Wenn einen die eigene Spur überholt

von Janis El-Bira

19. November 2015. Einmal, es ist schon gegen Ende seines neuen Buchs, lässt Joachim Meyerhoff seinen würdig-gestrengen Großvater mit großer Sorgfalt einige Messtischblätter ausbreiten. Wanderkarten sind das, auf denen der Maßstab so groß gewählt ist, dass auch winzige Details abgebildet sind: Trampelpfade, einzelne Hütten, Zäune und Bänke. Doch den hochbetagten Mann bringt es völlig aus der sonst wie in Marmor gehauenen Fassung, wenn die Wanderwirklichkeit nicht mehr einlösen kann, was die veralteten Karten versprechen. Ein Parkplatz steht dort, wo einst das bevorzugte Restaurant sich befand, das vormals glasklare Nass der Wasserfälle ist längst nicht mehr trinkbar. Mit spitzem Bleistift ersetzt der Großvater in den Karten das Gewesene durch den Ist-Zustand: "Jetzt Parkplatz!", "Kein Trinkwasser!".

Großeltern in der Museumsvitrine

Für den schreibenden Schauspieler Joachim Meyerhoff, dessen Romanprojekt "Alle Toten fliegen hoch" (Teil 1: Amerika, Teil 2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war) sich nun mit "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" zur Trilogie erweitert, sind diese Messtischblätter der Großvaters vielleicht die Folien der eigenen literarischen Arbeit: Seine Erzählungen über die eigene Kindheit und Jugend erscheinen selbst wie Topographien ausgesuchter Erinnerungsareale, genauestens vermessen und wiedergegeben, beinahe im Maßstab 1:1. Aber Meyerhoffs Bücher ergeben gerade keine Autobiographie, sondern Romane, in denen die großartig verdichte Wirklichkeit der Erinnerungen alle Fragen nach Dichtung und Wahrheit erledigt. Was und wie er es beschreibt wird echter, als es je gewesen sein kann.

AchMeyerhoff 180In "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" sind es die Großeltern, denen Meyerhoff ein Erinnerungsalbum größter Zärtlichkeit widmet. In deren feine Villa im Münchner Stadtteil Nymphenburg war er zu Beginn seines Schauspielstudiums gezogen, um sich in der Trauer über den bei einem Autounfall im elterlichen Schleswig verstorbenen Bruder auch räumlich Luft zu verschaffen. Die Großmutter Inge, ehemalige Schauspielerin, und der Großvater Hermann, emeritierter Philosophieprofessor, führen ein vornehmes und von unerschütterlichen Ritualen geprägtes Leben, über das Meyerhoff einmal schreibt, es erscheine ihm wie das Museum ihrer selbst: "Man hinterlässt eine Spur. Dann überholt einen die eigene Spur. Und von da an verfolgt man sich selbst..., weil man sicher ist, das sei für einen der richtige, der einzig sichere Weg." Zum Kernrepertoire dieser Rituale gehört ein stets gleicher und vor allem durch unterschiedliche Ausprägungen der Alkoholaufnahme unterteilter Tagesablauf: Champagner am Morgen, Weißwein am Mittag, Whisky um sechs Uhr und Rotwein zum Abendessen, nach welchem die Großeltern sich gediegen angezwitschert Abend für Abend auf ein Fell am Boden legen, einander in die Augen schauen und verkratzte Schallplatten von Dietrich Fischer-Dieskau hören. Manchmal springt dann die Nadel und wiederholt menetekelnd: "Ich hab' im Traum geweinet. Mir träumte, du lägest im Grab."

Der Tod wird unwahrscheinlich

All das ist zwar mit viel Melancholie, aber ohne eine Spur von Sentimentalität dahergebracht, und dass es den Großteil der immerhin rund dreihundertfünfzig Seiten füllt, hat mit Meyerhoffs Witz zu tun, der das morgendliche Gurgellösungskonzert der Großeltern kaum anders choreographiert als die wundreibenden Selbstfindungsübungen an der Schauspielschule, wo "gelbgerauchte Alt-68er-Dramaturgielehrer" und ein japan-bayerischer Aikido-Meister ein heiter schwankendes Narrenschiff bevölkern.

Meyerhoff erzählt davon, wie nur sehr gute Literatur es kann: Beiläufig, drucklos, ohne ein Gramm Verdeutlichungsfett an den Sätzen. Den Posten des eingebetteten Selbst- und Fremd-Beobachters muss er dabei gar nicht verlassen, weil sich Haltung und Deutung mit der Dichte der Beschreibung ohnehin einstellen. Man merkt, dass hier aus der Ruhe heraus geschrieben wurde, wahrscheinlich gar aus dem Glück. Vielleicht kann Meyerhoff auch gerade deshalb so gelassen vom Tod handeln, der unübersehbar als Vergessen kostümiert an den Rändern seiner präzisen wie sanften Erinnerungskarten haust. Die Großeltern jedenfalls sterben völlig unaufgeregt von der Erzählerstimme begleitet auf wenigen letzten Seiten. Tot aber, soviel ist nach diesem fantastischen, schwebend schönen Buch sicher, können sie gar nicht sein.

Joachim Meyerhoff
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 352 Seiten, gebunden 21,99 €, eBook 18,99 €

 

Mehr Buchrezensionen sind hier zu finden – u.a. über die ersten beiden Teile von Joachim Meyerhoffs Erinnerungsroman-Serie: Teil 1: Amerika, Teil 2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

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