Flirrend zwischen allen Namen

von Astrid Biesemeier

Frankfurt am Main, 26. März 2010. Die Wände der leeren und meist nicht sehr tiefen Bühne sind weiß und bieten durch ihr bloßes Vorhandensein an, Orte und Umgebungen in sie hinein zu sehen und hinein zu interpretieren: Atelier oder Wohnung, Wien oder Paris. Ganz so, wie Lulu durch ihr bloßes Dasein Projektionsfläche ist, in die die Männer hineinsehen, was sie hineinsehen möchten. Für den einen ist sie Eva, für den nächsten Mignon und für einen weiteren Katja. Wie um das hervorzuheben, lassen Stephan Kimmig und sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber zwischen den einzelnen Akten mittels Projektionen nebst Ort und Lulus Alter auch immer den jeweiligen Namen flirren, den einer der Männer ihr gegeben hat.

Da Projektionen mehr über den Projizierenden aussagen als über das Objekt der Projektionen, haben sich Kimmig und Kathleen Morgeneyer konsequenterweise entschlossen, gemessen am Mythos der Femme fatale, der so gerne für Lulu bemüht wird, eher eine Anti-Lulu auf die Bühne zu stellen. Und damit eine Lulu, die sich nicht mal besonders gut für Männerprojektionen eignet.

Kiloweise Goldketten und Carla Bruni

Aus den mittleren Reihen des Frankfurter Schauspielhauses sieht Kathleen Morgeneyer wie ungeschminkt aus. Und ob sie über ihrem nackten Körper lediglich kiloweise Goldketten trägt, im weißen Hemd und nackten Beinen über die Bühne huscht oder nur weißen Slip und Unterhemd trägt: Morgeneyer vermeidet alles, was nach Femme fatale aussehen könnte – auch wenn diese Lulu um ihre Wirkung weiß und damit auch spielt. So streckt sie durchaus ihren Fuß in die Schrittgegend eines Mannes, lutscht an den Fingern des toten Goll, betastet und streichelt sich auch selbst. Vor allem aber stellt Morgeneyer ihren schmalen und fast knabenhaft erscheinenden Körper aus. Oft birgt sie dessen Bewegungen, in die sich bisweilen eine fast ungelenk wirkende Eckigkeit schleicht, auf der Bühne etwas erstaunlich Kindliches. Da mutet es wie ein ironisches Augenzwinkern an, wenn sie Gitarre spielend "L'excessif" von Carla Bruni singt.

Kathleen Morgeneyer wechselt Stimmungen und Tonlagen: Sie reagiert bisweilen herrlich lapidar auf die Toten, die ihren Weg pflastern, weint wie ein Kind, als Dr. Franz Schöning ihr eröffnet, dass er eine andere heiraten will, oder klammert sich wie ein Äffchen an Schigolch. Lulu ist bei Kimmig Überlebensprinzip und Projektionsfläche, verstörtes Kind und kalkulierende Frau, unbewusst und bewusst, verletzbar und höhnisch, emotional und ironisch, weich und hart. Die schmale junge Frau füllt die große Bühne zwar mit einer eindrucksvollen Präsenz; die Stärke, Widerständigkeit und Frechheit, die sie als Lulu auch zeigt, gehen in den für die Schauspielerin Morgeneyer typischen verzweifelten Ausbrüchen und Tränen allerdings wieder unter.

Von Schurken und Idioten

Die Männer kommen in Kimmigs Inszenierung, die auf der Urfassung der beiden "Lulu"-Stücke von Frank Wedekind basiert, natürlich nicht gut weg, im Gegenteil. Die einen sind Idioten, die sich mit ihrer Begierde lächerlich machen: wenn sie wie Goll (Roland S. Blezinger) tot zusammenbrechen, sich wie Schwarz (Michael Goldberg), betrogen um seine Illusion, eine Jungfrau geheiratet zu haben, die Kehle aufschlitzen, dass das Blut nur so auf das Bühnenweiß spritzt, obwohl sie doch anfangs selbst vor Begierde zitterten, oder sich wie Alwa Schöning (Andreas Uhse) in knallgelber Unterhose seinem Trieb ergeben und sich zwischen Lulus Beine stürzen.

Die anderen sind letztlich Schurken, wie Schigolch (Michael Benthin), Franz Schöning (Till Weinheimer) oder Casti-Piani (Joachim Nimtz). Beherrschen wollen sie Lulu alle und missbrauchen und missbrauchten sie auf unterschiedliche Weise. Eindrucksvoll ist Constanze Becker, die die Gräfin von Geschwitz spielt, und Lulu, anders als die Männer, zurückhaltend und nicht fordernd begegnet – gerade weil sie Gefühle für sie hat.

Wedekinds "Lulu" ist mit der etwas sperrigen Handlung und der Ansammlung reichlich verkorkster Figuren ein harter Brocken. Den zu bewältigen, stand ein gutes Ensemble auf der Bühne. Man vermisst an Kimmigs "Lulu" allerdings das, was man sonst schon so oft an seinen Inszenierungen bewundert hat: den Anschluss ans Heute. Das Frankfurter Premierenpublikum applaudierte begeistert.

Lulu
von Frank Wedekind
Regie: 
Stephan Kimmig, Bühne
: Martin Zehetgruber, Kostüme
: Anja Rabes, Musik
: Michael Verhovec, Dramaturgie
: Nora Khuon.
Mit: Kathleen Morgeneyer, Constanze Becker, Michael Benthin, Till Weinheimer, Andreas Uhse, Michael Goldberg, Viktor Tremmel, Roland S. Blezinger, Joachim Nimtz, Torben Kessler.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Wie hat man Wedekinds Lulu sonst bewältigt? Lesen Sie die Nachtkritiken zu Calixo Bieitos Inszenierung in Mannheimer (Oktober 2009), zu Schirin Khodadadians Inszenierung in Essen (April 2009) oder zu David Martons Dreifach-Lulu in Hannover (Januar 2009). Mehr zu Stephan Kimmig finden Sie im Glossar.

 

Kritikenrundschau

Die Figur der schamlosen Lulu erfülle allerlei Bedürfnisse auf einmal: Sie befriedigt die allgemeine Schaulust, und sie stillt unbürgerliche Leidenschaften eines bürgerlichen Publikums, so Peter Kümmel in der Zeit (31.3.2010). "Manche Regisseure haben die Lulu vor solchen Gelüsten demonstrativ in Schutz genommen, etwa Michael Thalheimer". Hinter Thalheimers Spiel von der Lust stand als geheime Hoffnung die Erlösung von der Lust, und "Lulu war im ganzen Stück die vom Eros am wenigsten belangbare und verwandelbare Figur". Stephan Kimmig gehe in Frankfurt einen anderen, den langen Weg. "Er badet Lulu in unseren Blicken, er exekutiert an ihr die Komik, die Leere und die Aggressivität des Eros. Er setzt sie einer Tortur aus, die der Auslieferung nahekommt." Aber am Ende erweckt er sie zu einem Leben, das ohne das Vorangegangene nicht möglich gewesen wäre.


An ein "Zirkuspferd" erinnere diese Lulu, schreibt Shirin Sojitrawalla in der taz (30.3.2010). Wie alle Lulus verdrehe sie den Männern Hirn und Herz, "wobei sie diesmal etwas in ihr sehen müssen, was uns verborgen bleibt. Wir sehen ein Kind, das in seinen ausgestellten erotischen Attitüden wie ein kleines Mädchen beim überdrehten Doktorspiel agiert." Das habe "etwas Beschämendes, leicht Peinliches, wie es möglicherweise Wedekinds Lulu zu Zeiten ihrer Erschaffung, vor mehr als hundert Jahren, zu eigen war". Dabei hinterlasse Kathleen Morgeneyer "wieder den erschütternden Eindruck, als sei sie eben erst aus dem Ei geschlüpft: schutzlos, versehrt und bemutterungswürdig - wie ein unfertiges Tier". Hinzu komme "der hohe schmerzensreiche Ton der Schauspielerin, die sich greinend und jammernd entblößt, im nächsten Moment aber hart und herrisch wütet". Lulu sei hier eine "Borderline-Persönlichkeit, die keine Grenze zwischen ihrem Ich und den anderen kennt". Dabei füge sich Stephan Kimmigs "dokumentarische Zugriff" gut in seine "requisitenarme und unterkühlt nüchterne Inszenierung". Zweieinhalb Stunden nehme er sich Zeit, um die Stationen eines Mädchenlebens abzuschreiten: "Das macht er unterhaltsam und mit Gespür für die Pointen des Textes."

Kathleen Morgeneyer müsse bei Kimmigs als "schmale, nackte Person" die "gesamte Macht der Verführung schultern", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (29.3.2010). "Und dabei ganz naiv und natürlich sein. Das ist die schwerste Last: die der Unbeschwert- und Unbewusstheit." Und Morgeneyer werfe "sich tollkühn in die Lulu. Zehn Minuten braucht sie, dann hat sie den Raum erobert und sich gefunden. Und von Anfang an geht sie aufs Ganze." Sie sei "wie ein präpubertäres aber durchgesextes Kind, das seine bleiche Haut bewundert wie wenn sie wüsste, dass sie reine Projektionsfläche ist. Das ist kühn gedacht. Es gibt nur ein Problem: Erotisch ist es nicht." Und da keine Erotik da sei, müsse "hier alles gespielt werden. (...) Alles ist hier Behauptung, alles muss im Auge des Betrachters entstehen, nichts ist einfach so da. Das ist zwar wedekindisch im allerbesten Sinn, aber da liegt die Latte doch extrem hoch: Die Kunst der Verführung unter Verzicht auf Primär- und Sekundärreize!" Letztlich fehle Kimmigs Aufführung "eine sichtbare Idee. Und 'Lulu' ist ein Stück, das offenbar nicht ohne auskommt."

In der Frankfurter Allgemeinen (29.3.2010) lässt sich Gerhard Stadelmaier vernehmen: "Heute, wo wir, (...) in Sachen Lulu realiter höchst alarmiert wären, hat sie theatraliter im Schauspiel Frankfurt weder einen Ort noch Verhältnisse, noch Umstände, von einem Bewusstsein ganz zu schweigen. Das Theater sperrt sie und ihre Männer in eine der klinisch-weißen großen, völlig leeren Bühnenbildschachteln, die in den letzten Jahren zur Bühnenbildkonfektion geworden sind und zwischen deren Wänden auch in Martin Zehetgrubers eiskalter Ausstattungsvariante die Figuren dauernd wirken, als seien sie schnell vorgezeigte Demonstrationsobjekte, nur für Momente grell ausgeleuchtet, an die Rampe gekellnert, dann wieder abserviert." Das inszenatorische "Prinzip des anheizig-interesselosen Vorsichhinbrodelns", das Stadelmaier bei Stephan Kimmig ausmacht, zeitige "(bis zur Pause) verblüffende Heiterkeit und Komik. Man sieht nicht eine Monstretragödie, man durchlacht eine Monstrekomödie." Je länger das aber hingehe, "desto mechanischer, leerer und nervensägerischer wird die Monstrekomödie. Den Regisseur verlassen irgendwann völlig Hirn und Sinn."

"Worin aber besteht der Unterschied zwischen Wedekinds 'Lulu' aus den Jahren 1893/94 und der 'Lulu', die Stephan Kimmig nun am Schauspiel Frankfurt inszeniert hat?", fragt sich Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (29.3.2010). "Wedekinds Schauertragödie war revolutionär, Kimmigs Inszenierung ist Mainstream. Extrem sind in Frankfurt nur Sex und Gewalt". Skandalös sei das Stück "nicht nur wegen seiner Freizügigkeit, sondern wegen seines Amoralismus" gewesen. Stephan Kimmig dagegen zeige "Lulu demonstrativ in der Opferrolle, aber dieser Moralismus wirkt hier wie ein Deckmäntelchen für die gynäkologische Nacktheit und die Gewalt. Es ist, als wolle sich der Mann in der Kunst die Macht zurückholen, die er im Leben verloren hat. So fällt die Inszenierung hinter Wedekind zurück und ist genauso lüstern-verklemmt wie die Männer im Stück." Die "moralische Selbstzufriedenheit" aber, "mit der sich der Regisseur am herbeiinszenierten Grauen weidet", die sei "in der Tat ein bisschen skandalös".

Dass die "Lulu" in Frankfurt nicht in Körperfetischismus erstarre, dafür sorge "die herbe Grazie von Kathleen Morgeneyer: Spindeldürr, großnasig, blaugeädert und lebergefleckt, vollführt sie unaufhörlich Abstraktionssprünge, damit sie Lulu sein kann", schreibt Jan Küveler in der Welt (29.3.2010). "Vielleicht das Spannendste dieser Inszenierung: dies verzweifelte Schillern zwischen Lulu und Morgeneyer, das einen Raum aufmacht, den auch Gedanken ausloten können." In den stoße "am ehesten Constanze Becker als Gräfin von Geschwitz vor, die als Lesbierin wahrhaftiger zu lieben scheint als ihre männlichen Kollegen. Jedenfalls bescheren Beckers vom Menschsein ganz allgemein angeekelte Arroganz und Morgeneyers in die Enge getriebene Mordlust dem Stück eine wunderbar intime Szene und einen seiner rührendsten Momente."

Kathleen Morgeneiyer sei "von unschuldig-aufreizender Freizügigkeit, leicht und schwebend, scham- und gewissenlos – jenseits aller Moral, verführerisch – aber ohne Absicht, gierig – aber ohne Berechnung: ein wilder kindlicher Elementargeist, toll, frech, launisch, rücksichtslos und zärtlich, weich und grob", meint Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (29.3.2010). "Kathleen Morgeneyers Lulu ist keine verruchte Femme fatale der Lüste, weder eine hinreißende Schöne ohne Gnade noch ein erotisch erhabener Racheengel, sondern ein fast ungelenkes, zerrissenes, verstörtes Wesen, das sich zunehmend verhärtet. Morgeneyer erfüllt diese Figur mutig mit so viel irrlichterndem Leben, entdeckt an ihr noch selten oder nie bemerkte Abgründe und Oberflächen, dass sie sich eine eigene Lulu gleichsam neu und so wirkungsvoll wie einprägsam erfindet." Am Ende habe man "die Geschichte einer verlorenen Seele, eines Opferkinds" gesehen, "das nie ein Mordsweib war. Sie brennt sich ein, diese elende Lulu."

 

 

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