Götterliebling und Untergeher

von Nikolaus Merck

25. März 2015. Eigentlich war es ein Näseln und ein Zerdrücken der Worte, als rutsche Kartoffelbrei abwärts im Schlund. "Das Wort Traum dehnte er, als wollte er die Vokale so lange wie möglich auseinanderhalten", dazu dieses Salon-Wienerisch, das ein ganzes Theater- und Filmzeitalter grundierte. Für seine "aberwitzige, aber sehr klangvolle und melodiöse Sprechgewohnheit" ist Oskar Josef Bschließmayer berühmt geworden.

der traurige prinz jules jim still 300 sw u "Jules et Jim" von Francois Truffaut, 1962, mit Jeanne Moreau, Henri Serre und Oskar WernerFreilich, als er Jules spielte in Francois Truffauts Jules und Jim (1962), als er mit Jeanne Moreau, die er für eine arrogante Kuh hielt, auf dem Poster in unseren Jugendzimmern um die Wette rannte,  hieß er längst Oskar Werner. Er hatte sich ausgerechnet den Antisemiten Werner Krauß als künstlerischen Vater erwählt und 1946 offiziell nach dem, wie nicht bloß er glaubte, "größten Schauspieler des Jahrhunderts" benannt. Wenn wir das gewusst hätten, wäre unsere Begeisterung für den blonden Österreicher vielleicht geringer ausgefallen. So aber blieben wir noch bei den blödesten Filmen kleben, wenn nur Oskar Werners charakteristisches Organ darin erklang.

Jetzt hat Michael Degen die Oskar-Werner-Story noch einmal aufgeschrieben. Sein vierter Roman "Der traurige Prinz" schildert eine Begegnung mit Werner 1981 in Liechtenstein. Degen gastierte mit dem Münchner Residenztheater als Jean in einer Ingmar Bergman-Inszenierung von "Fräulein Julie". Oskar Werner besuchte die Vorstellung, weil er Degen für sein Wachau Festival verpflichten wollte. Werner lädt den zehn Jahre jüngeren Kollegen in sein Haus ein, sie erzählen sich ihr Leben, soweit Degen zu Wort kommt, streiten, besaufen sich eine Nacht lang mit Grünem Veltliner von Willy Bründlmayer. Davon handelt der "Roman einer wahren Begegnung".

cover der traurige prinzWerners  größere Karriere als Spiegel für Degen

In allen Büchern über Oskar Werner steht, mit geringen Nuancen, immer dieselbe Geschichte. Das begnadete Talent, die merkwürdig-charakteristische Stimme, die schreckliche Kindheit in ärmlichen und psychisch bedrückenden Verhältnissen, das Engagement des Halbwüchsigen 1941 ans Burgtheater, die Heirat mit einer viel älteren Kollegin. Werner wurde im Krieg verschüttet, desertierte aus der Wehrmacht, überlebte im Versteck. Nach dem Krieg die Karriere am Burgtheater, 1950 ging er nach Hollywood, spielte einen legendären "Hamlet" in Frankfurt 1953, den "Jahrhundert-Don-Carlos" mit Werner Krauß zur Wiedereröffnung des Burgtheaters 1955. Es folgten: die Zusammenarbeit mit Francois Truffaut, die Hollywood-Karriere, Allüren, Egomanie, Trunksucht (ab Minute 1:10). Gescheiterte Ehen, gescheiterte künstlerische Projekte, Niedergang und Tod 1984 mit 61 Jahren.

Michael Degen lässt den Roman-Oskar Werner als Säufer vom Berge diese Geschichten alle noch einmal erzählen. Vielleicht, um seine eigene, zu Beginn so frappierend ähnliche Karriere im Lichte einer größeren zu spiegeln. Der Jude Degen überlebte als Junge den Krieg im Berliner Untergrund, er hat davon in seinem Buch "Nicht alle waren Mörder" berichtet. Im Oktober 1945 begeistert ihn ein "Urfaust" von Jürgen Fehling für die Schauspielerei, als 14 Jähriger geht er ans Deutsche Theater, später an die Volksbühne und zu Brecht ans Berliner Ensemble. Über dreihundert Mal gibt er den "Hamlet", auf Tournee spielt er mit der großen Elisabeth Bergner.

Der traurige Prinz Don Carlos 1955 Burgtheater Werner Krauss Oskar Werner 300 oesterreichisches bildarchivDer "Jahrhundert-Don-Carlos", inszeniert von Josef Gielen 1955 zur Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters. Mit Werner Krauß und Oskar Werner  © Österreichisches BildarchivAnders jedoch als Oskar Werner hält Michael Degen dem Theater die Treue. Während Werner zwar als idealer "Hamlet" und "Don Carlos" galt, sich aber im Grunde seit 1955 keinen neuen künstlerischen Erfahrungen mehr aussetzte und das Theater als "Museumstempel" betrachtete, in dem die Schauspieler den Dichtern dienen, Regisseure sowie Kritiker nur stören, mutete sich Degen immer wieder die Sonderbarkeiten exzentrischer Regisseure wie Peter Zadek oder Ingmar Bergman zu, für den er sogar ein Angebot von Richard Attenborough für dessen Gandhi-Film ausschlug.

Ein durch und durch moderner Darsteller

Während Michael Degen in der Uraufführung von George Taboris "Kannibalen" 1969 in West-Berlin sich den eigenen Traumata aussetzte, wies Werner jede moderne Interpretation klassischer Texte brüsk zurück. Zu dem berühmten Peter Steinschen Torquato Tasso 1969 in Bremen bemerkt er: "Was habe ich zu suchen, in einem Land wo der Tasso dem Antonio ins Genick springt ... ".

Trotzdem war Oskar Werner ein durch und durch moderner Darsteller. Als Schauspieler von, so Degen, "genialer Naivität" spielte er keine Figur, sondern tauchte tief in die Rolle ein, um in ihr eigene Züge wiederzufinden. Das 'Eigene' jedoch war ihm zutiefst verunsichert worden, küchenpsychologisch gesprochen. Von der vergötterten Mutter abgelehnt, durch seine Verschüttung seelisch versehrt, als Deserteur in Todesangst – brauchte Werner schon sehr früh Alkohol als Mutmacher. In der Begegnung mit dem Säufer Werner Krauß wurde daraus Sucht. Zugleich aber strahlte der blonde Strubbelkopf mit den hellen blauen Augen bis in seine Vierziger eine Jungenhaftigkeit aus, die zu den dröhnenden oder schnarrenden Film- und Theaterhelden seiner Zeit in krassem Gegensatz stand. Darin lag die Modernität seiner Wirkung. Ein unübersehbar weicher – ein neuer Mann, in einer Zeit, in der das alte Männerbild des Kriegers und Helden sich durch die Erfahrung von Terror und Krieg zersetzt hatte.

Vielleicht ist es pure Angstlust, wenn das Publikum fasziniert auf den Fall seiner Götter schaut. Oskar Werner galt, zumal in Wien, als ein göttlich Begnadeter. Ich erinnere mich noch der Sensation, als der lange abgetauchte Werner sein Wachau Festival für den Sommer 1983 ankündigte. Und der Skandal– und Schaulust, als er, ein verfallener, greisenhafter "Tasso", dann dort öffentlich künstlerischen Selbstmord verübte. Vielleicht erklärt dieses Ende des Publikumslieblings auch die Faszination, die Oskar Werner noch auf uns, die Generation der Nachgeborenen, ausübte – er war ein Popstar avant la lettre.

Der traurige Prinz
Roman einer wahren Begegnung
von Michael Degen
Rowohlt - Berlin Verlag 2015, 251 Seiten, 19,95 Euro als Hardcover, 16,95 Euro als e-book

 

 

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