Diagnose Identitätssucht

6. Dezember 2016. "Ich weiß nicht, ob ich Berlin noch helfen kann. Willkommenskultur jedenfalls ist etwas anderes", hat der designierte Intendant der Volksbühne Berlin Chris Dercon bei einem Abend in der belgischen Botschaft in Berlin gesagt, berichtet Swantje Karich in der Welt.

Auch sonst habe Dercon verunsichert gewirkt, als er "ohne Not, ohne Gegner" Zeugnis seiner bisherigen Arbeit ablegte und versuchte nach vorne zu blicken, Karich zufolge mit "neuer Nachdenklichkeit", gepaart mit "einem angriffslustigen Humor, der die Fassungslosigkeit in den Hintergrund drängen soll, sie aber umso stärker betont".

"Think global and fuck local"

Die deutsche Theaterszene sei "regressiv", die Kunst "nicht innovativ", von seinem "erweiterten Kulturbegriff" aus gesehen, so Dercon dem Zeitungsbericht nach. Provokation finde er konservativ, altbacken. Es gehe darum, etwas Neues zu erfinden.

Allerdings scheine das in Berlin schwierig: "Es gibt viele Geheimagenten, Verleumdungen, Feindschaften, Fehden." Berlin habe noch viel Arbeit, sich selbst wiederzuentdecken. Er müsse sich jeden Tag wieder davon überzeugen, "dass es sich wirklich lohnt, hierzubleiben und zu kämpfen".

Es gebe gewisse Theaterkritiker und Theatermacher, "die in Deutschland nur deutsches Theater machen wollen für deutsche Städte und deutsche Kultur". Für ihn aber sei ganz wichtig: "Think global and fuck local". Belgien, seine Heimat, habe den Surrealismus entwickelt, "weil wir in einem völlig schizophrenen, vielsprachigen Land leben müssen". Ihm habe diese Schizophrenie gutgetan. "Ich bin nicht identitätssüchtig, wie so viele Theatermacher in Deutschland."

(sd)

Mehr lesen:

Christian Rakow zum "Berliner Kulturkampf" (Dercon oder doch nicht Dercon?) – Kommentar vom 25. November 2016

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