Der reinste Horror

von Willibald Spatz

München, 22. März 2009. Jede Neuinszenierung eines Sarah Kane-Stückes ist allein schon deswegen spannend, weil sie noch einmal erprobt, wie zeitlos die Texte dieser Dramatikerin wirklich sind, wie stark ihre Bilder und Worte nach Jahren noch sind, ob sie immer noch reinhauen. Schrecklich ist die Vorstellung, man hörte und sähe all das, was in "Gesäubert" vorkommt, und fühlte dabei nichts mehr als einen historisch gewordenen Drang, zu schocken und Konventionen von 1998 zu zerschmettern.

Zu Beginn ist in Andreas Wiedermanns "Gesäubert"-Variante im Marstall durchaus eine gewisse Vorsicht dem Stück gegenüber zu spüren. Sehr behutsam wird der Text gesprochen, die Worte werden heilig behandelt, als seien sie selbst verletzlich. Und wenn die verliebten Schwulen Rod und Carl, bevor sie reden, neckisch an einander rumspielen, dann ist das als Versuch, endlich mal ein bisschen lockerer zu werden, durchschaubar.

Anstalt unerfüllter Sehnsüchte

"Gesäubert" ist gespickt mit Momenten, die dadurch schmerzhaft werden, dass sie nicht im Intimen geschehen dürfen, sondern beobachtet werden. Im Stück heißt der Beobachter Tinker, er ist Obersadist in einer "Universität" genannten Anstalt, in der sich Personen versammeln, die alle eine unerfüllbare Sehnsucht in sich tragen. Tinker kennt diese jeweils und greift ein, sobald er weiß, wann er den anderen am besten treffen kann.

Doch all die äußeren und inneren Verletzungen, die er seinen Opfern zufügt, machen sie stärker und im Prinzip glücklicher, weil sie ihrem Ziel näher kommen. Sie verlieren ein Stück Körper, gewinnen aber an Identität und Unverwechselbarkeit, sie sind nicht mehr nach Belieben aus der Welt zu reißen, ohne eine Lücke zu hinterlassen. Tinker bleibt allein unerfüllt, er hat keine Ahnung, was er bräuchte, damit es ihm besser ginge.

Violaine Thel hat die Bühne in einen apokalyptischen Ort verwandelt: ein klinischer Raum, dessen Kacheln zerbrochen sind. Als zu Beginn der Junkie Graham stirbt, wird er unter einer Ascheschicht begraben. Die Asche regnet alles zu, auch den Bücherhaufen auf der linken Seite, der noch einen geringen Rest Geborgenheit enthalten könnte. Hierhin ziehen sich zum Beispiel die Insassen Grace und Robin zurück. Sie lehrt ihn lesen und erkennt in ihm einen Ersatz für ihren Bruder Graham.

Zentimetertief unter die Haut

Die Ausgesetztheit fremden Blicken gegenüber überträgt sich in diesem Fall von den Figuren auf die Schauspieler, die sie darzustellen haben. Die müssen sich fast alle mal nackt dem Zuschauer zeigen. Andreas Wiedermann ist recht schonungslos, er lässt eine Großzahl der Regieanweisungen umsetzen. Das ist brutal: Die Schläge, die Franz Josef Strohmeier als Carl einstecken muss und unter denen er am Boden zuckt, gehen nicht auf seinen Körper, sondern auf Buchdeckel, werden aber per Mikrofon verstärkt, dass es einen auch als Zuschauer schmerzt.

Susanne Meyer rutscht als Frau nacktbeinig ihre Stripstange herunter, dass es quietscht. Christian Higers Rod wird ebenfalls komplettentblöst die Gurgel durchgehauen. Alles geschieht im Spiel – und zielt doch zentimetertief unter die Haut. Dazu ein bisschen Stroboskop und grelles Licht und piepsende Ratten vom Band, so dass man insgesamt nach gut anderthalb Stunden sagen muss: Es schockt. Noch immer. Intellektueller als ein "Saw"-Film, aber nur unwesentlich unekliger.

Und was ist mit der Liebe?

Und was bleibt von der tiefen Verletzlichkeit, dem Schrei nach der großen, unerfüllten Liebe, derentwegen wir Sarah Kane eigentlich für immer zu den ganz großen Dramatikern zählen wollten? Dafür ist hier relativ wenig Platz zwischen den Effekten, die so toll wirken. Aber immerhin wenn Jörg Malchow als Robin mit Grace die Klamotten tauscht und sich in den Frauenkleidern plötzlich nicht mehr ganz so steif bewegt, dann geht da auch was im positiven Gefühlsbereich. Er erzählt, dass er bald nicht mehr hier sein wird, dass er zurückgeht zu seiner Mutter, weil er verstanden hat, dass Sterben nicht schön ist. Er erzählt all dies einer Person, in die er sich gerade verliebt. Diese Person ist Grace (Nicole Lohfink). Sie will, dass er denen draußen schreibt, dass auch sie so bald nicht mehr rauskomme, weil sie ihr Bruder werden wolle. Doch sie ahnt, dass die Begegnung mit Robin ihr Schicksal ist.

Am Ende haben alle entweder etwas abgeschnitten oder angenäht bekommen und unterm Strich ein wenig Trost. Sogar Tinker darf die Frau von der Peepshow ficken, noch etwas derb, aber immerhin eine vage Option auf eine Wende zum Besseren auch für ihn. Also könnte man sagen: Je größer der Horror ist, durch den man muss, desto mehr Liebe springt am Schluss raus. Dann müsste man den Horror nicht unbedingt meiden. Das könnte übrig bleiben von Sarah Kane. Immerhin.

 

Gesäubert
von Sarah Kane
Deutsch von Elisabeth Plessen, Nils Tabert und Peter Zadek
Regie: Andreas Wiedermann, Bühne und Kostüme: Violaine Thel. Mit: Nicole Lohfink, Susanne Meyer, Christian Higer, Georg Hobmeier, Jörg Malchow, Herbert Schäfer, Franz Josef Strohmeier.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Kritikenrundschau

Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (24.3.) stellt zunächst den Regisseur Andreas Wiedermann vor: Der 30-jährige Niederbayer, der in der freien Szene bereits "eine Operntruppe und eine Schauspielkompanie" gegründet habe, gelte dort "als gefühlvoller Konservativer"; "nach den Maßstäben eines literarisch begründeten Staatstheaters" indessen könne er "als sensibler Exeget mit einem Hang zu ungewöhnlichen Lösungen" bezeichnet werden. Wiedermann nun (der seine eigenen sieben Schauspieler in die Staatstheater-Arbeit mitbringen durfte) habe die "Splatter-Elemente" in Kanes Stück "literarisiert". Was meint, dass er an Stelle der Konkretionen anderer Deutungen nur zart zitiere: "ein paar zersprungene Kacheln" statt eines KZs, schwarzes Konfetti statt Asche. Tholl stellt manche "Fahrigkeit" der Regie fest, doch auch Gesten der "anrührenden Zärtlichkeit" und Nuancen der "ungeschützten Liebe". Insgesamt werde die "Sensibilität" der Inszenierung von einem "Bekenntnis zum Pathos" getragen, "das einen stärkeren Eindruck hinterlässt, als es jede offene Darstellung von Gewalt auf der Bühne vermag."

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