... oder Sie werden Regisseur!

von Rainer Nolden

4. April 2015. Der publizistische Zufall will's, dass die Lebenserinnerungen zweier Künstler, Vater und Sohn, gleichzeitig erschienen sind. Die des Vaters als "Neuinszenierung", die des Sohnes als "Uraufführung": Max und Marcel Ophüls, zwei Regisseure, zwei Hochgelobte wie zuvor Verkannte, zwei Leben unter gegenseitigem Einfluss.

Cover Max OphuelsDabei sind, strenggenommen, die Aufzeichnungen von Max Ophüls weniger eine durchkomponierte Lebensrekonstruktion als vielmehr ein gut 150 Seiten langes Bewerbungsschreiben für einen dringend benötigten Auftrag bei einer Filmgesellschaft. Diese war frisch von dem Filmregisseur Preston Sturges und dem Milliardär Howard Hughes gegründet worden; ein gewisser "Steve" war für die Pressearbeit verantwortlich. Und an diesen "Dear Steve" schickte Max Ophüls seine "Bewerbung", wie sich sein Sohn Marcel erinnert, der das Vorwort zu den soeben neu erschienenen Erinnerungen verfasst hat.

Sie enden allerdings im Dezember 1946 – und damit bevor Ophüls seine filmischen Meisterwerke geschaffen hatte ("Brief einer Unbekannten" 1948, "Der Reigen" 1950, "Madame de ..." 1953 und "Lola Montez" 1955). Aus seinen letzten zehn Lebensjahren (Ophüls starb 1957 in Hamburg) hat er keine weiteren Aufzeichnungen hinterlassen. Dafür beschreibt er ausführlich seine Anfänge als Schauspieler und Regisseur in Aachen, Dortmund, am Wiener Burgtheater, in Frankfurt am Main und in Breslau, berichtet von den Begegnungen mit Kollegen – und merkt rasch, dass dieses Theater nicht das Seine ist: Der Glaube an das Spielen "bekam plötzlich einen Riss", und "auch die Sprechweise meiner Kollegen schien mir (...) wie auf Stelzen zu gehen". Diese Einsicht kam Ophüls während seiner Zeit in Dortmund, und dort fasste er auch den kühnen Entschluss, seinen Weislingen aus dem "Götz von Berlichingen" so zu "unterspielen" (hier scheinen sich schon die ersten Affinitäten zur Filmkunst bemerkbar zu machen), dass er "mit einer fanatischen Sucht zur Echtheit (...) den Rhythmus der Verse brach und meine Monologe so sprach, wie wenn man ein Billett auf der Straßenbahn verlangt".

"Man wird einsehen, dass ich ein viel besserer Schauspieler bin"

Die Folge: Am Tag nach der Vorstellung wurde er zum Intendanten beordert, der ihm mitteilte, dass er für die klassischen Rollen ungeeignet sei. Die Gage, die er bekomme, sei zu hoch, da er nur die Hälfte von dem leiste, wozu er eigentlich verpflichtet sei. Entweder, er arbeite für die Hälfte des Geldes – "oder Sie werden Regisseur. Sie sehen so aus, als ob Sie das könnten", meinte der Intendant.

Halb gekränkt und halb geschmeichelt, beschloss Ophüls daher, es der Theaterwelt zu zeigen. Quasi in einem Nebensatz fasst er seine persönliche Theorie des Schauspielers zusammen, die nebenher von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein kündet: "Das Einzige ist, die Schauspieler so spielen zu lassen, wie ich die Rolle spielen würde, wenn ich sie spielen dürfte. Da kann ich durch die Schauspieler beweisen, dass ich die Rolle eigentlich hätte spielen sollen, und dann wird man einsehen, dass ich ein viel besserer Schauspieler bin, als man annahm ..." Eine Einstellung, die ihn in den Augen der Schauspieler, mit denen er es im Laufe seiner Karriere noch zu tun bekommen sollte, zu einem der besten und einfühlsamsten Regisseure machte – auch wenn er selbst nie wieder in fremde Personen geschlüpft ist.

In seinem "Bewerbungsschreiben" an Sturges – mit dem er im Übrigen nur schlechte Erfahrungen machen sollte – verschweigt Max Ophüls, der am 6. Mai 1902 in St. Johann, heute ein Stadtteil von Saarbrücken, als Max Oppenheimer geboren wurde, die schlimmen und schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Dass er im Exil in Paris und später Hollywood zeitweise keine Arbeit hatte und die Familie am Rande der Existenz lebte, erwähnt er, wenn überhaupt, nur en passant – seine Frau Hilde berichtet in einem Nachwort von den demütigenden Erfahrungen, von Kollegen und Freunden Geld annehmen zu müssen; auch über Flucht und Vertreibung geht er eher nonchalant hinweg. ("Die Emigration hat sich unheldisch vollzogen.")

Cover Marcel OphuelsDer Sohn redet Tacheles

Die Leerstellen in der Biographie des Vaters füllt daher Sohn Marcel, der sich als Dokumentarfilmregisseur die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die Erinnerung an das Leid der Opfer aufs Panier geschrieben und dabei preisgekrönte Erfolge erzielt hat ("Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Krieg" 1969; "Hotel Terminus" 1989). Weit weniger konziliant als der Vater, redet der Sohn Tacheles, was das Familienleben, sein eigenes und vor allem das der Kollegen angeht, bei deren Beurteilung er kein Blatt vor den Mund nimmt. Er spricht über minderbegabte Schauspielerinnen (Martine Carole), Freunde, die zu Gegnern wurden (Claude Lanzmann), und wird nicht müde, das Haifischbecken Filmgeschäft, in dem er munter mitgeschwommen ist, lustvoll zu desavouieren.

Diese Boshaftigkeiten, verbunden mit ausführlichen Anmerkungen, in der die spitzen Klingen oft noch ein wenig schärfer daherkommen ("Warum nur glauben die Franzosen noch immer, dass die Beherrschung der französischen Sprache ein unerlässliches Zeichen für Kultur sein soll?", "Curd Jürgens, den ich nun wirklich nicht sehr schätzte ...") machen die Lektüre der Memoiren des Sohnes um vieles lebendiger und amüsanter als die väterlichen Erinnerungen, zumal sie – auch in der schriftlichen Form – wirken, als plaudere da jemand im Kreise interessierter Zuhörer frisch und frei von der Leber weg.

Man sollte die seltene Gelegenheit nutzen, beide Autobiographien parallel zu lesen. Auf diese Weise stellt sich das Puzzle von zwei Leben, das ohnehin nie ein vollständiges Bild ergeben kann, am Ende zumindest weniger lückenhaft dar.

 

Meines Vaters Sohn
Erinnerungen von Marcel Ophüls
Aus dem Französischen von Jens Rosteck, Propyläen, 320 Seiten, 22 Euro

Spiel im Dasein. Eine Rückblende
von Max Ophüls
Mit einem Vorwort von Marcel Ophüls und einem Nachwort von Hilde Ophüls, Alexander Verlag, 310 Seiten, 24,90 Euro.

 

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