Angehörige einer Dynastie

von Thomas Rothschild

15. Juni 2015. Gleiche Bildungschancen: es gibt sie im künstlerischen Bereich ebenso wenig wie in Hinblick auf eine medizinische oder diplomatische Laufbahn. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Elternhaus die Berufswahl und damit das Leben von Kindern ganz wesentlich bestimmt – die zahlreichen Schauspielerkinder, die ihrerseits eine Theater-, Film- oder Fernsehkarriere anstreben, lieferten ihn. Angehöriger einer Dynastie zu sein, ist Segen und Fluch zugleich. Der bekannte Name hilft, keine Frage. Aber wer ihn trägt wird nicht nur an den Vorfahren gemessen, er erbt in der Regel auch die Bürde der Negativurteile, die jene gegebenenfalls einstecken mussten.

Der Schatten der Eltern

Was über Paula Wessely und Attila Hörbiger hinsichtlich ihrer Engagements in der NS-Zeit kritisch zu sagen ist, hat Elfriede Jelinek in ihrem Text "Burgtheater" gesagt. Es hat dem Renommee des Starehepaars, jedenfalls in Österreich, nichts anhaben können. Die Töchter freilich hat es belastet. Öffentlich auseinandergesetzt mit Jelinek hat sich allerdings nur eine: Elisabeth Orth. Sie gilt als die intelligenteste, kritischste, mutigste unter den Hörbigers. Schon ein Vergleich der Rollen, die die Töchter der Josefstadt- und Burgtheaterlegenden im Lauf der Jahre verkörpert haben, verleiht diesem Gerücht eine gewisse Plausibilität.

Buch Elisabeth OrthJetzt hat Elisabeth Orth ihr Leben erzählt, und Norbert Mayer, Redakteur der österreichischen Tageszeitung "Die Presse", hat es niedergeschrieben. Was sie über ihre Kindheit berichtet, ist so interessant und uninteressant wie jede Kindheitserinnerung und gewinnt Bedeutung allenfalls durch die spätere Prominenz der Erzählerin. Für den Nazi-Film "Heimkehr", in dem die Eltern mitgespielt hatten, findet sie ex post das Attribut "unselig". Mit den Beiwörtern ist das ohnedies so eine Glückssache. Ob Ewald Balser mit "toll" – aus heutiger Sicht? aus der Perspektive der damals Neunzehnjährigen? – zutreffend gekennzeichnet ist, mag jeder, der ihn auf der Bühne gesehen hat, für sich entscheiden.

Das Private überlagert stellenweise die für den Theaterliebhaber bedeutsameren Informationen über Künstler, denen Elisabeth Orth begegnet ist und mit denen sie gearbeitet hat. So erführe man gerne mehr über Oskar Werner, als dass die Autorin, wie alle, in ihn verliebt war, oder auch über den genialischen Norbert Kappen, mit dem sie in Ulm in einem O'Casey und im "Kaufmann von Venedig" aufgetreten ist. Etwas ausführlicher spricht sie über Peter Zadek, der bei diesen Inszenierungen Regie geführt hat, oder auch über Peter Palitzsch, Hans Lietzau, Kurt Meisel, Martin Kušej und die Burgtheaterdirektoren seit Gerhard Klingenberg. Peymann-Verächter werden ihre Freude haben an Orths Darstellung des Konflikts um Thomas Bernhards "Heldenplatz" im Schatten von Peymanns berühmtem ZEIT-Interview. Bei ihren Erinnerungen entfernt sich Elisabeth Orth kaum von Anekdotischem, selbst Erlebtem. Generalisierungen oder Analysen der künstlerischen Handschriften sind ihre Sache nicht. Es entspricht diesem Ansatz, dass sie ihrem Sohn Cornelius und dessen Vater Hanns Obonya viel Platz einräumt.

Herzenssache: Andrea Breth

Das mit Abstand umfangreichste Kapitel handelt von Andrea Breth, in der Elisabeth Orth ihre kongeniale Regiepartnerin gefunden hat. Die Schilderung der Arbeit an "Maria Stuart" schwelgt in einer Detailverliebtheit, von der man sich in dem Buch mehr wünschte. Diese Inszenierung von 2001 war Elisabeth Orth, das ist dem Eifer ihrer Erzählung zu entnehmen, Herzenssache.

Mayer belässt der Erzählung ihren mündlichen Duktus. Das schließt gelegentlich ermüdende Wiederholungen ein. Im Alltag mahnt man einen Gesprächspartner, mit dem man besser vertraut ist: "Das hast du mir schon gesagt." Mayer scheint zu großen Respekt vor seinem Gegenüber zu haben, um einfach zu streichen, was zuvor schon vorkam. Vielleicht hat er das ohnedies, aber eben nur vorsichtig, getan. Der Rezensent kann lediglich beurteilen, was gedruckt vorliegt.

Auf den letzten 12 Seiten des Buchs, alles scheint gesagt, kommt Elisabeth Orth unverhofft wieder auf "Heimkehr" zu sprechen. Sie trägt Referenzen zusammen, die ihre Mutter zu entlasten scheinen, und dokumentiert ihre eigene politische Gesinnung, die man nur ehrenwert nennen kann. Und doch: Dieser Schluss zeugt von einer Obsession. Angehöriger einer Dynastie zu sein, ist Segen und Fluch zugleich.

 

Aus euch wird nie was. Erinnerungen
von Elisabeth Orth, aufgezeichnet von Norbert Mayer
Amalthea, Wien 2015, 255 S., 24,95 Euro

 
Jüngst sah man Elisabeth Orth am Wiener Burgtheater und beim Berliner Theatertreffen in Ewald Palmetshofers Siegerstück des Mülheimer Dramatikerpreises 2015: die unverheiratete (Regie: Robert Borgmann).

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