nicht vermeiden ließ, obwohl ich
die besten Noten von allen hatte." Das Handy klingelt. Ein merkwürdig
prasselndes Geräusch. Hufgetrappel? (Auf der Homepage seiner Agentur steht,
dass er auch reitet.) "Nein", sagt er und grinst. "Das ist Händeklatschen.
Applaus."
In Frankreich blieb er nicht lange. Mit der dort herrschenden
Repräsentationsästhetik konnte er nichts anfangen, und der Regisseur Ivan
Stanev, den er aus Bulgarien kannte, bat ihn, nach Berlin zu kommen, um mit ihm
eigene, freie Produktionen zu machen. Diese gemeinsame Arbeit verlief schnell
im Sande. Aber in Berlin und vermutlich am Esstisch von Henning Rischbieter, wo
sich damals neben Theaterwissenschaftlern auch osteuropäische Theaterleute
versammelten, traf Finzi auf die Studentin und spätere Dramaturgin Dimitra
Petrou, die er bald darauf heiratete. Und er kam mit Dimiter Gotscheff
zusammen. Den er vom Sehen schon aus dem Theatercafé in Sofia kannte. Der in
Berlin Assistent von Benno Besson gewesen war und diesen nach Sofia geholt
hatte, wo er 1975 am Dramatischen Theater mit Vater Itzko "Wie es euch gefällt"
herausbrachte.
VI.
Gotscheff, immer Gotscheff. "Nein. Nicht immer. Häufig. In Berlin hatte ich auch Bachmann,
Castorf, Simons und Nekrasov, naja, letzteres war eher ein Missgeschick. Aber
das reicht doch." Und außerhalb Berlins gab es Jürgen Gosch, Brigitte Landes,
Werner Schroeter, selber einmal Benno Besson, Katharina Thalbach, Robert
Wilson, Jürgen Flimm. Und Stefan Moskov, ebenfalls ein Bulgare, nur wenige
Jahre älter als Finzi.
In der Summe aber hat die für ihn wichtigste, forderndste Arbeit mit Gotscheff
stattgefunden. Und mit Tschechow. "Die Möwe" in Köln. "Der Kirschgarten" in
Düsseldorf. "Platonov" in Frankfurt/Main. "Iwanow" in Berlin. Er liebt diesen Regisseur, weil er ihn inspiriert und dann machen lässt. In einem
Programmheft-Text über ihn ("59 Regeln für den Umgang mit Dimiter Gotscheff"),
formulierte er einmal: "Der Körper des Schauspielers ist alles, wofür er
kämpft. Spielen Sie einfach – Mitko wird Sie nie verlassen." Ganz sicher: Das
fette, aber absolut beherrschte "einfach Spielen" ist genau der Ort, von dem
Samuel Finzi ästhetisch kommt.
Modellhaft lässt sich das heute vielleicht in "Haus Nr. 13" nachvollziehen, einer Revue mit Tschechow-Texten, die Stefan Moskov 1997 mit Finzi, Victoria
Trautmannsdorff und Hans-Jörg Frey am Hamburger Thalia Theater erarbeitete. Das
heißt, es ist eher eine Choreografie. Ungeheuer geschwind und geschmeidig wird
das Tschechow-Potpourri zu einem Reigen getanzter Minidramen. Jedes Wort eine
Bewegung, jeder Satz eine Pose. Und eine Menge gestischer Assoziationen, die
bei Finzi ganz vom Körperlichen und dem konkret Vorhandenen ausgehen. Da wird
die mit Holzstreben versehene Rückenlehne eines Stuhles zur Harfe oder zur
Gefängniszelle, und auch wenn er bloß Zuhörer ist, zieht Finzi die
Aufmerksamkeit auf sich, weil er das Gesagte mimisch beantwortet, es beglaubigt
und verstärkt, sich selber dabei maximal nach vorne bringend und doch ganz im
Dienste der Sache stehend.
Wie Moskov hat auch Samuel Finzi in Sofia unter anderem bei Yuliya Ognyanova
studiert. Sie führte eigentlich die Klasse für Puppenspiel. "Aber sie hat ihren
Studenten versucht beizubringen, was es heißt, Clown zu sein, eine Clownssicht
auf die Welt zu haben. Sie nannte das, 'das Süße im Spiel'. Wenn das Spiel 'schmeckt'. Körper und Geist werden eins, wenn sich alles befreit. Das habe ich
später versucht und dann fühle ich mich wie beim Jazz, wie in einer Band. Da habe
ich überhaupt viel gelernt, beim Hören von Jazz."
VII.
Samuel Finzi ist auf der Bühne ein hundertprozentiger Spieler. Seine körperliche
Konzentration ist enorm. Auf alles, was passiert, reagiert er schnell und
erfindungsreich. Manchmal albern ("Ich habe eine Comicfantasie"), aber dann
auch gleich wieder abwinkend und in seine Grundhaltung zurückkehrend. Aufrecht,
den Kopf leicht schräg in den Nacken gelegt, das Kinn erhoben, mit
hochgezogenen Augenbrauen herabblickend auf das Geschehen um ihn herum und eine
Hand in nachlässiger Eleganz mit dem Handrücken hinter der Hüfte aufgestützt.
Ein Stierkämpfer.
Dazu die überraschend hohe, knarzend-sprungbereite Stimme mit der balkanischen Melodie,
die mal ganz ausgeprägt ist und das Gesagte wie in "Volpone" oder "Kampf des
Negers..." in einen zusätzlichen Kunstraum rückt, die manchmal aber auch, wie
in "Iwanow", fast verschwindet und nur noch zu erahnen ist. "Es ist die Musik,
die mich führt, auch in den Texten. Lange Zeit, bevor ich die Sprache gut
konnte, habe ich nur musikalisch gelernt. Später, als ich begonnen habe, auf
deutsch zu denken und zu träumen, habe ich das etwas vernachlässigt, aber
letztlich muss ich immer darauf achten, wie ein Satz verläuft, weil die
Gleichmäßigkeit der deutschen Sprache mit meinem Körper überhaupt nichts zu tun
hat. Wenn das Wagner ist, bin ich Prokofjew. Aber das zwingt mich, meine
Gedanken zu ordnen. Und so entsteht oft etwas Drittes, was ich sonst nicht
erzeugen könnte."
Am Anfang seiner Theaterlaufbahn war Samuel Finzi vom Bildertheater fasziniert.
Von Mnouchkine oder Wilson, bei dessen Hamburger "Time Rocker" er auch
mitmachte. Dann aber entdeckte er mit Simon McBurneys Theatre de Complicite und der Arbeit von Alain Platel interessantere Alternativen zum Literaturtheater. "Platel...". Da lächelt er
und schließt die Augen.
Ein Tänzer ist er selber nur als Schauspieler. Musiker jedoch durchaus in Echtzeit.
Schlagzeug, Klavier, Gesang. Am Thalia Theater arrangierte Stefan Moskov 1998 "Blue in Blue. Eine George Gershwin-Session", die als Konzertfassung auch in
Sofia gastierte. Gemeinsam mit der bulgarischen Kollegin Maya Novoselska moderierte Samuel Finzi den Abend, sang, tanzte und betrieb Vokalartistik. Der
Saal tobte. Itzkos Sohn. Ein Star aus Deutschland.
VIII.
Samuel Finzi unterscheidet sich von den meisten seiner deutschen Kollegen durch das
ungebrochene Vertrauen in seinen Körper als Instrument. Natürlich gibt es
andere Virtuosen und Jazzer auf den Bühnen. Wolfram Koch etwa ist für Finzi in
gleich mehreren Produktionen der ideale Partner, weil auch er ein
bedingungsloser Echtzeitspieler ist. Aber Koch erzählt seine Geschichten im
wesentlichen über die Sprache. Mimik und Gestik liefern zu. Anders Finzi, der
auf der Bühne im Ernstfall immer auch ohne Stimme auskäme. Was verführerisch
wirkt und verblüffend. Was sich aber auch verdächtig macht, sentimental zu sein
und womöglich unterkomplex in seinem scheinbaren Identischsein mit sich selber.
What you see, ist what you get. Kurz vermutet: Dem protestantisch geprägten
deutschen Theaterbetrieb war Finzi vielleicht bislang einfach nicht geistig,
nicht cool genug.
Seit "Iwanov" aber gibt es ein anderes Interesse an ihm. Und wie es ihm da gelang,
das Körperliche zu transzendieren, veränderte auch sein eigenes Verhältnis zu
seinen Mitteln. In dem Commedia dell'arte-Stück "Volpone" lässt er es zwar
wieder krachen, aber nur kurz jeweils, als Zitat, und zwischendrin steht er in
seiner fast vollständigen Bandagierung manchmal reglos da. Wobei er keineswegs
eine Angleichung seines Stils etwa an die Ich-Ästhetik der Volksbühne
ansteuert. Im "Großen Fressen" ist deutlich zu sehen, dass Milan Peschel und
Herbert Fritsch auf dem Mars leben, Samuel Finzi als Spieler aber weiterhin auf
der Venus zuhause ist. Jene nähern sich ihren Rollen ganz als sie selber,
lauernd und angriffslustig. Finzi hingegen fühlt sich ein und nimmt das
Grundgefühl der Verlorenheit, das den anderen beiden den Zugang versperrt, mit
in das Groteske seiner Figur hinein. Es ist wieder die geschmeidigere, handwerklichere,
stark körperbetonte Lösung. Aber angesichts der szenischen Ergebnislosigkeit
des anderen Ansatzes kann keiner mehr sagen, dies sei der uninteressantere Weg.
IX.
Samuel Finzi ist ein Suchender. Und gewiss nicht auf dem breiten Weg. "Unheimlich ist,
dass mir bei meinen letzten Produktionen jeweils Dinge passierten, die etwas
mit meinen Rollen zu tun hatten. Bei 'Kampf des Negers...' erlebte ich
Ungerechtigkeit, bei 'Volpone' hatte ich Ärger mit einer
Erbschaftsangelegenheit." Und Ende 2004, zwei Monate vor Beginn der Proben zu "Iwanow" ist, an einem Gehirntumor, seine Frau Dimitra gestorben. Damals habe
er viel über sich gelernt. Auch in der Arbeit. Der Weg der Reduktion begann. "Pointen zu spielen, habe ich mich schon immer geschämt. Aber erst jetzt traue
ich mich allmählich, auf der Bühne auch von mir selber zu erzählen." Trotzdem
hat er das Volksbühnenensemble letzte Spielzeit verlassen und ist dort nur noch
Gast. Wie er irgendwann auch das Ensemble des Thalia Theaters verließ, obwohl
dort alles stimmte. Verwurzelungssehnsucht contra Fluchtreflex. "Ich kann mir
durchaus vorstellen, noch einmal woanders hinzugehen und zu lernen, in einer
anderen Sprache zu spielen."
13 Kommentare.
1. Samuel Finzi
Dirk, Nicht registriert
Toller, hochinteressanter Artikel!
Samuel Finzi ist ein fantastischer Schauspieler!
2. Samuel Finzi in "Flemming": hervorragender Schauspieler
margot ringwald schweiz, Nicht registriert
Haben heute "Flemming" gesehen.Endlich ein hervorragender junger Schauspieler , intelligent , ausdrucksvoll !!
3. Samuel Finzi: Rampensau für Castorf?
PETRA, Nicht registriert
Ja hier ist uns endlich ein Schauspieler gegeben, der uns Freude macht, ein neuer Star, ein Verführer. Schade das Tarantino ihn nicht schon entdeckt hat, aber vielleicht kann der gute alte Castorf ihn zu der notwendigen Rampensau machen, die seinen Karren aus dem Dreck zieht! Das wäre doch richtig doll.
4. Samuel Finzi: mit dem eigenen Ich fremdspielen
123, Nicht registriert
"Jene nähern sich ihren Rollen ganz als sie selber, lauernd und angriffslustig. Finzi hingegen fühlt sich ein und nimmt das Grundgefühl der Verlorenheit, das den anderen beiden den Zugang versperrt..." Die Frage ist: Mit dem eigenen "Ich" fremdspielen, fremdgehen; oder aber sich in die Bücher, die Seele schauen lassen ? - Vielen Dank Frau Kohse für diese Bettlektüre. (kann´s nicht lassen)
5. Samuel Finzi: doch kein Star
Margot und Petra, Nicht registriert
Finzi, das geht gar nicht. Wir haben es uns überlegt. Wir nehmen unsere Kommentare zurück. Er ist ja auch nicht umsonst kein Star.
6. Samuel Finzi: "Selbstmörder" einfach abgesetzt
1. Rang, Mitte, Platz 3, Nicht registriert
Ach, der Castorf (...) hat damals Gotscheffs grandiose Selbstmörder-Inszenierung mit Finzi und Fritsch einfach abgesetzt, weil er sie nicht begriffen hat. Da sollte man sich wirklich nichts erhoffen. (...) UND: ja, wirklich ein wunderbares Porträt von Samuel Finzi auf dieser Seite.
7. Samuel Finzi: Warum zensieren Sie mich?
1 Rang ..., Nicht registriert
Wieso zensieren Sie mich denn? Angewachsenes Brett vorm Kopf ist nun wirklich keine Beleidigung, sondern eine Diagnose. Auch "doof" ist ein niedliches Schulhofwort und angesichts der selbstherrlichen und autoritären Methoden, mit der Castorf manchen seiner Schauspieler entsorgt hat, eigentlich untertrieben. Da habe ich hier schon ganz andere Sachen gelesen. Sie sind doch nicht etwa dem Castorf was schuldig? Dann sollten Sie als Theaterfeuilleton schleunigst das Wort "unabhängig" aus Ihrer Selbstbeschreibung nehmen.
Antwort der Redaktion: Bitteschön. Jetzt haben Sie das ja zumindest ein wenig näher erklärt.
8. Samuel Finzi: "Selbstmörder" war ein Flop
Kai, Nicht registriert
Der SELBSTMÖRDER war ein Flopp und wurde deshalb abgesetzt.... wenn das Publikum aus bleibt, dann verschwindet eine ach so gute INszenierung trotzdem vom Spielplan.
Mal schauen, ob UBU wieder kommt...
9. Samuel Finzi: hat was
sonja, Nicht registriert
Bin zufällig in "Flemming" reingeraten. Und hängengeblieben. Irgendetwas hat der Typ an sich.
10. Samuel Finzi: zum Träumen
angelika, Nicht registriert
ja, genau, das finde ich auch - du schaust hin und siehst, ja, der ist doch süß, mit seinen Schwächen, und seinem Humor und etwas männlich ist er ebenfalls, ach, ja - gut das es solche Männer wenigstens im Fernsehen zu betrachten gibt. Und auf der Bühne. Na klar. aber da ist er nicht so nah und ich muss immer eine Menge Wortregen auf mich niederprasseln lassen, alles hoch bedeutend, aber ätzend letztlich. Im Kino, ganz groß möchte ich ihn noch sehen und ein bisschen was darüber, wie er als Mensch so ist, würde ich gerne erfahren. Nicht zu viel, sonst wird er mir dann doch noch zu anstrengend, ich brauch ihn zum Träumen und nicht zum Herumärgern.
11. Samuel Finzi: völlig uninteressant
Lisette, Nicht registriert
Aber das ist doch furchtbar, diese nervenden, genuschelten Billigpsychologie-Vorträge. Das ist doch eine katastrophal schlechte Serie, völlig uninteressant. Wer denkt sich denn so ambitiösen Mist aus. Finzi, ruinieren Sie nicht ihre Karriere, kommen Sie zurück ins Theater!
12. Samuel Finzi: im Theater lange nicht so schmusig
Hannelore, Nicht registriert
das ist doch so egal, was der sagen muss, da würde ich nicht so einen wert drauf legen, wie er schaut, das ist so hübsch, seine kleinen verlegenheiten, das räuspern, die gewitztheit - im theater wirkt das doch lange nicht so schmusig und was da gesagt wird, na ja besser ist das doch nicht, oder!?
13. Samuel Finzi: gemeingefährliche Dämlichkeit
Brenda Pferdehalfter, Nicht registriert
Die Drehbücher von Flemming sind ja in ihrer Dämlichkeit wirklich gemeingefährlich (gestern: Krötenlecker und Affektverschiebung - so was Doofes). Finzi ist der einzige Grund, das zu gucken. Es wäre toll, wenn man das Ganze noch einmal überdenkt und Finzi ein paar vernünftigere Drehbücher schreibt. Er ist soooooo toll ...