Party bei Jesus

von Sabine Leucht

München, 16. April 2016. Jesus hat den Querbalken seines Kreuzes zum Selfiestick umfunktioniert und zur Party geladen: Buddha ist da, ein greisenhafter Zeus, Ganesha mit seinen vier Armen, sogar der Weihnachtsmann und das fliegende Spaghettimonster. Bloß mit "Mo" rechnet keiner. Doch dann kommt Franz Rogowski im Goldröckchen auf die Bühne der Kammer 1. Und weil das die Stimmung killt, versichert er emsig, dass er natürlich nicht ER ist: Nicht der Prophet, von dem man sich kein Bildnis machen darf.

Kurz nach Charlie Hebdo

Weil Elfriede Jelinek "Wut" kurz nach den Pariser Anschlägen auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt geschrieben hat, spielt das Bilderverbot eine prominente Rolle in ihrem neuen Text. In München hat ihn Nicolas Stemann unter seine Fittiche genommen und auch auf der Bühne nicht aus den Augen gelassen: Der Jelinek-Spezialist neben Johan Simons, der sich hier zum achten Mal einem ihrer Schreibanfälle stellt, mischt ja gerne selbst mit.

Wut 1 560 ThomasAurin uJesus (Julia Rieder) am selfiekompatiblen Kreuz, mit Gästen von Buddha bis Zeus. Ganz rechts im Bild: Inszenator Nicolas Stemann © Thomas Aurin

In bewährter Manier ruft Stemann ab und zu die Seitenzahl ins Publikum, zu der man sich schon vorgearbeitet hat, schenkt seinen wackeren Bühnenkämpfern Wasser nach, spielt Gitarre und klärt übers Prozedere auf. Zum Beispiel darüber, dass der Abend keine Pause hat, aber eine Phase der offenen Türen – und Essen und Trinken im Zuschauerraum erlaubt sein sollen. Ja, man ist so aufgeschlossen an Lilienthals Kammerspielen, dass zumindest bei der Premiere des mit gut dreieinhalb Stunden ohnehin zu langen Abends (jeder weitere kann kürzer, länger, anders sein) ein Stelldichein des Hausregisseurs mit den beiden Musikern Platz findet. Gelegenheit, einander Presseerzeugnisse zu zeigen, die das Stück behauptetermaßen "mit Aktualität angereichert" haben: Bild und Brigitte, tumbe Schlagzeilen und Farbtipps für den Frühling. Dann singt man "Kinder, Küche, Kalaschnikow" zum Mitklatschen. Oh weh!

Ausgemachter Flachsinn von Hysterie bis Böhmermann

Dieser ausgemachte Flachsinn ist allerdings keine originäre Erfindung Stemanns. Jelinek hat selbst genug davon in ihre "Wut" gepackt, die so oft gen Hohngelächter tendiert. Den Push-up-Bra und die "geröstetete Leber des Feuerbringers" mitsamt dem Tipp an den Adler, ein Lokal aufzumachen, haben Stemann und sein Dramaturg Benjamin von Blomberg gestrichen. Sonst aber haben sie sich gerne auf die Gaudistellen gestürzt und etwa die Hysterie einer von ihrem Mann betrogenen Frau von allen vier Schauspielerinnen spielen lassen. Oder Neues hinzugefügt wie die oben beschriebenen Szenen sowie schlechte Witze über den aktuellen Böhmermann-Fall.

Einiges davon ist gut gemachter Trash. Warum aber ausgerechnet Jelineks fast zynischer Umgang mit der Wut auf die Juden ("Sie müssten nicht einkaufen gehen, sie müssten sich nicht erhalten, sie erhalten von uns den Tod, das muss genügen") in Clownereien untergeht, ist schwer erklärbar. Den Schmerz hält man hier fast krampfhaft auf Abstand. Und gleich darauf schichtet man wieder virtuos Bilder, skandierte Worte ("Die Hülse zieht aus, der Tod zieht ein") und Musik zu einer martialischen Szene von der fragwürdigen Faszination eines Laibach-Songs.

Chor aus Terroristen, Flüchtlingen, AfDlern

Der Abend ist ein eigenartiges Gewächs aus atmosphärisch dichten Szenen, mitreißend spielfreudigen Akteuren und schenkelklopfertauglichem Quatsch, bei dem man sich wünschte, er hätte einen anderen Anlass als den vielstimmigen Chor aus antiken Wütenden und Terroristen, IS-Kämpfern, Flüchtlingen von heute. Aus AfDlern, Pegidisten und denen, die die Wut auf sie ratlos macht. Jelineks Suada bezieht selbst keine Position; die Sprecher wechseln zuweilen mitten im Satz – und mehr noch als sonst nimmt sie die eigene Unzulänglichkeit als Autorin mit hinein in den Text: Mit Wendungen wie "gefesselt an die Trümmer meiner eigenen Sprache", "der langen Rede kurze Sinnlosigkeit" und Intimerem macht sich die 69-Jährige so nackt, dass man fast fürchtete, am Ende einer Wiedergängerin jener Jelinek-Puppe mit blinkenden Geschlechtsteilen begegnen zu müssen, die Frank Castorf 1995 in "Raststätte" als Rausschmeißer installierte.

Stemanns Ansatz ist dem Castorf'schen ähnlich, was die Verwendung von falscher Scheiße angeht, sonst aber doch subtiler: So lässt er die hier erstmals in München ihre Vielseitigkeit beweisende Julia Riedler ein fiktives Dramolett zwischen ihm selbst und Jelinek performen und entreißt der Textfläche immer neue Figuren, die oft wild durcheinanderredend und -werkelnd jene Überforderung abbilden, die Jelinek für das Theater bedeutet. Dann wieder wird chorisch gelesen und gesungen, hier ein historisches Dokument eingeflickt oder dort eine riesengroße Taube mit Friedenszweig und blutigem Schnabel. Und irgendwann regnet es weiße Styropor-Kalaschnikows wie Engelsflügel.

Wut 2 560 ThomasAurin uVoller Spiel- und Renneinsatz auf bewährt verrümpelter Bühne: Claudia Lehmann, Julia Riedler, Annette Paulmann (am Tisch), Jelena Kuljić und Daniel Lommatzsch © Thomas Aurin

Überhaupt ist der Aufwand enorm, der Spaß zumindest bei einigen auch, der Erkenntnisgewinn aber bescheiden. Dass zwischendurch ein paar Zuschauer auf Katrin Nottrodts roter Showtreppe sitzen und der Rest vor dem eisernen Vorhang mit Live-Filmen Vorlieb nehmen muss, ist ein Beispiel dafür, wie dieser Abend seine sparsamen Lehren erteilt: Huhu, fühlt ihr euch jetzt ausgeschlossen? Ja, schaut mal an!

 

Wut
von Elfriede Jelinek
Uraufführung
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann, Licht: Jürgen Tulzer, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg.
Mit: Daniel Lommatzsch, Jelena Kuljić, Thomas Hauser, Julia Riedler, Annette Paulmann, Franz Rogowski, Zeynep Bozbay.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten (bei der Premiere), keine zwingende Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Der Abend entwickle bald einen ziemlichen Sog, "der den Zuschauer im Laufe des fast vierstündigen Abends hineinzieht in eine Strudel aus Bildern und Spielszenen", formuliert es Christoph Leibold im Deutschlandradio Kultur (16.4.2016). "In der Fülle der Einfälle geht manches auch unter, säuft regelrecht ab. Insgesamt aber erweist sich Stemann als souveräner Surfer auf der keineswegs glatten Textfläche, die wie immer bei Jelinek jede Menge Untiefen aufweist, in denen die meisten Regisseure Baden gehen würden."

Ganz anders Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (17.4.2016). Sie fragt, wo die "Wut" bleibe? "Der nihilistische Jelinek-Text ist ja prallvoll davon. Ein Konvolut des entfesselten, blindwütigen Furors des Terrors, bei dem zu oft zwischen Gott und Terrorismus kurzgeschlossen wird. Das wird dann nicht nur ermüdend, sondern ermüdend eindimensional." Stemann habe daraus "bis hin zur Verniedlichung Trash-Unterhaltung gemacht".

Von einer "zunehmenden Verflachung" berichtet Margarete Affenzeller in ihrer Kritik in der Standard (17.4.2016). Affenzeller sah darüber hinaus eine "typische Stemann-Inszenierung", pendelnd zwischen "Lesen, szenischen Dialogen mit Kamera-Projektionen und Musikmachen". Insbesondere eine Szene über die causa Böhmermann zeige, "wie sehr es in dieser vielschichtigen, wiederum von vielen nicht sofort zuordenbaren Subjekten bevölkerten Rede nach Bodenhaftung verlangt." Problematisch sieht Affenzeller vor allem den zweiten Teil des Abends: Die unhinterfragte direkte Verbindung zwischen Gott (Prophet Mohammed) und dem Terrorismus machen den Abend (..) eindimensionaler, als er zuvor war, und sie verflachen die vielen angestrengten Bezüge."

"Die Inszenierung ist klug und ziemlich beeindruckend und wird im Laufe des Abends immer besser", schreibt Christine Dössel für die Süddeutsche Zeitung (17.4.2016). "Eine furiose Mischung aus Leseprobe, Wut-Performance und Textoratorium, auch Clownsspiel, Satire und schwarzer Messe, sehr assoziationsreich und musikalisch großartig", schwärmt Dössel. "Die Inszenierung ist etwas für Sie, wenn Sie keine Angst vor Jelinekaden haben und nicht immer alles verstehen (wollen) müssen."

"Eine hochmotivierte Kammerspiel-Truppe bewältigt das Textmonster bravourös", schreibt Bernd Noack für Spiegel Online (17.4.2016). "Das hat einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert. (..) Mut zur Wut könnte man das nennen." "Ohne Not am langweiligen Geschmack vorbei" illustrieren die Schauspieler "absonderlichst kostümiert" Steemans "Rundumschlag". Letztlich bleibt der Abend aber dennoch "oberflächlich und verzettelt sich in hilflos-heiteren Kapriolen, wo das wirkliche Nachdenken über das, was gerade um uns passiert, noch nicht einmal richtig begonnen hat."

Außer einigen wenigen atmosphärisch dichten Bildern werde man von diesem Abend nicht viel im Gedächtnis behalten, schreibt Hubert Spiegel in der FAZ (18.4.2016). "Wie Jelineks Text, der auch klitzekleine Wutanfälle der Autorin über ihre eigenen Unzulänglichkeiten enthält, kennt auch Stemanns Inszenierung keine Haltung oder Position, die sie nicht im nächsten Moment wieder räumen würde." Nach einem lockeren Auftakt gehe es steif weiter. "Aber zum Glück sind da ja noch einige lustige Requisiten: schusssichere Westen für die einen, grelle Perücken und Clownsnasen für die anderen, die offenbar die westliche Spaßgesellschaft darstellen sollen, die sich von einem lustigen kleinen Ereignis zum nächsten hangelt. So macht es Stemanns Inszenierung auch: Eine halbwegs gelungene Kabaretteinlage jagt die andere."

Dem Eindruck von Barbara Villiger Heilig von der NZZ (18.4.2016) zufolge changiert Stemanns "füllhornartige Ur-Inszenierung" locker zwischen "chorischer Lecture-Performance, Konzert, Videoinstallation und postdramatischem Metatheater." Aber das "glänzend disponierte Ensemble" schaffe es, "sogar szenischen Leerlauf witzig hinzulegen. Lacht man zu viel an diesem Abend? Na, Jelinek selbst macht sich doch lustig über ihre Witze (oder äfft nach, wer es sonst tut); ausserdem geht es hier, Stichwort 'Charlie Hebdo', um Satire. Und genau wie bei der Satire verbreitet sich Unbehagen: Noch lustig, schon doof oder schlicht daneben?"

"Es hätte ein schrecklicher Zeigefingerabend werden können, eine gruselige Schlimm-schlimm-Revue", findet Andreas Rüttenauer in der Tageszeitung (19.4.2016). Aber: "Bitte sehr, liebes Publikum, viel Spaß beim Nachdenken darüber, was uns der Regisseur hat sagen wollen. Geht es um das Bilderverbot im Islam oder allgemein um Religion unter spezieller Berücksichtigung des radikalen Islam? Ist das kalkulierte Verletzung religiöser Gefühle oder eine Satire über Menschen, die sich Gedanken über religiöse Gefühle machen? Stemann gibt dem Publikum freie Hand. Witzelt da einer nur oder ist es ihm ernst? Man weiß es nie an diesem beinahe vier Stunden langen Abend. Und genau das macht ihn zur großen Kunst."

Stemann verblödele bereits im Verlauf der ersten Hälfte der 200 Minuten "mit allerlei ulkigem, aber beliebigem Trash und verschnarchtem Agitprop aus den Siebzigern jeden Bezug zur titelgebenden 'Wut'", so Matthias Hejny in der Abendzeitung (18.4.2016). Die Inszenierung sei "künstlerisch wie politisch so wertvoll wie das RTL-Dschungelcamp".

In der Zeit (21. April 2016) schreibt Silvia Stammen: "Zimperlich darf man nicht sein, was den Feinsinn des Humors betrifft." Manches könne durchaus auf die Nerven gehen. Dennoch sei Stemanns neunte Jelinek-Uraufführung ein Zugriff auf Augenhöhe. "Die Textflächen der Schreibwütigen fordern die brachale Mittäterschaft der Regie." Und tatsächlich: "Hier funkt es endlich mal wieder."

"Wut" sei "ein grandioser Schreibanfall, der auf 114 Seiten das Grundrauschen unserer Zeit verdichtet", schreibt Christine Wahl auf Zeit online (18.4.2016). "Nun wäre Jelinek natürlich nicht Jelinek, wenn sie sich zur Expression ihrer Klarsichtigkeiten nicht mit Vorliebe des Kalauers bediente; mit hinterhältigen Widerhaken, versteht sich." Stemanns Inszenierung sei "einmal mehr" absolut auf Augenhöhe, so Wahl: "Es ist so viel los in den vier Stunden, dass der Abend subjektiv schneller zu Ende ist als der eine oder andere Anderthalbstünder anderswo." Das liege vor allem daran, dass "Stemann und das tolle Schauspieler-Septett sowie die Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel Bild rasant auf Sinnbild schichten".

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