Dienstag, 21. Oktober 2014
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thiswarofmine 280 screenshot Überlebenskampf ohne Sieger? Screenshot
aus dem Computerspiel "This War Of Mine".
Quelle: 11 Bit Studios

16. Oktober 2014

Der Bauschutt der Moderne

Vergangene Woche erschien an dieser Stelle in der Artikelserie zur Zukunft des Stadttheaters das Plädoyer von Matthias Weigel "Reißt die Mauern der Tradition ein!", in dem er sich das Stadttheater in seinem gegenwärtigen Zustand vorknöpfte und im selben Atemzug eine Vision für seinen Umbau im Zeichen der Kunstfreiheit entwarf. Heute antwortet der Dortmunder Dramaturg Alexander Kerlin, der Weigels Text in einem wesentlichen Punkt widerspricht.

Dunkle Wolken der ewigen Finanzdiskussionen überschatten die Stadttheaterdebatte. Höchste Zeit umzuschwenken und sich wieder des künstlerischen Auftrags zu besinnen. Verpflichtet euch der Kunstfreiheit! Profaniert eure Häuser mit Playstation und Poolparty, mistet die Dramenklassiker aus, und dann sucht neue Stoffe und neue Formen und verabschiedet euch von zementierten Intendantenkartellen, sagt nachtkritik.de-Redakteur Matthias Weigel.

Wäre es nicht eine glatte Win-Win-Situation für Theater und Publikum, wenn die Theater fortan alles, was auf ihren Bühnen passiert, per (Live-)Stream ins Netz übertragen würden? Ja, sagte Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner unlängst und ernete dafür vor allem Kritik. Doch, ja!, findet auch Theaterverleger Bernd Schmidt – mit nur kleinen Einschränkungen.

"Herausforderungen und Perspektiven eines diskriminierungsfreien Theaters" versuchte gestern abend eine Diskussionsrunde im Ballhaus Naunynstraße zu eruieren. Zum Thema Rassismus im Kulturbetrieb suchten Tuncay Acar, Kien Nghi Ha, Jens Hillje, Sandrine Micosse-Aikins, Azadeh Sharifi und Esther Slevogt Fragen und Antworten. Elena Philipp hörte zu und berichtet.

Dem Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele, Holk Freytag, wurde fristlos gekündigt, weil er angeblich die Sparvorgaben der Stadtverwaltung nicht umsetzen wollte. Die gleichzeitig die Ansiedlung von Amazon mit neun Millionen Euro subventionierte. Weder Proteste des Festspiel-Ensembles, noch eine von inzwischen 10.000 Menschen unterschriebene Resolution gegen den Beschluss konnten die Lokalpolitiker bislang umstimmen. Und obwohl die Stadt Bad Hersfeld nur ein Fünftel des Festspiel-Budgets bezahlt, wollen die Politiker der osthessischen 30.000-Einwohner-Gemeinde in Zukunft den Spielplan bestimmen. Ein beispielloser Vorgang in der deutschen Kulturpolitik, meint Frank-Patrick Steckel und hält eine Philippika gegen den Putsch.

Das Spielzeitende ist da. Und weil man oft vom Ende her die Anfänge besser sieht, lohnt der Blick auf eine Meldung, die jüngst über den Ticker lief – diejenige zur Reform der Autorentheatertage in Berlin: Aus Werkstattinszenierungen sollen Uraufführungen werden, aus Nachwuchsdramatikern etablierte Autoren und aus einem Alleinjuror ein mehrköpfiges Gremium. Was ist das für ein Signal an die Theater und an die neue Dramatik? Simone Kaempf kommentiert.

Was sind die Stadttheater heute? Schwere, unbewegliche Tanker oder durchlässige Großkunsthäuser? Streng hierarchisch organisierte Mikrokosmen oder Orte eines utopisch angehauchten Miteinanders? Herz einer Stadtgesellschaft oder Institutionen im Abseits? Wie steht es mit dem künstlerischen Anspruch, mit der Diversität des Personals, mit dem Verhältnis zur Freien Szene? Gesammelte Positionstexte im Dossier zur Stadttheaterdebatte.

Es ist empörend, dass Gleichberechtigung, Unabhängigkeit, Mitbestimmung von der Bühne herab eingefordert werden, sich aber in den Strukturen dieser Bühnen nicht abbilden. Dabei könnte das Theater ein anderer Ort des Miteinanders sein, Raum einer anderen Gemeinschaft. Ein Ort an dem gelebt und gearbeitet wird, nach selbstgewählten Regeln. Das malt in einem Vortrag auf der Biennale "Neue Stücke aus Europa" der Dramatiker Martin Heckmanns aus.

Viel ist über die Strukturstarre des Stadttheaters geklagt worden, gepriesen dagegen wurde die Flexibilität des projektbezogenen Arbeitens. Doch je mehr das Stadttheater sich solchen freien Strukturen nähert, desto mehr Energie bindet das permanente "Eintreiben" der Gelder – was vom eigentlichen Ziel ablenkt, gutes Theater zu machen. Ist das Stadttheater da nicht doch das bessere Modell? Ein Plädoyer des Heidelberger Intendanten und Vorsitzenden des Künstlerischen Ausschusses im Bühnenverein Holger Schultze und der Dramaturgin Lene Grösch.

Kann man die NSA mit der Stasi vergleichen? Tangiert die massenhafte Überwachung den unbescholtenen Bürger wirklich? "Nur der bedingungslose Jasager hat nichts zu verbergen", sagt der Schriftsteller Ilija Trojanow. In seiner Eröffnungsrede des Theaterfestivals "Parallel Lives" zum Thema Geheimdienste, das gestern in Dresden begann, warnt er vor Selbstzensur, "der elegantesten und effizientesten Form von Zensur" – wie sie sich in den USA bereits bemerkbar macht.

Im 20. Jahr ihres Bestehens droht der Leipziger Theaterwissenschaft die Schließung. Aber sie stemmt sich mit allen Kräften dagegen. In einer Ringvorlesung mit dem Titel Aus Tradition Grenzen überschreiten werden vielfältige Aufgabenfelder der Theaterwissenschaft frisch in den Blick genommen. nachtkritik.de veröffentlicht die Thesen zu den Vorträgen. Heute fragt Nikolaus Müller-Schöll nach der Darstellung der Undarstellbarkeit und etabliert den Begriff eines "posttraumatischen Theaters".

Die Juroren jammern. Zumindest die Juroren der Autorentheatertage (ATT) seit jeher. Und sie kolportieren gerne die Hypothese, das Theater werde besser, wenn weniger Dramatiker weniger Stücke mit mehr Qualität schreiben: "Wo ist der Unterschied zwischen ATT-Juroren, die sich um die Zukunftsaussichten für Dramatiker sorgen, und meiner Mutter, die mir gerne vorhält, ich hätte etwas Ordentliches machen sollen?" Der Dramaturg Roland Koberg plädiert für mehr Stücke und gibt sich neoliberal gelassen.

Der Kulturbetrieb sitzt nicht nur mit dem Käse unter der Glocke, er benimmt sich auch realitätsfern bis ignorant, sagt Peter Grabowski in seinem Kommentar auf Burkhard C. Kosminskis Offenen Brief.

GEZ-Gebühren auch für Zeitungen? Der Mannheimer Intendant Burkhard C. Kosminski hat einige Ideen, wie man sich der Krise, auf die die Stadttheater angesichts der Schuldenbremse 2020 zuschliddern, erwehren könnte. In einem Offenen Brief pünktlich zur Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins, die an diesem Wochenende in Mannheim stattfindet, fordert er eine Wertedebatte "jenseits der zynischen Finanz- und Rentabilitätsdiskussion".

Im 20. Jahr ihres Bestehens droht der Leipziger Theaterwissenschaft die Schließung. Aber sie stemmt sich mit allen Kräften dagegen. In einer Ringvorlesung mit dem Titel Aus Tradition Grenzen überschreiten werden in diesem Semester vielfältige gesellschaftliche Aufgabenfelder der Theaterwissenschaft frisch in den Blick genommen. nachtkritik.de veröffentlicht die Thesen zu den Vorträgen. Heute fragt Andreas Kotte: Ist die interdisziplinäre Offenheit der Theaterwissenschaft mehr Fluch als Chance?

Matthias Warstat (Berlin) richtet die etablierte Frage nach der Theatralität des Politischen neu aus: auf die dezidiert untheatrale Protestform der "direkten Aktion". Und was die Stanislawski-Schauspielmethode mit McDonald's zu tun hat, sagt Christopher Balme (München) in seinem Vortrag über globale Theatergeschichte.

Was hat das Freihandelsabkommen TTIP, über das EU und USA zurzeit verhandeln, mit der Kultur zu tun? Ist die staatliche Kulturförderung wirklich in ihren Grundfesten bedroht, wie manche meinen? Müssen sich Theater, Buchhändler und Künstler neuen Wettbewerbsregeln stellen? Warum die Kulturstaatsministerin vergeblich versucht, ihren Bereich aus dem Abkommen herauszuhalten und warum Misstrauen das Mindeste ist, was sich die Kultur leisten muss, sagt Birgit Walter.

Warum will eigentlich jeder das Theater ändern? Sollte man nicht lieber bei der Gesellschaft ansetzen? Das fragt sich der Dramaturg und Herausgeber Klaus Völker. Kein "Regisseursprojektetheater" der "platten Realität", sondern das Theater als Hort des Widerstandes gegen die Realität fordert er. Mehr in seinem Beitrag in der Debatte um die Zukunft des Stadttheaters.

Was sich auf dem Feld Twitter und Theater tut und wie die Sozialen Medien im Theater funktionieren (könnten), beschreibt Anne Peter.

Wie sich das Stadttheater als Router in der Netzgesellschaft neu verorten könnte, diskutiert Tina Lorenz, Bloggerin und Kulturpolitikerin für die Piraten.

Matthias Hartmann wurde heute von Österreichs Kultuminister Josef Ostermayer als Direktor des Wiener Burgtheaters entlassen; er darf nicht einmal mehr das Haus betreten. Wie konnte es zu diesem für die Burg einzigartigen Vorgang kommen? Und was bedeuten die Vorgänge um eines der wichtigsten deutschsprachigen Theater über den Einzelfall hinaus? Ein Kommentar von Nikolaus Merck.

Das Theater hat ein Problem: Es glaubt, immer mehr und schneller arbeiten zu müssen, um in unseren nervösen Zeiten mithalten zu können. Es glaubt deshalb nicht mehr an den Schauspieler, die Kunst, das Besondere seiner Form. Kann das gut gehen? Nein, sagt der Dramaturg Bernd Stegemann er plädiert in seiner Antwort auf Ulf Schmidts Thesen zum "Agilen Theater" für ein neues Künstlertheater: für ein Theater, das sich das Geheimnis der Verwandlung leistet. Und den Strukturstreit zwischen Stadttheater und Freier Szene abschafft.

Wie kann das zeitgenössische Theater agiler werden, fragte jüngst der Dramatiker und Kommunikationsberater Ulf Schmidt auf nachtkritik.de und schlug unter anderem vor, mit kollektiven Arbeitsweisen im Stile der "Writers Rooms" die aktuelle Wirklichkeit besser einzufangen. Bedeutet solch eine Idee die Verabschiedung des Autors? Auf jeden Fall ist es ein Vorschlag, der die spezifische Ästhetik des Theaters verkennt und nebenher auch die tatsächlichen Produktionen einer ganzen Legion an Gegenwartsdramatikern. So sieht es in seiner Replik auf die Thesen zum Agilen Theater der Suhrkamp-Theaterchef Frank Kroll.

In einem Artikel vom vergangenen Mittwoch sieht die Süddeutsche Zeitung das Stadttheater in besten Händen, vermutet aber Bestechlichkeit beim Haupstadtkulturfonds (HKF), der in Berlin auch Projekte der Freien Szene fördert. Eine Antwort von Tobi Müller, Journalist und HKF-Juror, über eine untote Debatte, über Formen der Abhängigkeit und die Angst vor dem Wandel.

Der ökonomische Ertrag mag schmal sein, aber wir haben ja den Mehrwert zu sagen: Wir sind Künstler! So sehen es viele Kreative, die ihre kreative Arbeitskraft in Niedriglohnsektoren verhökern. Dieser inzwischen ziemlich verbreiteten künstlerischen Existenzform, also dem Kreativen Prekariat, widmete sich am Wochenende eine Tagung der Evangelischen Akademie in Loccum. Tim Schomacker berichtet, wo die Frontlinien verliefen.

Das Ensemble des Wiener Burgtheaters hat Matthias Hartmann sein Misstrauen ausgesprochen – weil der die Verantwortung für die seit Anfang 2014 scheibchenweise öffentlich werdende Misswirtschaft unter seiner Intendanz von sich weist. Hartmann bleibt trotzdem auf der Kommandobrücke stehen, während die Druckwellen immer höher werden. Wie kann das sein? Das kann nur ein Wiener wissen: Norbert Mayer nämlich.

Die große Theater-Biennale "Impulse" hat in dieser Woche einen ihrer wichtigsten Geldgeber verloren: die Kunststiftung NRW. Ein Antrag auf 200.000 Euro wurde nicht bewilligt, rund ein Viertel des Etats. Es droht das Aus für die traditionsreiche Plattform. Was das Festival weit über die Ländergrenzen NRWs hinaus für das freie Theater bedeutet, wie die Szene auf das Ereignis reagiert und wie es künftig mit den "Impulsen" weitergehen kann, kommentiert Esther Boldt.

Auf Deutschlandradio Kultur sprach der Theaterautor alias Postdramatiker, Blogger und Kommunikationsberater Ulf Schmidt am Freitagabend (in der Sendung "Fazit", hier das Audio-File) über seine Kritik des aktuellen Theaters und seine Visionen für Themen, ästhetische Formen und neue Organisationsprinzipien eines künftigen Theaters aus dem Geiste des Silicon Valley. Sein Konferenzvortrag zum agilen Theater, der diese Diskussion angestoßen hat, ist hier dokumentiert.

Die Debatte um die Tarifpolitik des Deutschen Bühnenvereins ist in vollem Gange, angefacht durch den Austritt des Volkstheaters Rostock. Am 6. Februar fragten sich bei einem von nachtkritik.de veranstalteten und von Dirk Pilz moderierten Podiumsgespräch Rolf Bolwin (Deutscher Bühnenverein), Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters), der designierte Rostocker Intendant Sewan Latchinian und sein Geschäftsführer Stefan Rosinski: Was darf die Kunst kosten?

Hier geht's zur Videoaufzeichnung des Gesprächs.

Im Monatsmagazin "Theater der Zeit" haben Sewan Latchinian und Stefan Rosinski ein Rostocker Signal veröffentlicht, in dem sie Gründe für ihren Rückzug nennen. Wir dokumentieren den Text hier.

Es gebe keine Krise der Ästhetik, bloß eine Krise der Finanzierung des Theaters, befand unlängst der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender. Ganz anderer Meinung ist da der Theaterautor, Blogger und Kommunikationsberater Ulf Schmidt. Vor der Dramaturgischen Gesellschaft beschrieb er den Wirklichkeitsverlust des heutigen Theaters und hielt ihm eine Vision aus dem Geiste des Silicon Valley entgegen: das Agile Theater. Wir dokumentieren den vielbeachteten Konferenzvortrag hier.

Natürlich ist der Rücktritt des Berliner Kulturstaatssekretärs André Schmitz nach dem Bekanntwerden seines Steuervergehens richtig, nein zwingend. Aber warum bloß hat er sein hohes Ansehen und sein Amt aufs Spiel gesetzt, für weniger als zwei Monatsgehälter? Er, der den Job nie des Geldes wegen gemacht hat? Warum nur? Birgit Walter kommentiert sein Ausscheiden und blickt auf Schmitz' Arbeit zurück.

Die Theater in Mecklenburg-Vorpommern rücken sich immer näher. So wird heute gemeldet, dass das Theater Parchim, derzeit ohne Spielstätte, als Gast im Rostocker Theater im Stadthafen spielen wird. Der Schweriner Intendant Jürgen Kümmritz soll ab März auch das Theater in Neubrandenburg/Neustrelitz leiten. Was ist da los? Georg Kasch kommentiert den Stand der Dinge.

Wie unmoralisch sind eigentlich die Arbeitsbedingungen an der "moralischen Anstalt" Theater? Übernächtigte Dramaturgen, unbezahlte Hospitanten, More-than-Fulltime-Mitarbeiter, die in ihrer Freizeit höchstens zum Physiotherapeuten gehen. Überall herrscht Sparzwang, Publikumsschwund und Überarbeitung. Auf ihrer Jahreskonferenz fragte die Dramaturgische Gesellschaft ganz grundsätzlich: "Wie wollen wir arbeiten?" Stefan Bläske berichtet.

Wir möchten die Diskussion auf nachtkritik.de gern weiter führen und fragen deshalb unsere am Theater beschäftigten Leser: Was stört Sie an Ihrem Haus? Was muss sich ändern, damit Sie wieder lieber arbeiten? Antworten können Sie hier – im Theater-Kummerkasten.

Ein restauratives Verhältnis zur Kultur warf Matthias Schmidt an dieser Stelle Sachsen-Anhalt und seinem Kultusminister Stephan Dorgerloh vor. Das Land suche seine Identität in der Vergangenheit. Stimmt nicht, antwortet jetzt Stephan Dorgerloh in seinem Text für nachtkritik.de. Es gehe um eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe.

Die Theater sparen sich selbst weg, um nicht weggespart zu werden. Sie unterwerfen sich dem System der Ökonomie und wundern sich, wenn sie am Ende mit dem Maßstäben dieses Systems gemessen werden. Weniger Bildung, mehr Kunst, fordert Marion Tiedtke in ihrem Beitrag zur Debatte um die Zukunft des Stadttheaters.

"Theater zu schließen und Museumsbauten zu planen – das passt nicht zusammen. Das eine zu tun und das andere nicht zu lassen – das wäre verantwortungsbewusste Kulturpolitik", so der ehemalige Kulturstaatsminister Neumann im Juli. Es war nur einer von zahlreichen Protesten gegen die restaurative Kulturpolitik des Landes Sachsen-Anhalts. Nach welcher Systematik der dortige Kultusminister handelt, zeigt Matthias Schmidt auf.

Die Legitimation der Hochkultur-Institutionen ist fragwürdig geworden. Was auch ihre Finanzierung zunehmend gefährdet. Im gastgebenden Deutschen Theater wurde dieser Tage bei der Konferenz Mind the Gap deshalb nicht ganz uneigennützig die Frage diskutiert, wie man die Hochkultur für Menschen öffnen kann, die den Weg zu ihr nicht finden. Allerdings mit nur bedingtem Problembewusstsein für die eigene Perspektive. Mehr von Esther Slevogt.

Wie ergeht es Theatermachern mit Migrationshintergrund in Deutschland? Ist die (wieder) aufflammende Diskriminierungs-Diskussion nicht übertrieben? Nein!, sagt Schauspieler Murali Perumal: "Deutsche Schauspieler mit sichtbarem Migrationshintergrund spielen auf unseren hiesigen Bühnen keine Rolle." Alles weitere in seinem offenen Brief.

Aber ist es nicht toll, wenn sich das Theater öffnet und Migranten in Stadtteilprojekten von ihren Erfahrungen erzählen lässt? Das ist nicht nur zu wenig, sondern auch kontraproduktiv, sagt Tuncay Acar, der in München die Diskussionsrunde initiierte. Petra Hallmayer war dort.

Eine Konferenz in Berlin bringt zwei Gegner zusammen: Attila Vidnyánszky, Leiter des Ungarischen Nationaltheaters, und Árpád Schilling, prominenter Vertreter der ungarischen Freien Szene. Sie reden miteinander, immerhin. Doch inwieweit lassen sich ihre Positionen im Kulturkampf, der Ungarn erfasst hat, annähern? Mounia Meiborg berichtet.

Wo sind denn nun die 400.000 Euro am Theater Leipzig abgeblieben? Egal ob sie wirklich Ex-Intendant Sebastian Hartmann zu viel ausgegeben hat oder doch sein Nachfolger Enrico Lübbe: Der Schaden ist da. Für alle Beteiligten. Und die Stadt Leipzig ist nicht gerade unschuldig daran. Wahrscheinlich konnte es überhaupt nur hier zu dieser Situation kommen, meint Matthias Weigel.

Da es den Stückemarkt des Theatertreffens nicht mehr (oder nur noch in anderer Form) gibt, ist jetzt die Zeit für Wunschdenken gekommen. Der ideale Wunsch-Stückewettbewerb, wie sähe der aus? Mit oder ohne Preisgeld, mit oder ohne Lesung, mit oder ohne Fleischwunde? Frank Kroll vom Suhrkamp Verlag gibt Einblick in seinen Wunschzettel.

Die Internetgläubigkeit der Förderinstitutionen nimmt zu. In Bochum vergaben jüngst die Stadtwerke ihre Kultursubventionen via Internet-Voting. In Frankfurt schließt sich jetzt die Aventis Foundation mit der Crowdfunding-Plattform Startnext zusammen, um Stiftungsgelder mit dem Segen der Netz-Community an den Mann zu bringen. Kein unproblematisches Modell, wie Esther Boldt beschreibt.

Bevor im freien Theater ein Projekt realisiert werden kann, muss ein Antrag geschrieben und erfolgreich begutachtet werden. Damit wird im freien Theater eine neue Kompetenz gefordert: Man muss Anträge schreiben können, die von Gutachtern gelesen werden, und zwar gerne. Welche Folgen das hat und was bei der Antragsprosa im Moment hoch im Kurs steht, fasst der Theaterwissenschaftler Jens Roselt zusammen, der jährlich 750 Anträge begutachtet.

Gestern fasste Sascha Krieger die Neuausrichtung des Theatertreffen-Stückemarkts zusammen. Sie soll eine Erweiterung sein, nicht das Ende der Autorschaft. Aber damit fängt die Debatte erst an. Denn die Situation hat sich längst verändert, Autoren braucht es am Theater nicht mehr, Schreiber allerdings dringend, so der Theaterschreiber und Social Media Berater Ulf Schmidt, der für einen "Writers' Room" an jedem Theater plädiert. 

Der Stückemarkt des Theatertreffens wird abgeschafft, nein!, erneuert, verbessert. "Die Neuausrichtung ist keinesfalls eine Entscheidung gegen den Autor", so die Leiterin des Theatertreffens. "Ich halte das für eine wunderbare Entscheidung", so Holger Schultze, der den Heidelberger Stückemarkt veranstaltet. Sascha Krieger über die Hintergründe der Neuausrichtung.

Nicht nur in Deutschland, auch in Großbritannien wird über die Zukunft der Theaterkritik debattiert. Stirbt die Zeitung? Und mit ihr die Kritik? Kann die Theaterkritik zumindest im Internet überleben? Gibt es vielleicht noch andere Gründe für die konstatierte Krise der Kritik? Der schlechte, konservative Theatergeschmack einiger alter, weißer Männer zum Beispiel, die Innovation verhindern? Gibt es überhaupt eine Krise? Der britische Theaterkritiker Andrew Haydon gibt einen Überblick über die Lage in seinem Land. (Wer mag, kann hier den englischen Originaltext lesen.)

Seit Tagen sorgt die Protestrede des Billeteurs Christian Diaz gegen seine Arbeitsbedingungen am Wiener Burgtheater für ein starkes Echo quer durch Netz und Offline-Medien. In einem E-Mail-Interview mit nachtkritik.de äußerte sich gestern Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann zu dem Protest. Am späten Freitagabend hat Diaz auf die Stellungnahme des Burgtheaters geantwortet.

Wem gehört das Theater? Wie sieht das Theater der Zukunft aus? Diesen Fragen stellte sich der Dramaturg und Dramatiker Björn Bicker in seiner Rede auf dem Jubiläumskongress des Wiener Burgtheaters. Er beschreibt das aktuelle Theater als eine "Parallelgesellschaft mit Ausschlusscharakter" und plädiert dafür, die Theater zu öffnen und zu einem Raum der konkreten politischen Praxis zu machen. Direkt im Anschluss versuchte sich der Billeteur Christian Diaz auf der Bühne Gehör zu verschaffen.

Die Regisseurin Andrea Breth machte sich auf dem Kongress für die Kraft der Klassiker und ein Nationaltheater als (H)ort kultureller Identitätsbewahrung stark, während Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, über die Notwendigkeit eines Theaters der Nationen sprach.

"Heart of the City" – "Herz der Stadt" steht in großen Lettern über dem Eingangsportal des Theaters Freiburg. Seit Intendantin Barbara Mundel dort die Geschicke lenkt, probiert sie, das altehrwürdige Haus auf vielerlei Weise an den Blutkreislauf des öffentlichen Lebens in der südbadischen Universitätsstadt anzuschließen. Den Pulsschlag bestimmen neue Spielstätten und Experimentalräume wie "Orbit" oder "Finkenschlag". Über Freiburgs Suche nach einem Stadttheater der Zukunft berichtet Jürgen Reuß.

Für manche Zeitgenossen ist das Internet #Neuland, für manche auch eine No-Go-Area: Aus einiger Entfernung beobachtet Botho Strauß jetzt im Spiegel die "Bakterienschwärme neuer Medien" und beklagt den Niedergang einer Kultur, in der Wenige die Rede für Viele führen. Wie viel ist daran treffliche Bestandsaufnahme, wie viel doch eher ein Blick auf die Netzkultur wie der von Touristen, die im Panzerglasreisebus auf Safari gehen? Dirk Pilz kommentiert.

In der Debatte um die Zukunft des Stadttheaters haben sich in jüngerer Zeit starke Fürsprecher für möglichst freie und unabhängige Strukturen gefunden. Jetzt meldet sich der Regisseur Thomas Ostermeier zu Wort, Künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne. Vertreter der Freien Szene würden sich unbewusst zu Apologeten des neoliberalen Zeitgeists machen, warnt er – frei nach dem Effizienz-Motto: mehr Kunst für weniger Geld. Hier sein Plädoyer für ein Theater der langfristigen künstlerischen Entwicklungen.

Wieso soll ausgerechnet das Theater nachholen (können), was in den letzten 50 Jahren Einwanderungsgeschichte verschlafen wurde; nämlich die Integration zu fördern? Das fragt sich im schwäbischen Augsburg die eine Hälfte, während die andere Hälfte gerade einen "Leitfaden Interkultur" verabschiedet hat. Darin wird zwar nicht konkret eine Migranten-Quote gefordert, doch schon sieht man die guten (deutschen?) Qualitätsstandards absaufen. Willibald Spatz zur Debatte der interkulturellen Öffnung.

Auf der Bühne verhandeln die Theater gern die letzten Fragen rund ums Gute, Schöne und Wahre. Erst kommt die Moral und dann das Fressen. Aber im Betrieb dahinter sieht es in der Regel anders aus: Da dominieren streng hierarchische Strukturen, ungleiche Löhne für Frauen und Männer; es mangelt an demokratischer Partizipation. Zeit, das Wertesystem zu überdenken: Warum wir eine Unternehmensethik für das Theater brauchen, erläutert der Regisseur und Schauspieler Daniel Ris.

Geht es bei der Blackfacing-Debatte um die Verteidigung der Kunstfreiheit? Oder geht es darum, dass man kein Rassist sein muss, um trotzdem rassistisch zu handeln? Nach dem Theatertreffen-Gastspiel von Sebastian Baumgartens Zürcher Brechtinszenierung Die Heilige Johanna der Schlachthöfe kam es zu Protesten, denen jetzt als Nachspiel eine Diskussionsrunde folgte. Ob es zu einer Annäherung der Positionen kam, weiß Esther Slevogt.

Die Entscheidung des Kuratoriums der Salzburger Festspiele, Sven-Eric Bechtolf als Nachfolger von Alexander Pereira zum Interims-Intendanten der Festspiele für die Spielzeiten 2015 und 2016 zu promovieren, kommentiert Reinhard Kriechbaum.

Neue Autos werden nicht am Fließband entworfen. Und auch neue Kunst entsteht nicht am Fließband eines Theatersystems, das seine Ursprünge im 19. Jahrhundert hat. In seiner Stuttgarter Rede zur Zukunft der Kultur schildert der Komponist, Regisseur und Kunsttheoretiker Heiner Goebbels die Zwänge der bestehenden Institutionen und fordert ein freies Theaterhaus für jedes Bundesland. Hier die Rede von Heiner Goebbels.

Ein Update des Künstlerbildes fordert Ina Roß, Dozentin für Selbstmarketing für Künstler an der Berliner HfS "Ernst Busch" – und plädiert für "ein aktives Umgehen mit Ökonomie und Organisation statt eines passiven Auf-sich-zukommen-Lassens".

Was ist eigentlich mit der viel beschworenen Authentizität auf dem Theater gemeint? Wie politisch ist "Wirklichkeitstheater"? Und: Ist das überhaupt so neu? In einem Vortrag auf den Basler Dokumentartagen hat sich kürzlich die Theaterwissenschaftlerin Barbara Gronau mit den Vorstellungen von Wirklichkeit im Theater des 20. Jahrhunderts befasst.

Der Aufruf "Stiftet Aufruhr!", in dem vierzig Künstler und Intellektuelle dazu aufrufen, nach dem Vorbild des Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur von 1935 in Paris europaweit eine Gegenöffentlichkeit zur aktuellen Entwicklung in Ungarn zu installieren und Widerstand gegen die Regierung Orbán zu organisieren, ist nicht nur in Kommentaren auf nachtkritik.de auf Widerstand gestoßen. Frank-Patrick Steckel erklärt, warum er den Aufruf unterschrieb.

Eine Stadt ist mit der Neuorganisation ihrer Theaterlandschaft befasst. Das ist ein Drama mit vielen Akten. Und mit Akteuren, die in wechselnden Rollen auftreten. Göttingen heißt die Stadt und wie vielerorts begann alles mit fehlendem Geld. Nun bräuchte es Fantasie und Mut. Und eine gewisse Sachkompetenz. Aber irgendwie fehlt es an allem. Leonie Krutzinna berichtet.

Einst ließ es sich als Versprechen der Freiheit an: Mach aus dem Theater eine GmbH, und der träge Tanker wird zum schnittigen Schnellboot. Was dran gewesen ist und warum sich dieser Schritt dann trotzdem für viele Theater als existenzbedrohende Falle entpuppt hat, erklärt Stefan Rosinski, kaufmännischer Geschäftsführer am Rostocker Volkstheater – dessen Situation wohl exemplarisch fürs Scheitern des Modells Theater-GmbH stehen kann.

Eigentlich eine simple Idee: Wir haben was, was ihr nicht habt (Berge, Meer, Kunst), also kommt ihr, um das anzuschauen. Damit wir das erhalten können, was ihr nicht habt, brauchen wir Geld. Deshalb legen wir euch eine kleine Steuer auf das Bett, in dem ihr bei uns schlaft. Ihr merkt es kaum und wir putzen dafür Berge, Meer und Kunst. Diese früher Kurtaxe (Berge, Meer), jetzt City Tax (Kultur) genannte Abgabe gibt es bereits in über 20 deutschen Städten. Auch in Berlin, wo der Bär noch nicht erlegt ist, wird sein Fell bereits verteilt. Elena Philipp berichtet.

Bereits die Blackfacing-Debatte um schwarz angemalte weiße Schauspieler hat bildungsbürgerliche Selbstverständlichkeiten untergraben. Nun diskutiert das Feuilleton seit Wochen über>das N-Wort in Kinderbüchern. Vieles von dem, was bisher wenig Beachtung fand, kam jetzt auf einer denkwürdigen Veranstaltung in Berlin zur Sprache. Mit dabei: Mekonnen Mesghena, dessen Brief an den Thienemann-Verlag die Debatte überhaupt erst ins Rollen brachte. Esther Slevogt war bei der Black Intervention.

Es war fast beschlossene Sache, dass Regisseure und Choreografen gesetzlich wie ausübende Künstler behandelt und von der Umsatzsteuer befreit werden. Doch jetzt droht alles zu kippen: "Können wir Sie von der Notwendigkeit eines überfälligen, winzigen Reformschritts in Sachen Kulturpolitik und Theaterkunst überzeugen?", fragt der Regisseur Frank-Patrick Steckel die Abgeordneten des Deutschen Bundestags in einem Offenen Brief.

An vielen Stellen im Kulturbetrieb wird gespart, gekürzt, gestrichen. Kein Geld mehr übrig für die Kunst? Woher soll die Knete für die Kultur in Zukunft kommen? Vom Staat, der bisher als Hauptmäzen in der Pflicht war? Oder vom Publikum, das die Kunst rezipiert? Crowdfunding ist, wenn der Schwarm im Voraus zur Kasse gebeten wird. Esther Slevogt beschreibt, wie das webbasierte Finanzierungsmodell im Theaterbetrieb ankommt.

Wer Computerspiele spielt, gilt noch immer als der doofe Daddler, halb hirnamputiert und zu fürchterlichen Taten fähig, weil er Realität und Spiel nicht unterscheiden kann. Dabei hat kaum je ein Theaterzuschauer nach dem Besuch eines mörderischen Shakespeare-Dramas einen Menschen gemeuchelt. Darüber hinaus haben die Games längst ihre Spuren im Theater hinterlassen. Wie Computerspiele die Bühnenwirklichkeit beeinflussen, beschreibt Christian Rakow.

Neulich wurde in der Wiener Off-Spielstätte Garage X das unpolitischste Theater der Stadt ausgezeichnet. Den Preis als "Größte politische Drama Queen" erhielt Peter Turrini für seine Nestroypreis-Dankesrede 2011, in der er über das Regietheater klagte. In seiner Laudatio formulierte der Erfolgs-Regisseur Nicolas Stemann zehn Gegen-Überlegungen, die hier nachzulesen sind.

Täuscht es oder zeichnet sich wenigstens im Off-Theater derzeit ein Trend zur Inklusion ab? Im Hebbel am Ufer beginnt Annemie Vanackere mit Jérôme Bels Disabled Theater, zum Monatsende gastiert Dschingis Khan von Monster Truck. zugleich läuft Niko von Glasows Film Alles wird gut in den Kinos an. Was sich da tut und wem es nützt, beschreibt Georg Kasch.

Die Blackfacing-Debatte erhitzt die Gemüter. Wo auch immer sie weitergeführt wird, geht es hoch her. Vorgestern hat die Organisation Bühnenwatch in Berlin Wissenschaftler und Aktivisten zu einem weiteren Symposium zusammengerufen. Die Veranstaltung Blackface, Whiteness and the Power of Definition in German Contemporary Theatre verlief ungewohnt harmonisch – warum und was dort (nicht) diskutiert wurde, weiß Nikolaus Stenitzer.

Schwarzafrikaner in Schaugehege stecken? Was bitte soll das? Brett Baileys Kolonialismus-Recherche "Exhibit B" hat beim Berliner Festival "Foreign Affairs" kräftigen Gegenwind geerntet. Jetzt stellte sich Bailey der Debatte auf dem Symposium "Stages of Colonialism / Stages of Discomfort". Elena Philipp berichtet.

Wenn Theaterkritiker anfangen, Theaterstücke zu schreiben, leistet das gerne der Annahme Vorschub, dass sie eigentlich verhinderte Künstler sind. Andererseits sind Prosa, Drama, Essay, Kritik nur unterschiedliche Gattungen innerhalb des Literarischen, und steckt nicht auch gehöriges analytisches Temperament im Dramatischen? Martin Krumbholz ist promovierter Literaturwissenschaftler und Theaterkritiker. Am morgigen 14. September wird sein erstes Drama Grandhotel Bogotá von Martin Ratzinger am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt. Christian Rakow hat mit ihm über den Seitenwechsel gesprochen.

Seit Wochen debattieren die User von nachtkritik.de die Prozessurteile gegen die russischen Punk-Aktivistinnen Pussy Riot. Derweil sind auch die Theater nicht inaktiv. In der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung traten jetzt drei führende Schauspielerinnen des Maxim Gorki Theaters in einer Performance-Lesung mit dem Titel Pussy Right auf, die Dokumente aus dem Moskauer Prozess mit der "Antigone" des Sophokles verknüpft. Mehr von Simone Kaempf.

Immernoch reden alle über den Kulturinfarkt, den ein deutsch-schweizerisches Kulturmanager-Quartett unlängst diagnostiziert und verstreitschriftlicht hat: "Von allem zu viel und überall das gleiche" finde man in der deutschen Kulturlandschaft – warum nicht kurzerhand die Hälfte der staatlichen Kulturförderung streichen? Eine steile These, die für viel Empörung sorgt; und gerade diese Empörung passt perfekt in das ökonomistische "Policy Design" hinein, dem die Kulturinfarkt-Autoren folgen, meint und erklärt der Kölner Philosoph Matthias Burchardt in einem Debattenbeitrag für die Gesellschaft für Bildung und Wissen, den wir hier teilweise veröffentlichen.

Wer bestimmt, was Begriffe wie "Rassismus" oder "künstlerische Freiheit" bedeuten? Angesichts der weiterhin heftig geführten Diskussion ums Black-Facing auf deutschen Bühnen fragt sich die afro-deutsche Schauspielerin Lara-Sophie Milagro heute in ihrem Debattenbeitrag für nachtkritik.de: Sollten wir uns nicht mal Gedanken darüber machen, wer eigentlich bestimmt, was zum Beispiel "künstlerische Freiheit" bedeutet? Wer oder was kann sich hinter ihrer Unantastbarkeit verstecken? Und: Könnte es sein, dass die Betroffenen auch an einer Definition des Begriffs "Rassismus" mitarbeiten möchten?

Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir über Blackfacing sprechen?}Der Begriff ist komplexer, als er in der Debatte gerade dargestellt ist. Seine Geschichte dröselt für uns der Theaterwissenschaftler Jürgen Bauer auf.

In einer nicht-rassistischen Gesellschaft würde es eine Debatte über das Blackfacing im Theater nicht geben}Aber leider sind wir von einer solchen Gesellschaft noch weit entfernt, wie die aktuellen Auseinandersetzungen über schwarz geschminkte Schauspieler auf deutschen Bühnen zeigen. Wo liegt das Problem dieser Darstellungsform? Und wie kommt es, dass Theatermacher zwar subjektiv unstrittig agieren, aber dennoch objektiv in die Rassismus-Falle tappen können? Für nachtkritik.de analysiert der Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt das komplexe Zusammenspiel aus ästhetischen, politischen und biologistischen Aspekten in der Sachlage.

Die Theater müssen in die Stadt hinein wirken, junge Leute ansprechen und Vitalität ausstrahlen. Eh klar. Aber wie genau machen sie das? Auf einer Matinee haben die Intendanten der drei großen Münchner Institutionen – Kammerspiele, Residenztheater und Volkstheater – heute über die Zukunft des Stadttheaters nachgedacht und die Profile ihrer Häuser vorgestellt. Steffen Becker war vor Ort.

Die neuen Gesetze, die unter der rechtskonservativen Regierung Victor Orbans in Kraft getreten sind, beschneiden die Unabhängigkeit unterschiedlicher Institutionen: die der Notenbank Ungarns wie die der Medien. Angesichts der Ereignisse in Ungarn diskutierten im monatlichen Streitraum in der Berliner Schaubühne Agnes Heller, Paul Lendvai, Ivan Nagel, András Schiff und Carolin Emcke darüber, was getan werden müsste. Mehr von Esther Slevogt.

In Zeiten wie diesen blickt selbst der Profi nicht mehr durch. Der Theaterkritiker zum Beispiel. Oder die Theaterkritikerin. Überall Darsteller, Inszenierungen, schlechte Mimen. Selbst in höchsten Staatsämtern. Und plötzlich wird im Theater nicht mehr Theater gespielt? Esther Slevogt ist verwirrt.

Hat die Schließung von ein paar Nebenspielstätten in Weimar, Leipzig und Berlin vielleicht auch etwas Gutes? Die Frage hat Dirk Pilz jüngst in der Berliner Zeitung gestellt. Auf diesen "Experimentierspielstätten" werde schließlich ziemlich "viel heiße Luft" produziert. Darauf hat Sebastian Hartman, Intendant des Leipziger Centraltheaters, eine Erwiderung  geschrieben und vor falschen Vorstellungen gewarnt.

Da wallt mal wieder viel virtuelles Blut in den Kommentarspalten auf nachtkritik.de: Gift! Pest! Verschwörung!, mutmaßen die Kommentatoren angesichts des Versuchs des Hamburger Thalia Theaters, das Publikum in die Spielplangestaltung 2012 / 2013 mit einzubeziehen. Denn dieser Versuch des Theaters, die immer wieder geforderte Publikumspartizipation wirklich einmal zu versuchen, hat vorerst nur Misstrauen produziert. Georg Kasch schüttelt den Kopf.

Eine Polizeikette soll die BesucherInnen des Bochumer Schauspielhauses nach Bericht der Website bo-alternativ.de unlängst davor geschützt haben, dass sie in der Pause von "Was ihr wollt" Flugblätter der Occupy-Initiative angeboten bekamen. Eine Leserinnen-Mail wies uns gestern abend darauf hin. Das Theater dem politischen Impuls von außen verriegelt? Stimmt das? Siehe Foto: ja. Und was hat das Bochumer Schauspielhaus damit zu tun? Wir sind der Sache nachgegangen.

Von nachtkritik.de lernen, heißt Erfahrungen machen. So wie das Thalia Theater in Hamburg derzeit. Dort hatte man die kühne Idee, Teile des kommenden Spielplans durch eine Abstimmung des Publikums "zu ermitteln". Was bei nachtkritik.de begonnen hat, setzt sich am Theater fort: Das Publikum bekommt eine Stimme. Seither wählen die Thalia-Fans und solche, die es werden wollen, ab. Auf der Webseite des Theaters (rechts unten) kann man den Zwischenstand ersehen. Und bei uns allerlei Kommentare dazu lesen. Die Abstimmung geht noch bis zum 16. Dezember weiter

Zur Debatte um die Zukunft des Stadttheaters spricht Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin über die Beziehungen zwischen freier und Stadtheater-Szene, über die wirkliche Begegnung wirklicher Menschen im Theater und über Familien in den Ensembles. Manchmal, sagt Ulrich Khuon, kommt sich der Stadttheatermacher als Alleskönner vor, der mit dem Handwerkkasten rumläuft und Themen aufgreift. Das Gespräch führten Dirk Pilz und Christian Rakow.

}Neulich hat der Bundesfinanzhof in letzter Instanz entschieden, dass selbstständig arbeitende Regisseure nicht wie bisher 7, sondern 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen müssen. Mit Folgen: Entweder wird ein Regisseur weniger verdienen oder die Theater werden ihm deutlich mehr zahlen müssen. Wie es zu diesem Urteil kam, wie die Konsequenzen aussehen und was man von der Regierung fordern müsste, beschreiben Uwe Steinkamp und Wolfgang Behrens.

Einer der Auslöser für die gerade laufende Debatte über die Zukunft des (Stadt-)Theaters, die auch hier auf nachtkritik.de geführt wird, ist das Arbeitsbuch Heart of the City. Recherchen zum Stadttheater der Zukunft, das Heiner Goebbels, Josef Mackert und Barbara Mundel herausgegeben haben. Viel mehr Fragen als Antworten taten sich beim Lesen auf; in einem offenen Brief stellt sie Nikolaus Merck.

Es steht unter Dinosaurierverdacht, das gute alte Stadttheater: zu groß, zu behäbig und künstlerisch innovationslos sei es geworden. Aber ist das eine adäquate Beschreibung? Was Stadttheater tatsächlich leisten und wie sie sich weiterentwickeln können als Diskursmotor für kommunale Belange, das beleuchten in unserer Reihe zur Zukunft des Stadttheaters die Theaterwissenschaftler Torsten Jost und Georg Kasch.

Es war ein Zermürbungskampf. Seit gestern ist klar: Sebastian Hartmann, der umstrittene Intendant des Leipziger Centraltheaters, verlässt das Haus 2013. Ein kühnes Experiment neigt sich damit dem Ende zu. Was diese Versuchsanordnung auszeichnet, welche Diskussionen sie entfachte und warum man ruhig eine Träne über diesen Abschied verdrücken darf, sagt Christian Rakow.

Die Theaterkritik hat sich immer wieder verändert. Nach der letzten Hochphase der Großkritik in den 80er Jahren und der Verbindung von Spaß und Lebensgefühl der 90er Jahre steht sie wieder näher an ihren Anfängen vor 250 Jahren, als man auf den ersten Blick ahnt: im Einflussbereich der Theater selbst. Zufall ist es jedenfalls nicht, dass immer noch überall auf die zeitungstypische Vollkritik gesetzt wird, sagt nachtkritik-Mitgründerin Petra Kohse.

Die Theaterkritik liegt am Boden. Feste Redaktionsstellen schwinden, Reiseetats schrumpfen, die Deutungshoheit bröckelt. Höchste Zeit für eine Neuerfindung! Verlasst den morschen Hochsitz der Kritik und entdeckt Freiräume in den Nischen abseits des Blätterwalds! Diese Forderungen werden im Eröffnungsvortrag des Morgen beginnenden Symposions KulturMedienZukunft in Zürich vom Kulturjournalisten und ehemaligen Juror des Berliner Theatertreffens Tobi Müller erhoben.

"Immersives Theater" – so labelte das Salzburger Young Directors Project das Avantgarde-Mitmach-Theater. Sich aufs Schönste in sich selbst vertiefen konnte man in Symphony of a Missing Room von Lundahl & Seitl, die dafür nun mit dem Montblanc Young Directors Award 2011 ausgezeichnet wurden. Gab's keine mutigeren Alternativen? Doch! Reinhard Kriechbaum hat sich von der Siegerproduktion nicht einlullen lassen und kommentiert die Preisentscheidung.

Wer in der Kunst mehr als abbildhaften Naturalismus sucht, braucht Autoren mit individueller, gestalteter Sprache. Und diese Autorpersönlichkeiten brauchen ihrerseits ein starkes Stadttheatersystem, um darin ihre Schreibmuskeln auszubilden. Das sagt die Bühnenverlegerin Ute Nyssen in ihrem heutigen Beitrag zur Debatte um die Zukunft des Theaters.

Das Stadttheater ist in die Diskussion gekommen. Ist es überhaupt zukunftsfähig? Soll es sich zwecks Innovation inhaltlich und strukturell stärker an Modellen der Freien Szene orientieren, wie es zuletzt an dieser Stelle Matthias von Hartz gefordert hat? So einfach ist das nicht, widerspricht heute der Frankfurter Dramatiker und Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt.

Der Ausschreibung zufolge ging es beim diesjährigen Leonhard-Frank-Autorenpreis des Mainfrankentheaters in Würzburg ums "nackte Leben". Mit seinem Stück "Bei lebendigem Leibe" trug Paul M. Waschkau im Juni den Preis davon, nicht ohne jedoch zuvor bei seiner Preisrede entschlossen für ein rücksichtsloses Theater einzutreten – für ein Theater, das "die Schlacht der Schreibmaschine" in eine Arena, eine Agora oder ein Tribunal verwandelt. Wir dokumentieren Waschkaus Philippika wider die Lauheit.

Bereits in den siebziger Jahren entwickelte sich in Großbritannien eine migrantische Theaterszene. Gleichzeitig schuf das staatliche Arts Council Förderstrukturen, und es begann ein Schlingerkurs, auf dem Förderungen wieder wegbrachen und sich Gruppen wie Tara Arts, unter Leitung des Afro-Anglo-Inders Jatinder Verma, in ihrer Selbstdefinition veränderten. Könnte das ein Vorbild für die deutsche Kultur- und Förderpolitik sein? Mehr von Azadeh Sharifi.

Beim NRW-Theatertreffen stand die Zukunft des Stadttheaters zur Debatte – auf einer Arbeitstagung diskutierten Kulturschaffende und Kulturpolitiker über Zielgruppen, Quoten und Bildungsauftrag. Die Standpunkte waren dabei so vielfältig, wie es die Theaterlandschaft in Nordrhein-Westfalen (noch) ist. Sarah Heppekausen hat sie gesammelt.

Gut 90 Prozent der öffentlichen Gelder für die Darstellenden Künste fließen ins Stadt- und Staatstheatersystem. Von dort jedoch kommen maximal 10 Prozent der Innovationen. Das sagt Matthias von Hartz, Regisseur, Festivalkurator und studierter Ökonom. Eine Schieflage, die sich aus seiner Sicht autodestruktiv und zukunftsfeindlich auf das Theater auswirkt. In seinem programmatischen Text benennt er Defizite und Perspektiven.

Komödien sollten es sein, die Stücke der Langen Nacht der Autoren der Autorentheatertage 2011 am Berliner Deutschen Theater. Denn die Komödie hat in Deutschland keinen guten Ruf, findet Jurorin Elke Schmitter und hat fünf Stücke ausgewählt, um sie gegen dieses falsche Bild zu setzen. "Die kürzeste Form dieser Erkenntnisübung ist der Witz, die längste ist die Komödie," sagte sie heute Abend. Wir dokumentieren ihre Eröffnungsrede.

Alle Jahre wieder tagt die Jury gegen Ende der Mülheimer Theatertage öffentlich, um einem der eingeladenen Autoren oder einer der eingeladenen Autorinnen den hochdotierten Mülheimer Dramatikerpreis zu verleihen. In diesem Jahr ging die Auszeichnung an Elfriede Jelinek – zum vierten Mal. Mit welcher Begründung, sagt Sarah Heppekausen.

Seit Dezember wurde ein neuer Leiter für das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich gesucht, und während der Findungszeit hatten mehrere Theatermacher (Ted Gaier, Julian M. Grünthal, Meret Hottinger, Wanda Wylowa, Samuel Schwarz und Philipp Stengele) dazu aufgerufen, Zürichs größten Aufführungs-und Produktionsort der freien Tanz- und Theaterszene zu reformieren. Seit heute ist klar, dass der Tänzer und Choreograph Roger Merguin der neue Leiter des Theaterhauses Gessnerallee wird, und gerade deswegen hat die Aktionsgruppe "Gessnerallee 2014" jetzt noch einmal ihre Forderungen bekräftigt und mahnt dringend den Strukturwandel an. Mehr dazu hier.

Wann haben Sie das letzte Mal einen schwarzen Franz Moor, einen offensichtlich türkischen oder arabischen Hamlet, eine asiatische Julia gesehen? Was im Musik- und Tanztheater, auch im Kabarett längst eine Normalität ist, ist im deutschen Sprechtheater lange noch nicht angekommen: Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund in tragenden Rollen. In seiner Polemik geht der Schauspieler und Journalist Özgür Uludag Gründen und Begründungen nach.

Aber ja doch, das Stadttheater hat sich verändert, es verändert sich ja immer und mit ihm auch das, was Dramaturgie und Inszenieren heißt. Aber was genau ist da in Veränderung? Was gilt es in Sachen Dramaturgie zu verteidigen? Was zu überdenken? Und was heißt das überhaupt: Dramaturgie für eine Stadt und an einem Stadttheater? Wozu braucht es DramaturgenFranziska Kötz, Leiterin der Schauspielschule Stuttgart und viele Jahre selbst Dramaturgin, hat in Stuttgart jüngst eine Rede gehalten – und Antworten auf diese Fragen gesucht.

... agiert die Theaterpolitik Mecklenburg-Vorpommerns. In Rostock wird das Große Haus geschlossen, obwohl man die Sicherheitsmängel seit Jahren kannte. Die Oper soll erhalten werden. Bloß, wo soll sie spielen? Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin ist zwar erfolgreich, aber ob es deshalb vor dem Konkurs gerettet wird? Und aus Greifswald, Neubrandenburg, Neustrelitz, Stralsund, Anklam gibt es derzeit keine aktuellen Nachrichten. Man muss das Schlimmste befürchten. Der ehemalige Bremer Intendant Klaus Pierwoß appelliert noch einmal an die zuständigen Politiker in NordOst.

In der Kölner Kulturpolitik rappelt es gewaltig. Noch vor dem Wechsel von Schauspielintendantin Karin Beier ans Hamburger Schauspielhaus 2014 sollte Opernchef Uwe Eric Laufenberg als Generalintendant installiert werden und Oper und Schauspiel kostengünstig in die Sanierungsphase führen. Dann erschien Karin Beier mit ihrem Anwalt und die Stadtoberen besannen sich. Dina Netz kommentiert.

"Wer ist wir? Theater in der interkulturellen Gesellschaft", lautete die Überschrift der diesjährigen Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Freiburg. Viel zu wenig spiegelt sich die Vielfalt der Einwanderungsgesellschaft in den Programmen und Ensembles der Stadttheater. Weil das inzwischen fast allen am Theater klar ist, dachten die Teilnehmer über Strategien einer Öffnung nach. Unterstützt wurden sie dabei u.a. von Vorträgen der Soziologin Martina Löw, die darüber sprach, welche Phänomene zur Stadt gehören und sie zugleich prägen, und des Autors Mark Terkessidis(hier der Originalton), der sein Konzept der "Interkultur" vorstellte, mit dem er für die gesellschaftliche Barrierefreiheit für alle Bevölkerungsgruppen wirbt. Unser Mann in Freiburg war Jürgen Reuß.

Bei der FAUST-Preisverleihung kollidierte der Drang der Veranstalter nach staatstragendem Gepränge mit dem Drang nach einem TV-kompatiblen Massenformat. Aber auch sonst warf die Veranstaltung Fragen auf. Warum wurde systemkonform applaudiert, als der Bundestagspräsident Theater ebenso systemrelevant wie Banken nannte? Für Frank-Patrick Steckel gibt es nicht nur für die FAUST-Verleiher gute Gründe, ihren Kulturbegriff und die fragwürdigen Modalitäten ihrer Betriebsamkeit gründlich zu überdenken.

Zuerst hielt Bundestagspräsident Norbert Lammert die Eröffnungsrede. Darin pries er das Theater als systemrelevante Kraft. Wenig später lief er jedoch "wütend aus dem Theater" hinaus. Weil sich die Theatermenschen bei der Verleihung des Faust-Theaterpreises in Essen nicht wie im Theater, sondern wie im Fernsehen benommen hatten. Das erklärte er am nächsten Tag in einem Offenen Brief an die Verantwortlichen beim Deutschen Bühnenverein. Doch Bühnenvereins-Präsident Klaus Zehelein und der Geschäftsführende Direktor Rolf Bolwin meinen, Lammert habe bloß den Witz der Sache nicht erkannt. Das Ganze sei kein Fernsehen, sondern eine Parodie darauf, erläuterten sie ihrerseits in einem Offenen Brief – und fordern "mehr Grandezza" und einen "liebevolleren Blick". Für nachtkritik.de war übrigens Sarah Heppekausen vor Ort. Auch für sie blieben Wünsche offen.

Eigentlich wollte man das zuschauermäßig darbende Sprechtheater reformieren in der Messestadt Leipzig. Als dann wirklich frischer Wind durchs Haus blies, erschraken nicht wenige. Seit zwei Jahren leitet Sebastian Hartmann sein Centraltheater und genauso lange tobt der Kulturkampf im Sächsischen. Tobias Prüwer versucht den Außenstehenden diesen Streit und seine Ursachen zu erklären. Stefan Kanis widmet sich der umstrittenen Art und Weise, wie bei Hartmann in Leipzig Theater gespielt wird.

Luk Perceval hat am Hamburger Thalia Theater Hamlet inszeniert. Von Shakespeare. Alan Posenerhat die Aufführung in der Zeitung verrissen. Thalia-Intendant Joachim Lux wirft dem Kritiker jetzt Volksverhetzung vor. In einem offenen Brief. Esther Slevogt kommentiert die Angelegenheit. Und die Zeitungen machen sich Gedanken über die Zahl der Tassen in den Hamburger Intendanten-Schränken.

Sind es wirklich die fehlenden paar Hunderttausend Euro, die Friedrich Schirmer so abrupt sein Amt als Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg aufgeben ließen? Für Michael Eberth, während Tom Strombergs Intendanz bis 2005 Chefdramaturg des Deutschen Schauspielhauses, liegt das Problem woanders.

In der vergangenen Woche diskutierte neben den nachtkritik-KommentatorInnen auch der Regisseur Samuel Schwarz im Zürcher Tagesanzeiger die grundlegende Umkrempelung des Subventionssystems und plädierte für eine Umfinanzierung zugunsten freier Gruppen und individueller Organisationsformen. Auf nachtkritik.de mischt sich nun auch Christoph Nix ein, der den 400asa-Frontmann Schwarz in dieser Saison bereits zum zweiten Mal an seinem Stadttheater Konstanz engagiert hat und dessen Interview für "doppelzüngig" hält. Samuel Schwarz hat auf diesen Vorwurf wiederum geantwortet.

"Episch verseucht", lautete im Juli der Befund Gerhard Stadelmaiers bei seiner jährlichen Spielplan-Routine-Untersuchung. Anlässlich der soeben erschienenen Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins fühlt Stefan Bläske den Stadelmaier'schen Argumenten noch einmal auf den Zahn und sagt, warum Romanbearbeitungen durchaus Anlass zur Vorfreude sein können.

Der Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum findet, dass die Subventionen für Theater und Oper vor allem den Wohlhabenden zugute kommen. Wieso solle der ohnehin klamme Staat ausgerechnet den Vermögenden Zuschüsse zahlen für ihre Freizeitgestaltung? fragt er in der Berliner Zeitung. Populistische Thesen eines Mannes, der offenbar Einiges daran setzt sich als würdiger Nachfolger von Thilo Sarrazin zu präsentieren. Oder hat er vielleicht Recht.

Giotto, Gender, Marcel Duchamps und der Papst, eine Fliege und ein Urinstrahl, Folter und Migration sowie die allgegenwärtige Entzauberung der Welt: all dies unter einen Hut zu bringen, das schaffen nur die Theoretiker des Performativen, deren Vatikan das Institut für Theaterwissenschaften an der Berliner Freien Universität ist. Elfeinhalb Jahre durfte man fördergeldgestützt verstärkt Dienst an der Diskursbildung tun. Zum Abschluss gab es nun die Konferenz Performing the Future. Elena Philipp war dort.

Nis-Momme Stockmann, der Dramatiker, hat eine Rede gehalten, im Rahmen der Theaterbiennale in Wiesbaden: über die Gegenwartsdramatik und den Markt, über den Zweifel, das Publikum, die Dummheit. "Wir müssen zurückkehren zu dem essentiellen Gehalt von Kunst", sagt Stockmann. "Es braucht Autoren, die entfesseln, die quer und neu denken."

Nachdem beim Heidelberger Stückemarkt kein Preis vergeben wurde, weil die Jury kein Stück so herausragend fand, es auszeichnen zu wollen, melden sich nun betroffene Autoren mit Erklärungen zu Wort. Die deutschsprachigen Dramatiker finden es falsch, die aktuelle Debatte über Nachwuchsförderung mit dem Heidelberger Wettbewerb zu verknüpfen und auf dem Rücken der Autoren auszutragen. Die Dramatiker aus dem Gastland Israel, die um den Europäischen Autorenpreis konkurrierten, sehen sich durch die Entscheidung als Künstler beschädigt. Alle Erklärungen im Wortlaut hier.

Die Palästina/Nahost-Intiative Heidelberg hat den Veranstaltern des Heidelberger Stückemarkts 2010 vorgeworfen, bei ihrem Israel-Schwerpunkt den Nahost-Konflikt auszuklammern und sich in den Dienst einer Imagekampagne zu stellen, mit der die Regierung Israels ihr in der Weltöffentlichkeit angekratztes Image aufbessern wolle. Der HeidelbergerIntendant Peter Spuhler und Schauspieldirektor Jan Linders weisen die Vorwürfe als unbegründet zurück.

Ein europäisches Stadttheater inmitten der Welt wird nun in Bayerns Hauptstadt angestrebt, mit Künstlerimporten aus Gent und Berlin. Und nicht zuletzt ein besonderes MK-Gefühl. Mehr von Sabine Leucht.

Ein Filmkritiker? Als alleiniger Juror für die Lange Nacht der Autoren bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater? Puuuh! 160 Stücke hat Michael Althen, Filmkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gelesen. Nebenbei ging er ins Theater, seit langer, langer Zeit zum ersten, zweiten, dritten Mal wieder, und hat schließlich vier Stücke ausgewählt, die Samstagnacht in Werkstattinszenierungen hintereinander weg gezeigt werden. Gut. Und dann hat Michael Althen sich hingesetzt und hat eine Rede geschrieben, die einfach zum Schönsten gehört, was der Redakteur in letzter Zeit über das Theater gelesen hat. Hier ist die Rede und der Dank an Michael Althen und das Deutsche Theater für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Heute endete das vom globalisierungskritischen Netzwerk attac und der Berliner Volksbühne einberufene dreitägige Bankentribunal, zu dem echte Ankläger, Verteidiger und Richter gekommen waren. Die Angeklagten fehlten allerdings. Nicht nur wegen der mit schwarzer Leichensackfolie ausgeschlagenen Volksbühne war Esther Slevogt bei der Urteilsverkündung eher unheimlich zumute.

In Mannheim schickt sich die Zentrale Intelligenz Agentur an, ein Erfolgsstück als Auftragswerk - oder umgekehrt? - zu entwickeln. Jedenfalls war Esther Boldt am Platz und hat von ersten Ergebnissen erfahren.

Die KritkerInnen-Jury hat die Teilnehmer des Theatertreffens 2010 bekannt gegeben. Und kurze Begründungen für die Einladung. Lesen Sie selbst.

Das poptheoretische Laminat war bereits ausgelegt, auf dem Tobi Müller im Wiener Schauspielhaus mit Gästen wie dem Interpassivitätstheoretiker Robert Pfaller anhand der aktuellen Kunst- und Kulturproduktion das Thema Gesegnet sei mein Leib. Kunst als Egokirche diskutieren wollte. Aber da hatte er die Diskursrechnung ohne den Schauspieler Joachim Meyerhoff gemacht, der erst spät – aus dem Burgtheater kommend – seinen Platz in der Runde eingenomen hat. Georg Petermichl weiß mehr.

Droht Sebastian Hartmann, dem zwiespältig beäugten Revoluzzer, Abonnentenschreck, Castorf-Jünger, die Ankunft im Establishment? Die dicke Luft seiner Antrittszeit als Intendant am Leipziger Centraltheater scheint verflogen. Diesen Eindruck konnte man zumindest auf der dritten Zuschauerkonferenz gewinnen. Ralph Gambihler war mittenmang zwischen Hartmann-Fanclub und Fäkalwort-Phobisten.

Alles toll am Wiener Burgtheater, sagt der tolle neue Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann. Toll sind die Matthias-Hartmann- Inszenierungen, die Wiener Theatergänger und die Auslastungszahlen. Toll auch, dass Claus Peymann wieder an die Burg kommt. Nicht so toll sind die anderen Theater, vor allem das in Zürich. Sonst noch was? Stefan Bläske hat das erste öffentliche Publikumsgespräch des Herrn Direktor Hartmann erlebt.

Das Prinzip 'Wanderzirkus' wird auch im deutschen Stadttheaterbetrieb immer beliebter. Inszenierungen ziehen von Theater zu Theater, werden koproduziert, übernommen, umgemodelt. Wenn aus zweiter oder dritter Hand Marken eingekauft werden, kann das kann gründlich schief gehen. Oder auch glücken, wie Regine Müller jetzt bei der dritten Variante von Johan Simons' Kasimir und Karoline am Schauspiel Köln erlebt hat - zum Phänomen des Koproduktionswesens.

Am heutigen Mittwoch beginnt in Köln, Düsseldorf, Mülheim und Bochum das 15. Festival Impulse, die größte und wichtigste Leistungsschau des Freien Theaters hierzulande (hier die Auswahl), aus dem längst wesentliche Impulse und prägende Künstler auch des Stadttheaters kommen. Das Stadttheater, das es nicht schafft, sich aus sich selbst heraus zu erneuern. Trotzdem leidet die Szene immer noch unter einem Aufmerksamkeits- und vor allem Finanzdefizit. In einem Beitrag für nachtkritik.de fordern Impulse-Macher Matthias von Hartz und Tom Stromberg neue Fördermodelle, mit denen der Bedeutung des Freien Theaters Rechnung getragen wird.

Warum verschwinden die neuen Stücke, die von Förderprogrammen, Wettbewerben, Studiengängen und den Theatern selbst auf den Markt geschleudert werden, nach Ihrer Uraufführung wieder von den Spielplänen? Eine Frage, die am Wochenende vom 9. bis 11. Oktober in Berlin im Rahmen des Symposions Schleudergang Neue Dramatik erörtert wurde. Elena Philipp war dabei.

 

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