stadelmaier 180 theater cover11. Juli 2016

Ein Zeitgeisthändler

In der vergangenen Spielzeit fehlte im Orgelwerk der Theaterkritik erstmals seit Menschengedenken der Bordun (oder auch Brummbass): FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier hat sich zur Ruhe gesetzt. Doch wie es Unruhegeistern geziemt, ist er nicht wirklich verstummt: Nur dass Stadelmaier statt Kritiken nun Bücher schreibt. Mit Regisseurstheater. Auf den Bühnen des Zeitgeistes ist er auch gleich bei einem seiner Lebensthemen angelangt und kann gegen Markt und Moden wettern. Wie gut dabei seine begriffliche Form ist, beurteilt scharfrichterlich Dirk Pilz.  

7. Juli 2016: Spätvorstellung. Mein Theaterbuch von Dieter Kühn

Ein rührendes wie wunderliches wie trotziges Vermächtnis: der große Vergangenheitsforscher und -übersetzer Dieter Kühn vollendete Spätvorstellung. Mein Theaterbuch kurz vor seinem Tod. Mit sechs unaufgeführten Theaterstücken und einer Reflexion über eine Theaterliebe, die keine rechte Form gefunden hat, aber eine umso eigensinnigere Leidenschaft. Mehr von André Mumot.

 

2. Juni 2016: Evelyn Deutsch-Schreiners Buch über Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart

"Was machen eigentlich Dramaturgen?", ist eine Frage, die selbst von Experten oft nicht zufriedenstellend beantwortet werden kann. Evelyn Deutsch-Schreiner versucht mit ihrem Buch Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart Licht ins Dunkle zu bringen. Thomas Rothschild hat es gelesen.

17. März 2016: Nis-Momme Stockmanns Debütroman

ist kein Mann des Maßvollen. Mit seinem ersten Roman Der Fuchs wurde Stockmann prompt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sein 700-seitiges, grandios postmodern aufgefaltetes Stück Verschwörungsliteratur spielt in einer Art friesischem "Twin Peaks" und hat Janis El-Bira in Begeisterung versetzt.

16. März 2016: Der erste Roman des Dramatikers Roland Schimmelpfennig

Roland Schimmelpfennig ist der meistgespielte zeitgenössische Dramatiker an deutschen Bühnen. Auch er legte jetzt seinen ersten Roman vor: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Und auch er wurde damit für den Leipziger Buchmessen-Preis nominiert. Eva Biringer hat sich in die Kälte begeben.

 12. Februar 2016:  Eva Maria Klingers Helmut-Lohner-Biografie

Wie Jack Lemmon für Walter Matthau so war Helmuth Lohner für Otto Schenk: ein kongenialer Partner, ein wieseliger Verwandlungsspieler, egal ob im TV, bei den Salzburger Festspielen oder im Wiener Theater in der Josefstadt. Die ehemalige nachtkritik.de-Autorin Eva Maria Klinger hat ihm die Biographie Nie am Ziel. Helmuth Lohner gewidmet. Mit viel Liebe. Etwas zu viel, wie Thomas Rothschild sagt.

7. Januar 2016: Das Theaterwerk des Philosophen Alain Badiou

Alain Badiou ist ein Lieblingsphilosoph deutschsprachiger Dramaturgen, eine Liebe, die gewisser Weise gegenseitig ist: Denn immer wieder hat Alain Badiou sich mit dem Theater auseinandergesetzt. Neben der Wissenschaft, der Politik und der Liebe gehört es zu den vier "Wahrheitsprozeduren", die sein philosophisches Denken bestimmen. Jetzt ist seine Rhapsodie für das Theater erschienen. Andreas Tobler hat den jüngsten Band, aber auch andere Werke Badious gelesen und denkt über die fruchtbare Beziehung von Philosophie und Bühne nach.

16. Dezember 2015: Juri Sternburgs Buch Das Nirvana Baby

Erst war's ein Baby-Bild auf einem Platten-Cover, dann ward's Ikone, dann ein ausgewachsener Mensch der Guardian-Reihe "That's me in the picture".  Und dann ward's Fiktion, ein denkendes, schreibendes, vielleicht auch anarchistelndes Ich in Juri Sternburgs Das Nirvana Baby. Theresa Luise Gindlstrasser bespricht das Buch.  

4. Dezember 2015: Philipp Ruchs Bekennerschreiben Wenn nicht wir, wer dann?

Klingt nach Rio Reiser, dem Sänger, ist aber Philipp Ruch, der Aktionskünstler: Wenn nicht wir, wer dann? Der Gründer des Zentrums für politische Schönheit, das im Gedenken an die Toten im Mittelmeer schon mit Särgen vor den Berliner Reichstag zog, hat ein Buch vorgelegt. Ein Erweckungsbuch, das sagt: Wir gegen sie, moralische Schönheit gegen den Dreck der Alltagspolitik, rigorose Gerechtigkeit gegen demokratische Laschheit! Dirk Pilz hat es gelesen.

19. November 2015: Joachim Meyerhoffs fabulöser Roman Ach, diese Lücke

"Alle Toten fliegen hoch" hießt die Erinnerungs-Serie des Schauspielers und Schriftstellers Joachim Meyerhoff. In den ersten beiden Romanen verlor er seinen Bruder und seinen Vater, und diese Schocks beleuchteten die Umstände, unter denen man gemeinsam gelebt hatte. Nun erscheint als Nummer 3 Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – wo sich der Name der Romanreihe nicht mehr im Untertitel findet. Und der Tod ist auch im Inneren ganz leise geworden. Er ruht in einem zärtlichen Erinnerungsalbum, in dem Meyerhoff durch das Leben blättert, das er während seines Schauspielstudiums bei seinen exzentrischen Großeltern führte. Janis El-Bira hat gerne mitgeblättert.

7. Oktober 2015: Einheit. Berliner Theatertagebüher 91-96 von Michael Eberth

Chefdramaturg wurde er aus "Vorsicht vor der fremden Welt". Als Westler alleine unter den autoritätsgläubigen Ostlern. Was Michael Eberth, damals Chefdramaturg am Deutschen Theater, im Berlin der frühen 90er Jahre die Seele, die Nerven und die Gewissheiten zerrüttete, schildert er in Einheit. Berliner Theatertagebücher 91-96. Nikolaus Merck hat das Buch gelesen und denkt anlässlich des 66. Nationalfeiertags der DDR darüber nach.

17. September 2015: Das Foto-Buch Alles Theater von Margarita Broich

Wunderschöne Fotos und wundervolle Aussprüche von Schauspielkolleginnen und Kollegen präsentiert der neue kleine Bildband Alles Theater der großen Heiner-Müller-Darstellerin Margarita Broich. "Auf der Bühne bin ich erlöst vom Skript meines eigenen Lebens", sagt  nein, nicht René Pollesch, sondern Sophie Rois. Und wer sagt: "Kellner, Nutten, Taxifahrer und Schauspieler. Alles dasselbe. Dienstleistendes Gewerbe"? Thomas Rothschild weiß es.

5. August 2015: Joachim Fiebachs Opus Magnum Welt Theater Geschichte

Der emeritierte, mittlerweile 81jährige Berliner Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach hat ein Opus Magnum vorgelegt: eine 544seitige Theatergeschichte, die sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als die Geschichte des Theaters der Welt zu erzählen. Und zwar von ihren kultischen Anfängen bis in die Gegenwart. Wie das Buch hält, was sein Titel Welt Theater Geschichte verspricht, erkundet Thomas Rothschild.

15. Juli 2015: Elisabeth Orths Erinnerungsbuch Aus euch wird nie was

Im kommenden Februar feiert sie ihren 80. Geburtstag. Voller Präsenz und Strahlkraft sah man sie jüngst erst in Wien und beim Berliner Theatertreffen in Ewald Palmetshofer Siegerstück des Mülheimer Dramatikerpreises 2015 "die unverheiratete": Elisabeth Orth. Mit Aus euch wird nie was hat die Doyenne des Wiener Burgtheaters und Tochter des berühmten und umstrittenen Schauspielerpaares Attila Hörbiger und Paula Wessely jetzt ihre Lebenserinnerungen vorgelegt. Und Thomas Rothschild hat sie gelesen.

11. Juli 2015: Dirk Lauckes Debütroman Mit sozialistischem Grusz

Der Theaterautor Dirk Laucke hat einen Blick für Leute, die man geprügelte Hunde, Underdogs, Loser, Durchwurschtler, Überlebenstiere nennen könnte. Meist sitzen sie bei ihm ziemlich kaputt in den kaputten Landschaften der untergegangenen DDR. In seinem Debütroman Mit sozialistischem Grusz reist Laucke jetzt ins Herz des Niedergangs nach Bitterfeld. Was er dort beobachtet und zwischen zwei Buchdeckel gebracht hat, sagt Theresa Luise Gindlstrasser.

11. Juni 2015: Dörte Lyssewskis Roman Der Vulkan oder Die Heilige Irene 

Fürs Figuren-Erfinden (auf der Theaterbühne) wird die Schauspielerin Dörte Lyssewski verehrt und wurde schon vielfach gepriesen, jetzt hat sie die Aufgabe mal anders verstanden, sich hingesetzt und ein Buch mit Erzählungen geschrieben: Der Vulkan oder Die Heilige Irene. Lyssewskis Papier-Figuren sind, soviel darf verraten werden, großenteils weiblich und unterwegs. Auch einsam. Eigentlich ähnlich wie bei dieser anderen Schauspielerin, Karen Köhler, die für ihren Debüt-Erzählungsband "Wir haben Raketen geangelt" kürzlich viel Lob geernet hat. Diesen und weitere Vergleiche zieht Eva Biringer.

19. Mai 2015: Kritik und Gegenkritiken zu Bernd Stegemanns Lob des Realismus

Bernd Stegemann, Dramaturg der Berliner Schaubühne und Professor an der "Ernst Busch", schreibt weiter an seiner "Kritik des Theaters", also am großen Rundumschlag gegen die herrschende, postdramatische Bühnenkunst und ihre neoliberale Verblendung. In seinem neuen Buch Lob des Realismus legt er nun Beispiele einer positiven, ideologiekritischen Theaterarbeit vor. André Mumot hat es gelesen. Die Buchvorstellung von "Lob des Realismus" in der Berliner Akademie der Künste hat eine Kritik des Regisseurs/Autors Kevin Rittberger ausgelöst, auf die die Schriftstellerin Kathrin Röggla antwortet.

28. April 2015: Friedrich Lichtenstein: Super. Mein Leben

Vor nicht allzu langer Zeit war der Name Friedrich Liechtenstein nur absoluten Insidern ein Begriff, Menschen, die sich an die wilden Theater-Neunziger in Berlin erinnern konnten oder Puppenspiel-Aficionados. Dann kam "Supergeil", der Song wie die Supermarkt-Werbung – und Liechtenstein wurde zum viralen Hit. Was das (nicht) veränderte, erzählt er jetzt in Super. Mein Leben, von dessen Lektüre Matthias Weigel ziemlich angetan ist.

5. April 2015: Bücher von Vater und Sohn Ophüls

Zwei Bücher von zwei Filmregisseuren. Hinzu kommt, dass der eine der Vater des anderen ist. Während sich Max Ophüls' Rückblende Spiel im Dasein, wo er auch von seinen kuriosen Anfängen am Theater erzählt, einer Neuauflage erfreut, erscheinen Marcel Ophüls' Erinnerungen Meines Vaters Sohn zum ersten Mal. Schon einzeln lesenswert, bieten die beiden Bücher zusammen eine faszinierende Parallellektüre, meint Rainer Nolden.

25. März 2015: Michael Degen über Oskar Werner: Der traurige Prinz

Eine Nacht, zwei Selbstdarsteller, bestimmt mehr als drei Flaschen Wein – das waren die Grundlagen für den "Roman einer wahren Begegnung" Der traurige Prinz. Michael Degen porträtiert in ihm den ikonischen Erst-Theater-dann-vor-allem-Film-Schauspieler Oskar Werner. Von Degens Weitererzählung von Werners Erzählungen über seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, seine Umbenennung nach Werner Krauß, auch sein Zerschellen an Egomanie & Alkohol – erzählt Nikolaus Merck.

4. März 2015: Günther Rühles Theater in Deutschland – Band zwei

1519 Seiten! Aber gut, die Geschichte des deutschsprachigen Theaters ist ja auch reich an Ereignissen. Zumal in den Jahren 1945 bis 1966, die Günther Rühle in seinem zweiten Band von Theater in Deutschland nacherzählt. Von Gründgens bis Zadek, von Brecht bis Müller sind sie allealle dabei in West und Ost. Mal als Chronist, mal als Märchenonkel erzählt Rühle, dessen Zitierweise fragwürdig erscheint. Am Ende ist Nikolaus Merck dennoch beeindruckt.

4. Februar 2015: Anita Krumps Tagebuch einer Hospitantin

Ach, damals! Ach, Volksbühne der Neunziger! Welcher Kritiker, der dabei war, bräche nicht in Schwärmerei aus über jene Zeit, in der Frank Castorf das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz bezog. Selten aber ist über diese legendenumwölkte Anfangsjahre auf so ehrliche und widerspruchsreiche Weise geschrieben worden wie von Annika Krump, die damals Anfang 20 war und ihr Tagebuch einer Hospitantin jetzt der Öffentlichkeit überlässt. Einen Haufen rotziger Proben-Dialoge, aber auch Einsichten in den neoliberalen Leistungdruck hat Dirk Pilz darin gefunden.


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