Die Haute Cuisine des Minimalismus

von Christian Rakow

Berlin, 5. Juli 2015. "Bei der Hitze sind nur Retweets drin", war eine der Nachrichten (von Thomas Weiner), die noch durchs Display meines Smartphones rauschten, kurz bevor ich es am vorletzten Spieltag endlich live zu Forced Entertainment ins Haus der Berliner Festspiele schaffte. In eine winzige Box in der Kassenhalle, mit Platz für rund 50 Zuschauer und, wie sich herausstellen sollte, einer Affenhitze, bei der einem selbst die Retweets unter dem Daumen zerschmolzen wären. Aber das mit dem Twittern hat man vor Ort ohnehin gelassen.

Die neun Tage Livestream-Marathon auf nachtkritik.de mit Forced Entertainment und ihren "Complete Works von William Shakespeare" sind vorüber. Neun Tage mit je vier Dramen, jeweils in einer knappen Stunde nacherzählt an einem massiven Holztisch mit einer stets neuen Kollektion aus Küchenutensilien. Richard III. als Sojasauce, Falstaff als Bierkrug. Die Haute Cuisine des Minimalismus.

Completeworks Forced Entertainment 560 Hugo Glendinning xJerry Killick in den "Complete Works" von Forced Entertainment © Hugo Glendinning

Gefühl von Jahrmarkt im Global Village

Mit warmer Konzentration, leicht schmunzelnd, gelegentlich auch leise auflachend folgte man vor Ort diesem Erzähltheater. Und draußen im Social Web, wohin die Lebensmittelspiele gestreamt wurden? Da war es ein bunter Kommentar-Reigen unter #completeworks mit einer Reihe treuer Weggefährten (Sphericon, Ute Vogel, Three Women), mit Tweets aus England, Wales, Hawaii (aus dem Urlaub), Köln, Frankfurt, Warschau. Dieses Gefühl von Jahrmarkt im Global Village, das hatte schon was.

Die Tweets reichten Zitate aus den Erzählungen weiter, huldigten den gläsernen, hölzernen, pappigen, stummen Darstellern (und den Forced-Performern, die diese locker umher bewegten) und spendeten ihnen natürlich virtuellen Applaus.

 

Teils gab es herrliche Pointierungen: "I don't want to ruin the end for you, but put it this way, I'm going to have Juliet on toast for breakfast", schrieb Nicki Hobday über ein Marmeladenglas in der weiblichen Titelpartie von "Romeo und Julia".

Kritik

Wie stand es um Gegenwind? "Man kann Dramaturgeneinführungen halt auch streamen", meinte ein Bekannter schon zum Auftakt der Reihe abgezockt (und vergaß mir mitzuteilen, welche Dramaturg*innen an welchen Häusern Nacherzählungen so hintersinnig und präzise hinkriegen).

 

Mehr Energie bringt eine Userin in einem der letzten Kommentare zum nachtkritik-Livestream auf: "Belanglose Möchte-Gerne-Avantgarde, die Sinn, Bild, Metapher, die Sprache selbst unbeholfen zu überwinden versucht: da denke ich an Lyotards Essay über das 'Inhumane', was die Avantgarde teilweise ausmacht. Hauptsache Online aber, Hauptsache Haus der Berliner, wow, Festspiele. Hauptsache digital." Bei dem Understatement, mit dem die Sheffielder Live-Art-Macher von Forced Entertainment auch in dieser Arbeit aufgetreten sind, hat mich die Wucht dieses Beitrags ziemlich verblüfft.

To stream or not to stream?

Was nimmt man mit aus den "Complete Works" für die andauernde Diskussion um Livestreaming von Theateraufführungen? Wenigstens dreierlei: Dieser Stream funktionierte, ja überzeugte durch die Konzentriertheit des Events, durch die gezielt reduzierte Theatralität und durch die Zitathaftigkeit des Dargebotenen.

Livestreams für Repertoireveranstaltungen scheinen mir nach den neun Tagen weniger denn je erstrebenswert. Es braucht schon dieses Gefühl "Jetzt oder nie", dieses "Hinein in die Karawane, ehe sie verschwindet". Zweitens war das gestreamte Ereignis von der Tonspur her gedacht, eben als Erzählung. Man konnte problemlos weg vom Bildschirm, Spaghetti kochen, trotzdem weiterlauschen. Womit nicht gesagt ist, dass das raffinierte Antirepräsentations-Spiel mit dem Kücheninventar nicht einen echten Gewinn bedeutete. Die Sojasauce als Richard, der Mann, der sich die Krone greifen kann, weil er lacht, wenn er tötet ("he smiles as he kills"), die ist schon unvergessbar. Aber auch in diesem Spiel zeigt sich die Logik der Übertragung. Je weniger Brimborium, desto weniger Reibungsverlust beim Transfer ins Netz.

 

Schließlich, drittens, bereitet der zitathafte Umgang mit Shakespeares Werken in diesen Einstündern selbst wunderbar die sozialmediale Verarbeitung vor. Der wiederholte lockere Verweis auf stereotype Handlungsmomente ("The king gets furious"), die Abwesenheit von Dialogen und komplexen Gedankenführungen, die Zuspitzung klassischer Wendungen zur griffigen modernen Punchline: "What a great life it would be if I was a shepherd" (Henry VI, Teil 3) – all das schreit förmlich nach dem, was auf Twitter dann damit passiert: nach einem 140 Zeichen-Poesieeintrag.

Intensität

Kurzum: Dieser Livestream näherte sich in maximaler Übersetzungstreue dem Ereignis an, ohne Kameraschwenk, ohne Schnitte, reines puristisches Intimtheater, kleines Spiel mit großen Geschichten, wie an der Kinderwiege vorgetragen. Und in all dem entstanden sie: die Momente großer Intensität, da man nicht mehr aufstehen mochte, nicht mehr Spaghetti kochte, sich nicht vom Bildschirm rührte – gerührt. Als Mercutio starb und seine letzte Pointe setzte: "Tomorrow you shall find me a grave man, indeed.“ Unübersetzbar, unvergänglich. Ein Clown nimmt seinen Abschied. In Grabesstille.

 
Mehr zum Livestream auf nachtkritik.de in Kooperation mit den Berliner Festspielen zum Shakespeare-Miniaturen-Marathon "Complete Works: Table Top Shakespeare":

Hier finden Sie den Kommentarthread zum Livestream.

Tim Etchells, Regisseur von Forced Entertainment, erläutert in einem Essay das Konzept der Durational Performances und die Eignung dieser Theaterform für Livestreams.

Anne Peters Essay über Twitter im Theater.

Alles zur Diskussion um Livestreaming von Theateraufführungen.

Kurzfilmchen zu Shakespeare-Dramen.

 

Kommentare  
Forced Entertainment Rückblick: voll 80er
Warum diese Aufmerksamkeit auf eine 80er-Jahre-Performancetechnik?
Nur wegen dem Livestream?
Neue Technik ist nicht neuer Inhalt!!!
Forced Entertainment Rückblick: Wer pfeift schon auf das WM-Finale am TV?
Livestream ... nun ... hat sich jemals jemand sagen hören: "Oh, das WM Finale, ne, das schau ich mir nicht live im TV an ... weißt du, da kommt die Stadion-Atmosphäre null rüber, es geht auch so viel verloren durch die Regie, den Schnitt, ne, da flieg ich lieber nach Brasilien und lausche dann draußen vorm Stadion den Fan-Hymnen, weil ich eh keine Karte mehr bekommen habe" ... in Bayreuth ;-)) LG & ganz ganz herzliochen Dank für den GRATIs (!) Livestream @sphericon
Forced Entertainment Rückblick: ein älteres Spiel
@@sphericon Aber würden Sie sich ein älteres Spiel zwischen Bayern und dortmund vom April 1990 ansehen? Nein. Denn es interessiert Sie nur, wer gewinnt. April 1990 war auch ein schönes Spiel, sagt man, haben Sie gehört, aber es interessiert Sie nicht die Bohne. Und Zuschauer wie Sie eben, sind eh fürs Theater verloren. Denn da geht es nicht ums Gewinnen. Danke.
Forced Entertainment Rückblick: Vorstopper und fancy Dreierkette
@3. Mir scheint, Ihr Vergleich hinkt. In Ihrer Logik wäre es doch eher so: Da spielt England das Finale mit Libero und Vorstopper echt 80er-Style gegen, sagen wir, Deutschland mit fancy Dreierkette, Doppelsechs und ohne Strafraumstürmer. Aber das eben 2015, in Berlin: Und so ein Finale würde ich mir schon anschauen, auch am TV.
Forced Entertainment Rückblick: hinkende Vergleiche
Eine 80er Jahre Party mit Fabre war da natürlich nicht eingeplant. Jeder Vergleich hinkt
Forced Entertainment Rückblick: Mehr Streams!
Auch in diesem Jahr waren die Vorstellungen (im Rahmen des Theaterfestivals Basel) für mich eine grosse Freude. Vielen Dank an Forced Entertainment!!!

Obwohl - oder vielleicht gerade: weil - ich regelmässige Theatergängerin bin, nutze ich Streams gerne und regelmässig. Zeitlich wie finanziell kann ich einfach nicht soviel besuchen und dafür reisen/übernachten wie ich gerne würde...
Daher: mehr Streams braucht das Land. Ich glaube nicht, dass dadurch die Theater leerer werden - im Gegenteil.
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