Erzähltes Theater

von Nikolaus Merck

März 2015. Günther Rühles zweiter Band zum "Theater in Deutschland", diesmal das zwischen 1945 und 1966 in den Blick nehmend, beschäftigt sich mit dem Wiederaufbau der Theaterhäuser und Ensembles und der Rekonstruktion des Theatersystems, wie es die Nazis bei der Schließung aller Spielstätten 1944 hinterlassen hatten. Und mit der Wiedergewinnung der Errungenschaften der zwanziger Jahre: Bertolt Brecht und Fritz Kortner entwickeln einen neuen Realismus der Bühne, Erwin Piscator re-politisiert das Theater und befreit die Szene von der Allmacht des Wortes. Das Buch bietet 1.200 Seiten Text, 300 Seiten Anhang, Bilder gibt es keine. Die Erzählung schöpft aus dem "unmittelbaren Erleben" (Rühle) der Theaterkritiker, ergänzt um Biographien, Briefe, Archivalien. Der Autor schreibt, als sei er, ein Gott des Theaters, bei allen Aufführungen, die er schildert, selbst Augenzeuge gewesen.

cover ruehle theater 1945 1966Die drei Abschnitte, in die Rühle sein Buch unterteilt, signalisieren sein Interesse. Dem ersten Abschnitt über die unmittelbaren Nachkriegsjahre folgen "Die Jahre der Trennung 1948 – 1961" und "Im zermauerten Land 1961 – 1966". Für Rühle ist das Theater ein nationales Phänomen (stillschweigend bezieht er ins deutsche die drei auswärtigen Hauptplätze des deutschsprachigen Theaters Wien, Zürich und Basel ein), das auch unter den Bedingungen der Teilung aufeinander bezogen bleibt und allenfalls mehr (im Westen) oder weniger (im Osten) starken Einflüssen von jenseits der Grenzen ausgesetzt ist.

Für Rühle folgt der ersten "Zerspaltung" des Theaters von 1933 in Nazis und ihre Mitmacher auf der einen sowie Exilanten und Verfolgte auf der andren Seite nach dem Krieg die Teilung in Ost und West. Trotzdem gehören sämtliche Akteure zum 'Körper' des Theater, dessen Lebensgeschichte Rühle "erkennend darzustellen" sich bemüht. Meistens in der Rolle eines Chronisten, der Ereignis auf Ereignis häuft, gelegentlich auch als Märchenonkel, der erzählt, wovon er nichts wissen kann.

Protagonisten

Rühles Hauptdarsteller sind die Protagonisten des Theaters der Weimarer Republik, sie heißen Gustaf Gründgens, Jürgen Fehling und Heinz Hilpert – Bertolt Brecht, Wolfgang Langhoff, Erwin Piscator und Fritz Kortner. Hie die Dableiber in der Nazi-Diktatur, da die Verfolgten, die jetzt aus dem Exil zurückkehren. Sie alle werden abermals zu Zentralgestirnen. Ihren großen Arbeiten in Düsseldorf, München oder Berlin folgt der Chronist Rühle. Der Märchenonkel tritt bevorzugt dann auf, wenn es um die Entschuldigung großer Künstler geht, die nichts dabei fanden, für die Mord-Nazis den schönen Kunst-Schein zu fabrizieren.

ruehle gruendgens weisgerber 1946 snob dt wiki commonsGustaf Gründgens mit Antje Weisgerber in
Carl Sternheims "Der Snob", 1946 am
Deutschen Theater Berlin. Mit dieser
Paraderolle kehrt Gründgens nach seiner
Haft auf die Berliner Bühne zurück.
© Abraham Pisarek, Deutsche Fotothek
via wiki commons
So gilt es für ihn als ausgemacht, dass nach 1933 das kritische Theater der Weimarer Zeit mitten in Berlin am Staatstheater unter Gründgens und bei Hilpert im Deutschen Theater fortlebte. Gleichsam weithin sichtbar im Verborgenen. Zugleich zitiert er die "Remigranten" wie Berthold Viertel oder Bert Brecht, die nach ihrer Rückkehr in den vierziger Jahren beklagten, wie sehr der "Reichskanzleistil", jenes hirnlose "pathetische Handlungs- und Schnellsprechtheater" in den Berliner Theatern um sich gegriffen habe. Dass Rühle diese beiden Behauptungen nebeneinander stellt, aber im Grunde nicht aufeinander bezieht, gehört zu seinem subkutanen Versöhnungskonzept. Denn egal, ob Nazi, Mitläufer oder Verfolgter, im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit und später in der Bundesrepublik fanden sie alle in der Arbeit am Theater wieder zusammen.

Was diese "Versöhnung" im Zeichen eines aggressiven Be- und Verschweigens der Vergangenheit einen als Juden Vertriebenen wie Fritz Kortner gekostet haben mag, interessiert Rühle weniger. Andererseits befindet er es für nötig, den 1946 gestorbenen Heinrich George für die Mitmacherei bei den Nazis mit "Naivität" zu entschuldigen oder in den Bühnenauftritten seines Haupthelden Gustaf Gründgens sichtbare "Nachdenklichkeit" über die zwielichtige Rolle während der Hitlerei zu erkennen. Selbst dem Großmimen Werner Krauß, unter den Nazis Spezialist für antisemitische Juden-Abscheubilder, dichtet Rühle fünfzehn Jahre post festum Gewissensbisse wegen seiner vier Juden-Rollen in Veit Harlans Hetzfilm Jud Süß von 1940 an. Belege für all diese Behauptungen liefert er nicht.

Quellen und Darstellung

Ohnehin ist die Quellenauswahl des Autors kritikabel. Weil er glaubt, unmittelbare Zeugnisse gäben authentischere Eindrücke, greift er neben den Tageskritiken, die er seit inzwischen einem halben Jahrhundert in den Archiven aufspürt, auf Schauspieler-Biographien (die seit langem als Groß- und Falschsprecherei gelten) oder journalistische Seifensiedereien wie die Gustaf-Gründgens-Biographie von Curt Riess zurück. Kritischere, neuere Auseinandersetzungen berücksichtigt er allenfalls in seiner Literaturliste. Eigenwillig erscheint auch die Darstellungsweise. Ununterscheidbar rührt Rühle Zitate aus Kritiken mit Aneignungen und freien Fortschreibungen zu Charakterisierungen von Spielweisen und Regiekonzeptionen zusammen. Er setzt Anführungszeichen, lässt aber Zitat und Nachempfundenes so suggestiv ineinander fließen, dass man bald müde wird, die 2310 Anmerkungen hinten im Buch aufzusuchen (das bemerkte bereits Bernd Stegemann in seiner Rezension des ersten Bandes von Rühles Theatergeschichte). Ginge es um Doktor-Würden, die Rühle längst besitzt, für jedes Guttenberg-Plag wäre seine Methode ein Fest. Gerne auch würde man erfahren, was der frühere Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung selbst erlebt und gesehen hat. Das jedoch verheimlicht er konsequent.

ruehle bundesarchiv bild 183-24300-0049 bertolt brecht und helene weigel am 1Bertolt Brecht und Helene Weigel am
1. Mai 1954 © Horst Sturm
Bundesarchiv, Bild 183-24300-0049
via wiki commons
Aber wie der Mann erzählen kann! Altfränkisch, oder besser post-Kerr'sch, knallen die marottösen Adverbien "durchängstet","durchtobt", "zermauert"; Inszenierungen begegnen uns gerne "rhythmisiert", "gegliedert", "gesteigert". Irgendwann endet das Kopfschütteln über die spannungssteigernden Cliffhanger, die Kolportage (über Heiner Müller: "... gedrungen, stämmig, mit tiefliegenden, suggestiven, verschlagenen Augen ..."), das Raunen und Munkeln oder die Blicke ins Herzfett seiner Heroen, und der Leser freundet sich sogar an mit dieser Manier.

Ost-westdeutsche Theatergeschichte

Je mehr sich Rühle in die fünfziger und sechziger Jahre vorarbeitet, desto interessanter gerät seine Darstellung. Die Not der Legitimierung seiner Staatstheaterhelden nimmt ab, die eigene Verwicklung in die Zeitläufte wird spürbar. Die Angst vor der Atombombe, das Leiden an der deutschen Teilung, das merkwürdige Beschweigen der jüngsten Vergangenheit übertüncht durch religiöses und allgemein-menschliches Räsonnement findet er in den von ihm geschilderten Inszenierungen wieder. Sein Kulturnation-Blickwinkel führt dazu, dass hier zum ersten Mal, soweit ich sehen kann, eine ost-westdeutsche Theatergeschichte versucht wird, die tatsächlich bis nach Halle und Darmstadt schaut, die neben Brecht, Helene Weigel und Benno Besson auch DDR-Theatergrößen kennt wie Wolfgang Langhoff, Fritz Wisten und Wolfgang Heinz.

ruehle bundesarchiv bild 183-d1005-0016-008 berlin proben  moritz tassow  bessonBenno Besson (2. v. r.) 1965 bei Proben zu
Peter Hacks' "Moritz Tassow" in der
Berliner Volksbühne. Links neben ihm der
Assistent Christoph Schroth.
© Christa Hochneder, Bundesarchiv
Bild 183-d1005-0016-008
via wiki commons
Die schiere Menge an Rezensionen, die der Kritiken-Nerd Rühle verarbeitet hat, ist sowieso phänomenal. Natürlich verfährt Rühle beklagenswert affirmativ. Er beschwört künstlerisches Gelingen als groß, weil es den Großkünstler vorangebracht habe oder einfach Ausdruck sei seiner Zeit. Tiefere Analysen oder Interpretationen sind Rühles Sache nicht. Dennoch gelingt ihm eine ingeniöse Zusammenschau, die ihres Gleichen wohl niemals mehr finden wird. In ihr hat Gründgens' angeblich epochaler "Faust" von 1957 genauso seinen Platz wie das kurze Leben der linken Scala im Wien der fünfziger Jahre (kurze Andeutungen hier) oder die Geschichte des Studententheaters in Ost und West. Herrliche Abbreviaturen widmet der Autor dem Knall, den Rolf Hochhuths Der Stellvertreter 1963 im bundesrepublikanischen juste milieu auslöste, oder dem Erscheinen des "jüngsten Remigranten" Peter Zadek, der zum "Vernichter" der letzten Überreste des Reichskanzleistils werden sollte. Wundervolle Fundstücke erzählen von den Kämpfen des jungen Adolf Dresen mit der Greifswalder Parteiobrigkeit oder vom Gruppensex, der 1965 auf der Bühne des Braunschweiger Staatstheaters sich vollzog.

Die dem Band angehängte Zeittafel endet mit dem Jahr 1966. Piscator stirbt, dem die Bundesrepublik wesentlich die Re-Politisierung des Theaters verdankt. In der DDR wird der obrigkeitliche Theaterverband gegründet, womit das Tauwetter für die Künste Ost nach dem Mauerbau beendet ist. Recht eigentlich allerdings reicht Rühles Buch bis zum September 1967, der Premiere von "Maß für Maß" in Bremen, Regie: Peter Zadek. Ein Anfang, der bis heute fortwirkt. Zum ersten Mal erfindet sich hier der Regisseur als Autor. Die Konsequenzen dieser Selbstermächtigung werden wir im dritten Band von Günther Rühles "Theater in Deutschland" besichtigen können.

Möge der Liebe Gott dem 90-Jährigen aus dem Taunus genug Kraft und Energie schenken, um sein rühmenswertes Werk zu vollenden!

 

Theater in Deutschland 1945 – 1966
Seine Ereignisse – seine Menschen
von Günther Rühle
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, 1519 Seiten, 46 Euro.

 

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