Die hässliche Wirklichkeit

von Dirk Pilz

6. Dezember 2016. Heute noch einmal kurz zu Tim Renner. Nein, nicht zu seiner umstrittenen Entscheidung für Chris Dercon als Nachfolger Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne. Dazu ist einstweilen alles gesagt, auch wenn die Debatte damit naturgemäß längst nicht zu Ende ist. Sondern zu zwei Sätzen, die Renner aus Anlass seines morgigen Abschieds vom Amt des Berliner Kulturstaatssekretärs in einem Interview mit der B.Z. geäußert hat: "Berlin droht die soziale Spaltung. Unsere Kultur-Institutionen müssen deshalb raus aus ihrer Komfort-Zone und auf die Leute zugehen."

Die sozialen Spaltungen gehören zur Geschäftsgrundlage der Theaterbetriebe

Das sind zwei wunderliche Sätze. Zunächst zum ersten, Berlin drohe die soziale Spaltung. Ich frage mich, wo Tim Renner die vergangenen Jahre zugebracht hat. Sein Büro als Kulturstaatssekretär liegt in der Brunnenstraße, das ist Berlin-Mitte. Es genügt auch dort ein Gang um den Block, um festzustellen, dass die soziale Spaltung längst Realität ist. Man muss nicht unbedingt eine, sagen wir, erbschaftslose, normalverdienende dreißigjährige alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern am Küchentisch besuchen und sich zehn Minuten anhören, wie es in ihrer Wirklichkeit ausschaut, um zu begreifen, dass die Rede von einer drohenden sozialen Spaltung in ihren Ohren wie blanker Zynismus klingt. Man muss auch nicht, wenngleich das genauso dringend zu empfehlen ist, bei einer geflüchtete Familie in einer der Sporthallen vorbeischauen, um zu wissen, dass soziale Spaltungen keine Naturkatastrophen, sondern politisch befördert, wenn nicht gewollt sind.

kolumne 2p pilzEs reicht schon, mit halbwegs offenen Sinnen zum Beispiel in einem Theaterfoyer an einem Nichtpremierentag zu sein, um zu erahnen, dass sich die soziale Spaltung selbst hier nicht länger verheimlichen lässt. Obwohl ja das Theatermilieu noch vergleichsweise homogen und kuschlig ist, oberflächlich betrachtet. Aber es gibt ja Bewegungen wie art but fair und das Ensemble-Netzwerk nicht ohne Grund. Einer ist, dass die sozialen Spaltungen zur Geschäftsgrundlage der Theaterbetriebe gehören.

Was also sieht Renner drohen? Den Einbruch der hässlichen Wirklichkeit in das eigenen Komfort-Denken vielleicht?

Raus aus der kirchlichen Komfort-Zone

In David Foster Wallace’ Roman "Unendlicher Spaß" gibt es eine Figur, die ihre Augen nicht öffnet, weil sie Angst hat, blind zu sein. Das scheint eine beliebte und weit verbreitete Technik zu sein, sich in der ärgerlichen Welt einzurichten. Tim Renner ist damit keineswegs allein, im Gegenteil. Man trifft diese Welt-Aussperr-Technik zum Beispiel auffallend häufig gerade unter Theaterschaffenden wie Theaterkritikern gleichermaßen an. Was ging da für ein Schrecken durch die Reihen, als die sogenannte Flüchtlingskrise nicht länger beiseite geschoben werden konnte. Wie putzig hat zum Beispiel die Theatertreffen-Jury von ihren erschütternden Erfahrungen berichtet, als sie auf dem Weg ins Theater doch tatsächlich diese Flüchtlinge zu sehen bekam. An den, zum Beispiel, Obdachlosen oder Bettlern ging man zuvor offenbar so blind vorüber, dass die Wahrheiten der sozialen Spaltungen schlicht nicht vorhanden waren

Jetzt zum zweiten Renner-Satz, demzufolge "unsere" Kultur-Institutionen raus aus ihrer Komfort-Zone und auf die Leute zugehen müssten. Tun wir doch seit Jahren, werden die Theater rufen. Tun sie, ja. Kann man natürlich noch mehr tun, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Renner hier die alte schlechte Logik der Pietisten bedient, genau: der Pietisten. Sie kamen einst auf, als die evangelische Kirche wieder einmal in der Krise war, unter anderem, weil die Leute nicht mehr in die Kirche gingen. Dann müsse man eben zu den Leuten gehen, das war ihr Motto: Raus aus der kirchlichen Komfort-Zone, hin zu den Leuten. Es hat eine Zeitlang gut funktioniert.

Kunst geht immer auf "die Leute" zu

Nur sollte das bitte nicht gleichermaßen für Theater angewendet werden. Denn sie erst als "Komfort-Zonen" hinzustellen, sie also nicht nur finanziell, sondern auch mental in Fett gepolstert zu brandmarken, und dann zu fordern, diese Fetten sollten auf die armen Leut’ zugehen, würde für Theater nichts anderes meinen, als das zu tun oder lassen, was sie fatalerweise ohnehin schon anfangen zu tun, nämlich eben schlicht das, was diesen Leuten angeblich gefällt, sie mithin dort abzuholen, wo man sie vermutet, was wiederum zumeist bedeutet, sie zuvörderst in eine Ecke zu stellen, aus der sie vom Theater dann so schön befreit werden können.

Das nennt man unter anderem Populismus. Theatern wird aber, noch, der Komfort gegönnt, Kunst zu machen. Und wenn sie gelingt, geht Kunst immer auf "die Leute" zu, allerdings anders, als "wir" das zuvor vermutet haben.

Der in vielem streitbare Peter Sloterdijk hat hierzu einst eine gültige Feststellung getroffen: "Die Leute abholen, wo sie sind, das macht immer nur der Teufel." Und der kommt bekanntlich besonders gern mit dem Gesangbuch unterm Arm zu den Leuten.

 

Dirk Pilz ist Redakteur und Mitgründer von nachtkritik.de. In seiner Kolumne "Experte des Monats" schreibt er über alles, wofür es Experten braucht.

 

Zuletzt schrieb Dirk Pilz an dieser Stelle über die Lage der Theaternation.

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