Betroffenheitsrituale

von Harald Raab

Kaiserslautern, 7. Januar 2016. "Scheiße, Scheiße, Scheiße. Leid tut es mir trotzdem." Wütend auf sich selbst ist der ausgemusterte Afghanistan-Krieger Daniel C. Mit dem traumatisierten Bundeswehrler hockt Isabelle H., geflüchtet von irgendwo, in einer ausrangierten Lagerhalle am Rande einer deutschen Autobahn und lamentiert: "Das ist aber auch ein Dreck hier, jetzt schon wieder Wüste, Leichen, Berge, Sand und Tote Hosen. Und wir beide mittendrin." Auch sie ein Opfer, zerrüttetes Selbstwertgefühl, dem Wahnsinn nahe. So viele Tote in einem Schleuser-Lastwagen. Darunter ein verstümmeltes, lebloses Kind. Ihr Baby?

Das Schicksal hat die zwei Verlierer zusammengeweht - auf einer Autobahnraststätte. Beide kommen aus der Wüste und sind erneut in einer Verwüstung gelandet. Er hat die Illegale mitgenommen und eine Polizistin erschossen, die ihre Pässe kontrollieren wollte. Nun ist Show-down, kurz vor dem Zugriff des Einsatzkommandos.

Schlag in die Klischeefalle

Im Pfalztheater Kaiserslautern wird das mit dem Else-Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnete Stück "Isabelle H. (geopfert wird immer)" von Thomas Köck uraufgeführt. Betroffenheitstheater ist in - zumal in einer Zeit, in der sich eine ganze Nation in einer demonstrativ zur Schau gestellten Willkommenskultur gesonnt hat. Die Hochstimmung kippt gerade. Deutschland wird von der Realität einer Völkerwanderung eingeholt. So schnell kann freilich das Theater nicht reagieren.

Flüchtlingselend und Spätfolgen eines Kriegseinsatzes zu thematisieren: Die Theater überschlagen sich im Zeitgeist-Rummel. Allenthalben werden Asylsuchende auf die Bühne geholt. Dokumentarisches für Nervenkitzel, Mitleidswallungen und Empörungsorgien. Thomas Köck, zur Zeit einer der Lieblings-Nachwuchsautoren des deutschsprachigen Theaters: Surft auch er auf den medial gepeitschten Hysterie-Wogen der Aufregungsgesellschaft?

IsabelleH1 560 Hans Juergen Brehm Seufert uDer kriegstraumatisierte Ex-Soldat an der Ärzte-Front © Hans-Jürgen Brehm-Seufert

Nein, tut er nicht unbedingt. Er spielt virtuos in seinem Stück die Klischees aus, mit denen Realitätsnähe vorgegaukelt wird - mit den Klischees Asylantin, kriegsgeschädigter Soldat, Polizei, Psychiatrie und individuelle und nationale Grenzen. Köck dekuvriert die Stereotypen, macht ihr kurzatmiges Verfallsdatum bewusst. Nicht umsonst hat er das Thomas-Bernhard-Stipendium 2015 des Landestheaters Linz bekommen. Der Altmeister des schrägen Blicks auf menschliche Abgründe lässt grüßen.

Spiel mit Rollenerwartungen

Freilich hat Autor Köck viele Themen gleichzeitig in seinen Plot gepackt. So viele, dass das Publikum seine liebe Not hat, bei den fliegenden Szenenwechsels, bei sich oft überlagernden, manchmal auch gleichzeitig gebotenen Handlungssplittern und Rückblenden mitzukommen. Es sei denn, man kann sich auf die wirren Scherben im Wahrnehmungschaos traumatisierter Menschen einstellen.

Nicht nur der lädierte Soldat (Daniel Mutlu) und die psychotische Asylantin (Natalie Forester) sind Abziehbilder von Figuren, wie sie durch die Medien geistern. Auch das übrige Personal, der Psychiater-Freund Bastian (Stefan Kiefer), der Polizeioberkommissar Kucharski (Henning Kohne) und die anderen: alle liefern Haltungen und Einstellungen ab, wie sie der Rollenerwartung der Kolportage entsprechen.

Täglich Opfer

In knappen, gestanzten Sätzen erfahren wir, was wir aus der Zeitung und dem Fernsehen eh schon kennen. Schicksale von der Medienstange. Isabelle H. auf ihrer Flucht, von einer Entwürdigung zur nächsten Erniedrigung: "Die Hälfte stirbt unterwegs an der Hitze unter Tag und Unterkühlung in der Nacht, an Bürgerkriegen, am Sandsturm, am Wassermangel, an Cholera, an Massenvergewaltigungen, an friendly Fire, an Nahrungsmangel, an Altersschwäche."

IsabelleH2 560 Hans Juergen Brehm Seufert uMedial vergrößert: Natalie Forester und Daniel Mutlu in "Isabelle H."
© Hans-Jürgen Brehm-Seufert

Daniel C. bekennt resigniert: "Ich spiele nur noch den Gebrochenen für euch. ( . . .) Ich war im Krieg und überlege, wie ich jetzt weitermache." Die Zunft der Seelen-Klempner aber braucht einen öffentlichkeitswirksamen Fall: "Die Isolation hat dich traumatisiert, die ständige Bedrohung jeden Tag, Terror vor der Tür." Die Gesellschaft und ihre Medien benötigen halt ihre tägliche Portion Opfer, um sich selbst vergewissern zu können.

System-Stabilisierung

Ingo Putz misslingt es in seiner Regiekonzeption, die überbordenden Text- und Spiel-Phantasien des Autors zu bändigen. Es schafft es mit seinem Team nicht, das Spannungsfeld zwischen Realität, Fiktion und Erwartungshaltung des Publikums verständlich zu strukturieren. Da wird eine brutale Vergewaltigungsszene auch nur zum Pornoclip-Format. Was bleibt, ist trotz alledem noch im Sinn von Thomas Köck. Denn er stellt vor allem auch die Fragen: Was tun wir hier eigentlich? Was tut da das Theater?

Etwaige Antworten gibt ein ganz anderer - Martin Walser in seinem neuen Roman "Ein sterbender Mann": "Klischees sind Masken der Wirklichkeit, Masken, die die Wirklichkeit braucht, damit es so weitergehen kann, wie es geht." So betrachtet, wird auch das Theater mit allem kritischen Anspruch zum Erfüllungsgehilfen und Stabilisator des gehabten Systems. Das will uns schließlich auch Thomas Köck verklickern.

Isabelle H. (geopfert wird immer)
von Thomas Köck
Uraufführung
Regie: Ingo Putz, Bühne und Kostüme: Ulrike Melnik, Dramaturgie: Andrea Wittstock.
Mit: Natalie Forester, Daniel Mutlu, Henning Kohne, Manuel Klein, Nele Sommer.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, ohne Pause

www.pfalztheater.de

 

Kritikenrundschau

Köck liefere mit "Isabelle H." jede Menge Diskussionsstoff zur Flüchtlingsthematiks, so Jens Frederiksen im Wiesbadener Kurier (9.1.2016). "Und auch in der von Ingo Putz verantworteten szenischen Umsetzung erweist sich das Ganze als ziemlich starker Tobak", falle in der Summe dann aber ganz anders aus als erwartet: "Zackiger Aufmarsch der Akteure vor gemalter Auenlandschaft zu Beginn (...) Und die Botschaft lautet: Hier ist kein Platz für markigen Agitprop – das ist alles wohl ausgetüfteltes Theater." Abwechslung gebe es zuhauf, aber keine Zeit für Stimmungen und Handlungs- und Figurenentwicklung. Fazit: "In Kaiserslautern läuft ein Abend voller beherzt angespielter Möglichkeiten und verblüffender Wendungen ab. Am Ende aber bleibt der Zuschauer doch ziemlich ratlos zurück."

Ein ganzes Geflecht von Fragen baue Köck in seinem artifiziell angelegten Stück auf, so Fabian R. Lovisa in der Rheinpfalz (9.1.2016). Die eingearbeiteten Brechungen nähmen dem Stück Eindringlichkeit, "dennoch bringt es auch eindringliche Momente, starke, emotional berührende Bilder." Regisseur Putz lasse den Texte ohne Spannungsabfall, konzentriert und im hohen Tempo am Zuschauer vorbeiziehen. Fazit: "Insgesamt ein starker Talentbeweis des Autors und eine herausragende schauspielerische Leistung."

 

 

 

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