Samstag, 29. November 2014

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Die Paranoia – Rafael Spregelburd beim F.I.N.D.-Festival

Alice im Wörterland

von Elena Philipp

Berlin, 6. März 2010. Ein Feuerwerk der Metafiktion brennt Rafael Spregelburd in "Die Paranoia" an der Berliner Schaubühne ab. Als argentinischer Gast mit seiner Truppe zum Festival Internationaler neuer Dramatik F.I.N.D. geladen, zeigt er, wie wildes Erzählen funktionieren kann. Doch von vorne, auch wenn Spregelburd alles tut, um im sechsten Teil seiner "Heptalogie des Hieronymus Bosch" die aristotelische Einheit von Raum, Zeit und Handlung zu durchbrechen.

Spregelburd verpflichtet ein zufällig zusammengewürfeltes Quintett zu einer Geheimmission. Außerirdische "Intelligenzen" konsumieren ein Produkt, das nur Menschen herstellen können: Fiktionen. Gierig haben sie Bücher, Filme, Fernsehserien und sogar Überwachungsvideos verschlungen – nun ist der Vorrat aufgebraucht und frische Fiktion muss her. Per Brief werden vier Auserwählte in die uruguayische Küstenstadt Piríapolis dirigiert. Dort soll sie der Oberst (Alberto Suárez) zu einer schnellen Eingreiftruppe formieren, denn es bleiben nur 24 Stunden, um eine unerhört neue, die "Intelligenzen" befriedigende Fiktion zu schaffen. An die Arbeit, Zivilistinnen!

Fortgeschrittener Sinngebungswahn

In wechselnden Tableaux um sechs Holzbänke auf der Bühne drapiert, spielen sich die Fünf die Einfälle zu. Auf der Bühne herrscht statische Konversation. Fünf Darsteller in je einer Rolle. Doch per Filmprojektion schaltet der Autor-Regisseur-Darsteller Spregelburd zu diversen bonbonbunt leuchtenden und mit Requisiten zugestopften Boudoirs, Laboratorien oder Friseursalons, in denen Eifersucht tobt, ein Mord ermittelt oder Tarotkarten gedeutet werden.

Telenovela! Film ab: Eine parastaatliche venezolanische Körperschaft, die Mädchen serienweise zu Miss Venezuelas operiert. Brenda, dunkelhaarig, war eine Fehlinvestition und so wird die OP-Prozedur gestoppt. Einen Vorhang schwarzer Haare vor dem Gesicht, ähnelt Brenda (Andrea Garotte) der spukenden Protagonistin aus dem japanischen Horrorklassiker "The Ring". Sie metzelt ihre Ärzte nieder. Julia (Garotte), die als Schriftstellerin Erfolge mit dem Plagiat ihrer eigenen Plagiatorinnen feiert, jubelt über ihren bizarren Einfall. Beatriz (Mónica Raiola), von Emotions-Viren gebeutelte Roboterin und als Archiv von Nutzen, bezeichnet die Geschichte als "super classico", und was schon einmal da war, ist für die extraterrestrischen Herrschaften schwer verdaulich. Lange Gesichter. Weiter geht's mit der Spurensuche: Was wollen diese "Intelligenzen" eigentlich?

Hagen (Rafael Spregelburd), spekulativer Mathematiker mit einer Vorliebe für nicht beweisbare Relationen, schüttet einen Haufen Acrylglasscherben auf den Boden. Claus (Pablo Ruiz Seijo), übersensibler, pillenabhängier Ex-Astronaut, hat sie von seiner gescheiterten Mission aus der "Gamma-Zeit" mitgebracht. Hagen glaubt, die Literatur der Intelligenzler gefunden zu haben: Die Scherben sind in ihrer Beziehung zueinander entzifferbar. Bedeutet das eine Glasstück 'Haar', sind die daneben liegenden als 'Friseursalon' und 'Schere' lesbar. Der Sinngebungswahn der Protagonisten ist fortgeschritten. Der Autor-Regisseur-Darsteller Spregelburd ersetzt lineare Logik durch parallele Handlungsstränge. Ein rhizomatisches Erzählen à la Borges. Fiktion? "Klischee und Willkür", Wahnvorstellungen und Allmachtsphantasien.

Das große Zappen

"Die Paranoia" siedelt "in einer Welt, in der sich weder Gott noch 'Die Geschichte' zu erkennen geben", wie es im Text heißt. Gott ist nicht tot, er ist verborgen. Nicht von ungefähr bezeichnet Hagen die Scherben als "Sefaratón", was ähnlich klingt wie die Sefirot der Kabbala, dem Modell schlechthin für besessene Entzifferer. Wenn hier mal nicht der ganz, ganz große Sinn lauert.

Letztlich findet die Fünferbande heraus, dass sie "das Produkt eines zerrütteten Geistes" ist. Brenda hat sich die Figuren ausgedacht und sie nach ihren Puppen und Spielzeugen benannt. Die Alice im Wörterland ist kurz zuvor von einem Polizisten erschossen worden. Eine neue Finte des Autors Spregelburd, Autorfiktion hoch zwei! Einfach mal eine Autorfunktion löschen.

Das Publikum ist verstrickt in irren Wirren. Doch zum Ende wird es super classico. Ein "Delirium der Ereignisse" schließt die letzten offenen Handlungsstränge ab. Die Filmsequenz, die an George Méliès' phantastische "Reise zum Mond" aus dem Jahr 1902 erinnert, versetzt die Protagonisten in die Gamma-Zeit. Schön verrückt. Schade nur, dass sich Spregelburd in seinem 2005 bis 2007 in Buenos Aires und auf Schloss Solitude bei Stuttgart entstandenen Stück sehr viel Zeit nimmt, die gordischen Handlungsknoten zu schürzen.

Nach zwei Stunden und einer Pause haben sich die Zuschauerreihen gelichtet, doch erst dann beginnt das Vergnügen des Verstehens: "Die Paranoia" ist ein dreistündiger kriminalistischer Oberflächenreiz. Das große Zappen durch Raum und Zeit. Mehr aber auch nicht.


Die Paranoia
von Rafael Spregelburd
Regie: Rafael Spregelburd, Musik: Nicolás Varchausky, Licht: Santiago Badillo und Rafael Spregelburd.
Mit: Andrea Garotte, Mónica Raiola, Pablo Ruiz Seijo, Rafael Spregelburd, Alberto Suárez.

www.schaubuehne.de

 

Die Heptalogie des Hieronymus Bosch, Rafael Spregelburgs theatrale Nachdichtungen der sieben Todsünden, sind das Hauptwerk des 1970 geborenen argentinischen Dramatikers, Schauspielers und Regisseurs. Nachtkritiken gibt es zu Die Panik, inszeniert von Andreas Herrmann in Luzern im Mai 2008; Die Sturheit von Burkhard C. Kosminski in Frankfurt im Mai 2008 inszeniert und Die Dummheit, die Friederike Heller im Juli 2007 in Stuttgart auf die Bühne brachte. Sein jüngstes Stück Alles wurde im Januar 2010 von Spregelburd selbst in Karlsruhe deutschsprachig erstaufgeführt.

 

Kritikenrundschau

Innerhalb seiner Besprechung des Festivals F.I.N.D. an der Schaubühne kommt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (8.3.2010) auch auf das argentinische Gastspiel "Paranoia" von Rafael Spregelburd, "eines fernen Almodóvar-Verwandten", zu sprechen. "Paranoia" sei eine "dreieinhalbstündige Pulp-Fiction-Extravaganza" mit "irrlichterndem Plot". In "diesem wilden Pop-Polit-Trash-Mix, der Transvestiten, Roboter und Präsident Hugo Chávez persönlich auftreten lässt und die Zeiten durcheinanderwirbelt", gehe es "um das vitale Bedürfnis nach Geschichten". Zugleich sei "die titelgebende Paranoia auch Gegenwartsdiagnose südamerikanischer Befindlichkeit zwischen Fremdbestimmung und Selbstauflösung."

 




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