Spiel vom Kollateralschaden der Leistungsgesellschaft

von Elena Philipp

Berlin, 11. Februar 2010. Mit "STRESS! - Der Rest ist Leben", einem Stück über Leistungsdruck an Schulen, kehrt Dirk Laucke an das Theater zurück, das ihm seinen ersten Stückauftrag erteilte: das Berliner Kinder- und Jugendtheater Grips. 2005 war er noch nicht "einer der meist gefragten jungen Dramatiker in Deutschland" (Programmheft), sondern studierte seit einem knappen Jahr an der Universität der Künste in Berlin Szenisches Schreiben, als er für das Grips in "Hier geblieben!" zusammen mit zwei Kommilitoninnen die Lebenssituation minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland schilderte.

Als politisch denkender Autor wird Laucke im Haus geschätzt, und so wurde er 2007 für "STRESS!" gebucht, ein Rechercheprojekt mit zwei Berliner Realschulklassen. Ein Dreiviertel Jahr lang besuchte Laucke immer wieder die Schüler der damals siebten Klassen in Kaulsdorf und Zehlendorf und sammelte in Gesprächsprotokollen Material. Auf Grundlage realer Vorbilder schuf er ein achtköpfiges Figurenensemble: Zwei Schülergruppen, die im "Teamworx Contest" einer Unternehmensberatung gegeneinander antreten sollen.

Versuch in Anpassungskacke

"Ihr seid gefragt!" tönt es in der fiktiven Ausschreibung. "Und vielleicht wird auch die eine oder andere Firma auf euch aufmerksam...", ist ein unwiderstehliches Angebot. Celi, ehrgeizig und im Businesssprech bewandert, peitscht ihre Zwillingsschwester Feli und die besten Freunde Matthi und Irfan durch einen 48-Stunden-Marathon, um eine Marketingkampagne für das Aufputschgetränk "Energy" zu konzipieren.

Irgendwann hat Irfan keinen Bock mehr auf die autoritäre Teamchefin. Als Schulversager weiß er genau um seine nicht gerade rosigen Zukunftsaussichten, aber "da spiele ich lieber mein Leben lang im Abseits, als so zu werden wie ihr". Matthi, dessen Eltern arbeiten, muss sich um seine kleine Schwester kümmern, und als Celi völlig überdreht einen Kreislaufkollaps erleidet, entscheidet sich Feli, das Team alleine beim Contest zu vertreten.

Auch Timm ist als einziger aus seiner Gruppe zum Wettbewerb gekommen. Das gemeinsame Musikprojekt hat sich zerschlagen, weil Punkrocker Leon alias Dose sich seine Band "nicht durch sone Anpassungkacke kaputt hauen" lässt und lieber alleine spielt. Der Wettbewerb ist ein einziger Stress für alle - und eine Enttäuschung: Die Unternehmensberater lassen sich nicht blicken. Vermutlich liegt Feli richtig: "die wollen mit unseren Problemen nichts zu tun haben".

Freundschaft vereitelt Amok

Stress, Stress, Stress ist der Alltag der Jugendlichen. Wären da nicht die Freundschaften. Zwar bröckeln manche Beziehungen durch den Konkurrenzdruck, doch schweißt die Teamarbeit auch zusammen. Timm kann Marek überzeugen, dass er ihm etwas bedeutet und beschwichtigt so den von der Lehrerin gekränkten Freund, der mit der Knarre seines Onkels vor der Laptopkamera posiert. Während sie auf den Wettbewerbsstart warten, kommen sich Timm und Feli näher, und Celi kapiert irgendwann, dass Matthi auch zuhause gefordert ist.

Das Stück kennt kein Patentrezept gegen den Leistungsdruck, sondern bietet mit jeder der acht Figuren eine andere, stets ungenügende Bewältigungsstrategie. Die zusehenden Menschen ab 14 Jahren sollen in Grips-Manier eine eigene Haltung zu den Identifikationsangeboten entwickeln und vor allem erkennen, dass Stress systembedingt ist und nicht individuelles Versagen.

Ob diese Message beim jugendlichen Publikum ankommt, ist allerdings die Frage. Denn die Regie nimmt den Text recht sportlich. Frank Panhans lässt die fünf Schauspieler - bis auf Timm (Sebastian Achilles) und Feli (Nina Reithmeier) in Doppelrollen - in Trainingsklamotten auf einem Spielfeld antreten: bunte Felder auf dem Boden, die mit gestrichelten Linien verbunden sind, eine Leiter, die zugleich Messlatte ist, und eine angeschrägte Fläche aus Schultafeln im Bühnenhintergrund, die von den körperlich agilen Schauspielern wie eine Halfpipe bespielt wird.

Imitatio juvenilis blödiensis

In der Imitation von unter Strom stehenden Jugendlichen wirken die Darsteller wie von Celis Energiedrink hochgeputscht. Jens Mondalski pumpt unendlich Power in seine Figuren Leon und Irfan, ohne große Unterschiede zwischen den beiden zu machen. Robert Neumann gelingt der darstellerische Wechsel zwischen dem verantwortungsbewussten Matthi und dem verschlossenen Marek, und Sebastian Achilles verleiht seiner Figur eine Tiefe über den Text hinaus: Timm ist treuherzig, vielleicht ein wenig unbedarft, aber loyal und heiter.

Die hochgepitchte Darstellung, nicht nur für die Jugendlichen im Publikum ermüdend gleichförmig, macht nur in einer Szene wirklich Sinn: Marek probt den Amoklauf. Er jagt Jennifer Breitrück, Jens Mondalski und Nina Reithmeier als Lehrerinnen-Chor mit seiner Waffe über die Bühne. Im gedimmten Licht stieben die Bedrohten kreischend auseinander. Die Musik, die sonst stets den Szenenwechsel von der Gegenwart des Contests in die Vorbereitungsphase zudröhnt, schafft hier ein Gefühl der Panik. Timm, der mit Marek auf dem Schulflur Ego-Shooter spielt, schildert als Erzähler das Geschehen wie von außen und verfremdet die Szene zusätzlich. Das ist spannend und komplex. Und das war's dann leider auch. - Dirk Laucke, so deutet es das Programmheft an, hat den Text recht spät abgeliefert. Vielleicht litt die Inszenierung unter Stress.


STRESS! - Der Rest ist Leben (UA)
von Dirk Laucke
Regie: Frank Panhans, Musik: Jan Maihorn, Choreografie: Marcus Grolle, Bühne und Kostüm: Birgit Schöne.
Mit: Sebastian Achilles, Jennifer Breitrück, Jens Modalski, Robert Neumann, Nina Reithmeier.

www.grips-theater.de

 

Mehr zu Dirk Laucke in unserem Glossar, das Informationen zu Akteuren und Aspekten der Theaterwelt in handlichen Artikeln gibt.


Kritikenrundschau

Dirk Lauckes Text vermittele "von Beginn an ein Gefühl für die beklemmende Absurdität, die sich einstellt, wenn Vokabeln durch die neoliberale Tinte gezogen werden und der Leistungsdruck immer früher die Klassenverhältnisse bestimmt", urteilt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (13.2.2010). Von den "Don-De-Lillo-Momenten" des Textes sei allerdings in Frank Panhans’ Uraufführungsinszenierung "wenig zu spüren." Überhaupt "lässt der versierte Grips-Regisseur mehr über Lauckes Text hinwegturnen, als dass er ihn anschaulich macht." Um die "Feinheiten von Lauckes Text zu erörtern", müsse man "wohl auf die begleitende Pädagogik vertrauen." Eingedenk dieser Einwände bescheinigt der Kritiker den Akteuren ein gelungenes Spiel mit den Doppelrollen, so dass im Ganzen ein "Grips-gewohnt frisch und krampflos" gespielter Abend entstehe. "Und was heute so zum Schulalltag gehört – Notenstress, unglückliche Liebe, Angst vor Amokläufen –, das stellt Panhans’ Inszenierung durchaus heraus".

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost (13.2.2010) "Autor Dirk Laucke hat gut recherchiert. Die Typen in 'Stress!' sind voll aus dem Schulalltag gegriffen. Die zweistündige Inszenierung kommt allerdings etwas schwer in Gang." Hervorgehoben wird in dieser Kritik das "symbolträchtig" eingerichtete Bühnenbild von Birgit Schöne: "eine Art Karriereleiter; an einem Seil hängt ein Netz mit Büchern wie ein Punchingball."

Anders akzentuiert Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.2.2010): Zwar falle Lauckes "Querschnitt durch die schulische Klassengesellschaft" etwas "plakativ" aus. Doch biete der Autor "ein durchaus anregendes Diskussionsangebot zu den aufgeworfenen Problemen." "Und was dem erstaunlich gemütlich in Rückblenden erzählten Stück an Plastizität und Überzeugungskraft fehlt, liefert Frank Panhans mit dem Choreographen Marcus Grolle in seiner sensiblen, dabei zupackend-fröhlichen Inszenierung nach." Die Schauspieler nähmen ihre Figuren "nicht schwerer, als sie geschrieben sind" und machten "die Themen nicht gewichtiger, als sie – inklusive der angedeuteten Möglichkeit eines Amoklaufs – gemeint sind. "

Nicht allzu viele Gegenwartsautoren verfügten wie Dirk Laucke "über einen eigenen Ton, den man heraushören kann", schreibt Christian Rakow in der Berliner Zeitung (15.2.2010). "Stress" sei ein "packendes Dialogstück über den wachsenden Leistungsdruck an Schulen". Allerdings bemängelt der Kritiker "die eine oder andere Vergröberung": Dass etwa "eine Lehrerin als gehässige Hintergrundattrappe fungiert", sei "ebenso plump wie die notorische Idee des Amoklaufs (...). In Zeiten des Hardcore-Mobbing an Schulen hätte es weniger boulevardeske Varianten gegeben, um zu schildern, wie sich Gegendruck herstellt." Regisseur Frank Panhans betreibe alles, "bloß keinen Realismus. Subtilitäten werden gnadenlos gestrichen. Nirgends hört man im Entferntesten einen Ton, wie ihn Achtklässler auf dem Schulhof sprechen". Stattdessen regierten "die Ausrufezeichen in einem Haudraufspiel voller Begeisterung für das eigene Kunstgewerbe, flinke Tänzchen und gewollte Einfühlungen". Das liege nicht an den Darstellern, sondern der "entertainmentwütigen Regie". Fazit: "Mögen dem Stück weitere Inszenierungen beschieden sein, die Laucke genauer zuhören ".

Laucke habe in seinen "Stress"-Text so ziemlich "alles hineingestopft", meint Anouk Meyer im Neuen Deutschland (15.2.2010): "Notenstress, Liebeskummer, Gewaltfantasien, abwesende Eltern und desinteressierte Lehrer, Neoliberalismus schon im Klassenzimmer". Die Geschichte deute "durchaus glaubwürdig jede Menge Probleme an", die Inszenierung Panhans' springe allerdings "zu hektisch zwischen den Szenen hin und her". Die Grips-Darsteller "agieren zwar gewohnt professionell, doch sind die Charaktere dermaßen schablonisiert, dass Identifikation scheitern muss. Degradiert zu bloßen Stereotypen (...) bleiben die Protagonisten blasse Problemhülsen." Die zum Teil "aufgesetzt-künstliche 'Jugendsprache'" verstärke diesen Eindruck noch. Insgesamt wünscht sich Meyer "für die bewegungsreiche Inszenierung weniger Zappeligkeit und etwas mehr Tiefgang".

 

 

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