Das große Massakerspiel

von Sascha Westphal

Bochum, 4. Dezember 2014. Die Repräsentanten der mysteriösen Firma RSSS sind abgetreten. Der große, der ewige Krieg, den Rainald Goetz' erstes, 1987 uraufgeführtes Theaterstück schon im Titel beschwört, ist natürlich nicht vorbei. Aber eine Schlacht ist geschlagen. "Die Erde ist blutüberströmt", heißt es zuletzt noch. In dem kleinen Bochumer Katakomben-Theater in der Rottstr. 5 müsste es allerdings eher heißen: Die Erde ist bierüberströmt. Aber eigentlich ist das schon bei Goetz ein und dasselbe. Die in Bier getränkte Bühne versinkt im Dunkel. Nur links vorne taucht ein einziger Scheinwerfer einen Plattenspieler in fast schon geisterhaftes Licht. Die Musik ist verstummt, nur der Plattenteller dreht sich unaufhörlich weiter. Auf ihm stehen drei Flaschen Bier und werfen riesige Schatten an die hintere Wand.

Heidegger, Stammheimer und Stockhausen, die drei unermüdlichen RSSSler mit den so anspielungsreichen Namen, die von der reinen Wissenschaft schwärmen, eine Revolution herbeireden und Bier predigen, sind weg und doch noch da. Kreisende Flaschen, die in einem fort in Bewegung sind, aber nicht von der Stelle kommen. Ein grandioses Bild für Goetz' wütenden Weltentwurf. Überwältigend gerade auch in seiner totalen Stille. In ihr können die Worte und Sätze dieses großen deutschen Sprachmassakers nachhallen. Noch einmal, nun in Gedanken und Erinnerungen, füllen sie den Raum, die dumpfen Trinksprüche und die poetischen Beschreibungen, die wüsten Hasstiraden und die abgründigen Wortspiele, die verstümmelten Alltagsparolen und die hohlen Wissenschaftsphrasen. Dann verlischt auch der letzte Scheinwerfer, aber sie bleiben und wirken fort.

"Wenn das Argument kein Gewehr ist …"

1987 hieß der erste Teil von Rainald Goetz' Weltzerstörungs-, Familienvernichtungs- und Ichzersetzungstrilogie "Krieg" noch "Heiliger Krieg". Mittlerweile ist das Adjektiv auf Wunsch des Autors aus dem Titel verschwunden. Und nun hat Hans Dreher für seine Inszenierung des Stücks auch noch etwa die Hälfte des Textes eliminiert. Übrig bleibt ein höchst amüsantes, dabei aber keineswegs oberflächliches Konzentrat. Dreher spitzt konsequent zu und dringt zur Essenz des Textes vor.krieg6 560 sabine michalak uBier-Revoluzzer in Bochum © Sabine Michalak

Es erklingen zwar immer noch Sätze wie: "Wenn das Argument kein Gewehr ist, ist es immer wurscht." Doch die Revolution, die Goetz und Dreher anstreben, ist eine der Sprache. Nicht Menschen müssen exekutiert werden, sondern Formen des Sprechens. Und dem gibt sich das gerade einmal dreiköpfige Ensemble in dem dunklen, beinahe höhlenartigen Gewölbe des Bochumer Off-Theaters mit einer unbändigen Lust hin. Kinga Prytula, Bernhard Glose und Linus Ebner verkörpern nicht nur das RSSS-Trio Heidegger, Stammheimer und Stockhausen. Sie sind auch der Chor der jungen hübschen Mädchen, mit dem Goetz die Antike in die Gegenwart holt, und spielen zudem all die mündigen Bürger wie die bewaffneten Soldaten, die in unzähligen Variationen auftreten.

Rausch und Revolution

Als Bier-Revoluzzer und Wissenschaftsgeschäftemacher, die sich ständig zuprosten und "über die guten alten Zeiten" reden wollen, spielen sich Prytula, Glose und Ebner immer wieder in einen wahren Rausch. Der Klassenkampf als Trinkritual und -spiel. Auf dem Höhepunkt balancieren sie gemeinsam auf leeren Bierkisten, auf denen sie sich nur noch gemeinsam halten können. Eine artistische Choreographie, während derer ihre standardisierten Sprüche wie die Schaumkrone auf einem Bier in sich zusammenfallen.

Was nicht Rausch und (Sprach-)Revolution ist, wird Spiel im Spiel. Schon Goetz wendet sich immer wieder der Bühne selbst zu. So lassen in einer Szene ein eleganter und ein wohlriechender mündiger Bürger ihren Frust über das Theater heraus: "Das ganze Theater eine einzige Userfeindlichkeit." Dreher und sein Ensemble gehen noch weiter. So wird das desaströse Zusammentreffen von Gloses Stammheimer mit einem "verantwortlichen angestellten mündigen Bürger" (Kinga Prytula mit einer irrwitzigen blonden Perücke) zur Probensituation. Linus Ebner führt Regie und gibt ständig Anweisungen, die eine an sich schon absurde Situation, das Nicht-Gespräch eines Radikalen mit einem abwiegelnden Verantwortungsträger, ins vollends Groteske treiben. Das ist alles nur Theater … auch in der Wirklichkeit.

Sublime Verbeugung

Dieses bewusste Ausstellen seiner theatralen Mittel ermöglicht es Dreher sogar, den Walpurgisnacht-Spaziergang eines Mädchens mit einem Soldaten in eine zutiefst romantische Szene zu verwandeln. Inmitten all der Sprachvernichtungsorgien erspielen sich Kinga Prytula und Bernhard Glose einen bezaubernden, zunächst in nächtliches Blau, dann in gefühlvolles Rot getauchten Moment reiner Zärtlichkeit. Eine sublime Verbeugung vor Rainald Goetz' zarter Poesie. Dieses Theater ist eine einzige Userfreundlichkeit.

 

Krieg
von Rainald Goetz
Regie: Hans Dreher, Mitarbeit Licht: Awa Winkel, Simon Krämer, Tonbearbeitung: Simon Krämer.
Mit: Kinga Prytula, Bernhard Glose, Linus Ebner.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.rottstr5-theater.de

 

Kritikenrundschau

Als "notwendige Zumutung" und als "Fanal für ein direktes, schnelles, angriffslustiges, sinnliches Theater" feiert Tom Thelen die Inszenierung in der Westfälischen Allgemeinen Zeitung (8.12.2014). Regisseur Hans Dreher könne auf tolle Darsteller zurückgreifen, "Kings Prytula, Bernhard Glose und Linus Ebner bändigen das Textmonstrum mit extrem viel körperlichem Einsatz und einem beachtlichen sprachlich-rhetorischen Zugriff." Sie führten die Figuren nicht vor, kein falscher, kein Kabarett-Ton sei zu hören. "Der textliche Wahnsinn wird ausagiert, erst durch diese stete Ambivalenz und Ernsthaftigkeit entwickelt sich eine Komik, allerdings eine hochböse, fast zynische."

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