Was wäre, wenn?

30. Dezember 2016. An den Beispielen Volksbühne und Berliner Ensemble denkt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung laut über vermeintlich unumstößliche, eigentlich widersprüchliche Theaterbetriebs-Wahrheiten nach: "Es gehört zum Berufsbild des Schauspielers, dass seine soziale und berufliche Existenz der künstlerischen Entfaltungsfreiheit des Intendanten untergeordnet ist. Oft ist dies auch von Schauspielern so gewollt. Sie möchten nicht gebunden und von einem Theater absorbiert werden − sie wollen mit anderen Regisseuren arbeiten, an anderen Häusern gesehen werden, ihren Marktwert bei Film- und Fernsehen aufbessern."

Damit jedoch werde der traditionelle Ensemble-Gedanke immer mehr perforiert. "Die Vielfalt des deutschsprachigen Theaters − sie wird im Frühling für die Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes vorgeschlagen − mag sich der kleinstaatlichen Struktur Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert verdanken; mit Leben erfüllt wurde diese Struktur durch die Ensembles", so Seidler. "Sie sind das Herzstück des Theaters. Im Ensemble lernen die Schauspieler einander über einen längeren Zeitraum hinweg bei den Proben, bei Erfolgen und Misserfolgen kennen, sie sammeln gemeinsame Erfahrungen mit Regisseuren und ihrem regional verankerten Publikum, sie können ihre Spielweise verfeinern, müssen die künstlerische Suche nicht bei jeder Arbeit am Nullpunkt beginnen."

"Die Flüchtigkeit des Theaters findet eine vorübergehende Bleibe in dem lebendigen Miteinander des künstlerischen Kollektivs."

Das Volksbühnen-Paradox

Nun werden die Ensembles von Berliner Ensemble und Volksbühne aus unterschiedlichen Gründen demnächst aufgelöst bzw. neu formiert, und im Fall der Volksbühne ergibt die Analyse dieses Prozesses ein Paradox, so Seidler: "Dass hier vergleichsweise wenige künstlerische Mitarbeiter nicht verlängert werden, liegt daran, dass Castorf viele Ensemble-Planstellen ohnehin nicht besetzt hatte, um das so eingesparte Geld für Gastverträge flüssig zu haben − nur so vermochte er (…) seine Schauspieler zu halten: Martin Wuttke zum Beispiel lässt sich nicht ohne Weiteres vertraglich binden, er wollte schon auch aushäusig auftreten, einen lukrativen Burg-Theater-Vertrag unterschreiben oder den Leipziger 'Tatort'-Kommissar darstellen dürfen."

Nur durch die aktive Aushöhlung des Ensembleprinzips sei es Castorf gelungen, sein "idealistisches Ensemble" aufrecht zu erhalten; was nun wiederum dazu führe, dass der Ensemblegedanke an der Volksbühne nicht geschützt sei vor Chris Dercons vermeintlichen Plänen eines kleinen Rumpf-Ensembles.

Doch darüber hinaus trägt dieses Beispiel für Seidler auch generell "zu dem in Eitelkeit gebadeten Intendanten-Image bei, das ohne absolutistischen Machtanspruch und unüberwindbare Hierarchien nicht auszukommen meint und damit im eklatanten Widerspruch steht zu der an Theatern geleisteten Gesellschaftskritik".

Reformvorschläge

Kein Chefdirigent eines Orchesters würde auf die Idee kommen, die eingespielten Musiker auszutauschen, wenn er ein Orchester übernimmt. "Was wäre, wenn sich die Schauspiel-Ensembles an den Orchestern orientierten?" fragt Seidler und referiert Thesen aus dem kürzlich erschienenen Buch "Theater, Krise und Reform" von Thomas Schmidt: "Dazu gehören längere Vertragslaufzeiten, so dass Schauspieler über Intendantenwechsel hinweg angestellt bleiben und sich eine oder zwei Spielzeiten unter dem Neuen beweisen können, bevor man überlegt, ob man miteinander arbeiten möchte. Der Intendant kann seinerseits auf die Expertise und den Erfahrungsschatz des in der Stadt verankerten Ensembles zurückgreifen."

Das sei aber noch nicht das Ende des Denkbaren. "Das Intendantenamt und die organisatorische Trennung nach Sparten könnten abgeschafft werden. Die Leitungsaufgaben werden in einem fünfköpfigen direktorialen System auf die Bereiche Management, Produktion, Programm, Technik sortiert und im Team von Spezialisten abgearbeitet. Der Fünfte im Bunde wäre der vom Ensemble vorgeschlagene künstlerische Leiter. Das Ensemble besteht aus Bühnenkünstlern aller Sparten, die gerecht honoriert werden."

Ein alleinverantwortlicher Intendant, von dem erwartet wird, dass er seine Allmacht und Gestaltungskraft mit Ensemble-Kündigungen untermauern muss, wäre damit Geschichte.  "Die einzelnen Direktoren könnten ausgewechselt werden, ohne dass das Direktorat aufgelöst werden müsste. Das Ensemble bliebe erhalten, um sich schrittweise weiter zu entwickeln. Natürlich würde es auch weiterhin Fluktuation, Nichtverlängerungen und Neumitglieder geben − und im Einzelnen auch damit verbundene Konflikte." Die aber seien in demokratischen Prozessen im Team zu bewältigen. "So könnte das gesellschaftskritische Instrument Theater auch zu einem Modell für die Gesellschaft werden. Man müsste mal darüber nachdenken."

(sd)

 

Mehr zur Ensemble-Diskussion: Anlässlich von Chris Dercons Ernennung zum Intendanten der Volksbühne schrieb Matthias Weigel im April 2015 in einem Beitrag zur Stadttheaterdebatte: "Die Vorstellung eines Ensembles, das zusammen wächst, eine Identität hat, oder auch nur irgendetwas gemeinsam hat, geht an der Realität vorbei."

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