Mittwoch, 26. November 2014

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Wallenstein – Thomas Langhoff präsentiert Schiller als reizlosen Krimi-Autor

Aufs Pferd, aufs Pferd!

von Peter Schneeberger

Wien, 19. Dezember 2007. Dass es ein flotter Abend werden sollte, hat Regisseur Thomas Langhoff schon Tage vor der Premiere in mehreren Interviews eindringlich verkündet: In hurtigen vier Stunden werde er am Wiener Burgtheater Friedrich Schillers monumentales Drama von Wallensteins Ende erzählen. Zwar sei das Verspoem "das beste Stück der deutschen klassischen Literatur", wie er etwa dem "Spiegel" anvertraute. Doch bedeute dies noch lange nicht, dass er dem Meisterdichter nicht am Zeug flicken dürfe.

Damit war das Match eröffnet zwischen Langhoff und dessen Kollegen Peter Stein, der den Dreiteiler vergangenes Frühjahr ungekürzt in Berlin produzierte: Der Ironman des Theaters bot seinem Publikum zehn Stunden Schiller total.

Geknittelter Soldatenrap

Mit einem derart frechen Coup hat freilich niemand gerechnet: Ausgerechnet der gutbürgerliche Langhoff eröffnet seine Inszenierung mit einem herzhaften Wallenstein-Rap. Eine ganze Batterie raubeiniger Soldaten singt sich ihre Sorgen von der Seele, angeführt von Schauspieler Johannes Krisch, der ins Mikro die Knittelverse brüllt: "Wohl an, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen." Nach knappen zehn Minuten ist die MTV-Performance vorbei – und mit ihr auch bereits das erste Drittel des Dramas, "Wallensteins Lager".

Denn für Schillers tableauhafte Schilderung eines Soldatencamps hat Langhoff keinerlei Sinn: Konsequent haben seine beiden Dramaturgen Wolfgang Wiens und Ursula Voss alle Verse über Bord geworfen, die nicht der Handlung dienen. Dem Rotstift fielen die philosophischen Betrachtungen über Freiheit, Treue, Einsamkeit und Willenskraft ebenso zum Opfer wie stimmungsvolle Details: Langhoff will das zweihundert Jahre Drama als packenden Polit-Thriller erzählen.

Er hat ja Recht: "Wallenstein" ist ein dunkles Kammerspiel der Macht. Gefährlich spielt der kaiserliche Generalissimus Wallenstein mit der Möglichkeit eines Militärputsches. Zu tief hat ihn der Kaiser einst auf dem Reichstag in Regensburg gekränkt. Doch der Versuch, sich selbst zum König von Böhmen zu krönen, schlägt kapital fehl, und der einst gefeierte Held wird schnöde im Bett erstochen.

Ohne zu Zögern ins Zentrum gezielt

"Es ist das wichtigste Werk zum Thema Macht und Schicksal", meint Burgtheaterdirektor Klaus Bachler. "Tat und Folgen sind eng ineinander verwoben, und es zeigt, dass der Mensch auf die wesentlichen Dinge in seinem Leben wenig Einfluss hat. Wallenstein stirbt nicht an seinen Mördern, sondern an sich selbst."

An diese Vorgabe hat sich Langhoff gehalten, der bereit war, für seine Kurzfassung einen hohen Preis zu zahlen: Er demolierte Schillers geniale Dramaturgie konzentrischer Kreise, die vom Rand aus immer weiter ins Innere der Macht führt, von den Statisten der Historie zu den Protagonisten, von den äußeren zu den inneren Motiven. Am Burgtheater setzt der Abend direkt im Zentrum der Macht ein: dem entscheidenden Gespräch zwischen Questenberg und Octavio Piccolomini, den kaisertreuen Verrätern.

Während Klaus Maria Brandauer alias Wallenstein bei Peter Stein erst nach zwei Stunden seinen Fuß auf die Bühne setzte, wird er bei Langhoff bereits nach zwanzig Minuten vorstellig: Gert Voss gibt den General als selbstgefälligen Politiker. Sein weißes Hemd ist offen, die Löwenmähne lässig zurückfrisiert: Dieser General hat schon lange nicht mehr im Dreck gelegen. Seine Schlachten werden vom Schreibtisch aus diktiert.

Gemütlichkeit der Herrscherklasse

Der Graf und die Gräfin Terzky, Feldmarschall Illo, Max Piccolomini: allesamt sind sie Repräsentanten einer mondänen Herrscherklasse. Sie parlieren eher, als dass sie agieren, und es ist nur verwunderlich, dass die Schauspieler beim Rezitieren ihrer geschliffenen Jamben nicht einer nach dem anderen sanft entschlummern. Langhoff wollte die Selbstzufriedenheit einer ganzen politischen Klasse porträtieren – doch stattdessen tappte er in eine fatale Falle: Er verordnete den Schauspielern vor allem Gemütlichkeit.

Christian Nickels Max ist kein treuherziger Feuerkopf, sondern bloß eine spießige Krämerseele, Octavian Piccolomini (Dieter Mann) kein Verschwörer von hohen Graden, sondern ein braver Parteisoldat. Auch das restliche Burgtheaterensemble bleibt erschreckend unter Niveau, bloß Gert Voss versteht es geschickt, seinem Wallenstein monströse Größe zu verleihen. Als ihn Freunde vor Intrigen warnen, lacht er laut auf: Mich sollte jemand verraten? Ach was.

Als Wallenstein nach der Pause seinem Untergang entgegenrast, erwacht der Abend sukzessive aus seiner Lethargie: der Thriller entfaltet seine ganze Anziehungskraft. Doch ist es für Schiller schon zu spät. Was immer man von Steins philologischer Pedanterie auch halten mag: Sein "Wallenstein" hatte den Reiz der großen Tat. Bei Langhoff reichte es bloß zu Theater von der Stange.

 

Wallenstein
von Friedrich Schiller
Regie: Thomas Langhoff, Bühne: Bernhard Kleber, Kostüme: Marion Münch, Licht: Friedrich Rom, Musik: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Wolfgang Wiens/Ursula Voss. Mit: Gert Voss (Wallenstein), Dieter Mann (Octavio Piccolomini), Christian Nickel (Max Piccolomini), Johannes Terne (Graf Terzky), Dirk Nocker, Johannes Krisch, Ignaz Kirchner, Heinrich Schweiger, Franz Csencsits, Robert Reinagl, Peter Matic, Gerd Böckmann, Roland Kenda, Juergen Mauer, Branko Samarovski, Paul Wolff-Plottegg, Dirk Warme, Michael Gempart, Ronald K. Hein, Kitty Speiser, Pauline Knof, Petra Morzé.

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

In der FAZ (21.12.2007) hat es Gert Voss als Wallenstein mit einem Foto auf die Titelseite geschafft, aber nur auf Seite 3 des Feuilletons. Gerhard Stadelmaier erläutert dort, dass "in Schillers poetischen Großkleinteilchen ... der Widerschein des tragisch großen Ganzen" liege. Das in Wien aber entfalle: "Mit den Kleinwichtigteilen. Weil sie gestrichen sind." Übrig bleibe "ein Skelett an purer Handlung". Gert Voss spiele einen "mürrischen, meist schlecht gelaunten, alten Chef, der sich letzte nervige Konflikte abquält, von denen er den einen oder anderen cholerisch genießt". Zwar mache er das sehr gut, bleibe dabei aber "seltsam privat. Sein Wallenstein geht uns nichts an." Und Regisseur Thomas Langhoff, der den "Krieg als Fabrikspiel" inszeniere, zeichne keine Welt: Der "ganze Gegenwartsanzugsplunder in Wien" sei "ein kostümierter Aktualitätsbetrug, ein ziemlich matter Mummenschanz à la: Ja, so san's halt, die Leut' von da droben."

Christopher Schmidt geht in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2007) hart mit Gert Voss ins Gericht, der aus einer "Riesenrolle komödiantisches Kleinholz" mache: Sein Wallenstein sei "aus dem morschen Holz der Edelroutine geschnitzt." Voss spiele nicht die Rolle, "sondern er spielt mit der Rolle – aber nicht mit seinen Bühnen-Partnern, dem mimischen Bodenpersonal". Die Strichfassung sei zudem "viel zu ergebnisorientiert, um längere Spielzüge zuzulassen." Regisseur Langhoff wiederum habe gründlich verborgen, "dass ihn das Stück seit Jahrzehnten umtreibe", in seinem "Säurebad" seien "nur die Knochen des Handlungsgerüsts" geblieben. Die Ausstattung verlege die Handlung "in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, das Stück heißt nun: 'Die letzten Tage im Führerbunker' und ist pures Infotainment. Guido-Knopp-Theater." Kurz: "Die Inszenierung ist nicht satisfaktionsfähig."

In der Frankfurter Rundschau (21.12.2007) meint Peter Michalzik, dass die Wiener "Wallenstein"-Aufführung in den stärksten Szenen "das Psychogramm eines Mächtigen" sei, "meist aber ist sie erschreckend banal." Denn das Stück werde "höchst unentschieden und schillerfern erzählt. Wüsste man es nicht besser, müsste man Langhoff die Kernkompetenz absprechen: genaues Lesen." Gert Voss aber sei "die ideale Besetzung" für Wallenstein, er spiele "den Mächtigen, der vom ersten Moment an ein Gefangener der Umstände ist" und bringe "das Kunststück fertig, Selbsterkenntnis und Selbstverblendung unentwirrbar zu mischen". Der Rest der Aufführung aber sei ernüchternd: Die Strichfassung hebe zwar "die Handlung hervor", allein "die Regie interessiert sich nicht für sie". Schließlich werde der Untergang des Hauses Wallenstein "mit traniger Betroffenheit und zähem Hin und Her zu Ende zelebriert".

In der Welt (21.12.2007) glaubt Matthias Heine, Langhoff wolle mit der Aufführung offenbar nur darüber belehren, dass "das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges ... ganz viel mit den jüngsten Kriegen auf dem Balkan und in Nahost zu tun" habe. Gert Voss habe "seiner Spiellust Fesseln angelegt", weil der Regisseur "keinen Charismatiker an der Spitze des kaiserlichen Heeres" wollte. Und so sei Voss’ Wallenstein "eher ein schlaffer Iwanow", einer, der "vielleicht schon immer melancholisch war und den Krieg und dem Ruhm einmal brauchte – wie eine Droge, die jetzt aber nicht mehr richtig wirkt". Ansonsten beobachtet Heine "leider allzu viel schauspielerisches Fußvolk, und sogar ehemals faszinierende Kräfte ... beweisen wieder einmal die magische Fähigkeit des Burgtheaters, aus jedem, der hier allzu lange Dienst tut, eine Knattercharge zu machen".

In der Neuen Zürcher Zeitung (21.12.2007) konstatiert Barbara Villiger Heilig "ein Regiedebakel." Langhoff habe "das grandiose Stück über den berühmtesten Feldherrn des Dreissigjährigen Kriegs verkleinert bis zur Unverständlichkeit". Langhoff erzähle "zwar eine Story, vergisst aber Dynamik, Gewichtung und Struktur. Was so speziell sein soll an dem Herrn, der mit weisser Karajan-Mähne seinen Wallenstein gibt, weiss höchstens er selbst." Auch Gert Voss spiele "in arg dezimierter Weise und meilenweit entfernt vom souveränen Kriegsunternehmer Herzog von Friedland". Überhaupt erhalte keine Figur "genügend Chance, sich zu entwickeln", das ganze Ensemble erliege "der Lächerlichkeit, einen gigantischen historischen Stoff kleinherzigem Stadttheatergeschmack anzupassen".

Norbert Mayer notiert für die Wiener Zeitung Die Presse (21.12.2007), dass beim Burgtheater-"Wallenstein" "post-revolutionärer Kitsch" zu sehen sei, "bei dem nicht nur Schillers spannende Geschichtsphilosophie, sondern eine Reihe potenter Schauspieler auf der Strecke bleibt". Der "kräftige historische Schinken" werde "mit wenigen Ausnahmen auf Diät für verletzte Seelchen reduziert". Gert Voss sei "nicht ein mitreißend populistischer Feldherr ..., sondern bestenfalls ein alter Börsenhai, dem ein Karibik-Abenteuer in die Hose gegangen ist. Voss derart auf U-Haft-Größe zu reduzieren, grenzt an Rufmord." Einsame Spitzen "in einem braven Kammerspiel" seien Ignaz Kirchner als Buttler und Dieter Mann, der den Octavio Piccolomini als "ein gefährliches Raubtier" spiele.

Ronald Pohl spottet im Wiener Standard (21.12.2007), dass "der Marschallstab des 'Herzogs' einem abgesägten Bettpfosten" ähnele – "womit die fatal uninspirierte Ästhetik dieses bleischweren Abends bereits ihren gemäßen Ausdruck findet". Gut leben könne man noch "mit Voss' mildem Feldherrn als uneingestanden todessüchtigem Hausvater", dessen "Kabinettspolitik etwas von der Verzichtslogik eines seiner Zukunftsängste enthobenen Luxusrentners" habe – "mit großbürgerlichem Hintergrund". Leider aber diene man ansonsten "den Klassiker als Schulbuchreportage mit lauem Gegenwartsbezug herunter". So bleibe – "aus einem Ozean des Mittelmaßes herausgefischt – das Bild des liebenswürdigen, todgeweihten Zauderers im Gedächtnis unbefriedigend haften".

Im neuen Jahr hat sich dann auch noch Jens Jessen in der Hamburger Zeit (3.1.2008) zu einer Kritik entschlossen und watscht Thomas Langhoffs "Wallenstein-Konzentrat" als "Verzwergung ins Bürgerliche" ab. Schuld daran sei auch Gert Voss, der aus Jessens Sicht in der Titelrolle eine Fehlbesetzung ist und auf ihn eher wie eine mißvergnügte, ibsenumwölkte Tschechowfigur wirkte. Aber auch die Regie fällt Jessen durch ihre rabiate Modernisierungsattitüde unangenehm auf: "Um 17.00 Uhr beginnt das Stück, 17.10 Uhr hat sich das Feldlager ausgerappt, 18.00 Uhr findet das Besäufnis zur Erschleichung der Unterschriften statt, neigt sich also der zweite Teil, die Piccolomini, dem Ende zu, 18.30 tritt schon der Schwede auf (...) Mit anderen Worten, was hier waltet ist die totale Vergleichgültigung".




Kommentare (4)

1. Langhoffs Wallenstein: Kritik lässt vieles offen
schiller gemütlich, kuschelig, kein fortschritt, armer herr
langhoff und armer herr voss, oder?
Diese Kritik läßt wieder vieles offen, einerseits gut, einerseits schlecht. Der Kritiker will sich nicht festlegen
oder festlegen lassen. Bißchen Gips, oder Beton, würde Frau Löffler sagen.
revolte47 , 21. Dezember 2007 - 12:18 Uhr
2. Wiener Wallenstein: angenehmer Schlaf
Ich bin tatsächlich vor der Pause von den scharfgeschliffenen Jamben sanft in den Schlaf versetzt worden, fand das aber sehr angenehm. Dann nach der Pause der aktionsreiche Kontrast. Wehende Militärmäntel und Kampfanz
Christine Langmeier , 22. Dezember 2007 - 14:10 Uhr
3. Wiener Wallenstein: Dramaturgiedebakel
Das Debakel geht zum größten Teil zu Lasten der hirnlosen Dramaturgie.
Grab , 23. Dezember 2007 - 11:21 Uhr
4. Wiener Wallenstein: Schiller und Hitchcock hätte es gefallen
Ich fand die Aufführung alles andere als ein Debakel. Fast vier Stunden lang Hochspannung, natürlich stark gekürzt, aber eine sehr heutige Textfassung. Und genau so leise und intensiv gesprochen, dass man im riesengroßen Burgtheater jedes Wort noch hören konnte. Ein wunderbares Kammerspiel um Macht und Intrigen. Schiller, glaube ich, hätte es gefallen, Hitchcock auch.
I. Müller , 23. Dezember 2007 - 23:49 Uhr

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