Quälende Fragen

von Harald Raab

Bruchsal, 4. Februar 2017. Ein stilisiertes gläsernes Gewächshaus, darin ein Schreibtisch, ein paar Plastikkübel, rote und weiße Blumen: die Bühne von Tilo Schwarz ist ein Denkraum ohne große Bildfindungen. Der Schlagzeuger Ulrich Hartmann pointiert mit harten Trommelwirbeln die rasche Szenenfolge. So muss es sein. Auch wenn hier Theater der Realität sehr nahekommen will, ist die Handlung des hochdramatischen Stoffs eigentlich nur Material zum Weiterdenken und Verstehen. Es geht darum, menschliche Reaktion auf Zumutungen des Schicksals deutlich zu machen, das radikale Wechselbad der Gefühle, dem die Betroffenen ausgesetzt sind. Eine Frau, die ihren Mann, eine Tochter, die ihren Vater verloren hat. Es war Mord. Was macht das mit den Hinterbliebenen? Durch welche Höllen der Polizeiverhöre werden sie geschickt?

Verschiebung der Perpektive

Ihr Schmerz, ihre Trauer, ihre Ängste und Empörungen – vor allem aber ihre Hilflosigkeit: All das rückt die Aufführung des Stücks "Schmerzliche Heimat" an der Badischen Landesbühne in Bruchsal ins Zentrum. Das Theater ist hier natürlich auch moralische Anstalt – aber als kultureller Erkenntnisort für Reaktionen von Menschen. Es geht um Mitleid, um ein Leiden mit den anderen – und in der Vorstufe dazu um Mitgefühl durch Verstehen.

SchmerzlicheHeimat1 560 Sonja Ramm uDenkraum mit Schauspielern und Schlagzeuger: CorneliusDanneberg, Ulrich Hartmann, Evelyn Nagel und Kathrin Berg   © Sonja Ramm

Die bekannte NSU-Mordgeschichte: Der türkische Blumengroßhändler Enver Simsek wurde am 9. September 2000 in der Nähe von Nürnberg von den Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kaltblütig ermordet. Es folgten acht weitere Morde an türkischstämmigen Händlern und einem Einzelhändler, der aus Griechenland eingewandert war. Außerdem erschoss das Neonazi-Duo eine junge Polizistin. Geradezu pervers mutet an, dass die getöteten Kleinunternehmer in Verdacht gerieten, zuvor selbst in kriminelle Machenschaften von Mafia-Banden oder Drogenhandel verwickelt gewesen zu sein. Ihre Angehörigen verdächtigte man obendrein zunächst, selbst die Taten begangen zu haben, um tyrannische Patriarchen der Familie loszuwerden.

In dem seit drei Jahren laufenden Mordprozess gegen die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe passierte, was meist die Folge solcher Mamut-Strafverfahren ist: die Opfer geraten in Vergessenheit. Die Angeklagten haben ihre große Bühne. Es ist originäre Aufgabe der kulturellen Medien, speziell des Theaters, diese Perspektivenverschiebung wieder geradezurücken. Das Interesse der Gesellschaft gebührt den Opfern mindestens so sehr wie den Tätern.

Aus den Fugen geratene Welt

Der Text des Stückes stammt von Semiya Simsek, der Tochter des ermordeten Blumenhändlers. Zuerst hat sie unter diesem Titel ein Buch vorgelegt. Den Stoff hat das ZDF im vergangenen Jahr verfilmen lassen. Dann folgte die Bühnenfassung, die in Kooperation mit dem Journalisten Peter Schwarz entstanden und von Christian Scholze für das Theater eingerichtet worden ist. Uraufführung war vor zwei Jahren am Theater im nordbayerischen Hof.

Intendant Carsten Ramm hat nun in Bruchsal dem etwas sperrigen Text weitgehend seinen lehrstückhaften Impetus genommen. Die Spielvorlage ist kollagiert mit öffentlichen Erklärungen der Autorin, vor allem aus ihrer bewegenden Rede, die sie in Berlin 2012 bei der offiziellen Trauerfeier vor den Hinterbliebenen der Opfern der NSU-Mörder und der politischen Prominenz der Hauptstadt gehalten hat. Rollenwechsel und Zeitsprünge verhindern auf der Bühne einen bloß geradlinigen Erzählablauf. Der Regisseur fordert Evelyn Nagel als Mutter Adile Simsek, Kathrin Berg als Semiya Simsek und Cornelius Danneberg als Enver Simsek und Polizist erfolgreich Gefühlsdarstellung ab. Zutiefst menschliches Empfinden und Verhalten auf dramatische Ereignisse in einer aus den Fugen geratenen Welt werden dem Publikum zur Auseinandersetzung vorgeführt, besonders stark von Evelyn Nagel.

SchmerzlicheHeimat2 560 Sonja Ramm uVorn: Kathrin Berg und Evely Nagel © Sonja Ramm

"Bin ich in Deutschland zuhause?"

Struktur und emotionaler Rhythmus brechen in dieser Inszenierung immer wieder das Berichthafte. Gerade durch diese unaufdringliche Fokussierung wird es den Zuschauern ermöglicht, unmittelbar mitmenschlich berührt zu werden. Gemordet wurden friedliche Mitbürger – Menschen wie du und ich. Und Deutschland, das ist auch die Heimat derer, die zugewandert sind. Wie formulierte es Semiya Simsek mit einem großen Fragezeichen in ihrer Berliner Rede, deren Teile unpathetisch und deshalb besonders eindringlich auch den Theaterabend beschließen: "Heute stehe ich hier und trauere nicht nur um meinen Vater, sondern quäle mich auch mit der Frage: Bin ich in Deutschland zuhause? Ja, klar bin ich das. Aber wie soll ich mir dessen noch gewiss sein, wenn es Menschen gibt, die mich hier nicht haben wollen?"

 

Schmerzliche Heimat
von Semiya Simsek und Peter Schwarz
Bühnenfassung: Christian Scholze
Inszenierung: Carsten Ramm, Bühnenbild: Tilo Schwarz, Kostüme: Kerstin Oelker, Dramaturgie: Larissa Benszuweit, Schlagzeug/Keyboard: Ulrich Hartmann.
Mit: Kathrin Berg, Evelyn Nagel, Cornelius Danneberg.
Dauer: 85 Minuten, keine Pause.

www.dieblb.de

 

Auch die NSU-Monologe der Bühne für Menschenrechte haben sich mit der Mordserie auseinander gesetzt.

 

Kritikenrundschau

"Das Stück zeigt schonungslos das Versagen der deutschen Behörden und der Medien in dieser Zeit", heißt es im SWR (2.2.2017). Eindringlich zeige 'Schmerzliche Heimat', "wie die Mutter im Verhör verdächtigt wird, ihren mutmaßlich drogendealenden Mann ermordet zu haben".

Die Dramaturgie dieser 80 Minuten presse einen Skandal von ungeahnter Komplexität in die Schnürbrust rasender Episoden, von denen keine länger als drei Minuten dauern dürfe und statt einer gewollten Collage nur die Idee einer Skizze hinterlasse, poltert Markus Mertens in den Badischen Neuesten Nachrichten (6.2.2017). Die Protagonisten blieben ungewöhnlich blass und inkonsequent, selbst sprachlich blieben verschiedenen Figuren ohne stimmliche Differenzierung. "Trotz allem verfügt dieser Abend über unglaublich starke Momente", der Rest jedoch bleibe ein gehetzter Gewaltakt, "der Schlieren auf der Scheibe hinterlässt, durch die man den braunen Sumpf klar erkennen müsste, der allzu lange verborgen blieb".

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