Freie Radikale

von Eva Maria Klinger

Salzburg, 15. August 2008. Die Kenntnis des Stückes ist zu empfehlen, ehe man sich der dreistündigen Neufassung von Nicolas Stemann hingibt. Das ungleiche Brüderpaar Karl und Franz Moor ist hier nicht nur eine Person mit zwei Seiten, diese Person ist außerdem noch auf vier Schauspieler aufgeteilt. Schönste Verwirrung! Die vier "FranzKarls" Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp und Alexander Simon sind tolle Kerle in Hemd und Wollpollunder.

Sie sprechen, skandieren Schillers Text mal vierstimmig im Chor, mal als Kanon oder satzweise aufgeteilt. Das macht Schillers ausufernde Suada spritzig und abwechslungsreich, amüsant sogar, die radikale Textkürzung unterstützt zusätzlich die publikumsfreundliche Verdaubarkeit. Freilich, nicht alle szenischen Lösungen gelingen in diesem Modell so überzeugend wie etwa die monologischen Selbstbefragungen, die sich zur mehrstimmigen konspirativen Reflexion verdichten.

Das Drama als Vexierspiel der Identitäten

Dieser Zugang erspart dem Regisseur jedenfalls eine peinliche, heutige Kostümierung der Räuber, etwa als Selbstmordattentäter. Schiller hat "Die Räuber" als 18jähriger Schüler im Internat der Karlsschule als Aufschrei eines Gefangenen geschrieben. Die Dramaturgie ist noch holprig, manche Figuren hölzern, noch nicht so psychologisch charakterisiert wie in den späteren Dramen. Daher ist ein solch radikaler Zugriff, wie Stemann ihn unternimmt, auch ein Rettungsanker. Denn "Die Räuber" wie's im Buche steht aufzuführen, wäre Harakiri.

Regisseur Nicolas Stemann entschloss sich, Schillers Text als Basis für ein intelligentes Sprachspiel zu benützen, das auch zum Vexierspiel werden kann, wenn die Rollen verschwimmen. Rollen? Das Programmheft gibt einfach sechs männliche und zwei weibliche Schauspielernamen an, als Interpreten eines Wortkonzertes. Wessen Rolle da gerade gesprochen wird, ist Nebensache. Eindeutig und einstimmig ist Christoph Bantzer der Alte Moor, Katharina Matz und Peter Maertens sind Figuren aus dem Schillerfundus. Maren Eggert ist eine selbstbewusste Amalie, ihr Tod ist auch die Schlusspointe – und nicht Karl Moors "Dem Manne kann geholfen werden".

Ausweitung der Coolness-Zone

Das Konzept zertrümmert das Stück nicht, es verleiht dem emphatischen Freiheitsdrama Rhythmus, Musikalität und eine interessante Sicht. Indem der zurückgesetzte, vom Vater ungeliebte Franz so sein möchte wie Karl, so geliebt, anerkannt und tatkräftig, ist es denkbar, die beiden zu verschmelzen. Franz will alles haben, was Karl hat: Amalie, den Besitz, die Anerkennung.

Dass dies nur mit einer miesen Intrige gegen Vater und Bruder, der lancierten Falschmeldung von Karls Tod gelingt, wäre die eigentliche dramatische Zuspitzung in Schillers Drama, die Stemann nicht so wichtig nimmt.

Wichtiger ist ihm die Frage nach der Identitätsfindung. Franz nimmt Karls Identität an und Karl verliert die seine, weil ihm alles genommen wird. Diese kluge Interpretation schafft Coolness, wenig Dramatik. Nicolas Stemann setzt dramatische Akzente anderer Art.

Vibrierende Magengrube

Wenn das Quartett, diesmal als Räuberbande in schwarzer Gesichtsmaske, mit Raub- und Vergewaltigungszügen durch das Cäcilienkloster prahlt, fährt eine Punk-Rockband herein, stampft und dröhnt, dass die Magengrube vibriert. Überhaupt wird die ganze theatralische Palette zur Ausweitung der Kampfzone herangezogen. Vorgefertigte Videos flimmern, eine Kamera projiziert live Aufnahmen einer brennenden Lego-Modellstadt auf die Leinwand.

Licht, Geräusche sind präzise eingesetzt, und im zweiten Teil treten die vier Herren auch noch in Rüschenhemden und Brokatrock auf, ein würdiges Schiller-Zitat. Um die Freunde der Schillergesellschaft zu versöhnen, reicht es wohl nicht. Aber diese waren nicht anwesend, denn das Publikum spendete dem Ensemble und dem Regisseur einhelligen Beifall.

 

Die Räuber
nach Friedrich Schiller
Inszenierung: Nicolas Stemann, Bühne: Stefan Mayer, Köstüme: Esther Biallas, Video: Claudia Lehmann, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel.
Mit: Christoph Bantzer, Maren Eggert, Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp, Katharina Matz, Peter Maertens, Alexander Simon.

www.salzburgerfestspiele.at


Nicolas Stemanns Auseinandersetzung mit der Dialektik von Erinnern und Verdrängen hat auch Simone Kaempf beschäftigt. In einem Artikel von Dirk Pilz zur Frage, wie das deutschsprachige Theater das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart behandelt hat, spielt Stemann auch eine größere Rolle. Weitere Kritiken zu Inszenierungen von Stemann lesen Sie hier: zu Iphigenie am Hamburger Thalia Theater, zu Don Karlos und Elfriede Jelineks Über Tiere am Deutschen Theater Berlin und zu seiner Jelinek-Inszenierung Ulrike Maria Stuart wiederum Thalia Theater Hamburg.

 

Kritikenrundschau

Beim jungen Schiller stünden meist "lauter halb ausgegorene Ideen auf der Bühne herum", meint Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen (18.8.), die nun auch in Nicolas Stemanns "Räuber"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen "ihre Körper" nicht fänden." Die Aufführung sei eine "szenische Lesung ... mit großem Aufwand." Getragen von "vier Jungmimen", die den Text entweder unisono oder "aufgeteilt wie Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track" sprechen, schrumpfe der Abend aber "nach einem packenden Beginn ... zum Vehikel dieser einen Regieidee, nicht nur zu doppeln, sondern zu vervierfachen. Was für die Einzelpersonen Franz und Karl Moor ein geeigneter Einfall zu sein schien, um Tiefen in den doch recht flachen Figuren Schillers auszuloten, wird angesichts der Gruppenstruktur der Räuber witzlos."

Für Ronald Pohl vom Standard (18.8.) sind Stemanns "Räuber" eine "unverbindliche Deklamationsgruppenübung". Die "vier Herren" illustrierten, "ohne jemals besondere Wortdeutlichkeit zu erzielen, wie man sich eines komplizierten Textes auf summarische Weise plappernd und möglichst wegwerfend entledigt." Es herrsche "lediglich der Triumph 'chorischer' Unbedarftheit": "Nichts darf hier brennen, nur ein bisschen Dekoration. Keine mühsam gewonnene Einsicht braucht zu schmerzen." Der "Chor dieser freundlichen Wohlstandskinder" erzähle "von der schleichenden Ermüdung der Antriebe. Keine Kanaille in der Clique. Man entfaltet bloß den Charme einer autonomen Jugendgruppe."

Eine "Rock-Oper" hat Barbara Petsch von der Wiener Presse (18.8.) in Stemanns "Räubern" gesehen und eine "klare These" darin gefunden: "Franz, die Kanaille, und Karl, der gute Sohn, sind eins. Die beiden Brüder wenden sich ab von der Welt ihrer Väter, wollen sich ein neues, anderes Leben bauen. Sie scheitern bzw. werden zu Borderlinern." "Konsequent und sprachlich perfekt erzählt", sei die Aufführung "als Übersetzung eines schwierigen Klassikers ... sehr gut gelungen, eine Fusion von Popkultur und literarischem Erbe." Und das sei "wohl die Zukunft. Manche Klassiker werden bearbeitet sein – oder sie werden nicht mehr sein." Vom "Regietheater, das Klassiker-Figuren als unsere Zeitgenossen präsentiert", sage sich Stemann los: "Die Epoche des Post-Regietheaters ist angebrochen."

Ja, Stemann gelinge in seinem "Wortkonzert" die "Erzählung der Handlung durch deren nahezu ausschließlich sprachliche Vermittlung". Die Aufführung "macht sich und ist zweifellos interessant." Doch Peter Iden bringt in der Frankfurter Rundschau (18.8.) einen fundamentalen Einwand vor: "Der Regie-Ansatz Stemanns ... verweigere den Schauspielern, was eigentlich ihre Aufgabe, ihr Metier und das Wesentliche ihrer Kunst ist: die Schilderung von Menschen, die Entwicklung von Haltungen durch Erfahrungen, die sie als einzelne machen, die Verwandlung als Konsequenz von Vorgängen, durch die sie abgebracht werden von sich oder zu sich finden. Das chorische Experiment mit den 'Räubern' entdeckt zwar das Theatralische an der Sprache Schillers – es geht aber zu Lasten des Theaters, einem Medium, das sehr viel komplexer und reicher ist in seinen Möglichkeiten als der verengende Einfall, aus dem diese Inszenierung sich herleitet."

In der Süddeutschen Zeitung (18.8.) schreibt Christopher Schmidt: "Als Gedankenexperiment über den Extremismus bildet der Stoff die logische Fortsetzung des Gewaltdiskurses, dem der Regisseur Nicolas Stemann bereits in Elfriede Jelineks RAF-Stück 'Ulrike Maria Stuart' mit grimmiger Melancholie nachgegangen war." Wie "vier Performer beim Poetry Slam" präsentiere sich das Solistenquartett: "Es ist ein männerbündischer Sängerkrieg in der Schiller-Fankurve, was sie entfesseln, und durch das chorische Moment wird die Gewaltsamkeit von der ersten Sekunde an körperlich spürbar. ... Indem die Schauspieler hier nicht überlebensgroße Figuren beglaubigen müssen, sondern einen Text, gewinnen sie eine neue Unmittelbarkeit und können sich frei der heißesten Emphase hingeben, die sprachlich sublimierte Gewalt ausmusizieren."

"Seltsam genug", wundert sich Ulrich Weinzierl in der Welt (18.8.): "Nicolas Stemanns Konzept, die Personen in ihre Sprache aufzulösen", funktioniere tadellos. "Genauer betrachtet freilich kein Wunder, denn sie ist das Unvergängliche an Schillers Debüt als Dramatiker: ein vom philosophischen Freiheitsfuror überhitztes Wort-, Gedanken- und Seelenkonzert, hier präsentiert mit untrüglichem Gefühl für Melodie, Tempo und Rhythmus. Das durchaus modern wirkende Ergebnis ist Texttreue sondergleichen, zumal da sich Stemann szenisch platter Aktualisierungen enthält." Außerdem ermögliche "die Stemannsche Personenaufsplitterung Einblicke in die Vielschichtigkeit der Charaktere: Im selben Moment nämlich werden die oft einander widerstrebenden Motive innerhalb eines einzigen Ichs erkennbar: die Geburt der Psychologie aus dem Geist der Musik." Leider habe der fünfte Akt noch "den Charme des Unvollendeten", weswegen Weinzierl in diesem "lohnenden Ausnahmefall ... zur weiteren Feinarbeit ermuntert."

Durch Stemanns "gemischten Chor aus Brüdern und Räubern, Vätern und Verrätern" würden – so meint Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung (18.8.) – "Die Räuber" "für einige Momente zum lebenden Textkörper, einem Ganzen, das seine vielen Glieder ausstreckt – in einer Hand das Herz und in einer anderen schon das Messer". Man könne "sich den furiosen Ideen von Stemanns Inszenierung nicht entziehen", und doch werde "leider bald klar: Es ist mit ihnen eine Form gefunden, aber noch kein Weg durchs Stück. Nicolas Stemanns 'Räuber' sind ein Experiment, das stark beginnt und dann auf halbem Weg steckenbleibt." Jandl bedauert, "dass sich Nicolas Stemann nicht entschliessen konnte, der Inszenierung irgendeinen interpretatorischen Drall zu geben. Wie Spielsteine werden die Sätze verschoben." Alles verhalle hier "ganz harmlos. Diese 'Räuber' sind letztlich nur Behauptung."

 

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