KleinerMannWasNun 280 NikSchoelzel u"Kleiner Mann, was nun?" in Augsburg
© Nik Schölzel
Augsburg, 4. Mai 2015

Hoffnung könnte helfen

Er ist vielleicht der herzzerreißendste Loser aller Zeiten, Hans Falladas von der Ökonomie verbeulter Angestellter Johannes Pinneberg, dessen Lieben und Leiden Fallada 1932 in seinem Roman Kleiner Mann – was nun? zum Krisenpanorama ausweitete. Anne Lenk hat den Stoff jetzt in Augsburg inszeniert. Zum absoluten Zuschauerglück von Willibald Spatz.

 Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt ist der vierte Teil von Sven Regeners "Herr Lehmann"-Reihe. Mona Kraushaar hat das Buch gemeinsam mit Anja del Caro für die Bühne adaptiert und im Altonaer Theater auch selbst Regie geführt. Falk Schreiber hat bei der Premiere zugeguckt.

2015 sind eröffnet. Zum Auftakt beschäftigte sich Martin Kušej mit dem französischen Bürgerschreckchen des vorletzten Jahrhunderts Eugène Labiche. Ich Ich Ich ruft das Bürgerabscheubild, Kušej hat inszeniert und Sascha Westphal schaute zu. 

Der Zusammenhang von revolutionären Umtrieben und Terror ist ein großes Thema der Regisseurin Friederike Heller. Zuletzt hatte sie in Dresden Dostojewskis "Dämonen" auf die Bühne gebracht. Nun lässt sie Georg Büchners Revolutions-Drama Dantons Tod folgen. Tobias Prüwer war bei der Premiere dabei.

Nurkan Erpulats Inszenierung des "Kirschgarten" war vor anderthalb Jahren eine der starken Setzungen, wie man am Maxim Gorki Theater mit Themen wie Heimat, Identität und Migration umgehen will. Nun lässt Erpulat wieder einen Tschechow folgen, Onkel Wanja. Wo der anschließt, weiß Leopold Lippert.

Völkerwanderung war eigentlich immer. Nicht bloß heute. Früher zogen Kelten und Römer, später Tagelöhner und Auswanderer nach Amerika durchs Land. In Freiburg haben das örtliche Theater, das Kollektiv Turbo Pascal und Element3 e.V. in einer großen Recherche einmal die wanderungsgeschichte eines Stadtteils erforscht. Freiburger Bürger stellen sie dar. Annette Hoffmann war dabei.

Edgar Hilsenraths Roman Der Nazi & der Friseur handelt von einem Nazi-Massenmörder, der nach dem Krieg die Identität seines früheren jüdischen Freundes annimmt, um seine Haut zu retten. Ein wichtiger Stoff, zumal in Zeiten von dreisten Neonazi- und "Pegida"-Aufmärschen. Wie Susanne Lietzow ihn in Magdeburg auf die Bühne brachte, weiß Ute Grundmann.

Die Bühnenadaption von Rainer Werner Fassbinders 40 Jahre alter SciFi-Schmonzette Welt am Draht hat Gernot Grünewald in Szene gesetzt am Theater Lübeck, Tim Schomacker hat bei der Prenmiere zugeschaut.

Vor acht Jahren spielte Alexander Khuon am Deutschen Theater den Marquis Posa, jetzt ist er Don Carlos. Ulrich Matthes gibt dazu den müdemächtigen Monarchen Philipp. In welche Atmosphäre Stephan Kimmig Schillers beziehungsdramatischen Politthriller taucht, sagt Hartmut Krug.

Am Thalia Theater waren sie bisher die Experten für wüste, aggressive, politische Abende in der Gaußstraße, Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper vom estnischen Theater NO99. Jetzt haben sie sich auf der großen Bühne Peter Handkes Wortlos-Stück Die Stunde da wir nichts voneinander wußten vorgenommen. Falk Schreiber hat dem Treiben beigewohnt.

Klingt nach Ernst Toller ("Hoppla, wir leben!") und ist ebenso auf großes Zeit-Panorama angelegt, stammt aber aus der Feder des niederländischen Starautors Arnon Grünberg: Hoppla, wir sterben! Mit dem Auftragswerk scheidet der regieführende Intendant Johan Simons von den Münchner Kammerspielen. Und Sabine Leucht wurde weh ums Herz.

Aus seiner Familiengeschichte im österreichischen Kärnten kreist Peter Handke in Immer noch Sturm hinaus in die große Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wie Menschenbeobachter Frank Abt mit dem Stück am Deutschen Theater Berlin umgeht, weiß Sophie Diesselhorst.

"Durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht" sei der Roman Imperium, stand 2012 im Spiegel. Christian Kracht läuft darin den Lebensweg des rechten Exzentrikers August Engelhardt nach, der um 1900 nach Deutsch-Neuguinea ging, um Kokosnüsse zu essen. Jetzt hat Jan Bosse den Stoff im Thalia Theater auf die Bühne gebracht. Mehr von Falk Schreiber.

  Theater am Puls der Zeit will Richard Nelson mit seiner Stück-Serie The Apple Family Plays machen, in der er eine amerikanische Familie anlässlich aktueller politischer Ereignisse um den Essenstisch versammelt. Beim F.I.N.D. der Schaubühne hat Leopold Lippert sich alle Folgen reingezogen.

Die Sorgen der Mittelschicht und die des Avantgarde-Künstlers sind womöglich gar nicht so verschieden: Das Fett da in der Ecke, das muss weg! Mit großem Jokus irgendwo zwischen Joseph Beuys und Yasmina Reza bringt Marius von Mayenburg seine neue Komödie Stück Plastik an der Schaubühne selbst heraus. Ob alle ihr Fett wegkriegten, weiß Simone Kaempf.

Joachim Lottmann ist an sich kein Freund des Regietheaters. Jetzt hat er seinen Roman Endlich Kokain selbst zur Regievertheaterung durch Pedro Martins Beja in Bremen freigegeben. Das Ergebnis betrachtete Jens Fischer.

"Shoot / Get Treasure / Repeat" heißt das Stück Mark Ravenhills über Krieg und Terrorismus, verfasst nach den Londonder U-Bahn-Anschlägen 2007. In Essen hat jetzt Hermann Schmidt-Rahmer fünf Szenen des Werks unter dem Titel Wir sind die Guten inszeniert – und mit viel aktuellem Material ergänzt. Vor Ort war Sarah Heppekausen.

La imaginación del futuro, ihre "Vorstellung von der Zukunft" präsentiert die chilenische Gruppe Teatro La Re-sentida beim F.I.N.D.-Festival in der Schaubühne. Ein Anrennen gegen den Mythos Salvador Allende. Mehr von Leopold Lippert.

Unsere europäische Wohlstandswelt aus der Außenseiter-Perspektive u.a. von zwei Bootsflüchtlingen schildert Dea Loher in ihrem Stück Unschuld von 2003. Ob Esther Hattenbachs Regie aktuelle Bezüge herstellt, sagt Elisabeth Maier.

Von der Charité ans Deutsche Theater: Der Mediziner Heinar Kipphardt arbeitete in der Psychiatrie, bevor er 1950 als Dramaturg und Autor ans Theater wechselte. Sein Stück März, ein Künstlerleben spielt in der Psychiatrie und ist jetzt in Düsseldorf inszeniert worden – von Alexander Müller-Elmau. Martin Krumbholz berichtet.

Karikaturhafte Passanten einer Großstadt sind die Protagonisten in Produktionen von Nico and the Navigators. Stets rennen sie erfolglos dem Glück und der Liebe hinterher – diesmal, in Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten, werden ihnen Mobiltelefone zum Verhängnis. Tim Schomacker reicht das nicht.

Mit der deutsche Erstaufführung eines finnischen Stückes wurde der Heidelberger Stückemarkt eröffnet. These little town blues are melting away von Pipsa Lonka erhielt im Vorjahr einen Preis, die Finnin Cilla Back hat das Stück nun inszeniert. Ralf-Carl Langhals war vor Ort.

Vor 130 Jahren fand in Berlin unter Bismarck die Kongo-Konferenz statt, 1902 erschien Joseph Conrads Herz der Finsternis. Jan-Christoph Gockel nimmt die Erzählung am Theater Bonn als Sprungbrett für einen bitterkomischen Ritt quer durch die europäisch-afrikanische Kolonialgeschichte. Eine Posse, die uns mitten ins finstere Herz trifft, findet Sascha Westphal.

Das Ernst Deutsch Theater in Hamburg ist das größte Privattheater der Republik. Dort hat Torsten Fischer jetzt Goethe, Euripides, Aischylos und Hofmannsthal zu einem Iphigenie-Abend vermengt, der in den Augen Falk Schreibers ein echtes Wagnis darstellt.

Das Ewig-Wilsonliche – hier wird's Ereignis! Nach Stücken wie "Leonce und Lena" und "Lulu" hat Robert Wilson am Berliner Ensemble nun den Klassiker aller deutschen Klassiker musicalisiert, Goethes Faust I und II. Die Live-Musik dazu hat ihm Herbert Grönemeyer komponiert. Ob sich ein Bilder- und Klangrausch einstellt oder alles Stückwerk bleibt, weiß Matthias Weigel.

Was ist das digitale Netz? Ein tiefer Wald, in dem man wie die Jugendlichen des "Blair Witch Projekt" verloren geht? So sehen es zumindest Thomas Freyer und Ulrike Hatzer mit This is for everyone, wie Alexander Kohlmann berichtet.

Was wäre, wenn Dave Gahan, Sänger der Band Depeche Mode, sich über sein Leben auslassen würde? Daniel Mezger hat es sich in seinem Monolog Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam vorgestellt, Marie Bues es am Schlachthaus Bern inszeniert. Geneva Moser war zugegen.

Beim Festival radikal jung am Münchner Volkstheater (hier zur Festivalübersicht) gibt es nicht nur Regienachwuchs aus deutschen Landen zu sehen, sondern auch aus der Ukraine. Und der rockt: Sashko Bramas R + J verlegt Shakespeares "Romeo und Julia" auf den Maidan, und dazu gibt's viel Heavy Metal. In den Ohren dröhnen ließ es sich Willibald Spatz.

Bis gestern liefen die Basler Dokumentartage 15 unter dem Titel It's the real thing. Hier geht's zur Festivalübersicht.

Rausch, Baby, Rausch! Von Huren, abgefuckten Bullen und Moorleichen, von Sexbusiness und Zärtlichkeitsutopien erzählt Clemens Meyers Unterwelt-Roman Im Stein. Regisseur Sebastian Hartmann hat ihn in Stuttgart auf die Bühne gewuchtet, wie einen ausufernden Videoclip. Das Theater jenseits der freiwilligen Selbstkontrolle betrat Steffen Becker.

Als Lenglumé eines Morgens erwacht, glaubt er, im Vollrausch eine Kohlenschlepperin ermordet zu haben. Groteske Vertuschungsversuche sind die Folge in Labiches Die Affäre Rue de Lourcine, die Barbara Frey am Burgtheater mit Nicholas Ofczarek und Michael Maertens zeigt. Mehr von Theresa Luise Gindlstrasser.

Vom Gold bis hinab zum Wetzsteinstein hat sich der Grimmsche Hans im Glück arm, aber selig getauscht. Der moderne Hans bei Reto Finger tauscht sich vom Traffic-Frühwarnsystem in die heimische Einsiedelei. Ob auch er sein Glück findet, weiß Andreas Wilink.

Wie über traumatische Erfahrungen erzählen, ohne sie für die Kunst zu missbrauchen? Einer der Flüchtlinge, die jüngst in Berlin Kirchenasyl fanden, kommt anfangs selbst auf die Bühne in Nicole Oders Inszenierung Ultima Ratio. Dann verfremdet sich die Erzählung zur Graphic Novel, mit sehr schönen Pointen, so Leopold Lippert.

Es ist ein Lieblingsstück der Deutschlehrer: Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch. Entstauben bitte! lautete der Auftrag an die junge Regisseurin Lucia Bihler, dem sie mit einem radikalen Experiment nachkam, berichtet Jan Fischer.

Immer im Frühling lädt das Hessische Landestheater zum "Theater der Finsternis" ein. Also kein Bild, nur Ton präsentierte das Liquid Pinguin Ensemble unter der Überschrift Sturz ins Ohr. Übungsstunde in Lichtdeprivation. Marcus Hladek machte mit.

Für gewöhnlich bietet der kanadische Choreograf Dave St-Pierre gerne nackte Körper auf. Diesmal erscheinen Geister, Tische und Schleppen. Aber was heißt hier "erscheinen"? Meistens ist es im Frankfurter Macbeth, dem finsteren Stück angemessen, sehr dunkel. Grete Götze berichtet.

In der Berliner Schaubühne begann am Abend F.I.N.D., das Festival für Internationale Neue Dramatik. Im Foyer wurde für Flüchtlingsprojekte gesammelt, im Saal gastierte Milo Raus Civil Wars. Wir haben das Recherche- und Erzählprojekt, das mit den Lebensläufen belgischer Salafisten begann und bei den Biographien der vier Schauspieler ankam, anlässlich seiner Ursprechung im vergangenen August beschrieben.

Ein wilder Trip durch die triste Konsumwelt in Minsk, Weißrussland, durch einen Alltag voller Ressentiments. Auf der letzten Wiesbadener Biennale "Neue Stücke aus Europa" sorgte Pavel Prjaschkos flächiger Erzähltext Drei Tage in der Hölle für Furore. Dem erzählerischen Sog in Elina Finkels deutschsprachiger Erstaufführung gab sich Andreas Schnell hin.

Dionysos, der Gott des Rausches, des Weines, der Ekstase – und in Die Bakchen (Pussy Riot) vor allem ein alter Ruhestörer. Zu John von Düffels neuer Bearbeitung des Dramas gesellt sich in Ulm die Ballettcompagnie. Willibald Spatz ist begeistert.

Narkotika, Selbstmordversuch, Polizeigewahrsam, Narkotika…  James Leadbitter alias The Vacuum Cleaner breitet in Mental bei den Basler Dokumentartagen (s)eine krasse Krankengeschichte aus. Claude Bühler betrat den Heimaltar der Depressionen.

Zwölf Jahre nach der Uraufführung ist Unschuld von Dea Loher fast ein Klassiker geworden – mit einer kleinen Skandalgeschichte (Blackfacing, Aufführungsverbot). Wie in Erlangen Intendantin Katja Ott an das Stück herangeht, weiß Dieter Stoll.

In der Kaserne Basel sind die von Boris Nikitin kuratierten Basler Dokumentartage 15 in der Kaserne Basel gestartet, die sieben Tanz- und Theaterproduktionen präsentiert. Dort ist unter anderem Rabih Mroués autobiographischer Dokuabend Riding on a cloud zu sehen. Kai Krösche sah die erfrischend unspektakuläre Inszenierung, mit der der libanesische Regisseur die Geschichte seines Bruders erzählt, vor einem Jahr bei den Wiener Festwochen. Hier geht's zur Festivalübersicht.

"Was wollen Sie noch machen, bevor Sie sterben?" Autor Philipp Löhle hat diese wohlbekannte Frage dramatisch durchgespielt, indem er für einen Tag die Welt untergehen lässt. Jan Philipp Gloger hat das Stück Kollaps, dessen Titel ein Buch des Pulitzerpreisträgers Jared Diamond zitiert, nun uraufgeführt. Shirin Sojitrawalla überlebte die Apokalypse.

Das Duo Kassettenkind verlegt Missouri an den Rhein, und Mark Twains berühmteste Figuren gleich dazu: Tom Sawyer und Huckleberry Finn werden in F:inn die Helden eines begehbaren Hörspiels. Mit Stöpseln im Ohr durchstreifte Thomas Rothschild die Konzilstadt.

Wie ich Johnny Depps Alien-Braut abschleppte ist eine Geschichte über Frauen-Aliens, die Samenspender entführen – wenn sie denn genetisch passen. Gefühle? Stehen eigentlich nur im Wege. Lars-Ole Walburg hat Gary Ghislains Roman adaptiert, Alexander Kohlmann war vor Ort.

Die zwei Schwestern im Stück Die Zofen spielen ein morbides Spiel um Macht und Tod – bis daraus plötzlich Ernst wird. Sie seien "Ungeheuer – wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen", so der Autor Jean Genet. Am Zürcher Schauspielhaus hat Bastian Kraft die verschiedenen Spiel-Ebenen schwarz-weiß gemalt. Valeria Heintges ist angetan.

Mit Hendrik Höfgen ist natürlich Gustaf Gründgens gemeint, im Roman Mephisto von Klaus Mann. Am Neuen Theater Halle bringt Henriette Hörnigk die Erzählung über den umstrittenen Theatermacher jetzt auf den Catwalk. Sehr zur Freude von Michael Laages.

In Dante Alighieris Göttlicher Komödie steigt der Erzähler durch Hölle und Fegefeuer in den Himmel. Den Heerscharen von Illustratoren und Komponisten in den 500 Jahren danach hatte es vor allem die Unterwelt angetan. So auch Sebastian Baumgarten am Schauspiel Köln. Ob's auch höllisch gut war, weiß Dorothea Marcus.

Er ist der Meister des theatralen Reenactments. Jetzt setzt Milo Rau am Residenztheater seine Europa-Trilogie mit The Dark Ages fort und spannt dabei biographische Erzählungen vom Weltkriegsende mit Balkankriegserfahrungen zusammen. Wie die Suche des Politischen im Privaten verlief, sagt Sabine Leucht.

Das in NRW ansässige kainkollektiv befragt mit Aus aktuellem Anlass auch den eigenen Namensgeber. Unter einem mythologischen Motivbogen, der vom Brudermörder Kain bis zu Dantes "Göttlicher Komödie" reicht, gehen zwölf Performer*innen am Forum Freies Theater auf die Suche nach dem Paradies. Sascha Westphal ist mitgezogen.

Eigentlich reist Ka in Orhan Pamuks Roman Schnee von Frankfurt ins türkische Kars, wo das Militär putscht. Bei Hakan Savaş Mican am Gorki Theater liegt Kars als Karsberg in Deutschland und wird vom Islamismus heimgesucht. Ein Kommentar zu Pegida und IS? André Mumot berichtet.

Viele Buchseiten, viele Erzählstränge, viele Figuren: Leo Tolstois Krieg und Frieden. Was macht man daraus? Am Würzburger Stadttheater verspricht Malte Kreutzfeldt viel; was er davon auch einlöst, weiß Elisabeth Michelbach.

Wenn die Zutaten für ein gelungens Leben in einem Kochbuch stünden: was müsste man miteinander verquirrlen, dass eine geglückte Biografie daraus wird? Der Dramatiker Fritz Kater tritt ja gelegentlich als intimer Kenner solch existenzieller Rezepturen in Erscheinung, sein Alter Ego Armin Petras auch. Folgerichtig hat Petras an den Münchner Kammerspielen die Uraufführung von Buch (5 Ingredientes de la Vida) inszeniert. Cornelia Fiedler berichtet.

Ödön von Horvàths Zeitdiagnose vom Menschen im Würgegriff der Ökonomie ist noch immer aktuell: Seine Figuren können Menschen aber auch Monster sein. Am Hans Otto Theater hat Alexander Nerlich das düstere Stück Geschichten aus dem Wiener Wald inszeniert. Zur Freude von Hartmut Krug.

Die Mutter ist tot. Zur Abrechnung treffen Vater und Sohn aufeinander: vor dem Hintergrund einer langsam die Sicht vermindernden väterlichen Demenz. Der frühe Hase fängt die Axt hat Bestsellerautor Jörn Klare sein Stück überschrieben. Das Kathleen Draeger uraufgeführt hat. Mehr von Dieter Stoll.

Wajdi Mouawad verbindet in seinen Stücken griechische Tragödie mit heutigen Kriegserfahrungen. So war es bereits in seinem Erstlingswerk Hochzeit bei den Cromagnons, das Gustav Rueb nun inszeniert hat. Fundstück oder Ausgrabung? Mehr von Petr Manteuffel.

Sie wurden schon beim Körber Studio Junge Regie und beim niedersächsischen Best-Off-Festival ausgezeichnet: die Performer des Hildesheimer Regiekollektivs vorschlag:hammer. Jetzt haben sie sich Goethes "Werther" vorgenommen – und rücken ihn für Die Leiden der jungen Wörter in die Nähe der Depri-Artisten des Pop. Mehr von Esther Slevogt.

Was hat das Theater mit schunkeliger Volksmusik zu schaffen? Und was das fröhliche Gestampfe mit Mantra und Ritual? Der Choreograph Simon Mayer zerlegt den Volkstanz für Sons of Sissy in seine Einzelteile und macht daraus im Wiener Brut einen spannenden und schweißtreibenden Abend. Kai Krösche hat sich schwindelig gesehen.

Des Teufels General von Carl Zuckmayer war ein Riesenerfolg der Nachkriegszeit, den man heute auch auf einer Linie mit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ oder Ernst Lubitsch sehen könnte. So jedenfalls packt die Regisseurin Sapir Heller am Theater in Hof die Lächerlichkeit des Bösen im Zuckmayer-Stoff an. Zum großen Gefallen von Christian Muggenthaler.

Leo Tolstois Stück Die Macht der Finsternis durfte erst 16 Jahre nach seinem Entstehen gespielt werden. Bei den Zensurgerüchten im heutigen Russland steht zu befürchten, dass der Stoff bald wieder verboten wird: Schließlich wird eine schlechte, gottlose, völlig verrohte Welt gezeichnet. Am Burgtheater Wien treibt Antú Romero Nunes diese Schlechtheit auf die Spitze, weiß Kai Krösche.

Zwei Schauspieler, aneinandergeschweißt, die gleichen Bewegungen ausführend: Sie spielen das Affe-Mensch-Wesen in der ersten Hälfte des Kafka-Doppelabends Ein Bericht für eine Akademie / In der Strafkolonie. Anja Baumgart-Pietsch berichtet.

Die wütendsten Religionskritiker sind wahrscheinlich die letzten Gläubigen. Sie nehmen die Religion nämlich noch ernst. Und provozieren mit der Wucht ihrer Wut stets den Hass der Fundamentalisten. Der Regisseur und Dramatiker Rodrigo García ist so ein Wütender. Sein Stück Picknick auf Golgatha brachte ihm u.a. Blasphemievorwürfe ein. Claudia Bossard hat kurz vor Ostern die deutschsprachige Erstaufführung inszeniert. Valeria Heintges berichtet.

Eine zeitlose expressionistische Kapitalismus-Satire, umrankt von Aufführungsskandalen – das ist Carl Sternheims Die Kassette, uraufgeführt 1911. In Heidelberg hat Milan Peschel (der seit einigen Tagen übrigens auch als "Der Nanny" durchs Kino geistert) Sternheims alte Komödie nun samt theaterhistorischem Hintergrund neu ausgeleuchtet. Ralf-Carl Langhals war vor Ort.

Die Besetzung einer Wiener Kirche durch pakistanische Geflüchtete war ein Anlass für Elfriede Jelinek zu ihrem Stück Die Schutzbefohlenen, das gerade zum Bühnen-Hit avanciert und in seiner Uraufführungsinszenierung von Nicolas Stemann bei keinem wichtigen Festival fehlt. In Wien selbst erklimmt es erst jetzt die Bühne (der Burg). Regie führt Michael Thalheimer, und es wird dunkel. Mehr von Theresa Luise Gindlstrasser.

Luk Perceval hat in jüngerer Zeit mit Fallada-Romanadaptionen gepunktet. Jetzt greift er nach einem weiteren Jahrhundertbuch: Die Blechtrommel von Günter Grass. Mit Samthandschuhen, wie Falk Schreiber aus dem Thalia Theater berichtet.

Camino Real brachte Tennessee Williams 1953 die schlechtesten Kritiken seines Lebens ein. Sebastian Nübling hat das düstere Drama nun bildstark für die Münchner Kammerspiele dem Vergessen entrissen. Cornelia Fiedler berichtet.

Was können wir tun, um unserem europäischen Überfluss-Überdruss zu entkommen? Wir können es machen wie die Argonauten, schlägt Simon Solberg vor und macht am Schauspiel Köln die Probe aufs Exempel. Sascha Westphal ist kritisch überwältigt.

Am Deutschen Theater meißelt sich Christopher Rüping handgroße Stücke aus der Liebesgeschichte von Romeo und Julia und baut sie zu einem eigenen Bühnen-Mosaik zusammen. Ob seine Kärrnerarbeit lohnte, weiß Eva Biringer.

Wie ticken eigentlich Leute, die sich berufsmäßig mit dem Krieg befassen? Clemens Bechtel läßt in seinem Dokumentartheaterstück für die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Soldaten über ihren Berufsstand sprechen. Michael Bartsch war dabei.

Um die Nibelungentreue zu prüfen und nötigenfalls dekonstruieren, reicht es nicht, die verschiedenen Versionen des Stoffs neu zu inszenieren – befand Volkstheater-München-Intendant Christian Stückl und beauftragte ein neues Stück über Siegfried & Co. bei Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Geschwollener Satzbau und Fäkal-Ausdrücke gehen Hand in Hand, und Regisseur Stückl zieht die Hysterieschraube an, berichtet Tim Slagman.

Formschöne Inszenierungen hievt Ulrich Rasche immer wieder auf die Bühne. Und in Dantons Tod am Schauspiel Frankfurt dazu ein großes Räderwerk, auf dem Georg Büchners Revolutionäre schreiten. Mehr über Körper und Denken in Bewegung von Esther Boldt.

"Schutzbefohlene" sind Menschen, die der Fürsorge anderer unterstehen. Elfriede Jelinek stellt in ihrem Flüchtlings-Stück Die Schutzbefohlenen auch die Frage, ob die Fürsorge so weit geht, dass man im Namen der Schutzbefohlenen sprechen darf. Darf man nicht, sagt Regisseur Peter Carp. Friederike Felbeck berichtet.

Künstler begleiten Menschen für ein paar Wochen, sammeln ihre Positionen, Haltungen. So hat werkgruppe2 mit dem Staatstheater Braunschweig einen Abend über Migranten erarbeitet: Fliehen & Forschen. Was sich darin findet, weiß Alexander Kohlmann.

Der live auf der Bühne erzeugte Film ist ein eigenes Genre für sich. Manch einer versucht die Illusion dabei zu perfektionieren, andere wiederum legen lieber die Rahmenbedingungen frei. So auch Klaus Gehre bei seinem Film-Reenactment von Der Blade Runner, wie Stefan Schmidt zu berichten weiß.

Die Verhältnisse in der Weimarer Republik wollten Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever in ihrem Stück Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas historisch spiegeln – Regisseur Oliver Vorwerk hat es ausgegraben, und was es im Theater Konstanz über heutige oder sonstige Verhältnisse erzählt, weiß Thomas Rothschild.

Heiner Müller gibt Goethes Stück das Qualitätssiegel, und dann kann es so richtig losgehen mit dem Seelendrama der Iphigenie auf Tauris, die bei Joachim Schloemer im Theater Neumarkt zunächst in einem White Cube sitzt, wo nichts sie von ihren Qualen ablenkt. Außerdem gibt es griechischen Salat und eine Elektropop-Band, die optimistische und eingängige Messages verbreitet. Alles weitere von Christoph Fellmann.

Wie steht es eigentlich um die Emanzipation in Tschechows Drei Schwestern? Ist es doch allein der Bruder, der die Sehnsucht "nach Moskau!" zur handfesten Reise ausbauen könnte. Tina Lanik versetzt dieses Drama der Verantwortungsdelegation am Münchner Residenztheater in einen Wald voll heimatloser Bäume. Wie die drei Damen sich darin ausnehmen, weiß Sabine Leucht.

Das Nö Theater um Regisseur Janosch Roloff ist eine der interessantesten und innovativsten Gruppen der freien Szene in Köln. Ihre Spezialität sind politisch scharfe und aufwändig recherchierte Arbeiten. Wie sie Gorkis Familienunternehmensstück Wassa Schelesnowa anpackt, beschreibt Dorothea Marcus.

Ein Oktoberfest der markerschütternd traurigen Sorte: Kasimir hat seinen Job verloren und schaut in den Himmel auf einen Zeppelin. Karoline sagt "Vielleicht sind wir zu schwer füreinander" und bändelt mit anderen Männern an. Für Barbara Weber am Schauspielhaus Zürich steckt in Ödön von Horváths Sittenbild der niedergehenden Kleinbürger Kasimir und Karoline ein Endzeitspiel voller Symbole und Mysterien. Mehr von Claude Bühler.

Schillers Maria Stuart kann das Drama der Titelheldin sein, mitunter aber auch das Großaufspiel ihrer Widersacherin Elisabeth von England. Wer in Plauen in der Regie von Intendant Roland May triumphiert, steht für Tobias Prüwer fest.

So enden denkwürdige Unternehmungen – mit einem Knall, nicht mit Wimmern. Letzthin hat sich André Bücker noch mit der "Beggar's Opera" in Dessau wuchtig gegen die Landespolitik Sachsen-Anhalts gestemmt, jetzt muss er seinen Intendantenposten räumen und nimmt mit Goethes Götz von Berlichingen Abschied, einen eisernen, versteht sich. Die Geschichte des unbeugsamen Ritters oder Rockers verfolgte Wolfgang Behrens.

Und immer dieses ewige "Nach Moskau! Nach Moskau!", nichts ändert sich, alles wird nur schlimmer: Drei Schwestern von Anton Tschechow. Geht es auch anders? Ja. Anna Bergmann hat für eine Belebung der Leblosigkeit alleine vier Übersetzer*innen bemüht. Georg Patzer sah die Premiere.

Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper lässt Alvis Hermanis am Schauspielhaus Zürich in einem Altenheim nachhören und nachtanzen. Christoph Fellmann stimmt ein in Ach, Weh und Oh.

Eine Kirche mit Kühlschrank und Kamin – und Streckbank. Viel Coca Cola, Frauenbrüste, Live-Video und der Segen von Antonin Artaud: "Es geht darum, die Unterwerfung des Theaters unter den Text zu beenden!" Richtig, Regiegroßmeister Frank Castorf ist wieder da, heuer am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, und zelebriert mit Pastor Ephraim Magnus von Hans Henny Jahnn eine Sitcom des Grauens. Mehr von Falk Schreiber.

Ein hölzerner Weltentunnel mit wenig Licht am Ende: Hier haust ein vielköpfiges Mensch-Getüm und treibt zwei Mordskarrieristen hinab in den Schlund: Macbeth und seine Lady, also Ulrich Matthes und Maren Eggert. Ob es in Tilmann Köhlers Shakespeares-Inszenierung am Deutschen Theater auch sonst soghaft wurde, weiß Nikolaus Merck.

Eine Nachtasyl-Szenario mit Gestrandeten und Lebensunfähigen. Doch wir sind nicht bei Maxim Gorki sondern in Anton Tschechows frühem Drama Auf der großen Straße, das im Theater an der Ruhr jetzt Jo Fabian inszenierte. Mehr von Martin Krumbholz.

In Dresden begann die schöne Erfolgsserie von Wolfgang Herrndorfs "Tschick", zwischenzeitlich das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Nun inszeniert Jan Gehler Herrndorfs (daran anknüpfendes) nachgelassenes Romanfragment Bilder deiner großen Liebe. Mehr von Michael Bartsch.

Am Galgen baumeln ein Riesenaffe und Georg Büchners berühmter Loser Woyzeck. Am Schauspielhaus hat Oliver Frljić die Geschichte von ihrem Ende her aufgerollt. Was sonst noch geschah, sagt Reinhard Kriechbaum.

Es klafft eine Lücke in unserer Erinnerungskultur. Um sie zu schließen, hat der Berliner Künstler und Performer Tucké Royale auf Kampnagel in Hamburg jetzt einen Zentralrat der Asozialen gegründet und gemahnt damit 70 Jahre nach 1945 an die Diskriminierung marginalisierter Gruppen wie Obdachloser, Prostituierter und Suchtkranker unter den Nationalsozialisten – aber auch heute. Ist das nun Kunst oder Politik?, fragt sich Falk Schreiber.

In Jonathan Safran Foers Erfolgsroman Alles ist erleuchtet begibt sich ein Nachgeborener auf die Suche nach den Spuren des Großvaters, eines Holocaust-Überlebenden. Ein Film mit Elijah Wood ist daraus bereits geworden, nun ist der Roman auch – nach Adaptionen in Heidelberg und Weimar – auf dem Theater zu erleben. Für die Inszenierung zeichnet diesmal Mina Salehpour verantwortlich, für die Nachtkritik Michael Laages.

Vierzig Jahre danach, aber zu spät ist es nie, greift Claus Peymann sich einen Klassiker von Thomas Bernhard, dessen Uraufführung er 1974 verpasste: Die Macht der Gewohnheit. Er bietet satten Bühnenrealismus auf, vor allem aber: den großen Mimen Jürgen Holtz in der Rolle des Zirkusdirektors Caribaldi. Und weiter? Nachtkritiker Wolfgang Behrens kauft sich eine Rose und geht mit Claus Peymann ins Berliner Ensemble ..., nein geht vor Jürgen Holtz auf die Knie.

Und Pippa tanzt! – und sämtliche Typen sind hin und weg. Am Schauspiel Köln hat Moritz Sostmann das "Glashüttenmärchen" von Gerhart Hauptmann ausgegraben, beziehungsweise verpuppt. Mehr von Martin Krumbholz.

2011 kam Anna Jablonskaja bei dem Terroranschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedovo ums Leben – ihre Stücke leben weiter auf internationalen Bühnen, zum Beispiel die hintersinnigen Familienszenen, auf die Drehbühne gesetzt von Sarantos Zervoulakos. Reinhard Kriechbaum berichtet.

Die freie Gruppe geheimagentur hat im Rahmen der "Doppelpass"-Förderung die Stadt Oberhausen und ihr Theater aufgemischt und einen Traum von neuen schlagkräftigen Kollektiven injiziert. So auch im finalen Projekt: dem Sozial-Musical Sweat Shop. Sascha Westphal ließ die Hüften kreisen.

Kunstnebel und schwarze Schatten. Das Lärmen rotierendender Ventilatorenblätter. Zwei Performer, die kaum Text, aber ansonsten einiges zu bewältigen haben. Alexander Giesche hat in seinem Theaterabend World of Reason die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung untersucht. Tim Schomacker sah das Ergebnis.

An der Berliner Volksbühne trifft Hamburger Schule auf Gießener Diskurstheater: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow hat Musik komponiert und Liedtexte verfasst, Regisseur René Pollesch ein Stück über die verstörende Wiederkehr der Altgeliebten geschrieben. Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte ist pures Theaterglück für Christian Rakow.

Verwegene Abenteurer finden sich sowohl in Nestroys "Lumpacivagabundus" als auch im Coen-Brüder-Klassiker "The Big Lebowski". Warum nicht die beiden Stoffe zu The.Big.Lumpazi vermischen, hat sich das bernhard.ensemble gedacht. Warum? fragt Theresa Luise Gindlstrasser.

Im Rahmen des Duisburger Kulturfestivals "Akzente" wurde ein selten gespieltes Werk Harold Pinters ausgegraben: Der Hausmeister. Philipp Kugler hat es mit viel Klebeband inszeniert, weiß Dorothea Marcus zu berichten.

Wie verhalten sich eigentlich Heiner Müllers Revolutionäre, die für eine gerechte Gesellschaft ungerechte Morde begehen, zu den diversen politischen Killern der Gegenwart? Lässt sich diese Verbindung überhaupt herstellen? Die Regisseurin Andrea Imler hat am Schauspiel Köln zwei Müller-Klassiker zu dem Doppelabend Herzstück / Mauser zusammengefasst, Friederike Felbeck war bei der Premiere.

Was für eine darstellerische Verheißung: Sophie Rois gibt an der Volksbühne Die Bismarck!, die Österreicherin den Urpreußen. Und das auch noch am Internationalen Frauentag. Ob die Verheißung erfüllt ward, untersucht André Mumot.

Vor 100 Jahren verschanzte sich eine kleine Gruppe Armenier auf dem Berg Musa Dagh. Nur so entgingen sie dem Völkermord. Gerettet wurden sie von den Franzosen, während die Deutschen eine ziemlich unrühmliche Rolle spielten. Im Gorki-Theater erzählt jetzt Hans-Werner Kroesinger die historischen Details von Musa Dagh: Tage des Widerstands frei nach Franz Werfels Roman. Christian Rakow ist beeindruckt.

Zur schönen Aussicht ist die härteste von Ödön von Horváths Komödien: Am Landestheater haben Reinar Ortmann und Bettina Jahnke das boulevardeske Herz des starken Dramas freigelegt. Mehr von Friederike Felbeck.

Clavigo, das war doch bei Johann Wolfgang Goethe dieser Möchtegern-Karriere-Junkie, der seine Beziehung schwänzt, um es beim Sultan zu etwas zu bringen. Sultan? Regisseur Hakan Savaş Mican hat das bürgerliche Trauerspiel in die Gegenwart von Nahost transportiert. Ob's funktioniert, weiß Anja Baumgart-Pietsch.

Ja, das Internet. Der schwedische Dramatiker Lucas Svensson hat mit Information wants to be free die ganz großen Netzthemen angesteuert: Privacy, Transparenz, Demokratie. Marcus Lobbes inszenierte es am Deutschen Theater. Jan Fischer berichtet.

Der italienische Großbildregisseur Romeo Castellucci hat sich an der Berliner Schaubühne wieder einmal den Großbilddichter Hölderlin vorgenommen, mit lauter Großschauspielerinnen: Ursina Lardi, Angela Winkler, Jule Böwe. Klar, Ödipus der Tyrann ist hier eine Frau – eine, die von der Toga ins Nonnengewand wechselt. Simone Kaempf besichtigte das Kloster und sagt, wie es dort zuging.

Zehn Tage lang blickt das HAU mit dem Festival Return to Sender nach Afrika. Die symbolische Rücksendung, die der Titel verheißt, enthält dabei: den Kolonialismus. Wie aber vermeiden die Kuratoren in ihrer Auswahl den eurozentrischen, den immer noch kolonialistischen Blick? Vom Auftakt des Festivals berichtet Elena Philipp.

Wird der israelisch-palästinensische Konflikt jemals gelöst werden? Der 1999 verstorbene israelische Dramatiker Hanoch Levin dreht in seinem Stück Mord gnadenlos an der Gewaltspirale, Wojtek Klemm hat es jetzt am Schauspiel Stuttgart zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. Einen durchchoreographierten Abend sah Verena Großkreutz.

Derweil Uwe Tellkamp schon längst am zweiten Teil seines DDR-Epos Der Turm werkelt, boomt der erste Teil auf deutschen Bühnen. Nun ist er, in der Regie von Peter Dehler, auch in Schwerin angekommen. Auf Zeitreise in die 80er begab sich Frank Schlößer.

Die letzte Pemiere der Intendanz Andreas Beck am Schauspielhaus Wien ist ein Singspiel. Und was für eins. Anne Habermehl hat den gesellschaftskritischen Roman Das Gemeindekind der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach aus den 1880er Jahren in die postsozialistische Jetztzeit geholt. Gerald Resch hat dazu eine Musik komponiert, Rudolf Frey inszenierte und Martin Pesl schaute zu.

Paarungswillige und konsumterrorisierte Großstädter um die dreißig sind ein beliebter Stoff. Auch Iwan Wyrypajews neues Stück Unerträglich lange Umarmung, von Andrea Moses am Deutschen Theater uraufgeführt, lebt von ihrer existenziellen Leere. Lebt? Matthias Weigel berichtet.

Einen "Identitäts- und Heimatmonolog" hat Elfriede Jelinek ihr 1988 uraufgeführtes und später von Jossi Wieler zu Theatertreffen-Ehren gebrachtes Stück Wolken.Heim genannt. Bernd Freytag, einst Chorführer beim gleichfalls Jelinek-affinen Einar Schleef, und Mark Polscher haben das Stück wieder hervorgekramt. Und, siehe da!, als Kommentar zu aktuellen Befindlichkeiten taugt es noch immer – oder jetzt erst recht. Findet Friederike Felbeck.

Wie zynisch ist der Theaterbetrieb? Roland Schimmelpfennigs Stück Das Reich der Tiere handelt von einer Gruppe Schauspieler, die Problemen und Sorgen ausgesetzt ist, die am Theater sehr real sind. Eine Gelegenheit, um mal etwas anders zu machen? Nein – wie Schimmelpfennig das Stück als Regisseur selbst auf die Bühne bringt, bringt Kritiker Kai Krösche dazu, einen Brandbrief zu schreiben.

Der 75-jährige Brite Alan Ayckbourn hat über 70 Theaterstücke geschrieben, meist Komödien. Eine selten gespielte namens Ab jetzt wurde von der Intendantin des Schauspielhauses Karin Beier auf die Bühne geholt. Die Notwendigkeit des Vorhabens befragt Falk Schreiber.

Selbst mit elf Figuren und fünf Stunden Spieldauer ist Dostojewskis Roman Der Idiot immer noch stark gekürzt. Martin Laberenz hat am Staatstheater nicht nur Regie geführt, sondern auch die kolportageartige Fassung besorgt. Verena Großkreutz ließ sich umnebeln.

Wie notwendig ist ein 1953 verfasstes Stück über eine Hexenjagd im 17. Jahrhundert? Daniela Löffners Inszenierung von Arthur Millers Kommentar zur Kommunistenjagd in den USA beantwortet diese Frage zu ungenau, findet Martin Krumbholz.

In einer vom Pflanzen überwucherten Megacity in ferner Zukunft spielt Ulrike Syhas' neues Stück Report. Das Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig hat Michael Talke inszeniert. Hartmut Krug berichtet.

Noch hat das Volkstheater vier Sparten: Oper, Schauspiel, Ballet und Orchester. Johanna Schall, die jetzt die Brecht-Weil-Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny inszenierte, konnte also noch aus dem Vollen schöpfen. Frank Schlößer sah zu.

Muss Hamlet immer die Hauptperson sein in dem nach ihm benannten Stück? Oder kann die Hauptrolle auch jemand anders übernehmen, zum Beispiel Heiner Müller? Am Theater Oberhausen macht Pedro Martins Beja die Probe aufs Exempel und färbt den Hintergrund schwarz. Der Totenschädel ist auch größer als sonst. Weitere Details und wie es war – von Andreas Wilink.

Mit einem Schiffbruch beginnt Shakespeares Was ihr wollt. Was aber, wenn die Überlebenden gar nicht auftauchen? Wasservideos und –projektionen jedenfalls nutzt Stefan Pucher reichlich in seiner Inszenierung am DT Berlin, dazu queere Kostüme, ein fliegendes U-Boot und ein Knallchargentrio. Mehr von Christian Rakow.

Wie glücklich macht Der extravagante Liebhaber seinen Wirkungskreis, und wie glücklich kann er selbst werden? Solchen Fragen geht Stefan Otteni in seiner Verheutigung des Stücks von Pierre Corneille in Münster nach – Tim Schomacker berichtet.

Eine Dorf-Hochzeit ist Ausgangspunkt für Julius Hays Provinz-Panorama Haben, das Róbert Alföldi am Volkstheater Wien wiederentdeckt. Oder besser ausgräbt? Mehr von Martin Pesl.

Eine Offene Welt ruft ein neues Theaterfestival in Ludwigshafen aus, das gestern Abend startete – mit einer Arbeit des kroatischen Plakativitäts-Meisters Oliver Frljić. Der ruft das serbische Mädchen Aleksandra Zec und seine Familie, bekannt aus Den Haager Kriegsverbrecher-Prozessen, auf die Bühne und lässt sie dort zu Zeugen ihrer eigenen Ermordung werden. Mehr von Ralf-Carl Langhals.

Was wäre, wenn die Welt schon morgen unterginge? Die belgisch-holländische Theatergruppe Wunderbaum würde sich an einen langen Essenstisch setzen und unter einem unverdächtigen Titel wie Unser Dorf soll schöner werden postdramatisches Theater zusammenbrauen. Das behaupten sie zumindest zusammen mit Johan Simons in den Münchner Kammerspielen. Mehr von Michael Stadler.

Die Kulisse ist die Kneipe Horns Erben. Darin hat die Kneipierfamilie Südknecht ihr Refugium und lässt das Publikum an den Unbillen des 20. Jahrhunderts teilhaben. Und zwar als Theater-Impro-Sitcom Adolf Südknecht. The Improvised Alternate-History Show, die sich in Leipzig zum Dauerbrenner entwickelt hat. Mehr über das Format und die neue Folge von Tobias Prüwer.

Am Theater an der Parkaue wurde schon so manches Mal bewiesen (nicht zuletzt von Showcase Beat Le Mot mit ihrem legendären "Hotzenplotz"), dass die postdramatische Performance auch im Kinder- und Jugendtheater ein Zuhause hat. Mit Forced Entertainment versucht sich dort nun die nächste Truppe an der Dekonstruktion des Erzählens, unter dem verheißungsvollen Titel Das unmöglich mögliche Haus. Sophie Diesselhorst erlebte durchaus Beglückendes.

In München machen sie gerade ein Austauschprogramm. Der Kammerspiele-Intendant inszenierte neulich im Cuvilliéstheater "FaustIn and Out", Resi-Intendant Martin Kušej hat jetzt die Kammerspiele besucht. Und heimatlich-provinziellen Stoff mitgebracht: In Martin Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern wird die Sau durchs Dorf getrieben – oder wen die Einheimischen dafür halten. Wie, weiß Tim Slagman.

Die Stücke Heinrich von Kleists funktionieren über ihre hochgespannte Sprache. Am Thalia Theater haben sich die famosen Schauspieler geradezu verkrochen in den Duktus des Käthchen von Heilbronn. Was daneben noch zu sehen ist in Bastian Krafts Inszenierung, berichtet Katrin Ullmann.

Peter Handkes Kaspar, diese große sprachkritische Partitur gegen die Einnordung des Individuums durch die Gesellschaft, wäre heute womöglich neu zu lesen. Heute, da man den Verlust von Institutionen erfährt. Wie sich Sebastian Sommer am Berliner Ensemble der Lektüre in Zeiten des Neoliberalismus stellt, weiß Esther Slevogt.

Joseph Roth ist Meister der biographischen Langzeit-Schilderung, in seinen Romanfiguren schlägt sich die Lage der Welt nieder. Peter Wittenberg hat Roths Roman Hiob inszeniert – Reinhard Kriechbaum muss an Flüchtlingsschicksale denken.

Ein düsterer Stoff, Mord über Mord, Rache aus Rache. Aischylos' Die Orestie birgt aber nicht nur eine blutige Familientragödie, sondern auch die Geburtsurkunde der Demokratie. Ob diese Urkunde bei Alexander May in Trier noch gültig ist, weiß Rainer Nolden.

Stillbach oder Die Sehnsucht heißt Sabine Grubers Roman von 2011, in dem sie südtiroler und italienische Geschichte in Geschichten verpackt und verschachtelt. An den südtiroler Vereinigten Bühnen Bozen hat jetzt Petra Luisa Meyer eine Fassung des Romans uraufgeführt. Mit dabei: Martin Jost.

Glitter in den Haaren und Sätze der Popgeschichte auf den Lippen: "Love will tear us apart". Das ist Torquato Tasso in der Inszenierung von Philipp Preuß, mit der berückenden Valery Tscheplanowa in der Titelrolle. Ob die goethesche Künstlergeschichte aus dem Dunstkreis des Absolutismus auch im Kunstnebel des Popzeitalters am Residenztheater strahlt, weiß Petra Hallmayer.

Dani Levy war mal Schauspieler am Theater Basel. Seither wurde der Schweizer als Filmregisseur bekannt. Jetzt kehrt er ans Theater zurück. Das Zürcher Schauspielhaus gab ihm eine Carte blanche, und Levy schrieb und inszenierte mit Schweizer Schönheit eine "fundamentalistische Komödie". Über die berichtet Christoph Fellmann.

Ein Labor inmitten eines Kriegsschauplatzes, Nervenschlachten draußen und drinnen. Mit Kriegsmutter hat Data Tavadze ein beklemmendes Kammerspiel verfasst. Zittau bringt es jetzt als Siegerstück des osteuropäischen Dramenwettbewerbs "Talking about borders" heraus. Mehr von Michael Bartsch.

Mit einem komplexen Krimi-Plot erzählt Wajdi Mouawad in Himmel von einer Geheimdienstzelle, die natürlich gegen den Terror arbeitet, oder unterliegt sie nur dem Verfolgungswahn der westlichen Welt? Konradin Kunze erzählt das Stück am Jungen Schauspielhaus mit vielen Monitoren auf der Bühne, und zwar packend, findet Andreas Schnell.

In Olivia Wenzels Rumpffamilien-Drama Mais in Deutschland und anderen Galaxien schlingern die Figuren wie Treibholz durch ihre Leben in der untergehenden DDR. Am Ballhaus Naunynstraße inszenierte Atif Mohammed Nor Hussein die Uraufführung mit dreifach aufgefächerter Hauptfigur Noah. Und Christian Rakow erlebte, dass auch das scheinbar Harmlose Besorgnis erregen kann.

Katholisch prügeln heißt, nicht ins Gesicht schlagen. Mit dieser jungen Erkenntnis geht Christoph Mehler die Uraufführung von Angry Bird an, einem Stück des georgischen Autors Basa Janikashvili, mit dem man in Nürnberg den Dramen-Wettbewerb "Talking about Borders" etabliert. Mehr von Dieter Stoll.

Ist das Kunst oder Kunscht? Pionier Geist (Appell / Anrufung / Absturz) heißt der Abend, in dem die Performancegruppe Skills im Berliner HAU nach dem titelgebenden Pionier fahnden. Matthias Weigel suchte mit.

Yeah, Yeah, Dada! Vollkörperregisseur Herbert Fritsch packt seine Gummiknie-Schauspieler diesmal in Beatles-Anzüge und Pilzkopffrisuren und schickt sie mit der die mann auf eine Zeitreise in die 1960er zu Texten des Dadaisten Konrad Bayer. Der hat viele schöne Sinnlosworte und Endlossatzgirlanden als Futter für den Trichter eines riesigen Pop-Grammophons. Simone Kaempf lauschte dem Beat des höheren Nonsense.

Vom Leben als Sterben erzählen, und zwar komisch: Das will Rebekka Kricheldorf in ihrem neuen Stück Die Kunst der Selbstabschaffung – und lässt dafür alle Figuren in eine Wohnung zusammenziehen. Schirin Khodadadian hat es in Kassel uraufgeführt und die Inter- und Intragenerationen-Scharmützel in unsere real existierende Zeitrechnung verlegt – was damit einhergeht, weiß Michael Laages.

Thomas Gottschalk, Harald Juhnke, Rudi Carrell, das waren noch die erträglicheren ihrer Art. Aber auch einen Markus Lanz oder einen Mario Barth müsste man heute "Unterhaltungskünstler" nennen. Dass es steil bergab geht mit dem Business, hat auch Christoph Marthaler am Hamburger Schauspielhaus gemerkt: Der Entertainer heißt seine neueste würdevolle Lächerlichkeit. Wolfgang Behrens berichtet.

Ein Volksfeind von Henrik Ibsen. Am Neuen Theater hat Jörg Steinberg nun die Fassung wiederaufgelegt, die Schaubühnen-Dramaturg Florian Borchmeyer vor drei Jahren für Thomas Ostermeier entwickelt hat. Tobias Prüwer ist angefixt.

Noch Ein Volksfeind! Unter der Regie von Carsten Knödler bleibt das Drama der Version seines Schöpfers Henrik Ibsen ziemlich treu – und wirft trotzdem heutige Fragen auf. Meint Ute Grundmann.

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß bestehen vor allem darin, dass er bei einer grausamen Erpressung unter seinen Mitpubertierenden nicht einzuschreiten in der Lage ist. Den Erfolgsroman von Robert Musil hat Claudia Bauer mit Wachsmasken-Zombies inszeniert, Julia Frese war vor Ort.

Wie führende Köpfe der Nationalsozialisten in einer Villa am Wannsee die sogenannte "Endlösung der Judenfrage" beschlossen, hat Paul Mommertz in den 1980er Jahren in seinem Dokumentartheaterstück Die Wannseekonferenz rekonstruiert – das nun Isolde Wabra in Neustrelitz authentisch ausstaffiert hat. Hartmut Krug berichtet.

Als Obstbauer und Politiker, als kluger Analytiker, Polterer und Fühlender hat sich Helmut Palmer in die jüngere Geschichte des Schwabenlandes eingeschrieben. In Tübingen, wo sein Sohn Boris in Bürgermeisteramt und -würden ist, hat das Landestheater ihm zehn Jahre nach seinem Tod einen Theaterabend auf den mythischen Leib geschneidert. Inszeniert hat das "Political" mit Puppen Gernot Grünewald; Elisabeth Maier fühlt sich mitten ins Schwabenherz getroffen.

Sartre und Beckett beschwört Clemens Mägde in seiner Sinnlosigkeitssuche Geronnene Interessenlage – und auch Gott. Robert Borgmann hat es am Schauspielhaus Wien in Licht und Nebel getaucht, Theresa Luise Gindlstrasser sagt, wie das war.

Bis zum Kopf in brauner Brühe hockt Winnie bei ihrem Willie und hat doch: Glückliche Tage. Das trostlos komische Drama des irischen Nobelpreisträgers Samuel Beckett hat schon große und größte philosophische Deutungen erhalten. Jetzt kommt die Engländerin Katie Mitchell am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, reißt es aus dem Ewigkeitshimmel und zeigt es ganz konkret, allerweltshaft, als Drama unserer Tage. Dirk Pilz ist beeindruckt.

Sie denken bei Hugo Egon Balder an "Tutti Frutti" und bei Popsternchen Jeanette Biedermann irgendwie auch? Und bei "spritzige Wellnesskomödie" fällt Ihnen gleich ein... Schämen Sie sich! Aber ja doch, Sie liegen richtig mit René Heinersdorffs prominent besetztem Aufguss am Kölner Theater am Dom. Martin Krumbholz folgte dem Ruf der Doktorspiele.

Ist Karaoke sinnbildlich für eine Generation, die nur nachsingt, aber sich selbst nicht ernst nehmen kann? In St. Gallen hat Elisabeth Gabriel das Gewinnerstück des Heidelberger Stückemarkts 2012 Alpenvorland von Thomas Arzt inszeniert. Warum die Kinder der Neunziger Karaoke besser hinbekommen als Häuslebau, weiß Gerd Zahner.

Nach "Sein oder nicht sein" nun also ein Königreich und ein Pferd. Nach seinem Welterfolg als Hamlet spielt Lars Eidinger jetzt das Buckelmonster Richard III. In der eigens dafür zum Berliner Globe umgebauten Schaubühne. Und abermals inszeniert von Thomas Ostermeier. Der Andrang nach Karten und die Erwartungen waren: riesig. Ob das Ereignis diese Aufregung rechtfertigen konnte, berichtet Anne Peter.

Zum Abschluss der Lessingtage gastiert am Thalia Theater Luk Percevals russische Inszenierung von Macbeth, die im Mai 2014 in St. Petersburg Premiere hatte. Die Ukraine-Krise spielt dabei weniger eine Rolle als der Umstand, dass ein "Macbeth" in Russland schon an sich ein Politikum ist. Mehr von Falk Schreiber.

Röhrengitarrensounds der 1960er, psychedelisches Setting, Gepose unter wildem Lichterspiel – richtig, wir sind bei Jürgen Kruse! Der Rocker unter den Regisseuren hat sich zum Geburtstag (heute!) den Boulevardschocker Seid nett zu Mr. Sloane von Joe Orten gegriffen. Ob's echt kruseliges Theater wurde, weiß Alexander Kohlmann.

In dunklem Rund mit ausgeklügeltem Duftdesign hatte Joël Pommerat die eigene Uraufführung seines Geschichtsbilderbogens Kreise/Visionen 2010 in Paris besorgt. Jetzt kommt das Stück in der Regie von Hans-Ulrich Becker erstmals in Deutschland heraus, ohne Düfte, aber eine ganze Ecke dunkler. Sascha Westphal weiß mehr.

Ein heller Holzraum, sonst nichts. Minimalismus regiert in der Maria Stuart-Inszenierung von Dušan David Pařízek, in der es auf dem Kiefernparkett eigenwillig zugeht, mit einer sich übergebenden Elisabeth. Mehr von Jan Fischer.

Das Konzert von Hermann Bahr ist heute fast genauso vergessen wie sein Autor, ein Mandarin im Wien der vorletzten Jahrhundertwende. Was es mit dieser Reanimierung auf sich hat, erzählt Martin Thomas Pesl.

Der reine Tor und Gralssucher, ist auf deutschsprachigen Bühnen durchaus präsent. Richard Wagner und Tankred Dorst sei Dank! Dass aber der Ursprungs-Parzival des Wolfram von Eschenbach (aus dem 13. Jahrhundert, mittelhochdeutsch) einmal Einzug ins Theater halten würde, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Stefan Bachmann hat das Werk am Schauspiel Köln hervorgeholt; mit welchem Erfolg, weiß Dirk Pilz.

Tennis ist nicht nur Bumm-Bumm-Boris auf dem heiligen Rasen von Wimbledon, Tennis ist auch eine Geisteshaltung: weiß, elitär, auf Abschottung bedacht. Wie Anne Lepper in ihrem neuen Stück La Chemise Lacoste, uraufgeführt von Alia Luque, den Sport zur Gesellschaftsmetapher ausbaut, weiß Friederike Felbeck.

Wer wäre Othello und wie reagierte man auf ihn in Zeiten von Pegida? Am Theater Bielefeld hat sich Dariusch Yazdkhasti diese Frage gestellt und auf Blackfacing verzichtet. Wolfgang Ueding hat zugeschaut.

Bis vor kurzem war George Taboris Die Flucht nach Ägypten gar nicht auf Deutsch erhältlich. Ein Frühwerk, 1952 von Elia Kazan am Broadway uraufgeführt, über das Warten auf Ausreise und Auslese vor den Toren Amerikas. Frank Hoffmann hat das vergessene Stück nun am Luxemburger Nationaltheater inszeniert, im Frühjahr läufts dann bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Mehr darüber von Stefan Schmidt.

Zwei Einakter zum Thema Immigration spannt Regisseur und Intendant Carl Philip von Maldeghem am Salzburger Landestheater zusammen: NachEuropa von Marie NDiaye und Über das Meer basierend auf einer Reportage des Journalisten Wolfgang Bauer, der Flüchtlinge begleitete. Zusammen ergibt das einen konzentrierten Abend, berichtet Reinhard Kriechbaum.

Die Tragödie vom Prinzen Hamlet und seiner missratenen Familie ist so ziemlich der Dreamliner unter den klassischen Theaterstücken. Muss jeder Großspielwart einmal inszeniert und jeder Bühnenstar einmal gespielt haben. Aber, obacht, leicht zu machen ist das alles nicht! Wie es bei den Brüdern Schönecker in Jena ausfiel, weiß Frauke Adrians.

Eine Viererbande nimmt die Stelle von Toten ein, um den Angehörigen die Trauer zu erleichtern. So geschieht es im Film Alpen von Yorgos Lanthimos. Und so geschieht es bei der Adaption von Alpen auf der Bühne des Neumarkt in Zürich. Was noch geschieht, beschreibt Julia Stephan.

Die großen Erfolge der Autorin Marianna Salzmann heißen "Muttersprache Mameloschn" oder "Schwimmen lernen". In ihrem neuen Stück Wir Zöpfe treten in der Regie von Babett Grube neben viel abgeschnittenem Haar ein abgetriebenes Kind, ein Loriot'scher Opi und ein Monster-Hase auf. Lässt sich damit an die Erfolge anschließen? Von großen, internationalen Familienproblemchen berichtet Georg Kasch.

Soll ich weniger schlafen, soll ich mehr schlafen, fragt sich der Großstadtmensch um Zwei Uhr nachts – wenn es nach Falk Richter geht. Im Rahmen der Frankfurter Positionen setzt Richter seine Feldforschung im Land des liberalen Lebensüberdrusses fort und projiziert unter anderen mit Constanze Becker Prototypen der Gegenwart auf die Bühne des Schauspiel Frankfurt. Auf Shirin Sojitrawalla macht das (scheinbar?) widersprüchliche Eindrücke.

Neunzehn Jahre Haft voller Gebete, scharwenzelnden Höflingen und Intrigen, in allem strengstens beäugt von den Schergen der königliche Widersacherin Queen Elisabeth. So fristet Schillers Dramenheldin Maria Stuart ihre letzte Lebenshälfte. Andreas Kriegenburg umbaut sie an den Münchner Kammerspielen mit meterdicken Betonwürfeln und verbreitet überhaupt viel Kerkerstimmung. Cornelia Fiedler berichtet.

Wie diese Inszenierung von Shakespeares Viel Lärm um nichts ausgesehen hätte, wenn Regisseur Lukas Langhoff und das Schauspielhaus Bochum sich nicht gut eine Woche vor der Premiere getrennt hätten – man weiß es nicht. So sieht man jedenfalls eine Gesellschaft im Wellness-Sanatorium Europa. Mit dabei: Sascha Westphal.

Man nannte sie damals noch nicht It-Girl, aber sie ist es und was für eins! Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany (verfilmt, na klar, mit Audrey Hepburn). Christopher Rüping hat sich am Schauspiel Zürich den Truman-Capote-Roman vorgenommen und Christoph Fellmann fand sich am Jahrmarktskarussell wieder.

Erich Maria Remarque schrieb neben dem 1.-Weltkriegs-Bestseller "Im Westen nichts Neues" auch Der schwarze Obelisk über die Zwischenkriegszeit. Das Theater von Remarques Heimatstadt Osnabrück hat den Roman jetzt für eine Uraufführung in die Hände von Marco Štorman gelegt. Zu welchem Ende, weiß Michael Laages.

Wenn man das Buch als Figurenwelt des Autors versteht, dann hat mit Fjodor Dostojewskis Roman Dämonen nicht mehr viel zu tun, was Sebastian Hartmann da im Schauspiel Frankfurt unter dieser Überschrift auf die Bühne gebrettert hat. Großartige Raumregie, kahle, monumentale Bilder. Nur Orientierung will er nicht bieten. Dem Aufschrei der Gottverlassenen hat Wolfgang Behrens zugehört.

Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, genannt Wallenstein, war im Dreißigjährigen Krieg Oberbefehlshaber der Katholischen Liga. Bis er ermordet wurde. Friedrich Schiller hat ihm eine Dramentrilogie gewidmet, die Hasko Weber nun mit Dominique Horwitz in Szene gesetzt hat. Frauke Adrians berichtet.

Frei bewegliche Spiegelsäulen drehen und wenden sich. Menschen verschwinden. Alexander Nerlich hat am Hans Otto Theater Shakespeares Hamlet inszeniert. Christian Rakow weiß mehr.

Der Oberfiesling Richard III. ist immer ein gefundenes Fressen für den Hauptdarsteller. Aber wie sieht es mit dem Gesamtkonzept aus bei dem jungen Regisseur Krzysztof Minkowski? Das weiß Valeria Heintges.

Zur Eröffnung serviert das Brechtfestival 2015 Das Leben des Galilei – als Solo-Performance von Thomas Thieme. Willibald Spatz sah zu.

Ihm war kein Gegner zu schwer: In den 30er Jahren war Johann Rukeli Trollmann eine Sportlegende. Und wurde im Januar 1933 Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Weil er Sinto war, erkannten ihm die Nazis erst den Titel ab, sperrten ihn später ein und brachten ihn am Ende um. Mit seinem Stück Der Boxer setzt Felix Mitterer ihm und gleichzeitig dem Leben ein Denkmal. Stephanie Mohr hat im Theater in der Josefstadt die Uraufführung inszeniert. Kai Krösche ist begeistert.

Die Mutter greift in den Missbrauch nicht ein, die Tochter selbst liebt den Täter-Vater abgöttisch – starke Inneneinsichten liefert Katja Brunner in Von den Beinen zu kurz. Katka Schroth hat das Stück in Würzburg als Stimm-Collage mit drei Schauspielerinnen inszeniert. Sehr zum Gefallen von Elisabeth Michelbach.

Wir sind keine Barbaren!, findet das freundliche Pärchen. Doch den Fremden weisen sie ab. Philipp Löhles Stück ist von den ausländerfeindlichen Abschottungsinitiativen der Schweiz inspiriert, die in Deutschland inzwischen von Pegida rechts überholt worden sind. Ronny Jakubaschk hat inszeniert, Ute Grundmann weiß mehr.

Die Sirenen des Titan sind der zweite Roman des amerikanischen Kultautors Kurt Vonnegut. Er wimmelt von Marsbewohnern und zeigt die Manipulationsanfälligkeit von uns Erdlingen. Am Staatstheater Mainz machten Brigitte und Niklaus Helbling daraus ein Spektakel zum Augenreiben. Mit dabei war Grete Götze.

Vor anderthalb Jahren gab's Zoff in Frankfurt, als Oliver Kluck nicht einverstanden war mit Alice Buddebergs Uraufführungs-Fassung seines Stücks Was zu sagen wäre warum. Dieser Zoff hat dem Stück nun eine zweite Uraufführung beschert, gestern Abend in Stralsund, von André Rößler. Genaueres von Juliane Voigt.

"Zusammen" ist ein schönes, ein Sehnsuchtswort. Wann aber wird damit schon mal ernst gemacht? In der Kaserne Basel zum Beispiel, wo Marcel Schwald in Zusammen spielerisch ein Laborfeld der Gesellschaftsforschung frei nach Richard Sennett und anderen absteckt. Dabei schreitet er mit sechs Schauspielern lässig die große und die kleine Welt aus. Mit dabei: Claude Bühler.

Er ist ein Tausendsassa, dieser Pascal Rambert: Regisseur, Choreograf, Dramatiker und Intendant in dem Pariser Vorort Gennevilliers. Sein Laienchortanzprojekt Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte hat er nicht nur dort, sondern auch schon in den USA und in Japan inszeniert – und jetzt für das Hamburger Thalia Theater mit fünf Schauspielern und 50 Hamburger Bürgern neu erarbeitet. Katrin Ullmann bekam eine Gänsehaut.

Etwas Schwertkampf, viel Fehde und Feuer, noch mehr Liebesglühen und höhere Schicksalsfügung, kurzum die volle Ladung Romantik gibt es in Heinrich von Kleists großem historischem Ritterschauspiel Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe. Wuchtbildbauer David Bösch sucht am Wiener Burgtheater mit dem schillernden Stoff die großen, die ganz großen Gefühle. Ob er sie fand, weiß Theresa Luise Gindlstrasser.

Nicht bloß in der Ecke stehen und glotzen, sondern mitmachen, Rätsel knacken! Das ist das Spielprinzip der Game-Theatermacher machina eX, auch in Life of N in a Nutshell, das sie als Artists in Residence am Schauspiel Leipzig herausbringen. Tobias Prüwer warf sich ins Getümmel.

Höchst empathisch fasste Annette Pullen den Text "Ich wünsch mir eins" der Deutsch-Iranerin Azar Mortazavi an, der prompt nach Mülheim eingeladen wurde. Ihr neues Stück Sammy und die Nacht zeigt das Scheitern einer Liebe vor Migrationshintergrund. Wie sie den Bach runtergeht, beschreibt Jens Fischer.

Jüngst rief Leander Haußmann im Kino heftig blödelnd den "Hai-Alarm am Müggelsee" aus. Das grade schwer angesagte Autorenduo Nolte Decar switcht mit Der Volkshai (mit Anleihen an Ibsens "Volksfeind") weiter weg, an die Adria. Aber geblödelt wird dort auch nicht zu knapp, wie Dorothea Marcus berichtet.

Schon öfter wurde versucht, Thomas Manns 1000-Seiten-Epos und Bildungsroman-Parodie Der Zauberberg auf die Bühne zu bringen, in dem das 19. Jahrhundert elegant seine Rückzugsgefechte führt. Was vermutlich noch nie so beeindruckend klang wie bei Thom Luz am Theater Basel, wo in nur zwei Stunden Klaviere, Harmonien und Glocken dröhnen. Wie neben einer Kirche bei Vollgeläute fühlte sich Claude Bühler.

Was heißt es, auf der Flucht zu sein? Das Theater Pforzheim sucht Unsere neue Stadt und hat dafür u.a. zehn Geschichten von Menschen in der Stadt gesammelt, die unter unmenschlichen Umständen nach Deutschland gekommen sind. Mehr von Verena Großkreutz.

Jetzt auch am koproduzieren Deutschen Theater: Ingmar Bergmans Herbstsonate, die Jan Bosse im Dezember am Stuttgarter Staatsschauspiel adaptiert hatte. Und zwar mit Corinna Harfouch als Mutter und berühmte Pianistin, und Fritzi Haberlandt als Tochter, die gehörig die Gespenster der Vergangenheit wachhält. Bei der Stuttgart-Premiere war Verena Großkreutz.

Wenn sich eine Familie auf einer Bühne versammelt, dann heißt das normalerweise nichts Gutes. Diese Eine Familie, die Tracy Letts um den Esstisch gruppiert hat, ist allerdings eine verschärfte Version – und in der Komödie am Ku'damm tut der Intendant des Habima-Theaters Tel Aviv Ilan Ronen nichts, um sie zu entschärfen. Vielmehr lässt er sein mit bekannten Gesichtern dekoriertes Ensemble in jeder Hinsicht um sich selbst kreisen, weiß Georg Kasch.

Kann man eine Geschichte des Aufstands aus den politisierten 70er Jahren einfach so ins Jahr 2015 verpflanzen? Aber hallo! sagt, nachdem er Christine Eders Neuinszenierung der Proletenpassion im Werk X gesehen hat, Kai Krösche.

Mit Goethes Die Leiden des jungen Werther, damals inszeniert von Jan Bosse, feierte Armin Petras als Intendant des Berliner Gorki Theaters einen seiner größten Erfolge. Nun, da er in Stuttgart auch einigen Gegenwind verspürt, versucht er es erneut mit diesem Stoff und vertraut ihn diesmal Simon Solberg an. Wird's wieder ein Kracher? Verena Großkreutz gibt Auskunft.

Für Elfriede Jelineks Winterreise, eines der meistgespielten Gegenwartsstücke der vergangenen Jahre, steht der Regisseurin Anne Lenk am Thalia Theater ein ganz und gar wunderbares Damenensemble zur Verfügung. Wie dieses sich vom Chor in die Vereinzelung spielt, berichtet Katrin Ullmann.

William Shakespeares Wie es euch gefällt ist mit seinem enigmatischen Sprachwitz und seiner minimal spannenden Dramaturgie ein nicht gerade einfach zu inszenierender Klassiker. Fürs Staatsschauspiel hat Jan Gehler jetzt das Verwirrspiel um Liebe und Wald am Rand zur totalen Übertreibung inszeniert. Tobias Prüwer ist recht begeistert nach Hause gefahren.

Neulich raste Antú Romero Nunes durch "Rheingold / Walküre" frei nach Wagner und Hebbel, jetzt legt er am Hamburger Thalia Theater mit "Siegfried / Götterdämmerung" nach, um den Ring des Nibelungen zu vollenden. Wie das ausging, sagt Falk Schreiber.

Der Roman Jakobs Ross von Silvia Tschui versteckt einen gnadenlosen Beziehungskampf im heimeligen Alp- und Eidgenossen-Kostüm. Am Theater Neumarkt hat Peter Kastenmüller eine Bühnenfassung des Bestsellers unternommen. Julia Stephan hat bei der Premiere zugeschaut.

Ein Revolutionär kommt aus dem Krieg und findet nur noch die Fratze dessen vor, wofür er einmal kämpfte. Heiner Müller machte sein Stück Zement in den 1970er Jahren zur Abrechnung mit der bleiernen Zeit des real existierenden Sozialismus. Am Gorki Theater tritt nun Sebastian Baumgarten mit einer Übermalung an, die nichts weniger als ein radikales Update ist. Matthias Schmidt ist fasziniert.

Schon viele Regisseurinnen und Regisseure haben versucht, Tschechows Figuren die Melancholie auszutreiben. Karin Beier bringt im Schauspielhaus nun Onkel Wanja und Konsorten zum Tanzen. Wie das? Katrin Ullmann berichtet.

Reproduktionsmedizin ist mit Stichworten wie Social Freezing hoch aktuell. Da kommt Felicia Zellers Wunsch und Wunder eigentlich gerade recht. Marcus Lobbes packt dazu sein Komödienbesteck aus. Lachen über Reagenzglas-Sex – geht das gut? Stefan Schmidt weiß mehr.

Wie gehen einzelnes Gefühl und Gemeinschaftsgefühl zugleich in einen Menschen hinein?, fragt Tennessee Williams in seinem Erstling Licht unter Tage. Schauspielchef Frank Behnke hat das Bergarbeitermelodram für das Theater Münster ausgegraben. Ob's eine Entdeckung ist, sagt Tim Schomacker.

Die blutige Tragödie Theodor Herzog von Gothland ist ein Stück der Stunde, weil Christian Dietrich Grabbe darin die sogenannte Erste und die Dritte Welt aufeinander hetzt. Tatjana Rese hat dem Drama Texte von Heiner Müller beigemischt. Zu welchem Ende, weiß Stefan Keim.

Das Hildesheimer Performance-Kollektiv Markus & Markus beschäftigt sich im Theaterhaus Gessnerallee mit dem Thema Sterbehilfe – Henrik Ibsens Gespenster liefern eine Figurenvorlage. Mehr von Jenny Berg.

Von der Moral der Schönheit handelt Roberto Zucco von Bernard-Marie Koltès: Das Stück stellt einen Mörder vor, der keinen Grund, kein Motiv für seine Taten braucht. In Karin Henkels Inszenierung  am Schauspielhaus Zürich trägt Zucco Jirka Zetts Engelsgesicht und ist auch sonst eher als ein Mensch, den man schuldig sprechen könnte: eine Erscheinung. Und zwar eine gesellschaftliche. Andreas Klaeui ist beeindruckt.

Jetzt also Baal, der wüste Einverleiber aller Weiber und Genüsse. Ist das eine Art Matrix für den Hunger der Imperialisten nach immer mehr? Mit Bert Brechts Frühwerk setzt Frank Castorf jedenfalls im Residenztheater seine Reise durch die Finsternis des Abendlandes fort. Mit von der Partie ist Michael Stadler.

Was tun, wenn alle Träume vom Gestank des Lebens übertüncht sind, von beißender Aussichtslosigkeit? Das etwa verhandelt Dea Loher in ihrem Gaunerstück, das die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk jetzt im Deutschen Theater uraufgeführt hat. Dirk Pilz kann berichten.

Wie wir immer wieder daran scheitern, künstliche und wirkliche Eindrücke voneinander zu entscheiden, das zu beschreiben machte Gert Jonke sich zur Aufgabe. Christiane Pohle hat seine Erzählung Gegenwart der Erinnerung in Graz auf eine dunkle Bühne gebracht. Reinhard Kriechbaum hat zugehört.

Oft wurde er mit Christoph Marthaler verglichen. Doch dieser Vergleich vermag das Besondere der Kunst des ungarischen Musiktheaterzauberers David Marton kaum auf den Punkt zu bringen. Jetzt macht Marton an Marthalers ehemaligem Stammhaus, der Berliner Volksbühne, aus Maeterlincks Jugendstiltragödie Pelléas und Mélisande ein hochkulturelles Kreuzworträtsel – und übt dabei herzzerreißende Zivilisationskritik. Sehr zur Freude von Esther Slevogt.

Ein schlechter Witz sei die DDR in den Achtzigern gewesen, gab der Regisseur Armin Petras einmal zu Protokoll. Sah es in den Sechzigern vielleicht noch anders aus? Zu dieser Zeit erschien Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel, die nun von Petras an der Schaubühne Berlin adaptiert wurde. Wer hier für die größten Schmerzen verantwortlich ist, weiß Simone Kaempf.

Verletzungspech gibt's nicht nur im Fußball: Die russische Regiehoffnung Konstantin Bogomolov meldete sich vor einigen Monaten unpässlich und konnte ihre Inszenierung von Günter Grass' Die Blechtrommel nicht zu Ende führen. Weshalb sich nun Intendant Oliver Reese höchstselbst als Einwechseltrainer versucht: Mit Nico Holonics als Oskar Matzerath hat er ohnehin einen begnadeten Spieler auf dem Feld. Shirin Sojitrawalla berichtet.

An Michail Bulgakovs epochalem Der Meister und Margarita haben sich schon eine ganze Reihe Regisseure versucht. Die junge Bernadette Sonnenbichler hat die Romanvorlage jetzt am Theater Aachen inszeniert. Mit einer Band, mit Schauspielertypen und vielen Anspielungen auf bürokratische Zwänge. Und erzählt die Geschichte doch herausstechend einfühlsam und detailgetreu, findet Stefan Keim.

Die Geschichte von Gregor Samsa, der eines Morgens als Ungeziefer erwacht, ist berühmt. Aber ist sie auch geeignet fürs Theater? Unter der Überschrift Ich, das Ungeziefer hat Viktor Bodó im Deutschen Schauspielhaus nun eine ziemlich rasante Lesart auf die Bretter gebracht. Falk Schreiber weiß mehr.

Jede gute Teenager-Lovestory beginnt im Freibad. So auch in Roland Schimmelpfennigs neuem Stück Das schwarze Wasser am Nationaltheater Mannheim von Burkhard C. Kosminski uraufgeführt. Doch wo enden die Jugendlieben? Ganz anders als gedacht und doch vorhersehbar, meint Alexander Kohlmann.

Einst wurden bei Shakespeare auch die Frauenrollen von Männern gespielt. Florian Fiedler hat Maß für Maß jetzt allein mit sechs Frauen besetzt: um das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern zu beleuchten. Jan Fischer saß im Zuschauerraum.

Barbara Frey lässt in ihrer Inszenierung von Witold Gombrowicz' Yvonne, die Burgunderprinzessin alle Rollen von Männern spielen, auch jene titelgebende hässliche Yvonne, um die ein rätselhaftes Begehren herrscht. Mehr über dessen düster-slapstickhafte Natur berichtet Charles Linsmayer.

Kann man die antike Tragödie Antigone eigentlich auch tanzen? Mit Musik, Textfragmenten und Zufall? Hat sich der Choreograf Laurent Chétouane am Staatstheater Stuttgart gefragt. Ob man kann, weiß Steffen Becker.

  Eine slowenische Minderheiten-Familien in einer untergehenden Welt: Peter Handke lässt sie in Immer noch Sturm mit dem Zweiten Weltkrieg viele Verluste durchleben. Dass die sprachstarke Heimat-Saga an immer mehr Bühnen gespielt wird, ist nicht selbstverständlich. Malte Kreutzfeldt hat Handke nun in Kiel inszeniert, und zwar sehr sehenswert, findet Michael Laages.

Western trifft Tatort trifft Plattenbautragödie: als Genre-Mix verpackt Nachwuchsdramatikerin Juliane Stadelmann in Noch ein Lied vom Tod das ernste Thema Kindstötung. Daniela Kranz hat das Stück am Schauspielhaus Wien uraufgeführt. Mehr darüber von Martin Thomas Pesl.

Die Schweizer und die Quellen, aus denen sich ihr Nationalgefühl speist, sind Themen eines bunten Abends, den Georg Scharegg im Rahmen des Festivals Höhenfeuer inszenierte. Das Festival blickt (wie es von sich selber sagt) in den nächsten vier Wochen "von alpiner Warte aus die Insel Schweiz im Weltgetümmel" an und erkundet ihre Befindlichkeiten. Mit Mamma Helvetia wurde es eröffnet. Valeria Heintges weiß mehr.

Eine Anti-Weihnachtsgeschichte: Der arme Bauernsohn Peer Gynt flüchtet sich in Lügengeschichten, unternimmt phantastische Reisen in die Welt, bereichert sich als Sklavenhändler, verliert alles und stellt sich am Ende einer bitteren Aufrechnung. In Bremerhaven hat Intendant Ulrich Mokrusch alle Sparten an seiner Inszenierung beteiligt. Ob sie zündete, weiß Andreas Schnell.

Ein junges Geschwisterpaar bildet eine revolutionäre Zelle in Ewald Palmetshofers Stück Helden. Sie ziehen durchs Land und legen Bomben, schließlich in die Therme, in der ihre Mittelschichts-Eltern es sich gut gehen lassen. Bei Palmetshofer. Bei Mizgin Bilmen, die das Stück im Regiestudio des Schauspiel Frankfurt inszeniert hat, läuft es ein bisschen anders – Esther Boldt schreibt, wie.

Wie sieht das Theater in naher Zukunft aus? Vielleicht total kaputt und von gescheiterten Hausbesetzern bespielt? So ähnlich sieht es Yael Ronen in Community am Grazer Schauspielhaus. Leopold Lippert besuchte die Dystopie.

Friederike Mayröcker, die Doyenne österreichischer Lyrik, ist neunzig geworden. Das Burgtheater feierts mit einem Requiem für Ernst Jandl, kammermusikalisch interpretiert von Lesch Schmidt, sprachlich von Dagmar Manzel. Ein Andante ans Jenseits, in dem sich Reinhard Kriechbaum wie im falschen Film fühlte.

Fabian lässt sich am Vorabend der Machtergreifung Hitlers durchs unmoralische Berliner Nachtleben treiben. Er ist der Protagonist in Erich Kästners Roman Fabian, der nun von Torsten Schilling auf die Bühne des Landestheaters Coburg gebracht wurde. Wie viel Jetztzeit darin steckt, berichtet Christian Muggenthaler.

  Fast 100 Jahre ist es her, dass Exiles, das einzige Theaterstück, das James Joyce geschrieben hat, uraufgeführt wurde – 1919, an den Münchner Kammerspielen. Ebendort hat es nun Luk Perceval wieder ausgegraben und das im Text angelegte Aneinander-Vorbei-Reden durch eine Choreografie des Aneinander-Vorbei-Schauens verdoppelt. All das unter den Augen eines braunen Labradors. Genaueres von Sabine Leucht.

Können Finanzkrisenstücke lustig sein? Ja, wenn David Gieselmann sie schreibt und Christian Brey sie inszeniert, meint Shirin Sojitrawalla, die die Uraufführung von Container Paris am Schauspiel Frankfurt gesehen hat.

Ein weiterer Prinz hat sich aufgemacht ins Dickicht von Wolfram Lotz' Die lächerliche Finsternis, diesen Verschnitt von Joseph Conrads "Herz der Finsternis" und Francis Ford Coppolas "Apokalypse Now", dessen spezielle Unspielbarkeit gerade vielerorts Ehrgeiz weckt – erst vor einer knappen Woche machte Daniela Löffner sich am DT Berlin darüber her; ob nun Robert Gerloff in Essen das Dornröschen aufstöbert, Sascha Westphal kann es sagen.

Wo sollte er in reinerer Form zu finden sein als an den Ufern des Zürichsees: Der diskrete Charme der Bourgeoisie? Sebastian Nübling hat sich am Schauspielhaus Zürich mit Buñuel als Bürgerschreck versucht – mehr von Christian Rakow.

Fällt ein Frosch ins Butterfass, und weil er so verzweifelt strampelt, wird der Rahm zur Butter, und der Frosch kann heraushüpfen. Soweit die Fabel, mit der sich Ferdinand Schmalz in Am Beispiel der Butter beschäftigt. Alexander Wiegold hat das Stück am Burgtheater inszeniert, Martin Thomas Pesl berichtet.

Katie Mitchell ist nicht nur Live-Film-Spezialistin, sondern auch politisch versierte Künstlerin. In Berlin machte sie neulich mit "Atmen" klimaneutrales Theater, indem sie die Schauspieler die Energie für die Aufführung auf Fahrrädern selbst erstrampeln ließ. Jetzt präsentiert sie am Hamburger Schauspielhaus, wenige Tage nach dem Ende der Weltklimakonferenz in Lima, mit 2071 einen Vortrag des Klimaforschers Chris Rapley über die Erderwärmung. Wie alarmierend dieser ausfiel, sagt Falk Schreiber.

Gern türmt er Reflexion auf Reflexion, wendet die Gedanken drei Mal hin und her. Den neuesten Denkbrocken aus der Schmiede des Dietmar Dath hat jetzt Robert Teufel am Nationaltheater Mannheim auf die Bühne gestemmt. In Farbenblinde Arbeit geht es um nichts Geringeres als um Kunst und künstlerische Freiheit – mit einem Gastauftritt des Vielschreib-Meisters höchstpersönlich. Martina Senghas war dabei.

Das neue Stück von Ewald Palmetshofer handelt von einer wahren Begebenheit am Ende des letzten Krieges in Österreich. Die Premiere von die unverheiratete sah Reinhard Kriechbaum

Wolfram Lotz' Die lächerliche Finsternis beruhe, so heißt es im Vorsatz des Textes, auf Francis Ford Conrads "Herz der Apokalypse". Okay, die Reise geht also Richtung Kalauer. Und Richtung Hindukusch. Daniela Löffner hat das Stück am Deutschen Theater nachgespielt, André Mumot war dabei.

Weg mit den fetten Kindern! Haben sich wohl die grausamen Eltern aus Anne Leppers Stück Seymour gedacht und ihre optimierungsbedürftigen Sprösslinge ins Sanatorium abgeschoben. In Bern inszenierte Dominic Friedel die Dicken-Dystopie, Geneva Moser sah zu.

Die Situation Rooms von Rimini Protokoll waren zum Berliner Theatertreffen eingeladen, konnten aber erst einmal aus dispositionstechnischen Gründen nicht kommen. Seit gestern sind sie nun doch da, und zwar im HAU, wo sie bis in den Januar hinein bleiben. Die Bochumer Premiere bei der Ruhtriennale besprach Sarah Heppekausen.

Umschlossen von hohen Mauern, trotzend den Eindringlingen von draußen. So ist das Theben Kreons und so ist die eidgenössische Schweiz, die ihre Asylbewerber schon mal in Weltkriegsbunkern unter der Erde unterbringt. Im Nachbau eines solchen Bunkers zeigt Wojtek Klemm die Antigone des Sophokles. Christoph Fellmann sah einen ruppig-klugen Abend.

Was, wenn ein geliebter Mensch an Alzheimer erkrankt? Beim Tollwood-Festival nähert sich das spanische Kulunka Teatro in André & Dorine dem geistigen Verfall. Wie der "Mitleidsporno" vermieden wird, weiß Tim Slagman.

Während einer Hochzeitsfeier in Tunesien geht England Pleite, so steht es in Jonas Lüschers Novelle Frühling der Barbaren. Die Bühnenadaption hat Ulrike Arnold inszeniert – jedoch in einem anderen Ton, sagt Shirin Sojitrawalla.

Gralf-Edzard Habben, legendärer Bühnenbildner von Roberto Ciulli, ist im Alter von 80 Jahren unter die Regisseure gegangen und zeigt in Kassel einen Hamlet als Klinik-Phantasie. Mehr von Alexander Kohlmann.

Es braucht nur minimale Veränderungen, um Arthur Schnitzlers dekadente Wiener Gesellschaft der letzten Jahrhundertwende ins saturierte Milieu von Berlin-Mitte und ins aktuelle Jahr 2014 zu verlegen. Was Jette Steckel in ihrer Inszenierung von Das weite Land am Deutschen Theater beweist, und zwar mit einem All-Star-Ensemble. Mehr von Wolfgang Behrens.

Ein überdimensionierter Esstisch, riesige Stühle und Servietten wie Tischtücher. Und dann werden die meisten Figuren auch noch von Puppen gespielt. Moritz Sostmann hat in Köln Molières Menschenfeind serviert. Stefan Schmidt sah zu.

Diesmal ist es eine Torte, um die sich alles dreht. Oder ist es doch die Theorie? Unter der Überschrift Rocco Darsow kam im Schaupielhaus der neue René-Pollesch-Abend heraus. Dirk Pilz weiß mehr.

In Zeiten der PEGIDA-Demos holt Robert Lehniger für Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher Dresdner Laienspieler auf die Bühne des Staatsschauspiels. Eine gute Idee, findet Tobias Prüwer.

Die Hochkapitalismus-Saga am Schauspiel Stuttgart geht weiter: mit Èmile Zolas Kaufhausroman Das Paradies der Damen. Mareike Mikat hat inszeniert, Thomas Rothschild bedenkt die Sache.

Romanadaption der besonderen Sorte in Graz: Susanne Lietzows Anverwandlung des Wolf-Haas-Bestsellers Verteidigung der Missionarsstellung. Martin Pesl warf sich in den Fluss der Geschichte.

Am Theater Rampe spießen Lorenz Leky und Nina Gühlstorff unser absurdes Afrika-Bild im Kopf auf. Im KoNGOland war Steffen Becker.

Die Performer von Ligna sind Experten auf dem Gebiet der Publikumschoreographie. Diesmal animieren sie die Zuschauer zum Reenactment von historischen Verhaltensweisen aus dem Ersten Weltkrieg – es geht um Die große Verweigerung. Auf sich selbst zurückwerfen ließ sich Falk Schreiber.

Schon Martin Wuttke rannte einst als Fürst Myschkin um jene Vase herum, die auf gar keinen Fall zu Bruch gehen darf. Jetzt eifert ihm am Schauspiel Bremen Alexander Swoboda nach, der den Idioten in Frank Abts Version des Klassikers gibt. Wie es darin zuging, sagt Tim Schomacker.

Das Wintermärchen soll Shakespeares berühmteste Regieanweisung enthalten. Darauf jedoch pfeift Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr und sucht andere Referenzräume. Welche, weiß Martin Krumbholz.

Seit Beginn dieser Spielzeit hat die Esslinger Landesbühne einen neuen Chef: den ehemaligen Hamburger-Schauspielhaus-Intendanten Friedrich Schirmer. Bei ihm setzte jetzt Klaus Hemmerle Jerôme Savarys Realmärchenrevue Weihnachten an der Front in Szene. Verena Großkreutz war dabei.

Ein toter Opa in verdächtiger Uniform führt die Geschichten der fünf Protagonisten von Dirk Lauckes Stück zu jung zu alt zu deutsch zusammen. Aber was haben sie eigentlich gemeinsam? In Nick Hartnagels Inszenierung am Schauspiel Hannover: mindestens das Geworfen-Sein auf die schiefe Ebene, wo sie balancieren und rutschen und sich am Leitmotiv Blut entlang hangeln. Mehr von Tim Schomacker.

Sein eigenes Haus in Dortmund hat Schauspielchef Kay Voges schon in ein avanciertes Theater 2.0 mit Livefilm, Games und Highend-Technik umgebaut. Jetzt zieht er missionarisch in die Theaterlande, so scheint's, und bannt am Schauspiel Frankfurt Tennessee Williams' Südstaaten-Melodram Endstation Sehnsucht auf die Videoleinwand. Ein Seelentheater mit gezielten Bildstörungen sah Grete Götze.

Der Prinz von Homburg am Staatstheater Darmstadt ist vom Hals abwärts gelähmt. Na und? Theaterspielen ist immer der Umgang mit Vorgefundenem. Die Fantasie entzündet sich am Hindernis. Wie es unter diesen Umständen bei Kleist und Preußens im Prinz Friedrich von Homburg zuging, beschreibt Marcus Hladek.

Zeiten des Aufruhrs von Richard Yates buchstabiert die Tristesse der (nicht nur amerikanischen) Mittelschicht genüsslich aus. Alles dabei: Vorortidyll, Eintönigkeit, Frauenopfer. In Leipzig hievt Enrico Lübbe den Roman auf die Bühne. Tobias Prüwer rezensiert die Premiere.

Ruhrpott-Kabarettist Fritz Eckenga ist unter die Dramatiker gegangen. Nicht ganz drei Tage heißt seine scharfzüngige Komödie mit Weltuntergangsanklang, die Ralf Ebeling am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel herausgebracht hat. Friederike Felbeck begab sich in den Ausnahmezustand.

Das menschliche Hirn als austauschbare Schaltzentrale? Einen alten Mythos über die Neuerfindung des Menschen hat Konstantin Küspert in mensch maschine zu einem Wissenschaft- und Bewusstseins-Krimi der besseren Art verwandelt. Das Theater Junge Generation, das in Dresden bald in ein größeres Haus umzieht, hat das Stück nun inszeniert. Mehr darüber von Michael Laages.

"Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt." Goethes Dichterreflexionen des Torquato Tasso gibt es bei Tom Kühnel in Hannover als Haudrauf-Spiele. Und überhaupt wird viel gehauen: auf die Köpfe, auf die Kacke. Jens Fischer zog den Kopf nicht ein.

Verbrieft zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise um1930, im Kurs gestiegen nach der Weltfinanzkrise 2008 ist Bertolt Brechts Börsendrama Die heilige Johanna der Schlachthöfe. In Heidelberg bringt Intendant Holger Schultze das Werk auf die Bühne. Ralf-Carl Langhals war dabei.

Sein oder Nichtsein? Nein! Vielmehr: Was kann man tun bei all der Ungerechtigkeit in der Welt, fragt Marco Štormans assoziationsreiche Hamlet-Inszenierung am Theater Ingolstadt. Mehr von Christian Muggenthaler.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz feiert ihren 100. Geburtstag, aber leider steigen die Toten bekanntlich nicht aus Gräbern. Sondern es ist dann doch Videoschnipselkünstler Jürgen Kuttner, der durch Ach, Volk, du obermieses führt, eine Revue, die die Geschichte des Hauses und die Verführbarkeit des Volks vorführt, zumindest in den guten Momenten. Mehr über die Geburtstagssause von Nikolaus Merck.

Thorsten Lensing ist einer, der nur alle Jubeljahre mal inszeniert. Dann aber mit seinen eingeschworenen Mitstreitern wie etwa Devid Striesow und Ursina Lardi aufs Ganze geht – diesmal auf die Textgebirge von Dostojewskis Karamasow. Wie diese in die Berliner Sophiensaele passten, weiß Eva Biringer.

Leicht verfremdet erzählt Thomas Freyer die Geschichte des NSU-Trios nach – Tilmann Köhler injiziert in seiner Uraufführung von mein deutsches deutsches Land Krimi-Spannung in den Stoff und kommt zu keinem guten Schluss, wie Michael Bartsch zu berichten weiß.

Wenn der Gegenwartsfanatiker Rainald Goetz derzeit keine neuen Dramen liefert, dann muss man halt seine alten spielen. Zum Beispiel Krieg, ein großes deutsches Sprachmassaker von 1987. Wie Hans Dreher das Blut- und Bierbad am Theater Rottstr 5 anrichtet, sagt Sascha Westphal.

Der nächste G7-Gipfel findet im Juni statt, nach Heiligendamm 2007 zum ersten Mal wieder in Deutschland. Die Proteste werden schon mal geübt von Felix Höfner, Asta Nechajute, Janosch Roloff in ihrem Abend Gipfelstürmer am Freien Werkstatt Theater Köln. Über die Simulation berichtet Tilman Strasser.

Sogar Gregor Gysi war (kurzzeitig) dafür, Waffen in den Nordirak zu liefern. Wie sonst als mit Waffen sollte man kurdische Gruppen in ihrem Kampf gegen die Terrormiliz IS unterstützen? Welche Antwort Faktentheatermacher Hans-Werner Kroesinger in seiner Rüstungsindustrie-Befragung Exporting War im Berliner Hebbel am Ufer auf diese heikle Frage findet, sagt Matthias Weigel.

Der Computer ist längst zu unser aller Lieblingsspielzeug avanciert. "Papa, du guckst die ganze Zeit auf das Ding", brachte es Martin Clausens Tochter auf den Punkt und wurde von ihrem Vater damit prompt in seiner Performance Nachts sind das Tiere am Theater Freiburg zitiert. Die Textcollage nach Juli Zeh kreist um Supercomputer, um uns und um das Internet. Mehr von Jürgen Reuß.

Linus Tunström, Stadtttheater-Direktor aus dem schwedischen Uppsala, war bislang recht unbekannt hierzulande. Bald nicht mehr. In Dresden hat er Faust 1 ins Krankenhaus verlegt, Tobias Prüwer kehrte begeistert von der Premiere zurück.

Wenn Volker Lösch sich an Gerhart Hauptmann macht, dann pöbeln die Chöre? Nein! Die Ratten inspirieren Lösch am Düsseldorfer Schauspielhaus zu Individualpöbeleien, dem Chor ist das Klagen vorbehalten. Mehr von Andreas Wilink.

Am Deutschen Theater hat der oberste Pop-Regisseur Stefan Pucher Bertolt Brechts kraftmeiernden Baal durch seinen Bildersampler gejagt. Was dabei hinten herausgekommen ist, schreibt Matthias Weigel.

Flucht-Biografien macht Wajdi Mouawad in seinem Erfolgsstück Verbrennungen eindrucksvoll sichtbar. Für seine Inszenierung in Linz genügen Johannes Matuschka einfache Mittel, weiß Reinhard Kriechbaum.

Alles Eva-Kostüm, oder was? In Oldenburg fallen karnevalsgleich die Hüllen in Martin Laberenz' Inszenierung von Was ihr wollt. Wie die Liebe hier ihre Opfer findet, berichtet Jens Fischer

Im besten Falle bringt Theater Menschen dazu, an sich selbst zu zweifeln. Ihr Flüchtlingsstück-Stück Die Schutzbefohlenen verfasste Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bereits vor zwei Jahren – und war dem politischen Diskurs damit einmal mehr voraus. In Freiburg hat nun Michael Simon das Stück inszeniert, und Kritiker Steffen Becker ins Grübeln über die eigenen Impulse gebracht.

Tschilp tschilp – Kikikikikiwuuuui ui ui – Piep. So einen entzückenden Vogelgesang kann man auf unterschiedlichste Weise versuchen zu konservieren. Anna-Sophie Mahler sucht mit der Gruppe CapriConnection an der Kaserne Basel den Weg des Pianos. Von Schweigen im Walde berichtet Claude Bühler

Wie funktioniert Erinnerung? Wer sind wir? Ist der Mensch nur noch Discount-Ware? Das neue Stück The Past von Constanza Macras fragt nach den Bedingungen von Geschichtskonstruktionen. Im Dresdner Künstlerhaus Hellerau sah Michael Laages die Uraufführung, nun ist das Stück an der Berliner Schaubühne zu sehen.

Mit "Fegefeuer in Ingolstadt" hat die Regisseurin Susanne Kennedy im vergangenen Jahr an den Kammerspielen und auch beim Berliner Theatertreffen einer überaus beklemmenden Form des stillgestellten Steh-Reigens gehuldigt. Lässt sich das noch steigern? Mit Warum läuft Herr R. Amok (nach dem Film von Fassbinder) hat sie es jetzt versucht. Und Michael Stadler restlos überzeugt.

Tschechow mit Down-Syndrom? Geht denn das? Frank Krug und seine drei Darstellerinnen Nele Winkler, Juliane Götze und Rita Seredßus haben es an den Sophiensaelen gewagt. Doch diese Schwestern wollen nicht einfach nur nach Moskau … Von einem eindringlichen Abend berichtet Christian Baron.

Das berühmte Wirtschaftskrisenstück Kasimir und Karoline von Ödon von Horváth aus dem Jahr 1932 rechnet am Einzelschicksal vor, wie die Ökonomie sich liebeszerstörend in die Beziehungen frisst. Die niederländische Theatermacherin Ulrike Quade hat mit ihrer Compagnie die Geschichte nun mit Puppen und Tänzern in Szene gesetzt. Christoph Fellmann berichtet.

Die Frage, wer man ist, kann manchmal schwer zu beantworten sein. Und manchmal führt sie erst recht zur Totalauflösung der Restidentität. Im neuen Stück Die zweieinhalb Leben des Heinrich Walter Nichts von Lukas Linder geht es um Kalamitäten wie diese. Alexandra Wilke hat es uraufgeführt, und Tobias Prüwer sah zu.

Was hat Ellida nur mit dem Wasser? In Henrik Ibsens Die Frau vom Meer, in Emanzipationsfragen durchaus mit der "Nora" verwandt, bleibt das lange in der Schwebe. Dafür geht's zwischen den Eheleuten bald ans Eingemachte. Bei Stephan Kimmig am Deutschen Theater ist vom Wasser nur noch die Dusche übriggeblieben. Für Sophie Diesselhorst blieben weitere Fragen offen.

Ein Mann, der längst die Kontrolle über sein Leben verloren hat, findet im Müll ein Kind. Das verändert alles in Steven Uhlys Romanerfolg Glückskind. Den hat Nicole Oder jetzt am Volkstheater Rostock uraufgeführt. Mit dabei: Juliane Voigt.

In seinem berühmten Roman Deutschstunde, der im Signaljahr 1968 erschien, verhandelte Siegfried Lenz Fragen von Schuld und Pflichterfüllung während der Nazizeit, wog individuelle Verstrickung und Verantwortung gegeneinander auf. Am Thalia Theater hat nun (wenige Wochen nach Lenz' Tod) Johan Simons den Stoff auf die fulminante Bühne von Bettina Pommer gebracht. Katrin Ullmann war bei der Premiere.

Die Geschichte von Amphitryon erzählt unter anderen vom Neid des obersten Göttervaters Zeus bzw. Jupiter auf ein Menschengefühl: die Liebe. Drei große Autoren haben diese Geschichte durch die Jahrtausende jeweils neu erzählt: Plautus, Molière und Heinrich von Kleist. Aus diesen Versionen hat Katharina Thalbach wiederum nun die ihre gestrickt. Eva Biringer kann berichten.

Anfang Dezember kommen die Vereinten Nationen zu einer weiteren Welt-Klimakonferenz zusammen. Wie so eine Veranstaltung funktioniert, untersuchen jetzt schon Rimini Protokoll am Deutschen Schauspielhaus, indem sie ein Konferenzszenario nachgebaut haben und das Publikum als Delegierte aller Länder Klima-Experten begegnen und über Aktionskurse entscheiden lassen. Tim Schomacker musste einen Schurkenstaat vertreten.

Banker-Sause meets Prekariats-Fernsehabend bei Mario Holetzeck, der Andres Veiels "Himbeerreich" und "Alles Gold was glänzt" von Mario Salazar zusammengerechnet hat. Wolfgang Behrens sagt, ob Deutschland. Wunder und Wunden aufgeht.

Wie jeder sich immer neu aus Erinnerungen zusammensetzt, um sich und der Welt eine kontinuierliche Ich-Wahrnehmung zu bescheren, davon handelt À Corps perdu. Blaue Müllsäcke, eine Kletterwand und Masken dienen Sandra Hüller, Alice Gartenschläger und Tom Schneider als Requisiten ihres metaphysischen Tanzstücks in den Münchner Kammerspielen, das Isabel Winklbauer unheimlich anregend fand.

Was machen ein Sudanese, ein Afghane und eine Roma in der norddeutschen Tiefebene? Das ist kein Witz, sondern das Thema von November und was weiter, der neuen Produktion von Das letzte Kleinod, in der zusammen mit Flüchtlingen Fluchtgeschichten erzählt werden. Mehr von Andreas Schnell.

Eine arme Prostituierte aus Osteuropa, ein reicher Banker, der gerne Kokain von toten Enten schnupft, und ein bisschen Zuneigung: Da könnte doch etwas – wenn auch merkwürdig – Schönes bei herauskommen! Nicht mit Kornél Mundruczó: Sein Hotel Lucky Hole ist im Schauspielhaus Zürich ein Hort der völkerverbindenden Abgründe, wo Liebe vor allem Arbeit macht. Mehr von Christoph Fellmann.

Wilhelm Raabes Erzählung Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft gilt als erstes Werk der deutschen Literatur, das die Zerstörung der Natur im Industriezeitalter thematisierte. Armin Petras hat die vergessene wie immer noch gültige Novelle aus der Gründerzeit nun für die Bühne adaptiert. Und spielt in einem Bühnenbild des Malers Martin Eder (unfreiwillig) auch selber mit. Steffen Becker war bei der Premiere.

Berühmt geworden ist Michael Ende mit Kinderbüchern. Er hat aber auch anderes geschrieben, den Erzählungsband "Der Spiegel" zum Beispiel. Jo Fabian hat die surrealistische Geschichtensammlung jetzt als Vorlage für den Abend Der Spiegel in Spiegeln genommen. Ute Grundmann war zugegen.

Eigentlich macht in Göttingen jeder seins: das Deutsche Theater hier, das Junge Theater da. Bei Verrücktes Blut aber, dem postmigrantischen Theater-Hit von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, arbeiten beide Häuser und ihre neuen Teams ausnahmsweise zusammen. Zu welchem Ende, weiß Jan Fischer.

Seit ihrem "Orest" sind sie ein Dreamteam am Münchner Residenztheater: der Regisseur David Bösch und sein Protagonist Shenja Lacher. Mit Henrik Ibsens Frühwerk Peer Gynt begeben sie sich jetzt gemeinsam auf eine bildgewaltige Weltreise Richtung Vulgärkapitalismus und in die Seelengründe eines Mannes, der Entfremdung lebt und mit der Sinnsuche zu spät beginnt. Alles Weitere von Tim Slagman.

Zwei amerikanische Nachbars-Paare, die einander zum Grillen einladen – man kennt das Setting aus Serien, Filmen und jetzt auch aus dem Pulizerpreis-nominierten Stück Detroit von Lisa D'Amour. Caro Thum holt in Münster das Schauspielerfutter aus dieser Grillparty, zur Freude von Sascha Westphal.

Nino Haratischwili, für ihre Sprachmacht gefeierte Autorin, hat in Land der ersten Dinge ein Geflecht ost-westlicher Biografien gewoben. In der Box des Deutschen Theaters erzählt Brit Bartkowiak die Uraufführung mit einem deutsch-slowakischen Ensemble. Ein Gewinn, diese Mischung, findet Simone Kaempf.

Epileptische Anfälle, Vergewaltigung, Megaphongezeter, "Schland"-Rufe – ganz schön was los in Mirko Borschts Inszenierung von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen in Bremen. Beeindruckend! Dennoch hat Andreas Schnell einen Einwand.

Wer hilft weiter, wenn sich der Performer nicht mehr an sein Skript erinnern kann? Das Publikum! Eine eindrucksvolle Form von Interaktionstheater im PACT Zollverein mit Untitled (2014) von Xavier Le Roy sah Friederike Felbeck.

Nymphomaninnen-Sex, schwule Liebe und zum Finale Mord und Totschlag – Seid nett zu Mr. Sloane (Entertaining Mr. Sloane) von Joe Orton war in den 1960ern knallharter Provo-Stoff. Heute ist es eher schriller Boulevardstoff und auch Diskurszündstoff für Regisseur Nurkan Erpulat und sein Team am Berliner Gorki Theater. Den aufgepeppten Klassiker mit dem aktuell schönsten Bühnentod auf Berliner Brettern sah Wolfgang Behrens.

In Wien ist Peter-Turrini-Jubiläumsjahr, das gestern mit Christian Stückls Inszenierung von Bei Einbruch der Dunkelheit im Burgtheater seinen Höhepunkt fand. Oder? Mehr von Reinhard Kriechbaum.

Seelenkalt ist das "American Psycho" der Generation Putin. In Wien hat Ali M. Abdullah den Bestseller von Sergej Minajew nun für die Bühne des neuen Werk X adaptiert. Martin Pesl berichtet.

Weltweit auf Tour, ausgebucht bis 2016, doch in Deutschland noch immer ein Geheimtipp. So kündigt sich das Figurentheater Familie Flöz selbst an. Am Theaterhaus Stuttgart haben sie jetzt ihr neues Stück herausgebracht: Haydi!, ein Flüchtlingsdrama mit Kinderpuppe. Verena Großkreutz sah Slapstick und Melancholie.

Bereits beim Theatertreffen-Stückemarkt 2011 stellte Dmitrij Gawrisch, 1982 in Kiew geboren und als Teenager in der Schweiz aufgewachsen, sein Stück Brachland vor. Es folgt den Brüdern Oleg und Ivan auf ihrer Suche nach einem besseren Leben im Westen, bei der sie in eine Dreierkiste mit einer kinderwunschbehafteten Ärztin hineinrutschen. Jetzt wurde Gawrischs Stück am Theaterhaus Jena von Anestis Azas uraufgeführt. Frauke Adrians war dabei.

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wollte das Zentrum für Politische Schönheit auf die neuen Mauern hinweisen, die um die EU herum entstanden sind. Und auf die neuen Toten, die diese Mauer produziert. Die Aktion Erster Europäischer Mauerfall war spektakulär. Aber sie war auch Theater und also Gegenstand von Theaterkritik. Als Nachtkritikerin unter verschärften Bedingungen war Sophie Diesselhorst dabei.

Als sein liebstes Stück hat Gerhart Hauptmann die Einsamen Menschen bezeichnet. Roger Vontobel hat mit dem Familiendrama in Bochum nun aufs Zeitlose gezielt – und mit Jana Schulz eine Einsame gefunden, wie sie in all dem Weltphantomschmerz der anderen leiser und wuchtiger kaum sein könnte. Sascha Westphal erstattet Bericht.

Ausgerechnet Sibylle Berg, die in ihren jüngsten Stücken immer galliger wurde, hat nun ein Kinderstück geschrieben. Mein ziemlich seltsamer Freund Walter ist ein Auftrag fürs Consoltheater Gelsenkirchen, wo es Andrea Kramer uraufführte. Stefan Keim staunt über ein Happy End.

Was, wenn der eigene Vater zu keinem Vorbild mehr taugt? So ergeht es einer ganzen Generation in Die Vaterlosen, einer Familiengeschichte des 1980 geborenen ungarischen Dramatikers Csaba Mikó, die Michael Lippold in Regensburg zur Uraufführung gebracht hat. Was da zwischen Sand und Einweckgläsern verhandelt wird, weiß Christian Muggenthaler.

Am 25. Jahrestag des Mauerfalls und schon längst im 21. Jahrhundert angekommen, schickt uns Frank Castorf noch einmal zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Knackig wuchern allenthalben die totalitären Bonmots. Ein paar Nazis laufen ebenfalls durchs Bild in Kaputt nach Curzio Malaparte. Dem neuen Castorf-Abend hat über sechs lange Stunden Christian Rakow beigewohnt.

Literarisch bewanderte Menschen wissen natürlich sofort, wen Dirk Laucke mit seinem neuen Stück Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute fortschreibt. Sein Thema: Gewalt, Rassismus und rechtes Denken. Jan Gehler hat die Uraufführung in Stuttgart besorgt. Mit dabei: Adrienne Braun.

"Alle Drohnen stehen still, wenn unser starker Arm es will" heißt es am Ende von Kevin Rittbergers neuem Stück über eine fiese Zukunftsvision für Weimar. Ebenda hat Jakob Fedler Radio Cooperativa uraufgeführt. Zu welchem Ende, weiß Frauke Adrians.

Das abgründig dahinkalauernde Drama Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz kann man auch als Dekonstruktion von Josef Conrads berühmtem Roman "Das Herz der Finsternis" betrachten. Der einst mindestens so berühmt in Hollywood von Francis Ford Coppola dekonstriert worden ist. Nun hat sich Christopher Rüping die Sache vorgeknöpft. Was daraus wurde, sagt Falk Schreiber.

Es muss nicht gleich eine 24-Stunden-Reise sein, wie vor anderthalb Jahren am HAU Berlin. Auf fünf Abende strecken Regisseur Ulf Goerke und das Performance-Kollektiv anstart.org ihr David Foster Wallace Projekt Unendlicher Spaß. Los ging's mit dem Begehren, bei Wallace ein ziemlicher Sprengstoff. Mehr von Petra Hallmayer.

Wie die Revolution ihre Kinder frisst, dafür ist Georg Büchners Dantons Tod immer noch das passende Drama. In Pforzheim lässt Regisseur Murat Yeginer die Figuren und ihre Feindschaften verschmelzen. Mehr über die Sexiness einfacher politischer Lösungen von Steffen Becker.

Pünktlich zum Mauerfalljubiläum befasst sich das Deutsche Theater Berlin mit einer der seltsamsten, schillerndsten, sperrigsten Figuren der deutsch-deutschen Dichterszene: Ronald M. Schernikau wurde im Osten geboren, floh mit seiner Mutter in den Westen und ließ sich im September 1989 in die DDR einbürgern. In Die Schönheit von Ost-Berlin verwirbelt Bastian Kraft Leben und Schreiben dieses Glamkommunisten zu einem wunderbar berührenden, komischen und denkwürdigen Abend, findet Georg Kasch.

Wie funktioniert Erinnerung? Wer sind wir? Ist der Mensch nur noch Discount-Ware? Das neue Stück The Past von Constanza Macras fragt zum geschichtsträchtigen 9. November nach den Bedingungen von Geschichtskonstruktionen. Im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau wurde es uraufgeführt, demnächst wandert es an die Berliner Schaubühne. Mehr von Michael Laages.

Mit Geschäftsideen wie dieser versuchten vor 25 Jahren von der westlichen Wirtschaftsmacht plattgemachte Ostler zu überleben: in den Wäldern eine indianische Schwitzhütte für wohlstandsverwahrloste Westler zuerrichteten. So jedenfalls will es der Plot von Oliver Bukowskis Wendejubiläums-Tragikomödie Indianer, die Christian Pappke uraufgeführt hat. Michael Bartsch war vor Ort.

Kleists Marionettentheater, das kennt man doch noch aus der Schule. In Bram Jansens Oberhausener Version des Käthchen von Heilbronn wird es jetzt – mit verkehrten Vorzeichen – zum Leben erweckt. Die Entdeckung darin: Laura Angelina Palacios in der Hauptrolle. Martin Krumbholz berichtet.

Kein schlechter Werdegang: Mit Anfang 30 inszenierte der Regisseur Jan Philipp Gloger bereits die "Holländer"-Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2012. Jetzt hat er an der Berliner Schaubühne vor schwarzer Wand eine Hipster-Version von Horváths Liebesökonomiestück Kasimir und Karoline herausgebracht und ihm die Atmosphäre des Berliner Clublebens eingehaucht. Esther Slevogt schaute zu.

Was, wenn das Leben keinen Endgegner kennt? In Torsten Diehls neuem Stück splattert sich eine Frau durch ihren trostlosen Alltag. Weil der vorgesehene Regisseur absprang, inszenierte Diehl kurzerhand selbst – am Monsun Theater, Hamburgs ältester freier Bühne. Ein Stück, das wehtut, das sich sperrt, das es einem nicht leicht macht, hat Falk Schreiber dabei entdeckt.

Hedda, dieses Biest! Dieses verwöhnte, verzogene Luxusgör. Diese Manuskripteverbrennerin und Lebenssehnsüchtige. Diese tolle, teuflische Frau. Warum nur bist du so, Hedda Gabler? Das ist die Frage, der sich jede Inszenierung des Ibsen-Dramas stellen muss. Welche Antwort Karin Neuhäuser in Köln darauf findet, sagt Dorothea Marcus.

Im Sommer 2013 wurde Ad de Bonts Wilhelm Tell-Bearbeitung Tahrir, die den Schiller-Stoff im heutigen Ägypten ausrollt, in Mannheim uraufgeführt. Die weiteren Entwicklungen in und um Kairo haben de Bont zu einer Aktualisierung bewogen – Katharina Rupp hat sie nun in ihrem Theater Biel Solothurn zur Uraufführung gebracht. Von postrevolutionären Verwirrungen und schwächelnden Helden berichtet Charles Linsmayer.

Es ist die dritte Inszenierung eines Ingmar Bergman-Films, die Anna Bergmann mit Szenen einer Ehe vorlegt und sich als Feel-Bad-Movie-Expertin langsam einen Namen macht. Den handfesten Rosenkrieg eines Paars im Scheidungsprozess zieht die Regisseurin noch einmal gehörig an. Ein Gang durch die Hölle, der in Lübeck auch ein Gang durchs Theater wird, sehr zur Freude von Jens Fischer.

Das Überwachungsstaat-Stück Allwissen des kanadischen Dramatikers Tim Carlson ist erst jetzt richtig aktuell in Zeiten, in denen sich niemand mehr aufregt, wenn selbst Angela Merkels Handy abgehört wird. Diese Gleichgültigkeit nimmt Johanna Wehner als Ausgangspunkt für ihre Inszenierung am Theater Konstanz. Mehr von Elisabeth Maier.

Es tut uns Leid! Das war gestern wirklich gar nichts mit der heiß ersehnten Premiere von Frank Castorf an der Volksbühne, denn sie hat schlicht und ergreifend nicht stattgefunden. Kaputt nach Kurt Erich Suckert, der sich Curzio Malaparte nannte, musste aufgrund einer Verletzung der Schauspielerin Jeanne Balibar um eine Woche verschoben werden. Sinnigerweise haben wir die entsprechende Nachtkritik gleich mitverschoben.

Was passiert, wenn fünf Frauen auf eine Preisverleihung warten, bei der nur eine gewinnen kann? Richtig: Sie zerfleischen einander. Jedenfalls bei Theresia Walser, komödiengestählte Dramatikerin. Für den Mannheimer Theaterchef Burkhard C. Kosminski hat sie wiederholt Auftragswerke geschrieben, nun also nach bewährtem Strickmuster Herrinnen. Die Uraufführung sah Esther Boldt.

Gerade tourt das palästinensische Ashtar Theatre durch Deutschland: In ihren Gaza-Monologen erzählen Jugendliche vom Alltag zwischen Schule und Terror. Friederike Felbeck ließ sich beeindrucken.

Es ist beileibe nicht die erste Finanzkrisenshow auf deutschen Bühnen, aber es ist eine der unterhaltsamen und zugleich hirnaktivierenden Sorte: Unter dem Titel Gespenster des Kapitals nimmt Hermann Schmidt-Rahmer am Schauspiel Bochum Balzacs Salonkomödie "Mercadet le faiseur" zum Sprungbrett für ein dokumentarisch aufgeladenes, satirisch sprudelndes Horrorspektakel – zur Freude von Stefan Keim.

Eben noch stemmte Sebastian Nübling auf der Suche nach dem Teutonischen eine Nibelungen-Version nach Hebbel ins Berliner Gorki Theater, schon kommt am Thalia Theater Hamburg Antú Romero Nunes um die Ecke, um mit Rheingold / Walküre die erste Hälfte von Wagners Ring-Libretto zu servieren – ohne Musik, aber mit Spaß am Fantasy-Pulp. Wie das ausging, sagt Falk Schreiber.

Als große Fatalismusstudie hat Regisseur Jan Bosse seine Inszenierung von Dantons Tod im Burgtheater angelegt. Eine nicht stillstehende Drehbühne dient als Beschleuniger des unausweichlichen Schicksals; die Marionetten desselben geben unter anderem Joachim Meyerhoff, Michael Maertens und Jasna Fritzi Bauer. Wie sie vergeblich zappeln und fuchteln, beschreibt Kai Krösche.

Videoprojektionen, Schattenspiele, Theaternebel, Schnee, Kunstblut, Windmaschinen, meterhohe Kulissenteile, Drehbühnenbild, Slapstick, Furzen, Kreischen, Ficken: Regisseur Victor Bodó war am Werke. Motel heißt der Trash-Thriller. Puh!, sagt Leopold Lippert.

Wie ein Käfer liegt Gregor Samsa eines Morgens auf dem Rücken. Aber wer sind in Kafkas Erzählung Die Verwandlung eigentlich die Tiere? Das fragte sich wohl Regisseur Andriy Zholdak – wie Sascha Westphal berichtet.

In Lucie Depauws Stück Lilli / HEINER Intra Muros wird eine Geschlechtsumwandlung von innen und außen beschrieben; die DDR dient dabei als Schauplatz. Brit Bartkowiak hat die Uraufführung inszeniert, Shirin Sojitrawalla hat sie gesehen.

Der Nibelungensage den miefigen Deutschland-Mythos auszutreiben, nicht weniger hatte man sich am Berliner Maxim Gorki Theater vorgenommen. Mit geballter postmigrantischer Power zieht Sebastian Nübling den alten Deutschen die Ohren lang. Aber ist das, was er in Der Untergang der Nibelungen dagegenzuhalten hat, wirklich eine Alternative? Fragt sich Esther Slevogt.

Eine kaputte, drogensüchtige und selbstzerstörerische Familie zeigt Eugene O'Neill in seinem Stück Eines langen Tages Reise in die Nacht. Am Theater an der Ruhr tritt Regisseur Roberto Ciulli den Beweis an, dass er den Titel "Magier der Dämmerung" verdient hätte. Mehr von Martin Krumbholz.

Sie wachsen ohne ihre Eltern auf, bei Geschwistern, Tanten oder Großeltern, weil Arbeit anderswo besser bezahlt ist. Die werkgruppe2 nimmt sich in Erdbeerwaisen den Kindern rumänischer Wanderarbeiter an. Ein bewegender Abend am Staatstheater Braunschweig, findet Jan Fischer.

Marie mon amour! Bei Abdullah Kenan Karaca ist Georg Büchners Woyzeck ein zärtlich Liebender – auch wenn er sich dafür Sätze aus den Nachbarwerken leihen muss. Wie der Abend am Münchner Volkstheater gelungen ist, sagt Tim Slagman.

Fremd ist der Fremde nicht nur in der Fremde: In Der Argentinier schildert Klaus Merz die Geschichte eines Schweizers, der in Argentinien zum Tangolehrer wird, wegen seiner Jugendliebe nach Europa zurückkehrt, dort aber nie mehr ganz heimisch wird. Das Argauer Theater Marie hat sich seiner Novelle angenommen, wo Oliver Keller sie inszenierte. Julia Stephan berichtet.

Wem der Walzertakt in die Glieder fährt, der begibt sich unter das Diktat der Gruppe in Stephan Kimmigs Inszenierung von Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald. Als Krisenerscheinung oft inszeniert auf deutschsprachigen Bühnen, entfaltet es seinen unerbittlichen Drive – zumal, wenn ein derart famoses Ensemble aufspielt wie das der Münchner Kammerspiele. Mit dabei: Michael Stadler.

Sibylle Berg hat wieder im großen Tümpel Internet gefischt und einige besonders ätzende Hasstiraden geborgen, die sie in ihrem neuen Stück Viel gut essen einem Männerchor mit Kampftruppen-Ambition in den Mund legt. Wie Rafael Sanchez mit dieser bösen Suada umgeht, weiß Sascha Westphal.

Es ist nun schon die Jahreszeit, wo dieses Wort nurmehr Sehnsucht auslösen kann: Ein Sommernachtstraum. Am Schauspielhaus Zürich findet Daniela Löffner aber wenig Verheißungsvolles bei Shakespeares Liebesverwirrten. Mehr von Claude Bühler.

Die Poetik des Verdachts hat viele Meister: Max Frisch mit seinen Biedermännern und Brandstiftern oder Harold Pinter, zum Beispiel, und jetzt auch Dawn King mit ihrer erstmals in Deutschland aufgeführten Überwachungsparabel Foxfinder. Von einer Stückentdeckung berichtet Willibald Spatz.

Faust nicht als Figur, sondern als Denkbewegung zu verstehen, haben sich Felix Rothenhäusler und Tarun Kade vorgenommen und das Experiment mit einem aus allen Sparten bestückten Ensemble durchgeführt – Faust hoch zehn heißt das Ergebnis und wird beschrieben von Andreas Schnell.

Er ist der schrägste unter den exzentrischen und der exzentrischste unter den schrägen Filmemachern: Wenzel Storch. In Dortmund hat er sich nun ans Theater gewagt und die Stengel und Kelche des erotisch-exotischen Katholizismus ins Visier genommen, und die katholische Jugendliteratur gleich noch dazu. Komm in meinen Wigwam heißt der Abend. Sascha Westphal kam mit.

Geld in der Börse, Leere im Herzen und Champagner auf den Lippen. Die Reederin Wassa Schelesnowa aus der kapitalismuskritischen Feder von Maxim Gorki ist derzeit die Paraderolle für Schauspielgranden. Jüngst in Berlin für Corinna Harfouch, jetzt am Schauspielhaus Hamburg für Maria Schrader. Regisseur Dieter Giesing hat ihr den roten Teppich ausgerollt, nein, das rote Sofa hingestellt, und Jens Fischer sah zu.

Es zischt und brodelt, Ritterrüstungen scheppern, und das Glöckchen der Liebe erklingt auch: in Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn. Wie Kölns Intendant Stefan Bachmann Spektakel und Liebesgeschichte zu fassen kriegt, weiß Martin Krumbholz.

Ungarn hat für aufsässige Theatermacher derzeit nicht viel übrig – vor allem kein Geld. Das und andere Missstände sind für Árpád Schilling und sein Ensemble Krétakör Anlass für einen äußerst wütenden Abend: A Párt – Die Partei – The Party. Reinhard Kriechbaum nahm ihn beim Steirischen Herbst in Augenschein.

Sie ist bekannt und gefürchtet dafür, dass es in ihren Performances drastisch zugeht, dass uriniert und masturbiert wird und der Zuschauer vor interaktiven Herausforderungen nie sicher sein kann. Jetzt hat sich die amerikanische Provo-Queen Ann Liv Young beim Steirischen Herbst eine Playlist für die antike Racheheldin Elektra zusammengestellt. Wie sich das Ganze anhörte und ausnahm, sagt Leopold Lippert.

Tiefschwarz sind die Geschichten zweier Kriegskinder, die Ágota Kristóf in ihrem Roman "Das große Heft" erzählt. Mit The Notebook haben die britischen Erzähltheaterveteranen Forced Entertainment sie als Kopfkino für die Bühne adaptiert und gastieren damit jetzt im Berliner HAU. Friederike Felbeck sah die Aufführung bereits im Mai auf PACT Zollverein in Essen.

Manche Regie-Quereinsteiger wechseln aus dem Schauspielfach, andere aus der Tischler-Werkstatt. Und noch andere von der Oboe. So Christoph Marthaler, der vor seiner Regiekarriere Musik studierte und als Theatermusiker arbeitete. Für sein neues Stück Tessa Blomstedt gibt nicht auf hat er wahre Perlen der deutschen Liedkunst ausgegraben. Atemlos! Geht es durch Datingportale und Heiratsvermittlungen, weiß Simone Kaempf.

Vielleicht stehen wir dem von Edward Snowden aufgedeckten NSA-Skandal auch deshalb so hilflos gegenüber, weil er so wenig greifbar ist. Weil wir uns kein Bild von ihm machen können. Am Badischen Staatstheater haben der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der Schauspieler Thomas Halle und der Autor und Dramaturg Konstantin Küspert daher mit dem Projekt Ich bereue nichts nach Bildern gesucht, die das Unfassbare fassbar machen. Ob sie fündig wurden, weiß Georg Patzer.

Beim Melodram-Vollender Douglas Sirk haben sich schon viele bedient, Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel. Auch Thiemo Strutzenberger, Jahrgang 1982, der in Hunde Gottes Mittelschichtsängste mit Renaissance-Namen kreuzt, schöpft mit vollen Händen die Emotions-Sahne ab. Am Wiener Schauspielhaus hat Barbara Weber sein Stück zur Uraufführung gebracht. Reinhard Kriechbaum berichtet.

Auch das Kondensat Ödipus Stadt, das John von Düffel für Berlins Deutsches Theater aus vier antiken Dramen kondensierte, neigt zur Soap in seinem Schnelldurchlauf durch den Untergang der Labdakiden. In Nürnberg unterstreicht das die Schicksalsrutsche in Klaus Kusenbergs Inszenierung. Dieter Stoll war dabei.

Wie kann man den Ausbruch des Ersten Weltkriegs anders erzählen? Franzobel nimmt in Sarajevo 14 oder Der Urknall in Europa sieben Gefängniswäscherinnen zu Hilfe, die sich so eingesperrt fühlen wie die serbischen Nationalisten. Fabian Kametz hat das Stück am Tiroler Landestheater uraufgeführt. Mehr über diese Art der Geschichtsschreibung von Martin Jost.

Unter keinem guten Stern steht Johan Simons' Inszenierung von Genets Die Neger, die nun seit gestern auch an den Münchner Kammerspielen läuft. Reinhard Kriechbaum sah für uns die Premiere in Wien bei den Festwochen. In Hamburg fand am Freitag eine Podiumsdiskussion über die Inszenierung, Rassismus-Vorwürfe und die Sicht des Theaters statt. Falk Schreiber hat kopfschüttelnd zugehört.

Die Experten des Alltags sind diesmal zu Hause geblieben. Stattdessen hat sich Stefan Kaegi von Rimini Protokoll selbst aufgemacht und Rechercheergebnisse importiert. In Volksrepublik Volkswagen untersucht er Parallelen der Produktions- und Denkweisen eines global operierenden Konzerns und eines totalitär organisierten Riesenreichs. Alexander Kohlmann berichtet.

Ein verwitweter Vater und seine drei Söhne. Die tote Mutter spukt auch noch irgendwo in dem bürgerlichen Wohnzimmer herum. Es ist Weihnachten und die südkoreanisch-amerikanische Dramatikerin und Regisseurin Young Jean Lee bittet in Straight White Men beim Steirischen Herbst zur Familienaufstellung. Mehr von Leopold Lippert.

Fast zwanzig Jahre alt ist Sarah Kanes Zerbombt. Damals ein britisches New Play, das radikaler als andere verdeutlichte, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf das private Zusammenleben auswirken. Nun hat Julia Heinrichs das Stück in Memmingen inszeniert – und stößt auf Ängste von heute, freut sich Willibald Spatz.

Mitten in die Gemengelage der Weimarer Republik hinein schrieb Ernst Toller 1927 sein Revolutionärsdrama Hoppla, wir leben!. Uraufgeführt wurde es von Bühnentechnikavantgardist Erwin Piscator – eine Inszenierung, die auch im Setting von Anne Lenks intensiv formalisierter Neuerkundung am Münchner Residenztheater nachwirkt. In Augenschein genommen hat sie Cornelia Fiedler.

Wie ausrechenbar sind wir? In welche Schublade steckt mich mein Sitznachbar? Welche App hilft mir beim Leben? Die Off-Gruppe Turbo Pascal, spezialisiert auf theatrale Experimente mit Mitmachtouch, unterzieht ihr Publikum bei Algorithmen in den Berliner Sophiensaelen einer Art spielerischer Rasterfahndung. Wo er dabei zum Beispiel in Sachen "geilstes Outfit" einsortiert wurde, verrät Wolfgang Behrens.

Jüngst mit dem Kleist-Förderpreis prämiert, vor Kurzem bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt, jetzt in Braunschweig zu sehen: Jenny Jannowitz. Oder: Der Engel des Todes von Michel Decar ist ein irrwitziger Blick in unsere endlos beschleunigte Arbeits- und Lebenswelt. Sascha Westphal besprach die Recklinghausener Premiere.

Ein superg... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche. Ihre Die kosmische Oktave ist ein Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus, eine Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere, die derzeit auf Kampnagel gastiert. Die Berliner Premiere hatte André Mumot gesehen.

Warum redet man bei der Frau eigentlich von der Scham, während es beim Mann mit der Scham schon nach dem Schamhaar vorbei ist? Fragen, wie sie Katja Brunner, Mülheim-Siegerin 2013, in Die Hölle ist auch nur eine Sauna stellt, wo sie wild durch die Geschichte der weiblichen Unterdrückung eilt von Pocahontas zu Josef Fritzl. Hausherrin Marie Bues hat das Stück jetzt am Theater Rampe uraufgeführt. Mit dabei: Verena Großkreutz.

Drei Gattinnen von abgehalfterten Diktatoren versammeln sich zu einer Press'konferenz anlässlich der Verfilmung ihres Lebens. Ein Dolmetscher vermittelt. So will es der Plot von Theresia Walsers Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel. Die Regisseurin und frühere Schaubühnen-Schauspielerin Tina Engel hatte im Renaissance-Theater drei wahrhaftige Star-Aktricen zur Verfügung. Nebst eines früheren "Tatort"-Kommissars. Wie das Ganze ausging, berichtet André Mumot

In der hohen Bühnenschachtel bilden Blinklichter das Wort Dust = Staub, während vorn der silbrige Vorhang die Buchstaben Pur-Pur zweiteilt. Purpurstaub, so hieß Sebastian Hartmanns O'Casey-Inszenierung noch, als sie im Mai bei den Ruhrfestspielen herausgekommen ist. Doch weil sie zuviel Hartmann und zuwenig O'Casey enthielt, heißt sie bei der Stuttgarter Premiere jetzt nur noch Staub. Andreas Wilink sah noch die Recklinghausener Version.

Alles Sehnsüchtige und Suchende in Tschechows Drei Schwestern, ein Leben suchend, größer und schwerer, als sie es tragen können. Ein wenig revolutionäre Energie gibt Regisseur Tilmann Köhler ihnen mit in seiner Dresdener Inszenierung, die mit einem starken Schwesterntrio Irina, Mascha, Olga aufwartet. Christian Rakow sah Frauen, die nach dem Schlüssel fragen, aber den Hammer meinen.

Fast vier Jahre ist es her, als sich Samuel Koch bei "Wetten dass ..." schwer verletzte. Die ZDF-Show ist bald abgespielt und Samuel Koch inzwischen Schauspieler im Darmstädter Ensemble. Welche Rolle er in Moritz Schöneckers Inszenierung von Madame Bovary spielt, weiß Esther Boldt.

Neuer Abend von René Pollesch, gewohnt langer Titel: Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist. Und mit der Schauspielerin Astrid Meyerfeldt ist in Stuttgart eine alte Weggefährtin dabei, die mehr explizit als implizit definiert, was Arbeit nun wirklich ist. Mehr von Thomas Rothschild.

Heinz Rennhack, im DDR-Fernsehen bekannt durch "Spuk im Hochhaus" oder "Ein Kessel Buntes", steht nach wie vor regelmäßig auf der Bühne. Zum Beispiel als Der Geizige von Molière. Und ist weit davon entfernt, sich auf seinem Promi-Faktor auszuruhen, meint Frauke Adrians.

Die Debatte hatte schon vor der Premiere von Johan Simons' Inszenierung bei den Wiener Festwochen mit der Frage begonnen, ob "Les Nègres" im Deutschen Die Neger heißen dürfen. Danach wurde gefragt, ob Simons das Stück überhaupt verstanden habe. Seit gestern läuft die Inszenierung am Schauspielhaus Hamburg. Reinhard Kriechbaum hatte für uns aus Wien berichtet.

Den Brüder-Grimm-Preis hat das Autorenduo Nolte Decar für ihre zärtlich-komische Jugendballade Das Tierreich bekommen und im Mai damit beim Heidelberger Stückemarkt für Aufsehen gesorgt. Ihr "Frühlings Erwachen" ohne Muff und Moral hat jetzt Regisseur Gordon Kämmerer am Schauspiel Leipzig uraufgeführt – mit grotesken Köpfen, Schmetterlingsflügeln und ordentlich Bühnennebel. Ute Grundmann ist begeistert.

Unglückselige Krone. Ihre Träger treibt sie im Laufe des Abends an ihre Grenzen, so auch in Königsdramen 1 – Träume, einem mehrteiligen Shakespeare-Projekt von Alice Buddeberg am Theater Bonn, basierend auf Thomas Melles Übersetzung der Rosenkriege. Wie die Herrscher hier über die Stränge schlagen, weiß Tilman Strasser.

Drei Wochen nach der großen Kriegstrauma-Deutung von Leander Haußmann am Berliner Ensemble bringt Sebastian Hartmann am Deutschen Theater ebenfalls Georg Büchners Woyzeck heraus, ganz anders, als Pas de deux mit viel Kraftprotz und reichlich Heiner Müller. Wie energetisch es wurde, weiß Matthias Weigel.

Wenn ein neuer Intendant seinen Einstand mit der Uraufführung einer Autorin gibt, mit der ihn eine lange Arbeitsbeziehung verbindet, darf man das programmatisch lesen. Was ist also dran an Erich Sidlers Inszenierung von Rebekka Kricheldorfs Homo Empathicus am Deutschen Theater Göttingen? Jan Fischer klärt auf.

Orts- und Weltgeschichte verspricht das Spektakel Born with the USA auf dem ehemaligen US-Militärhospital in Heidelberg. Lothar Kittstein führt durch den "Underground" des Hauses, Tim Price untersucht "Die Radikalisierung des Bradley Manning". Und Elisabeth Maier notiert Nachtkritisches.

Hier der Wertewahrer Baron von Trotta, der dem österreichischen Kaiser Franz Joseph das Leben rettete. Auf der anderen Seite der Kriegsinvalide Pum. Philipp Hauß führt in Radetzkymarsch und Die Rebellion zwei Erzählungen von Joseph Roth zusammen, um von der verblassenden Monarchie im Ersten Weltkrieg zu erzählen. Mehr über diesen Untergang von Martin Thomas Pesl.

Was haben Deutsche und Chinesen schlimmstenfalls gemeinsam? Den Gleichschritt. Jedenfalls die fünf Tänzer der chinesischen Compagnie Paper Tiger Theater Studio und die fünf Schauspieler der Münchner Kammerspiele, die dortselbst unter Anleitung von Regisseur Tian Gebing in Totally Happy das Problem der Masse in beiden Kulturen ausloten. Mit dabei war Sabine Leucht.

Zeitgenössische Dramatik und neue Musik will das Schauspielhaus Wien in dieser Saison zusammenführen. Den Auftakt machen Anja Hilling, Felicitas Brucker und die Elektro-Composer  Mouse on Mars. Sinfonie eines sonnigen Tages heißt ihr Projekt, in dem Stimmen aus Erster und Dritter Welt zusammenkommen. Mehr über das Miteinander von Theresa Luise Gindlstrasser.

Der Vor 25 Jahren zerfiel die DDR – und damit standen viele Menschen im Osten plötzlich ebenso ohne Auftrag da wie die Revolutionäre in Heiner Müllers Der Auftrag. Das hat sich nun Roland May in Plauen vorgeknüpft. Und siehe da: Es staubt nicht, findet Michael Bartsch.

In Uwe Tellkamps Der Turm steht zum Schluss der junge Christian in NVA-Uniform den demonstrierenden Massen gegenüber, die sich im Wendeherbst auch in Dresden formierten. Die Bild- und Film-Dokumente sind immer noch im Gedächtnis, und Regisseur André Rößler stellt sie den Schauspielern gegenüber in seiner Inszenierung am Theater Vorpommern. Mehr darüber von Juliane Voigt.

Wenn sie nicht gerade spielen, lässt Stephan Rottkamp die Schauspieler in der schwarzen Flucht des monumentalen Bühnenbildes im Staatstheater liegen, wie fallen gelassene Gliederpuppen. Wenn sie spielen, dann spielen sie Hamlet von William Shakespeare. Stoboskope blitzen, Gitarrensounds dröhnen. Was sonst noch geschah, sagt Jan Fischer.

Der erste Dichter am Platze im ersten Haus am Platze, sozusagen: angerichtet vom Nationaltheaterintendanten höchstselbst. Hasko Weber hat den Romanstoff Lotte in Weimar dort inszeniert, wo die Geschichte des Wiedersehens von Goethe und Charlotte Buff bei Thomas Mann schon spielt – im berühmten Hotel Elephant. Zum Theaterbesuch wird auch ein Menü gereicht. Frauke Adrians gekostet.

Im Gedenken an Dimiter Gotscheff und von Gotscheff-Dramaturg Ivan Panteleev inszeniert, geben Samuel Finzi und Wolfram Koch ihr Pingpong-Match der abgründigen Komik: Warten auf Godot. Am DT feierte die Ruhrfestspiel-Koproduktion jetzt Berlin-Premiere. Andreas Wilink sah sie in Recklinghausen.

Die Textfelder sind bestellt, auf dass die Bühne reiche Ernte einfahre. Wenn Regisseur Johan Simons und Dichterin Elfriede Jelinek zusammenfinden, sind Ertragsrekorde zu erwarten. Im neuen Stück Das schweigende Mädchen geht es um die NSU-Prozesse, um Christus, um Engel, um Erbsünde, Erbschuld und Erbschaftsamt, mithin um alles zwischen Himmel und Ackerboden. Tim Slagman lauschte den Worten der Prophetin.

Die Tradition des großen Eröffnungsstaffellaufs hat der neue Intendant des Neuen Theaters Senftenberg Manuel Soubeyrand von seinem Vorgänger Sewan Latchinian übernommen – wie sich sein erstes Jahr100Spektakel u.a. mit Heiner Müller, Werner Buhss und ein bisschen Brecht gestaltet hat, weiß Hartmut Krug.

Als Experte für expressives Körpertheater hat sich Andrej Woron in Konstanz Kafkas Romanfragment Amerika vorgenommen. Elisabeth Maier begab sich in faszinierende Bilderwelten.

Das Rot des Kunstbluts ist die einzige Farbe, die Gero Vierhuff in seiner Macbeth-Inszenierung am Theater für Niedersachsen erlaubt. Was das für einen Effekt hat und was für Effekte sonst noch zum Einsatz kommen, beschreibt Leonie Krutzinna.

Der Steirische Herbst hat Jan Lauwers und seine Needcompany um eine Nabelschau gebeten, um eine Auseinandersetzung damit, was sie da eigentlich machen – Kunst. Und ist für seine kühne Herausforderung der Selbstreferentialität mit All Tomorrow's Parties I-II belohnt worden, einem Abend, an dem die Sinnfrage tanzend, musizierend und Bilderrätsel produzierend beschworen wird. Reinhard Kriechbaum ließ sich sogar vom Happy End überzeugen.

Ein Teil der Gans von Martin Heckmanns aus dem Jahre 2007 lag bisher als totaler Flop in der Stückelandschaft herum. Im Theater Neumarkt hat sich die Heckmanns-Spezialistin Simone Blattner der misshandelten Komödie und gleich dazu des kriselnden Theaters angenommen. Mit welchem Ausgang, verrät Julia Stephan.

Hippie, Sektenguru, Antiestablishment-Ikone und Massenmörder – ein volles Kerbholz und viel Theaterstoff bietet Charles Manson, findet zumindest Stefan Pucher, der ihm mit dem Musical Charles Manson: Summer of Hate am Thalia huldigt. Mit dabei die Indie-Rocker von "Trümmer" und Nachtkritiker Jens Fischer.

Was, wenn Richard III. keine Shakespeare-, sondern eine Tschechow-Figur wäre? Das scheint sich Robert Borgmann in seiner Inszenierung des Königsdramas am Staatsschauspiel Stuttgart gefragt zu haben. Mutmaßt Verena Großkreutz.

Ein Mythos, für den Osten allemal: Spur der Steine, vor 50 Jahren von Erik Neutsch als Roman verfasst, 1966 von Frank Beyer legendär verfilmt und von der SED sogleich verboten. Cornelia Crombholz schlägt mit dem Klassiker jetzt als Schauspieldirektorin in Magdeburg auf. Ute Grundmann sah Arbeiter mit Muckies.

Die Kinder der Sonne haben Sinn für die höchsten Werte der Menschheit und ein gerütteltes Maß an Ignoranz für die Belange der Arbeiterklasse. Am Münchner Volkstheater hat Csaba Polgár, Regisseur der HOPPart Company aus Budapest, Maxim Gorkis Drama aus dem vorrevolutionären Russland anno 1905 mit Musik, Slapstick und einem neuen Ende ins Heute gebracht. Wie überzeugend, sagt Sabine Leucht.

Christoph Winkler hat sich mit seinen politischen Choreographien jüngst eine Nominierung für den Faust-Theaterpreis erspielt. Mit seinem Tänzer Ahmed Soura durchleuchtet er jetzt in Hauptrolle am Ballhaus Ost Diversitätsfragen und die Ensemblepolitik am Stadttheater. Eva Biringer war dabei.

Alle Hierarchien aufgeben. Raus an einen Ort, an dem die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum, Akteur und Zuschauer aufgehoben ist. Wo zwei nackte Schauspieler wie Adam und Eva spazieren. Dorthin jedenfalls nimmt einen Claudia Bosse am Forum Freien Theater Düsseldorf mit in catastrophic paradise. Ein Fall höherer Entgrenzung oder doch Scharlatanerie? Mehr von Martin Krumbholz.

Ivo Dimchevs verausgabende Performances vergisst man so schnell nicht, auch sein neues Projekt Icure  nicht. Erst beschwört er darin positive, selbstheilende Kräfte. Dann stößt er in Bereiche, in denen Heilkuren längst keine Lösung mehr sind. Derzeit gastiert "Icure" beim Festival Off Europa in Leipzig. Theresa Luise Gindlstrasser sah die Premiere in Wien.

Als "Regisseurin des Jahres" darf sich Karin Henkel seit ein paar Wochen dank der Umfrage einer Theaterzeitschrift fühlen, und mit diesem Rückenwind hat sie nun am Deutschen Schauspielhaus Ibsens John Gabriel Borkman in Szene gesetzt, mit Stars wie Lina Beckmann und Julia Wieninger. Einen grotesk zugespitzten Geschwisterzwist entdeckte Tim Schomacker.

Gerade erst wurde Thom Luz zum Nachwuchsregisseur des Jahres erkoren, jetzt legt er einen weiteren seiner versponnenen Musik-Theater-Abende vor: In einem Treppenhaus spürt er dem Scheitern in Judith Schalanskys poetischem Bilderbuch Atlas der abgelegenen Inseln nach. Jan Fischer stand im Nebel.

Eine Ur- und Frühgeschichte heutiger Machtstrukturen hat Peter Handke 1973 in seinem Manager-Stück Die Unvernünftigen sterben aus erzählt. Alexander Riemenschneider hat es in Bochum ausgegraben und seziert. Mit dabei: Friederike Felbeck.

Für seine Inszenierung von Hermann Hesses Das Glasperlenspiel hat sich Regisseur Martin Nimz der Unterstützung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie versichert. Heraus kam mediales Total-Theater, dem sich Elisabeth Maier aussetzte.

Your Lover Forever – kein Beatles-Lied, sondern Goethes Unterschrift in Briefen an Charlotte von Stein. Weil von der Dame wiederum keine Schreiben erhalten sind, haben 14 Autorinnen Nachdichtungen verfasst, unter ihnen Sibylle Berg und Kathrin Röggla. Lily Sykes' Inszenierung des Briefreigens hatte jetzt am Schauspiel Frankfurt Premiere. Von der Weimarer Premiere berichtete Frauke Adrians.

Die BBC-Serie "Sherlock" katapultiert den berühmten Ermittler mit rasenden Bildern und psychedelischem Sound ins London des 21. Jahrhunderts. Ähnlich verfährt Sebastian Baumgarten am Schauspiel Zürich mit Dostojewskijs Schuld und Sühne-Held Raskolnikow, den er im Russland unserer Zeit aussetzt. Welche Assoziationen das zündet, beschreibt Christoph Fellmann.

Früher war Brasilien nicht nur Land der Fußball- und Samba-Träume, sondern ganzer Lebensentwurfsträume. In Hamburg, der alten Auswandererstadt, sucht Karin Beier mit Pfeffersäcke im Zuckerland & Strahlende Verfolger das Deutsche Wesen in Brasilien – mit einem neuen Jelinek-Text. Falk Schreiber war dabei.

Wenn in Rostock jetzt die "Titanic" Volkstheater untergeht, ist das hoffentlich kein böses Omen: Intendant Sewan Latchinian inszenierte für den Achteinhalb-Stunden-Marathon 1. Stapellauf. Neubeginn neben der Mitmach-Oper von Wilhelm Dieter Siebert auch "Ingrid Babendererde" nach Uwe Johnson und "Wie im Himmel" von Kay Pollack. Hartmut Krug erlebte ein starkes Signal.

Liebesdrogen? Dauerparty? Rausch? Die Schnittmengen zwischen Shakespeares Ein Sommernachtstraum und Andy Warhols legendärer Silver Factory sind groß, findet Regisseur Alex Rigola in Düsseldorf. Dorothea Marcus hat die Warhol-Promis entschlüsselt.

In der Wirtschaftskrise versucht eine junge Frau, sich eine Existenz als Vertreterin aufzubauen. Natürlich wird das nichts, in Ödön von Horváths Drama Glaube Liebe Hoffnung. Mit seiner Hofffnungslosigkeit ist es aber ein Idealstoff für den Hoffnungslosigkeitsanbeter Andreas Kriegenburg. Esther Boldt berichtet.

Seine Berliner "Wassa Schelesnowa" wurde jüngst als Schauspielertheater gefeiert. Nun nimmt sich Stephan Kimmig am Schauspiel Bochum wieder einen russischen Klassiker vor: Tschechows Onkel Wanja erinnert äußerlich an die legendäre Inszenierung Jürgen Goschs. Ob sich auch deren Gefühlskraft entfaltet, sagt Sascha Westphal.

Ein junger Mann fährt durchs Land und stößt auf lauter rätselhafte, verführerische, gräßliche Gestalten. Sinti und Roma haben seit jeher mit solchen Zuschreibungen zu kämpfen, mit Ausgrenzung, Exotisierung. Der polarisierende Regisseur Volker Lösch hat sich nun Homers Odyssee bedient, um unseren Blick auf die "Zigeuner" offenzulegen. Mit auf die Reise ging ein begeisterter Martin Krumbholz.

Am Jungen Theater Göttingen startet ein neues Team um den selbst noch recht jungen Intendanten Nico Dietrich. Zum Auftakt hat man sich gleich an einen Jahrhundertstoff gewagt, an Erich Maria Remarques Weltkrieg-I-Roman Im Westen nichts Neues. Womit das Theater recht gut dasteht, meint Michael Laages.

Im Film-Business hat der Regisseur Philipp Stölzl sicher so manchen Special Effect kennengelernt. Bei seiner ersten Schauspiel-Inszenierung (nach diversen Opern) hievt er nun den Spezialeffekt schlechthin auf die Bühne: das Monster. Aus Mary Shelleys Frankenstein. Schauer des Mitleids durchrieselten Claude Bühler.

Antonius als kühle Millitärfigur, Kleopatra als exotische Ziege: Regisseur Patrick Schlösser haut Shakespeares Antonius und Kleopatra ganz schön auf die Zwölf. Wieso dann aber plötzlich Flüchtlinge auftreten, weiß Jens Fischer.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, mit dieser wohlbekannten Frage von Edward Albee eröffnet Martin Kušej die Spielzeit an seinem Residenztheater München und lässt vier Schauspieler, darunter die "des Jahres" Bibiana Beglau, im White Cube in Liebe fallen. Und wieder aufstehen. Und weiterhauen. Glatte zwei Stunden lang – die Petra Hallmayer erlebt hat und beschreibt.

Steven Spielberg hat in seinem Film Minority Report nach Philip K. Dick eindrücklich die Frage nach dem freien Willen gestellt. In Dortmund hat Klaus Gehre den Film nun nicht nur mit Live-Cam-Techniken nachgestellt, sondern das Publikum auch noch per Abstimmungs-App einbezogen. Kommt er so dem Algorithmus des Zuschauerwillens auf die Spur? Dorothea Marcus weiß die Antwort.

Heiner Müller wird gar nicht mehr so oft gespielt, aber wirklich ganz selten sieht man – dem prägnanten Titel zum Trotz – Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei. Umso schöner, dass Pedro Martins Beja es jetzt am Theater Osnabrück gelungen ist, in dieses Stück gleichsam den ganzen Müller hineinzupacken. Kai Bremer ließ sich einnehmen.

Die Sexbilder in den Magazinen werden immer hochglanziger, der Sex daheim immer fader. Grund genug für die gefeierte Stückentwicklerin Yael Ronen und ihr Ensemble in ihrer neuen Arbeit für das Maxim Gorki Theater Berlin Erotic Crisis etwas theatrale Paardiagnostik, womöglich gar Paartherapie zu leisten. Wolfgang Behrens schaute ins Liebesleben der Elementarteilchen.

Intendanzauftakt von Uwe Eric Laufenberg in Wiesbaden, und der neue Mann in der Hausregie Thorleifur Örn Arnarsson handelt sich gleich mal ein paar Buhs ein, und das mit einer Dreigroschenoper von Brecht! Dabei ist der Regisseur doch ein begnadeter Bilderfinder, wie Shirin Sojitrawalla sagt.

Subbotnik, das war der samstägliche, mehr oder weniger freiwillige Arbeitseinsatz in der Sowjetunion. Subbotnik, so heißt heute eine in NRW derzeit ziemlich angesagte Performancegruppe, die sich jetzt am FFT Dostojewskis Traum eines lächerlichen Menschen vorgenommen hat. Zu welchem Ende, weiß Martin Krumbholz.

Dänemark in Überwachungskamera-Ästhetik? Shakespeares Story gibt das her. Videokünstler Daniel Hengst und Regisseur Kay Voges lassen ihren Hamlet am Theater Dortmund konsequent für die Leinwand spielen, schaffen per Live-Cam und Verpixelung beeindruckende visuelle und akustische Momente. Und am Ende holen sich die Schauspieler ihren Applaus per Twitter ab. Mehr darüber von Friederike Felbeck.

Die Schlägereien mit Todesfolge in deutschen Großstädten waren der Anlass für Sebastian Nübling und den Choreographen Ives Thuwis, "von Wut, Ohnmacht und den Sehnsüchten junger Männer" zu erzählen. In getanzten Bildern. Anne Peter war bei der Premiere von Fallen vor dem Berliner Gorki Theater.

Sex, Drogen und Konsum sind in Aldous Huxleys Zukunftsroman Schöne neue Welt zur Pflicht erklärt. Roger Vontobel entwirft auf seiner Grundlage am Staatsschauspiel Dresden das Gesellschaftsbild einer Hochtechnologie-Welt. In einem bestechenden Bühnenbild, berichtet Tobias Prüwer.

Satte 6 Stunden dauert die Zukunftsreise durchs Ruhrgebiet Die 54. Stadt. Inspiriert ist der Marathon von Jörg Albrecht und realisiert von einem erlesenen Kreis freier Szene-Gruppen: kainkollektiv, LIGNA, Invisible Playground und copy & waste. Sascha Westphal schnürte seine Wanderschuhe.

Komödie will er, soll er kriegen, hat sich radikal-Jungregisseur Sebastian Kreyer für seinen Tschechow gesagt und Die Möwe cool mit Swimmingpool ins Schauspiel Bonn gewuchtet. Martin Krumbholz sah das Spiel.

Der Rollkragen macht sie längst nicht alle gleich. Antonio, der Kaufmann, ist Migrant und Shylock, und wär er weiß wie Schnee, hat als Jude eh keine Chance. Marc von Henning erzählt Shakespeares Kaufmann von Venedig als Kampf zweier Außenseiter. Juliane Voigt sah die Premiere.

Den Schutzsuchenden vor der Festung Europa verleiht Elfriede Jelinek in Die Schutzbefohlenen eine Stimme. Nicolas Stemann hatte damit in Mannheim das Festival "Theater der Welt" eröffnet, von dem Esther Boldt berichtete. Seit gestern ist die Arbeit am Thalia Theater Hamburg zu sehen.

Das Schwarzbuch der Sozialdemokratie legen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am Deutschen Theater vor: vom Ersten Weltkrieg bis zu Hartz IV – ein ewiges Andienen an die Macht. Zur Dramatisierung ihrer tiefroten SPD-Bilanz haben sie sich Carl Sternheims frühe Abrechnung mit dem Arbeiterkampf Tabula rasa gegriffen und lang nicht gehörtes linkes Liedgut beigegeben – und fertig ist ein spannender Theaterabend, wie Sophie Diesselhorst findet.

Echte Synchronschwimmerinnen der Melancholie sind die Drei Schwestern von Anton Tschechow. Bei Barbara Frey am Zürcher Schauspielhaus geht es mit ihnen noch ganz lustig los, aber dann... Mehr von Valeria Heintges.

Was ist also so lustig an Friede, Freude, Eierkuchen? René Pollesch ist auf den alten Elvis Costello und die Flowerpower-Ingredienzien gekommen (Love, Peace and Understanding). Er mixt Bewährtes von Slavoj Žižek dazu und lässt den Diskurscocktail in House for Sale von einem Tschechow'schen Schwestern-Trio um Sophie Rois, von Herbstlaub umweht, an der Rampe der Berliner Volksbühne servieren. Ob's prickelte, weiß Esther Slevogt.

Zu hart studiert, und dann auch noch mit Drogen experimentiert. Johann Wolfgang Goethes Faust wird bei Claudia Bauer am Konzert Theater Bern zum faszinierenden Höllentrip, berichtet Geneva Moser.

Er schafft Theater für den geplagten Städtebewohner, er zeigt Kontaktsuche und -verlust im Zeitalter 2.0 und hat doch die Sehnsucht nach Romantik nicht aufgegeben: Der Autor und Regisseur Falk Richter kreierte seinen neuen Tanzabend für die Schaubühne Never Forever mit dem Choreografen Nir de Volff und seiner Compagnie Total Brutal. Dass es gar nicht so brutal wurde, weiß Simone Kaempf.

Das Wort "Wutbürger" ist so schnell wieder aus der Mode gekommen, wie es plötzlich im allgemeinen Sprachgebrauch gewesen war. Die Hamburger Kammerspiele könnten ihm eine kleine Renaissance bescheren, denn Harald Clemens Inszenierung von Zorn der australischen Erfolgsautorin Joanna Murray Smith lädt in Wutbürgers Wohnzimmer. Katrin Ullmann hat sich reingetraut.

"Jawohl, Herr Hauptmann", hieß es schon 1836 beim Militär. Es ist der Satz, den Georg Büchner seinen armen Schlucker Woyzeck am häufigsten sagen lässt. An den Umgangsformen scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Und sonst? Fragt Regisseur Leander Haußmann, der am Berliner Ensemble die Truppen aufmarschieren und negative Energie produzieren lässt. André Mumot ist beeindruckt.

Wo ist das aktuelle Krisengebiet? Ukraine? Irak? Syrien? Man kann schonmal den Überblick verlieren. Auch im Wiener Akademietheater, wo Dušan David Pařízek in seiner Uraufführung von Wolfram Lotz' Die lächerliche Finsternis globale Fragen stellt – mehr von Leopold Lippert.

Das berühmteste Liebespaar der Geschichte: 13-jährige Teenies, die fürs erste Verknalltsein gleich sterben wollen. Mit Romeo und Julia startet das Thalia Theater in die Saison. Wofür Regisseurin Jette Steckel unter anderem 40 Jungen und Mädchen auf die Bühne holt, weiß Katrin Ullmann.

Das Theater Bielefeld hat David Gieselmann gebeten, ein Stück über die Finanzkrise zu schreiben. Das Ergebnis dieses Auftrags trägt den vielversprechenden Titel Die Oppelts haben ihr Haus verkauft und wurde nun von Christian Schlüter uraufgeführt. Wie und wo es kriselt, weiß Wolfgang Ueding.

Eine Enklave pervertierten Gemeinschaftssinns, das ist Lars von Triers Filmtitelgebende Musterstadt der Bigotterie: Dogville. Nach Regisseuren wie Volker Lösch oder Karin Henkel hat sich nun Bastian Kraft dem Stoff gewidmet, und zwar in perspektivisch gebrochenen Spiegelungen. Andreas Wilink sah eine bestechende Inszenierung – und ein Kölner Bilderbuch-Ensemble.

Mit zotteligem Haar, zotigen Parodien und irrlichternden (Pop-)Theoriediskursen hat sich Patrick Wengenroth einst in der freien Szene einen Namen gemacht. Jetzt ist der Mann gestriegelt, der Bart ab und alles bereit fürs klassische Fach: Schauspielregie bei Georg Büchners regierungskritischem Lustspiel Leonce und Lena an der Berliner Schaubühne. Ob's denn gar so klassisch wurde, weiß Matthias Weigel.

Freie Gruppen international unter sich: Die niedersächsische Gruppe Frl. Wunder AG und das malawische Solomonic Peacocks Theatre haben zusammen gearbeitet. Msonkhano.de / Begegnungen.mw heißt ihr Projekt, das erprobt, wie sich etwas Gemeinsames erleben lässt – samt Glitzerfacing. Mehr von Jan Fischer.

In Wien wurde im Historischen Sitzungssaal des Parlaments gespielt. Aber Christoph MarthalersLetzte Tage. Ein Vorabend funktioniert auch in der Berliner Staatsoper, wo der Abend seit gestern läuft: Publikum auf der Bühne, mit Plastikplanen verhängter Rang, Schauspieler und Musiker zwischen den Parkettreihen. Mehr über das Projekt in Kai Krösches Rezension der Wiener Premiere.

Ein superg.... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche. Ihre Die kosmische Oktave ist ein Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus, eine Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere, die derzeit beim Kunstfest Weimar gastiert. Die Berliner Premiere hatte André Mumot gesehen.

Was im Theater mit behinderten Schauspielern ästhetisch und erzählerisch möglich ist, zeigt das australische Back to Back Theatre immer wieder auf großartige Weise. Ihr Stück Ganesh Versus the Third Reich tourt derzeit nochmal durch Europa und gastiert im Moment beim Theaterfestival Basel (hier die Festivalübersicht). Kai Krösche hatte den Abend bei den Wiener Festwochen gesehen.

Sich lustig machen über Die Leiden des jungen Werthers ist nicht schwer, das lernt man schon in der Schule. Aber kann Goethes Briefroman so aufs Theater gebracht werden, dass er wahrhaft lustig ist? Mitsamt bitterem Ende? Caroline Stolz macht am Theater Bielefeld die Probe aufs Exempel – mit drei Schauspielern, drei Mikrophonen, drei Perücken, einer Menge Ginkgo-Laub sowie einem Laubpuster. Mehr von Kai Bremer.

Das Theaterfestival Basel ist im Gange. Gestern liefen dort unter anderem der Iwanow des iranischen Regisseurs Amir Reza Koohestani und Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen von Sibylle Berg in der Gorki-Inszenierung von Sebastian Nübling. Zur Festivalübersicht mit allen von nachtkritik.de besprochenen Abenden.

Klingt wie ein frühes Lied der Beatles, ist aber die Unterschrift von Johann Wolfgang Goethe in Briefen an Charlotte von Stein: Your Lover Forever. Weil von Frau von Stein wiederum keine Schreiben erhalten sind, haben 14 Autorinnen Nachdichtungen der Stein'schen Briefe verfasst: Mit dabei Sibylle Berg, Justine del Corte, Kathrin Röggla. Lily Sykes hat den Briefreigen für das Kunstfest Weimar inszeniert. Das kritische P.S. setzt Frauke Adrians.

Das Jahr 1914, das Jubiläum des Weltkriegsausbruchs durchweht zurzeit vielerorts die Spielpläne der Theater. Die Perspektive des Theater-Tanz-Abends I am von Lemi Ponifasio hat allerdings Seltenheitswert. Folgt er doch den Stimmen, die aus Kaiser-Wilhelm-Land herüberschallen, aus den deutschen Kolonien im pazifischen Ozean, die damals ins globale Kriegsgeschehen hineingezogen wurden. Die Erstaufführung bei der Ruhrtriennale sah Friederike Felbeck.

Auch die Berliner Schaubühne eröffnete ihre Spielzeit gestern mit dem Ersten Weltkrieg – dem sich Regisseurin Katie Mitchell in The Forbidden Zone wiederum über die Perspektive der Frauen annähert. Wieso manche dieser Frauen in der männlich geprägten Militärgesellschaft zum Äußersten greifen mussten, sagt Hartmut Krug, der vor einem Monat die Premiere bei den Salzburger Festspielen sah.

Milo Rau hat mit seinen Arbeiten wie "Hate Radio" und "Die Moskauer Prozesse" sowohl das dokumentarische wie das politische Theater umgekrempelt. Jetzt tritt er in The Civil Wars beim Zürcher Theaterspektakel einen Schritt zurück, lässt Schauspieler Rollen in fünf Akten spielen, träufelt Musik dazu. Was das mit der vaterlosen Gesellschaft, den Salafisten und dem alten Europa zu tun hat, weiß Christoph Fellmann.

Gegen Lebensüberdruss und Langeweile hilft immer noch irgendwie Sex. Zumindest in der sehr freien "Drei Schwestern"-Adaption nach Tschechow, die Christiane Jatahy unter dem Titel What if they went to Moscow beim Zürcher Theater Spektakel zeigt. Einen Blick ins Kaltwasser-Aquarium der Generation Selfie wagte Charles Linsmayer.

Festes Schuhwerk, guten Radioempfang und Uhren, die nicht ganz auf die Sekunde genau ticken, braucht der Zuschauer auf der panoramatischen Stadtwanderung Diesseits vom Kulissenpark, die Matthaei & Konsorten für das Weimarer Kunstfest kreiert haben. Frauke Adrians stiefelte mit.

Die Ruhrtriennale hat Boris Nikitin eine riesige Maschinenhalle auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche zur Verfügung gestellt, und was macht der Schweizer Dokumentartheatermacher? Er stellt einen engen schwarzen Kasten da hinein, in dem das Publikum seinen drei Darstellern näher kommen soll. Sänger ohne Schatten nennen sie sich – was es damit auf sich hat, wie es klingt und ob die Halle doch noch zur Geltung kommt, all das weiß Sascha Westphal.

1915, also vor fast 100 Jahren, ist Gustav Meyrinks Roman Golem erschienen, eine literarische Phantasie über die jüdische Legende vom Lehm-Wesen, das seinen menschlichen Schöpfer heimsucht. Bei den Salzburger Festspielen hat Suzanne Andrade den Text nun in Comic-Sprechblasen gegossen. Mehr von Elisabeth Maier.

Taksim-Platz, Istanbul, Sommer 2013. Sogar verfeindete Fans der Istanbuler Fußball-Clubs schließen sich zusammen, um gegen die Politik von Ministerpräsident Erdoğan zu demonstrieren. Inzwischen sind die Proteste vorbei, Erdoğan hat seine Macht gefestigt, die Verarbeitung der Niederlage findet im Theater statt: Taksim forever - #Rüyalar parkı zum Beispiel, ein Stück für Musiktheater von Kerem Can und Can Erdogan-Sus, das Eva Biringer in der Neuköllner Oper sah.

Es war DIE Entdeckung des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel im vergangenen Jahr: Miss Revolutionary Idol Berserker aus Tokyo, deren krasses Sampling von Elementen der japanischen Popkultur Furore machte. Mit Noise and Darkness war die Truppe jetzt wieder da. Und der kanadische Musiker und Comiczeichner Eric San alias Kid Koala, der sein Stück Nufonia must fall zeigte. Mehr von Falk Schreiber.

Neun Akteure in malerischen Pelzen und floral gemusterten Kleidern spüren mit spröden Bewegungen alten Filmen und darin wiederkehrenden Lebensmustern nach. Alan Smithee Directed This Play ist die Choreografie des New Yorker Big Dance Theater überschrieben. Die beim Festival Tanz im August Christian Rakow sah.

Andreas Kriegenburg Menschen, die das Menschsein verlernt haben, versammelt Ödön von Horváth in seinem Weltkriegsend-Reigen Don Juan kommt aus dem Krieg. Der Theatertraumbildner Andreas Kriegenburg versammelt für sein Regiedebüt bei den Salzburger Festspielen Max Simonischek und neun starke Frauen in visuell und soundtechnisch kühnen Arrangements. Wie sich das Zusammentreffen ausnahm, weiß Reinhard Kriechbaum.

"Animalisch" wurde Igor Strawinskys wilde Ballettmusik Sacre du Printemps bei der Uraufführung empfunden. Der italienische Provokations-Regisseur Romeo Castellucci nimmt's bei der Ruhrtriennale wörtlich und wechselt die Tänzer aus. Zwar nicht gegen Tiere, aber ein tierisches Material. Was es mit Kalziumhydrogenphosphat auf sich hat, weiß Martin Krumbholz.

Verstehen Sie Farsi? Der iranische Regisseur Hamid Pourazari zeigt beim Zürcher Theater Spektakel das Stück Sâl Sâniye. Auf Farsi. Sâl Sâniye heißt jedenfalls "Sekunden wie Jahre". Und der Rest? Fragt sich Kaa Linder.

Louis Andriessens Oper De Materie wurde vor 25 Jahren von Robert Wilson uraufgeführt und seitdem kaum gespielt. Nun hat Heiner Goebbels, Bildermacher ganz anderer Art, das Werk wiederentdeckt und damit die diesjährige Ruhrtriennale eröffnet, die letzte unter seiner Leitung. Eros und Glaube, Natur und Wissenschaft verbinden sich in diesem Abend zutiefst und wundersam. Mehr von Friederike Felbeck.

Georg Trakl gehörte zu der unglücklichen Generation, die im Ersten Weltkrieg Furchtbares erlebte. Ihn führte es an den Rand des Wahnsinns und kurz darauf in den vermeindlichen Selbstmord. Der Schriftsteller Walter Kappacher hat daraus einen Text geschrieben, Der Abschied, Auftragswerk des Salzburger Young Directors Project. Der Schauspieler Paul Herwig spielt Trakls Lebens-Schlacht. Mehr darüber von Hartmut Krug.

Die schwedische Performancegruppe Poste Restante hat Freud gelesen und möchte diese Erfahrung beim Nordwind Festival in einem sozialen Experiment gemeinsam mit dem Publikum – verarbeiten? Vergessen? Verdrängen gar? Im Dock11*****Eden, einer wunderlichen Villa in Pankow, steht Civilisation and its Discontent auf dem Speiseplan. André Mumot schlug Sahne und platzierte Kiwischeiben.

Genial oder gnadenlos verstaubt? Unübertroffen oder hoffnungslos überholt? Peter Stein spaltet die Geister, wann immer er sich als Regisseur betätigt. Jetzt setzt er für die Salzburger Festspiele Franz Schuberts selten gespielte Oper Fierrabras um einen maurischen Prinzen in Szene, der am Ende zum Christentum konvertiert. Darin steckt Zündstoff, möchte man meinen. Wie Altmeister Stein dem begegnet, weiß Thomas Rothschild.

Oft hat der libanesische Theatermacher Rabih Mroué vom Krieg erzählt, meist aus subjektiver Perspektive. In Riding on a cloud, das jetzt auf Kampnagel gastiert, steht sein eigener Bruder auf der Bühne. Kai Krösche sah die Premiere in Wien.

Eine Truppe schauspielernder Musiker betritt die Szene. Der Gitarrist heißt Orpheus. Und er liebt Eurydike. Im Prinzip ist die Geschichte bekannt. Schauspiele, Opern sind auf ihrer Basis in den Jahrtausenden, die der Mythos in Europa schon kursiert, entstanden. Nun also die Version des britischen Little Bulb Theatre, die Reinhard Kriechbaum beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele gesehen hat.

Er wolle kein Theater mehr machen, sagt der lettische Regisseur Alvis Hermanis vor geraumer Zeit. Aber Oper schon noch. Bis jetzt ist er sich treu geblieben: Mit Verdis Il trovatore inszeniert er bei den Salzburger Festspielen ein "dramma lirico". Ob und wie sich Hermanis dabei ausleben kann, weiß Reinhard Kriechbaum.

Eine Schar angehender Theatermacher hat sich beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele auf die Suche nach (Erster Welt-)Kriegsgeschichten gemacht – unter der Anleitung des Dokumentartheaterstrategen Hans-Werner Kroesinger, ohne Google. Herausgekommen ist eine Art dicker Katalog. Reinhard Kriechbaum berichtet von seiner Reise durch 36566 Tage.

Er wirkte auf dem letzten Daft-Punk-Album mit, hält mit 27 Stunden den Dauerkonzert-Weltrekord, spielt Bach genauso wie Hiphop und Minimal Electro. Der derzeit in Köln lebende Kanadier Chilly Gonzales hat sich nun zur Inszenierung The Shadow hinreißen lassen, mit der das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet wurde. Ob der Gonzales-Hype gerechtfertigt ist, weiß Falk Schreiber.

Seit einigen Jahren geht es dem DV8 Physical Theatre und ihrem Gründer Lloyd Newson um die Beziehung zwischen Text und gesprochenem Wort, eine Art Dokumentartanztheater, mit Bewegungen, die sich weder dem Text unterordnen, noch artistisch über ihn hinaus gehen. Für die neue Choreografie John wurde mit Männern über Liebe und Sex gesprochen. Mehr darüber von Theresa Luise Gindlstrasser.

Ivo Dimchevs verausgabende Performances vergisst man so schnell nicht, auch sein neues Projekt ICURE bei ImPulsTanz Wien nicht, das vollmundig Heilung verspricht. Erst beschwört der Tänzer und Choreograf dort tatsächlich positive und selbstheilende Kräfte. Dann stößt er in Bereiche, in denen Kuren längst keine Lösung mehr sind. Mehr von Theresa Luise Gindlstrasser.

Ein altes Fachwerkhaus im historischen Stadtkern einer hessischen Kleinstadt: seine acht Zimmer werden für Bernhard Mikeska, Christina Rast und Yana Thönnes in ihrem Projekt Das Haus zur Bühne für jeweils einen Zuschauer. Der kann darin Geistern und Geschichten der Vergangenheit begegnen, wird in sie hineingezogen – in die Geschichte des Hauses ebenso wie in die Geschichte der kleinen Stadt oder die deutsche Geschichte an sich. Sascha Westphal sagt, wie es war.

In diesem Jahr macht Rolf Hochhuth wieder Gebrauch von dem Recht, das Berliner Ensemble zu bespielen. Hochhuth, Wühler in der deutschen Geschichte, der seit Jahren aber eher durch skurrile Skandale auf sich aufmerksam macht. Die begleiten auch diesmal sein Weltkriegsstück Sommer 14, von Torsten Münchow inszeniert. Über das theatrale Dschungelcamp aus Massen-, Hochkultur und Boulevard berichtet Esther Slevogt.

Der Erste Weltkrieg ist Thema bei den Salzburger Festspielen. Das heißt, Ernst Toller wiederzuentdecken, selbst ein Kriegsfreiwilliger, der dann in der kommunistischen Münchner Räterepublik 1919 eine führende Rolle übernahm. Solche Chance zum Neuanfang hat der kriegs- und geschlechtsgeschädigte Heimkehrer in Tollers Drama Hinkemann nicht, das der junge Regisseur Milos Lolic inszeniert hat. Mehr darüber von Michael Laages.

Oft sind es die Frauenfiguren neben dem Rampenlicht, die die Regisseurin Katie Mitchell interessieren. So auch in The Forbidden Zone: Mitchell nähert sich dem Ersten Weltkrieg durch Frauen an, deren Einfluss in der männlich geprägten Militärgesellschaft stark eingeschränkt war. Wieso manche dieser Frauen deshalb zum Äußersten greifen mussten, berichtet Hartmut Krug.

Eigentlich ist das Scheitern programmiert beim Versuch, Karl Kraus' Die letzten Tage der Menschheit zu inszenieren, diese gut 200 Szenen über die Absurdidät und Unfassbarkeit des Ersten Weltkriegs. Die Frage ist nur, auf welchem Niveau. Bei den Salzburger Festspielen ist Regisseur Georg Schmiedleitner für Ex-Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann eingesprungen, Michael Laages hat sich das Ergebnis angeschaut.

800 Gouachen, die ihr Leben, die Flucht ins südfranzösische Exil, den Tod darstellen: das ist Charlotte Salomons Zyklus "Leben? Oder Theater?". Die Arbeiten wurden in den sechziger Jahren wiederentdeckt, ihr Leben verfilmt, auf der Documenta 2012 waren die Gouachen ausgestellt. Für die Salzburger Festspiele hat Marc-André Dalbavie nun die Oper Charlotte Salomon komponiert, Luc Bondy hat den Klang der Bilder inszeniert. Mehr darüber von Thomas Rothschild.

Der Ring des Nibelungen, in Szene gesetzt vom ewigen Volksbühnen-Zampano Frank Castorf, geht bei den Bayreuther Festspielen in seine zweite Saison. "Ein wirkliches Konzept fehlt natürlich nach wie vor", weiß dpa bereits nach dem Auftakt mit "Das Rheingold" zu vermelden, um sich dann darüber zu wundern, dass das Publikum die Aufführung trotzdem feierte. Muss wohl an den Sängern liegen, grummelt die Agentur. Wir wurden auf der Suche nach Konzepten im Vorjahr durchaus fündig. Wolfgang Behrens berichtete von Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Gestern Abend hatte nun "Walküre" seine Zweit-Premiere.

Musikalisch grundiert hat bereits Ödön von Horváth seine Geschichten aus dem Wiener Wald, als er das Stück 1931 schrieb und darin durch die Not demoralisierte Menschen zeigt. "In der Luft ist ein Klingen und Singen" lautete etwa die erste Regieanweisung. Die Bregenzer Festspiele wollten noch mehr: Für die Eröffnung hat HK Gruber das Volksstück zur Oper komponiert, die gestern im Festspielhaus von Michael Sturminger uraufgeführt wurde. Verena Großkreutz berichtet.

Ein "Triumph" des "beeindruckenden Bildertheaters" hieß es, ein "barocker Vanitas-Spaß". Aber auch: ein "kunstgewerbliches Leichtprodukt" von "monströser Naivität" mit "luxuriöser Fehlbesetzung". Über den Salzburger Jedermann schieden sich schon 2013 die Geister, und sie tun es wohl weiterhin, bei der Wiederaufnahme der Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes. Werner Thuswaldner war im letzten Jahr vor Ort.

Auf den Stufen des Wormser Kaiserdoms finden seit 13 Jahren die Nibelungenfestspiele statt, die Intendant Dieter Wedel immer wieder gekonnt mit Film- und Fernsehstars zwischen Action und Literatur, Kunst und großem Kino etablierte. Nun verabschiedet er sich mit einer Adaption des dritten Teils von Friedrich Hebbels Nibelungen-Trilogie "Kriemhilds Rache": Hebbels Nibelungen - Born this way. Harald Raab hat beeindruckt das Gemetzel bei König Etzel verfolgt.

Es begann mit einer Internetseite und der Aufforderung an acht Schriftsteller (darunter Alina Bronsky, Feridun Zaimoglu und Lutz Hübner), darauf Texte über Freiheit, Arbeit, Familie und Glück zu schreiben. Die Texte konnten auch von Lesern kommentiert werden. Daraus entstand die Komödie Wir Glücksritter, die nun im Rahmen des Literatursommers Baden Württemberg im Theaterhaus herauskam. Mehr von Adrienne Braun.

Hamlet hat's nicht leicht – als Dauergrübler der Wohlstandsgeneration, der sich zum Handeln nicht entschließen kann. Ophelia aber auch nicht, findet Johanna Schall – und wertet sie in ihrer Inszenierung des Shakespeare-Klassikers zur eigentlichen Philosophin mit musikalischem Todestrieb auf. Was sonst noch geschah auf der Freilicht-Treppe von Schwäbisch-Hall, berichtet Steffen Becker.

Vor zwei Jahren brachte Herbert Fritsch den Aktionskünstler Dieter Roth mit seiner quietschbunten und zum Theatertreffen geladenen Inszenierung des Ein-Wort-Stücks "Murmel Murmel" wieder ins Gespräch. Jetzt hat sich am Schauspiel Stuttgart auch Christiane Pohle mit Hirnbonbon. Ein Dieter-Roth-Projekt dieses Allrounders und seiner Sprachspiele angenommen. Was dabei herauskam, sagt Verena Großkreutz.

Erst wurde ihre Papiersoldaten-Skulptur vorm Haus der Berliner Festspiele abgebrannt, jetzt fragte die Performance What is monumental today? des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat nach den Hintergründen dieses Anschlags – und danach, was der Umgang mit Denkmälern über Geschichtsbegriffe erzählt. Beim Festival Foreign Affairs wohnte Esther Slevogt der Sache bei.

Was ist aus König Ubu, Alfred Jarrys Psychogramm eines ekligen Machtmenschen, herauszuholen – der sich auf den Thron putscht, um das schlechteste hervorzukehren, was im Menschen steckt? Sollte man den nicht lieber im Giftschrank lassen? Nachdem er die Open-Air-Inszenierung von Theaterhaus Jena-Leiter Moritz Schönecker gesehen hat, der Ubu und sein Volk auf Baumarkt-Brettern wüten lässt, ruft Christian Baron: Nein!

Das Leben auf hoher See mit Theatermitteln zu erforschen, darin hat die Gruppe Das letzte Kleinod Übung. In ihrer neuen Produktion Um uns herum nur nichts spielt ein Tau eine wichtige, vielleicht sogar: die Hauptrolle? Mehr von Andreas Schnell.

Wie ist dieser Film geliebt worden! Und nicht nur wegen des ewigen Pantomimen-Charmes des unvergessenen Jean-Louis Barrault – Kinder des Olymp von Marcel Carné ist auch ein Inbegriff des Theaterfilms. Jochen Schölch, rühriger Leiter des rührigen Münchner Metropol Theaters, hat das Kinomeisterwerk nun auf die Bühne zurückgeholt. Mit dabei war Cornelia Fiedler.

Ist er der neue französische Regie-Shootingstar? Julien Gosselins Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman Les Particules élémentaires (verdeutscht: "Elementarteilchen"), im vergangenen Jahr in Avignon herausgekommen, war gestern beim Festival Foreign Affairs zu sehen. Bereits beim Münchner Festival Radikal jung sah sie Michael Stadler.

Von 1945 bis 2013 waren in Heidelberg US-Soldaten stationiert. Vor einem Jahr haben sie die Stadt schließlich verlassen. Grund genug für das Theater Heidelberg und die freie costa compagnie, dieser gemeinsamen Zeit von Amerikanern und Deutschen in dem Dokuabend Conversion_1 noch einmal nachzugehen. Wie fruchtbar die in der Turnhalle eines ehemaligen US-Hospitals präsentierte Auseinandersetzung war, sagt Thomas Rothschild.

Während in Brasilien die deutsche Elf alle Rekorde brach, saßen auf roten Kirchenbänken vor den Toren Zürichs brav Männer und Frauen getrennt und sahen Viel Lärm um nichts von William Shakespeare. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson folgte mit dieser Geschlechtertrennung einem alten Kirchengesetz des Kantons Aargau. Dort befindet sich das Kloster Wettingen, in dessen Hof nun im Sommer Theater gespielt wird. Elisabeth Maier berichtet.

Wie das? Angeblich ist der patagonische Stamm der Tzoolkman schon 2003 ausgestorben. Die chilenische Theatermacherein Manuela Infante bringt jedoch noch zwei seiner Mitglieder auf die Bühne. Tzoolkman? Weder Brockhaus noch Wikipedia wissen etwas darüber. Gestern war der wissenschaftskritisch und postkolonial gedachte Abend Zoo beim Festival Foreign Affairs zu sehen. Den Thomas Rothschild schon bei Theater der Welt in Mannheim sah.

Das Festival d'Avignon ist ein schwieriges Pflaster. Wenn nicht gestreikt wird, kann auch ein heftiges Gewitter einer Aufführung den Garaus machen. Denn es wird draußen gespielt. Obwohl Giorgio Barberio Corsettis Inszenierung des Kleist'schen Prinzen von Homburg kurz vor Schluss abgebrochen werden musste, genügte das Gesehene doch, um Rückschlüsse zu ziehen. Sechs Jahrzehnte nach der legendären "Homburg"-Produktion von Festivalgründer Jean Vilar sah Elisabeth Maier einen neuen Meilenstein.

Vor der Premiere haben die Streikenden noch eine performative Einlage gegeben. Dann hat Olivier Pys Einstand als Festivaldirektor mit Orlando ou l'impatience wie geplant stattgefunden. Py lässt einen Sohn nach dem Vater suchen. Die potentiellen Erzeuger, auf die er stößt, repräsentieren unterschiedliches künstlerisches Schaffen. Metatheater, wie fürs diesjährige Festival d'Avignon gemacht. Elisabeth Maier berichtet.

Es sind Faust-Wochen am Residenztheater: Nach Martin Kušejs und Johan Simons' Inszenierungen haben sich nun sechs junge Regisseure im Rahmen des Minifestivals Marstallplan mit dem Faust II-Stoff beschäftigt, in dem der sinn- und weltsuchende Gelehrte einen ziemlichen Parforceritt durch Themen und Ordnungen unternimmt. Wie die Nachwuchsregisseure da mitgehen, weiß Lea Kosch.

Könnte es Kalkül sein, die Uraufführung von Lothar Trolles neuem Stück K.O. nach zwölf Runden (Stunde der Boxer) auf den Termin der WM-Viertelfinale zu legen? So geschah es am Mainfranken Theater, wo Regisseur Sascha Bunge das kurzweilige wie monomane Sportstück in Szene gesetzt hat. Es war Kalkül!, meint Marcus Hladek.

Sie pflanzen Bäume auf Autobahnen, treten beim G8-Gipfel als Polizistenarmee in Clowns-Kostümen auf oder stürmen die Londoner Börse. Spektakulär sind die Protestaktionen der Künstler und Aktivisten vom Labor für aufständische Imagination (Labofii). Bei Foreign Affairs betreten zwei von ihnen für We Have Never Been Here Before nun erstmals eine Bühne, oder besser die Kassenhalle der Berliner Festspiele. Was das für ein Format ergab, weiß Elena Philipp.

Am vergangenen Montag hatten die Mitarbeiter des Festival d'Avignon noch beschlossen, die Eröffnung nicht zu bestreiken. Aber bereits am Mittwoch wurde die Generalprobe von "Prinz Friedrich von Homburg" unterbrochen und gestern Abend fiel dann die Eröffnungsinszenierung im Ehrenhof des Papstpalastes aus. Stattdessen wurde gegen die Reform der Arbeitslosenversicherung demonstriert. Heute Abend sollen Aufführungen stattfinden, bleibt es dabei, werden wir morgen wie geplant über Orlando ou l'impatience berichten, geschrieben und inszeniert von Festivalleiter Olivier Py, und übermorgen dann über Prinz Friedrich von Homburg.

Produktivitätsmeister Herbert Fritsch hat mal wieder zugeschlagen, diesmal in München, wo er am Residenztheater Carlo Goldonis Trilogie der Sommerfrische ein schräges Makeover verpasst und zum Musical aufbrezelt. Wie immer gibt's Körperklamauk der Edel(boulevard)klasse, diesmal mit fiesen Bräunungsstreifen. Dass die schrägen Grimassen mehr erzählen als Spaßterror, berichtet Tim Slagmann.

Angélica Liddell, die große Leidensfrau des Performancetheaters, erzählt besonders oft von der Liebe. Auch in ihrem neuen Abend bei Foreign Affairs: Tandy entführt das Publikum in eine Kirche. Mehr von Sophie Diesselhorst.

Juristerei ist eine ziemlich unpräzise Wissenschaft, das wollen Yan Duyvendaks und Roger Bernats beweisen, die in Please, Continue (Hamlet) den Mord an Polonius verhandeln. Je nach Land und dessen Strafrecht fällt der Richterspruch unterschiedlich aus. Gestern Abend wurde in Berlin bei Foreign Affairs prozessiert. Teresa Präauer sah das Ganze bereits in Wien bei den Festwochen.

Für Mashups ist der Regisseur Antú Romero Nunes bekannt, für Inszenierungen, in denen er sich alle Freiheiten herausnimmt und selten einen Vers auf dem anderen lässt. Eine Oper hat er nun erstmals inszeniert, Rossinis Guillaume Tell in Müchnen, basierend auf Schillers "Wilhelm Tell". Wie Nunes mit dem eidgenössischen Freiheitskampf und mit dem Opernapparat umgeht, berichtet Georg Kasch.

Heute wischt jeder auf seinem Smartphone, aber manche erinnern sich auch noch ans Unterwegstelefonieren aus gelben Telefonhäuschen. Genau so eins steht auf der Bühne von Das Anadigiding, zu der Rainald Grebe auch Mitglieder des Chaos Computer Clubs geladen hat. Passt bestens zusammen, sagt Jan Fischer.

Ach, Maria Stuart. Kann man Schillers Königinnendrama tatsächlich noch neue, ansehenswerte Facetten abgewinnen? Ja, man kann. Das zeigt Anne Sophie Domenz' poetische Bebilderung am Theater Bremen, die sich zauberhafter Apparaturen, Madonna-Sound und einer Wackelpuddingpyramide bedient, um über die Rolle der Frau nachzudenken. Andreas Schnell war angetan.

Drei Frauen aus drei Generationen, die Nähe und Ferne, Flucht vor- oder zueinander und damit auch den Fallout des 20. Jahrhunderts verhandeln. Brit Bartkowiak ist mit Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn ein klischeefreies und selbstverständliches Familienbild gelungen, das gestern bei der Biennale in Wiesbaden gastierte. Esther Slevogt hat schon die Premiere in Berlin gesehen.

Spiralmenschen und michelinmännchenhaft ausgestopfte Körper brachte Oskar Schlemmer in den 20ern in seiner legendären experimentellen Choreografie Das Triadische Ballett am Weimarer Bauhaus auf die Bühne. Ivan Liška hat mit der Junior Company des Bayerischen Staatsballets den Abend neuaufgelegt, der derzeit an der AdK Berlin gastiert. Sabine Leucht sah die Premiere in München.

Das Residenztheater veranstaltet zum Spielzeitende Faust-Wochen. Erst trumpfte Anfang Juni Hausherr Kusej mit Teil eins der Tragödie auf. Bevor sich dann am ersten Juli-Wochenende sieben junge Regisseure Teil zwei des Dramas widmen, hat Johan Simons, eigentlich Hausherr an den benachbarten Kammerspielen, Elfriede Jelineks klaustrophobische Faust-goes-Fritzl-Variation von Faust I FaustIn and out inszeniert: mit Birgit Minichmayr als Gretchen. An der Assoziationskette gratwanderte Willibald Spatz.

Als alles schon vorbei scheint in Dantons Tod, die Revolutionäre aufs Schafott geschafft sind, kommt doch noch was. Denn dann wird getrommelt und das Vermächtnis der Französischen Revolution open-air in die Nacht gerufen. Großes Theater, sagt Matthias Schmidt.

Vor 600 Jahren fand am Bodensee ein kirchenpolitisches Großereignis statt: das Konstanzer Konzil, wo die katholische Kirche (die gerade zwei Päpste hatte) sich wieder zu einen suchte. Zum Jubiläum haben Theresia Walser und Karl-Heinz Ott das Stück Konstanz am Meer verfasst, das open-air am Originalschauplatz Elisabeth Maier sah.

Kurz nach dem eher friedfertigen WM-Spiel Deutschland gegen die USA eröffnete das Berliner Sommerfestival Foreign Affairs weniger friedlich: Mit Van den Vos gab die belgische Gruppe FC Bergmann ihre Gräuelversion der Fabel von Reineke Fuchs. Im WM-Geist präsentierten dann die Kanadier vom Neworld Theatre / Theatre Replacement ihren Debattierwettstreit Winners & Losers. Wie zahlreich die Winner hier waren, weiß Sophie Diesselhorst.

Im Eröffnungsreigen der diesjährigen Foreign Affairs in Berlin lief auch Pascal Ramberts Rosenkriegs-Schlager Ende einer Liebe vom Thalia Theater Hamburg. In Hamburg sah den Abend Falk Schreiber.

Vielleicht hilft am Ende, wenn alle Kämpfe verloren sind, nur noch die Demenz, um den Schmerz zu ertragen. Kornél Mundruczós Dementia, Or The Day Of My Great Happiness ist eine ebenso grelle wie bittere Parabel auf die Verhältnisse einer in Auflösung befindlichen Demokratie und gastiert jetzt auf der Wiesbadener Biennale. Cornelia Fiedler hat die ungarische Produktion bereits im vergangenen Herbst in München gesehen.

"Hin und her in Schatten von innerem zu äußerem Schatten". Es sind strenge, geometrisch genaue Sätze des späten Samuel Beckett, denen die britische Theatermacherin Katie Mitchell an diesem Abend nachlauscht. Mit kühlem Sinn für die inneren Zusammenhänge des Werkes von Beckett bringt sie an der Berliner Staatsoper Becketts Footfalls mit seinem Libretto für Morton Feldmans Oper Neither zusammen. Fasziniert berichtet Wolfgang Behrens.

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljic ist für seine Wut-Mobilisierungsfähigkeiten bekannt. Kein Wunder, dass auch seine Erkundung der Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Dindic zu politisieren vermag. Das neue Stück Hochspannungs-Theater ist zu Gast bei der Biennale Neue Stücke in Wiesbaden, wo unter anderen Shirin Sojitrawalla sich gerne schocken ließ.

Das Theater Freiburg verabschiedet sich leise in die Spielzeitpause – mit einem halbtheatralen Porträt der anarchistischen Vormärz-Autorin Louise Aston: Mag der Thron in Flammen glühn!, in Szene gesetzt von Darja Stocker. Mehr von Jürgen Reuß.

Unterm goldenen Bühnenbogen tritt eine moderne Frau im Trenchcoat mit Teddybär im Arm auf. Anna Karenina heißt sie, wir kennen sie aus dem Roman von Leo Tolstoi. Thomas Krupa hat die berühmte wie tragische Ehe(bruchs)geschichte in der Bühnenfassung von Armin Petras inszeniert. Eine Weltmeisterschaft der Gefühle? Martin Krumbholz weiß mehr.

Was war denn das? Das Landestheater Schwaben holt Demenzkranke auf die Bühne. In Wie Nebel, der vom Fluß aufsteigt singen die älteren Herrschaften Schlager, spielen "Sommernachtstraum" und tanzen Polonaise mit dem Publikum. Verdammt gut oder schrecklich daneben?, fragt sich Willibald Spatz.

So wie das jugendliche Frischfleisch in den Casting-Shows den Fernsehbetrieb verjüngen und beleben soll, soll die Freie Szene die welk gewordenen Stadttheater botoxen. Zum Beispiel das Schauspiel Leipzig, wo das Kollektiv Henrike Iglesias mit I can be your hero baby die Bühne zum Laufsteg macht. Tobias Prüwer kann berichten.

"Das 20. Jahrhundert durch die Augen der Geheimdienste gesehen": Gestern begann das "Parallel Lives"-Festival in Dresden. Den Auftakt machte die Budapester Sputnik Shipping Company mit dem Stück Reflex, das von einem Spitzelstaat in der Irrenanstalt handelt, und sicher auch von Ungarn. Michael Bartsch ist beeindruckt.

Um europäische Dramatik geht es bei einem anderen Festival, das gestern eröffnet wurde: die Biennale Neue Stücke aus Europa in Wiesbaden. Den Anfang machte eine schwedische Aufführung von Jonas Hassen Khemiris Ich rufe meine Brüder. Shirin Sojitrawalla berichtet.

In Karte und Gebiet, Michel Houellebecqs jüngstem Roman von 2010, werden die zwei nicht eben sympathischen Hauptfiguren zum Symptom einer krankhaft selbstbezogenen, westliche Welt. Ein bitteres Buch, das Peter Kastenmüller am Zürcher Neumarkt Theater jetzt als Krimi am Pissoir erzählt. Mehr von Claude Bühler.

Der trüben Vergangenheit des Klosters Blankenburg widmet sich ein Rechercheabend der Werkgruppe2 in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater. Ironischerweise verbot der Eigentümer den Theatermachern das längst leerstehende "Irrenhaus" zu betreten. Was nun daraus wurde, weiß Andreas Schnell.

Carmen: die exotische Unruhestifterin, die die Gesellschaft, zu der sie nicht gehört, auf den Kopf stellt. Der scheidende Intendant des Deutschen Theaters Göttingen Mark Zurmühle beging nun seinen Abschied mit ihr. Ay! Ay! Carmencita! ruft das Göttinger Ensemble, Stephanie Drees beschreibt seine Tänze.

Gestern zeigte das Theater Münster Die deutsche Ayşe – Türkische Lebensbäume, die Kai Bremer bei der Premiere sah. Das Theater Oberhausen präsentierte Simon Stones Die Orestie – über die Premiere berichtete Martin Krumbholz. Das gesamte Programm lesen Sie hier.

Bisher war es vor allem die Britin Katie Mitchell, die auf deutschsprachigen Bühnen mit Livefilmverfertigungen faszinierte. Jetzt gastiert in den Münchner Kammerspielen das Kinotheaterexperiment Helen Lawrence, erschaffen vom kanadischen Künstlers Stan Douglas, das mit einer Nachkriegs-Witwe auf Rachefeldzug geht und dabei Film Noir mit HBO-Serie mischt. Wie das Duell zwischen Theater und Film ausging, weiß Michael Stadler.

Das theater fensterzurstadt, eine der etabliertesten Gruppen in Hannovers freier Szene, hat sich der geheimen Vorliebe einer ganzen Nation angenommen: dem Dauer-Nörgeln. In Motzen Meckern Jammern, einer von Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich inszenierten, hübsch abstrusen Bühnenstudie, wird auch die Keimzelle der Misere ausgemacht: die Familie. Gibt's was zu meckern? Stephanie Drees antwortet.

Mit der Langen Nacht der Autoren sind die Autorentheatertage zu Ende gegangen. Statt neue Theatertexte auszusuchen, hatte Juror Till Briegleb die Stücke aus zwanzig Jahren Geschichte des Festivals durchforstet. So weit, so gut. In Werkstattinszenierungen wurden die vier von ihm ausgewählten Stücke am Deutschen Theater gezeigt. Womit die Probleme angesichts dieser Form schon wieder anfangen. Mehr darüber von Eva Biringer.

Wenn das Demonstrationsrecht von Neonazis geschützt wird und die, die sich ihnen entgegenstellen, von der Polizei festgenommen werden – läuft dann etwas schief mit der Demokratie? Das fragen Lutz Hübner und Sarah Nemitz in ihrem neuen Stück Ein Exempel. Regisseur Jan Gehler hat es am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt und Hartmut Krug politisches Theater gezeigt.

Claus Peymann ist nicht bekannt für postdramatische Experimentierlust. Jetzt allerdings hat er Kafkas Prozess inszeniert. Frischer Wind im Berliner Ensemble? Christian Rakow hat gemessen.

Eine Saison lang hat der Regienachwuchs des Schauspiels Frankfurt in der Box gewerkelt und gewaltet und nun präsentiert die Dreier-Crew geballt die Früchte ihrer Arbeit. Drei neue Inszenierungen sind für das Regiestudio-Festival entstanden: Das Leben des Joyless Pleasure von Alexander Eisenach, Orpheus# von Ersan Mondtag und Angst (nach S. Zweig) von Johanna Wehner. Einen guten Abend erlebte Markus Hladek.

Tausendmal gehört, die Kurt-Weill-Schlager aus Bert Brechts Dreigroschenoper. Wie kriegt man die wieder flott? Mit einem V-Effekt: Sebastian Baumgarten verlegt den Mackie-Messer-Song ans Ende, setzt einen Agamben-Prolog an den Anfang und zeigt ziemlich tierische Menschlein. Verena Großkreutz ist begeistert.

Was gibt's Schöneres als die Liebe? So ziemlich alles, muss man in den Erzählungen des russischen Realisten Iwan Bunin erkennen. Der lettische Regisseur Vladislavs Nastavševs hat neun von ihnen im Abend Dunkle Alleen inszeniert, den das Festival Theaterformen zeigt. Mehr von Jan Fischer.

Jüngst mit dem Kleist-Förderpreis prämiert, jetzt bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt: Jenny Jannowitz. Oder: Der Engel des Todes von Michel Decar ist ein irrwitziger Blick in unsere endlos beschleunigte Arbeits- und Lebenswelt. Wie Regisseurin Catja Baumann mit Decars Mobilitätskracher verfährt, sagt Sascha Westphal.

Welche Langzeitlasten die Jugoslawienkriege der Neunziger bei jenen hinterlassen haben, die damals als Kinder aus der Region flohen, davon erzählte jüngst Yael Ronens "Common Ground" am Berliner Gorki-Theater. Auf andere Weise legt jetzt Dokutheaterspezialist Hans-Werner Kroesinger im HAU nach und übersät sein Schlachtfeld Erinnerung 1914 / 2014 mit einer Fülle von Fakten zwischen 1878 und heute. Mehr von Simone Kaempf.

Gestern eröffnete das Festival Theaterformen in Braunschweig – mit Brett BaileysMacbeth-Version, die in Verdis Oper u.a. einen Kommentar zur Blackfacing-Debatte einflicht, mit der Bailey 2012 anlässlich seines Berliner Gastspiels mit "Exhibit B" konfrontiert wurde. Teresa Präauer besprach den Abend kürzlich bei den Wiener Festwochen.

Kevin Rittbergers Stück plebs coriolan ist keine simple Neuschreibung von Shakespeares "Coriolan" – im Zentrum des Stücks stehen nicht die Machthaber, sondern die Plebs, die besitzstandslose Masse. Gestern gastierte Rittbergers Eigenuraufführung vom Schauspielhaus Wien, die Kai Krösche besprach, bei den DT-Autorentheatertagen in Berlin. Zur Festivalübersicht geht's hier.

Europa prallt auf Afrika, barocke Pracht auf die farbintensiven Anzüge der Sapeurs, jener kongolesischer Dandys, die man häufig in den Armenvierteln trifft. Und zwar tänzerisch wie musikalisch in Coup Fatal, ein Abend, den der Countertenor Serge Kakudji, der Choreograf Alain Platel sowie die Musiker Fabrizio Cassol und Rodriguez Vangama für die Wiener Festwochen erdacht haben. Mehr von Kai Krösche.

Gestern gastierte der Mülheim-Sieger bei den Berliner Autorentheatertagen am Deutschen Theater: Und dann von Wolfram Höll, uraufgeführt von Claudia Bauer. Bei der Premiere am Schauspiel Leipzig war Ute Grundmann zugegen. Zur Festival-Übersicht der Autorentheatertage geht's hier.

Der ukrainische Autor Dmytro Ternovyi hat bereits 2012 sein Stück Hohe Auflösung geschrieben, das die späteren Proteste auf dem Maidan-Platz vorwegnimmt. Im Zentrum steht ein Künstler, der erst nur mit der ukrainischen Bürokratie kämpft, sich dann aber aus den Ereignissen am Maidan nicht mehr heraushalten kann und will – und dort schließlich auch auftritt. Wie Regisseurin Mina Salehpour das in Karlsruhe inszeniert, weiß Hartmut Krug.

Eine Haushälfte auf der Bühne, ein Eigenheim, an dem sich in René Polleschs wirklich wunderbarem Abend Gasoline Bill, zu Gast bei den Autorentheatertagen, ein Diskurs um Sein und Schein, um Denken und Handeln entzündet. Matthias Weigel sah die Premiere in München. Zur Festival-Übersicht der Autorentheatertage geht's hier.

Gestern war bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Thomas Dannemanns Inszenierung Soldaten zu sehen. Sie entstand auf der Basis des gleichnamigen Buches des Historikers Sönke Neitzel und des Sozialpsychologen Harald Welzer, die Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, die Gespräche deutscher Kriegsgefangener des Zweiten Weltkrieges versammelt haben. Jan Fischer sah die Premiere in Hannover.

Die Kölner Keupstraße wurde vor zehn Jahren unrühmlich bekannt, als vor einem Friseurladen eine Nagelbombe explodierte. Heute weiß man, dass die NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos die Bombe deponierten. Damals aber wurde im Umfeld der Opfer ermittelt, die dies als zweiten Anschlag empfanden und in dem Projekt Die Lücke von Nuran David Calis nun mit auf der Bühne sitzen. Mehr von Sascha Westphal.

Juristerei ist eine ziemlich unpräzise Wissenschaft, das wollen Yan Duyvendaks und Roger Bernats beweisen, die in Please, Continue (Hamlet) den Mord an Polonius unter echten Bedingungen verhandeln. In fünf Ländern mit unterschiedlichem Strafrecht wurde der Gerichtsprozess bisher abgehalten. Wie der Richterspruch bei den Festwochen in Wien ausfiel, weiß Teresa Präauer.

Kreativität oder Widerstand, heißt die Frage, die Künstler und Theoretiker beim Vagabundenkongress stellen, den das Theater Rampe nach einem historischen Vorbild veranstaltet. Mit dabei für uns in der "Herberge für alle": Elisabeth Maier.

Was Pferde können, können Autos schon lange, scheint sich das Theaterkollektiv mercimax gedacht zu haben. Mit seinem Autoballett setzt es dem in ökologisch korrekten Kreisen geschmähten PKW ein Denkmal und reißt nebenbei ein paar Vorurteile ein. Julia Stephan ist eingestiegen.

Die Zeit scheint mal wieder stehen zu bleiben in der Marthaler-Inszenierung Das Weisse vom Ei, die bei den Autorentheatertagen bestens ankam. Auch wenn man sich fragen muss, warum das auf einem Festival läuft, das sich zeitgenössische Dramatik auf die Fahnen schreibt. Die Premiere in Basel sah für uns Kaa Linder. Zur Festival-Übersicht der Autorentheatertage geht's hier.

Happy End? Das hatte Fassbinder in Angst essen Seele auf nicht vorgesehen für die Putzfrau Emmi und den Einwanderer Ali. Wegen des Alters- und Kulturunterschieds, wegen der Nachbarn, die keine Ruhe gönnen. Am Maxim Gorki Theater schließt mit Hakan Savaş Micans Inszenierung eine bemerkenswerte Spielzeit ab. Und die Schauspieler gehen erhobenen Hauptes durch eine scheinbar unversöhnliche Geschichte. Mehr von André Mumot.

Unter der Erde heißt noch lange nicht, aus der Welt zu sein. Thomas Melle lässt in seinem neuen Stück Nicht nichts nach dem Tod einer Dramatikerin die Emotionen hochkochen. Was in Maria Viktoria Linkes Uraufführungs-Inszenierung am Landestheater Tübingen als bissiger Kommentar auf den Kulturbetrieb hervorragend funktioniert, findet Steffen Becker.

Wie inszeniert man Geschichte? Wer kann, wer soll wessen Geschichte erzählen? Beim Festival Theater der Welt sind das virulente Fragen, für die es bereits einiges Anschauungsmaterial gab. Der israelische Dramatiker und Regisseur Yonatan Levy hat nun mit Saddam Hussein – A Mystery Play eine besonders aberwitzige Antwort gefunden. Esther Boldt berichtet.

Schon die Ankündigung, dass die Kammerspiele "Menschen mit Migrationshintergrund" suchten, die "Theaterzuschauer durch ein migrantisch geprägtes Viertel" führen, sorgte für Aufregung. Drohte eine "Migranten-Safari"? Nun ist Dries Verhoevens Niemandsland tatsächlich realisiert worden. Mit auf die Safari ging Tim Slagman.

Vier Legislaturperionen lang war Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler, bis er 1998 abgewählt wurde. Aus Erinnerungsfetzen, Zitaten, Machtkarikaturen setzt sich Nolte Decars Helmut Kohl läuft durch Bonn zusammen, das bei den Autorentheatertagen am DT Berlin gastierte. Sascha Westphal sah schon die Premiere.

Habe nun ach – ja, was eigentlich? Der Grübler jedenfalls scheint bei Martin Kušejs Faust-Inszenierung am Residenztheater nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern ein Vollbluttyp zwischen Fight Club und Sexorgie, der dank Einschüben aus "Faust II" schließlich zum Großkapitalisten wird. Immer mit dabei: sein weiblicher Mephisto. Und das ist Bibiana Beglau. Wie das aufgeht? Isabel Winklbauer kann berichten.

Stoffbahnen führen ins Bodeninnere: Geburtsnabel oder Todes-Vorraum? Von Mark Lammert stammt das Bühnenbild, Ivan Panteleev hat Becketts Warten auf Godot inszeniert, Samuel Finzi und Wolfram Koch spielen – Die Gotscheff-Family also, die hier ganz im Geiste des Meisters die Zeit versiegelt. Andreas Wilink ist weh-froh.

Eine Wetterstation auf der Krim im Revolutionsjahr 1917, eine Wohnung im Moskau von heute. Das Stück Tag der weißen Blume des russischen Dramatikers Farid Nagim verschränkt die Zeiten, sieht Gegenwart als Geisel der Vergangenheit. Stephan Kimmigs Inszenierung eröffnete die Autorentheatertage am Deutschen Theater. Mehr von Christian Rakow.

In einer Kriegszeit leben" heißt der Text der libanesischen Autorin und Malerin Etel Adnan, den Corinna Harfouch zur Grundlage ihres crossovernden Tanztheaterabends Dreizehn Drei Dreizehn bei den Ruhrfestspielen macht. Martin Krumbholz ist beeindruckt.

Zwei Texte führt diese Doppelpremiere zusammen, deren Teile unterschiedlicher nicht sein könnten. In My love was a ghost von Jörg Albrecht taucht Effi Briest als Videomarionette auf, Angst reist mit von Sibylle Berg führt in ein Insel-Idyll, wo, oh Schreck, gar kein Ureinwohner-Elend zu besichtigen ist. Mehr von Ute Grundmann.

Spiralmenschen und michelinmännchenhaft ausgestopfte Körper – die brachte Anfang der 1920er Jahre Oskar Schlemmer in seiner legendären experimentellen Choreografie Das Triadische Ballett am Weimarer Bauhaus auf die Bühne. Als Sinnbilder des Menschen im Zeitalter der Maschinen. Ivan Liška hat mit der Junior Company des Bayerischen Staatsballets den Abend neuaufgelegt und aufpoliert. Mehr von Sabine Leucht.

Dürfen Jean Genets im Jahr 1958 für eine rein schwarze Schauspiel-Truppe entstandene "Les Nègres" im Deutschen Die Neger heißen? Die Debatte hatte sich schon vor der Premiere von Johan Simons' Inszenierung bei den Wiener Festwochen entsponnen. Regisseur Simons antwortet jetzt mit einem hochkarätig besetzten schwarz-weißem Schatten- und Maskenspiel und nuanciert das Ganze mit Graustufen. Reinhard Kriechbaum berichtet.

George Taboris Mein Kampf ist ein ausgedehnter jüdischer Witz, der gerade deshalb funktioniert, weil er über dem Abgrund der Vernichtung schwebt. Was Hitler mit Toastbrot und Nutella zu tun hat, zeigt Daniela Löffner nun am Staatstheater. Jan Fischer war dabei.

Das Reich eines Großunternehmens ähnelt einer Kleinstadt. Die SAP AG hat auch ein hauseigenes Sinfonieorchester, deren Musiker bei der SAP–Tour von X-Firmen bei Theater der Welt spielen. Aber auch Chris Kondek, Barbara Ehnes oder machina eX bespielen die Zentrale in Walldorf, mehr von Grete Götze.

Ein wahrhaft gruseliger Frauentausch findet statt in Hikedi Nodas Stück The Bee, in dem er selbst eine japanische Variante von Clint Eastwood spielt. Dem Entführer wird Tee serviert und mehr als ein Kinderfinger auf den Postweg gebracht. Die surreale Miniatur der Gewalt tourte schon von New York bis Jerusalem. Nun gastiert sie bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen – und ist zugleich unangenehm und unterhaltsam anzusehen, findet Friederike Felbeck.

2003 ist die letzte Angehörige des patagonischen Stammes der Tzoolkman verstorben. Dachte man. Doch nun bringt die chilenische Theatermacherein Manuela Infante in ihrer Inszenierung Zoo bei Theater der Welt noch zwei weitere Mitglieder dieses Volkes auf die Bühne. Komisch nur, dass weder Brockhaus noch Wikipedia etwas von den Tzoolkman wissen … Wie politisches, wissenschaftskritisches und postkoloniales Theater heute aussehen kann, weiß Thomas Rothschild.

In Theaterkreisen ist sein Name derzeit in aller Munde: Simon Stone, 29jähriger Regieshootingstar aus Australien, im vergangenen Jahr bei den Wiener Festwochen, bald Hausregisseur in Basel, jetzt bei Theater der Welt in Mannheim zu Gast – mit dem drastisch vergegenwärtigten Psychoschocker Thyestes frei nach Seneca. Was auf der Schlachtplatte dargeboten wurde, sagt Stefan Schmidt.

Dass ihre unerfüllten Sehnsüchte den Tschechow-Figuren zur Quasireligion werden, lässt sich leicht behaupten. Aber Jan Bosse macht in seiner Möwe-Inszenierung am Burgtheater daraus ein großes Spiel mit Illusionen und Projektionen, das Kai Krösche begeistert.

Gleichheit, Diktatur, Terror? Dostojewskijs Dämonen-Roman von 1873 ist ein endzeitstimmriger Totentanz, durch den die Ideen einer neuen Gesellschaft huschen. Was Friederike Heller dazu am Staatsschauspiel Dresden einfällt, beschreibt Hartmut Krug.

Ein Physikprofessor doziert in Nis-Momme Stockmanns neuem Stück Phosphoros über das Wesen der Zeit. Wie diese Hauptfigur scheint auch der Dramatiker danach zu forschen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Anne Lenk hat das Stück bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt. Mehr von Martin Krumbholz.

Ach, ist das süß! Und dazu noch ein garantierter Erfolg. Der französische Theaterkünstler Philippe Quesne lässt in seiner neuen Produktion Next Day eine Horde Kinder die (Bretter, die die) Welt (bedeuten) erobern. Mit Special Effects: Schaumstoffburg, schönem Neonlicht und Johnny-Cash-Musik. Das Premierenpublikum bei "Theater der Welt" in Mannheim jubelte, Harald Raab ruft zur Räson.

"Gerichtstag halten über das eigene Ich" hat Henrik Ibsen einmal von sich als Künstler gefordert. Ibsens Altersdrama Baumeister Solness über einen abtretenden Revoluzzer hat nun Regisseur Frank Castorf an der Volksbühne inszeniert – auch ein nicht mehr junger Wilder im besten Solness-Alter. Die Parallelen liegen auf der Hand, aber Castorf zeigt uns die lange Nase. Mehr von Wolfgang Behrens.

Molly ist blind, aber zufrieden in ihrem Leben – das ändert sich, als ihr Mann und ein ehrgeiziger Arzt ihr das Augenlicht zurückverschaffen. Im Stück des irischen Dramatikers Brian Friel Molly Sweeney ist Sehen das Gegenteil von Verstehen. Philipp Becker hat es bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszeniert. Über den Angriff auf die Sinne berichtet Sascha Westphal.

Einen ziemlich modernen Anti-Helden schickt Michail Lermontow durch seinen einzigen vollendeten Roman Ein Held unserer Zeit. Die junge Regisseurin Kateryna Sokolova hat am Schauspielhaus aus dem Stoff jetzt ein Kammerspiel gemacht. Ob das gutging, weiß Julia Stephan.

Brett Bailey hat mit Arbeiten wie "Exhibit B" für eine breite Diskussion und ein produktives Aufflackern der Blackfacing-Debatte gesorgt. Jetzt bringt der südafrikanische Regisseur Macbeth nach Mitteleuropa, wo Verdi gesungen und vom Krieg im Kongo erzählt wird, von Investoren und Invasoren. White-Facing gibt's auch. Erste Station sind die Wiener Festwochen, von wo Teresa Präauer berichtet.

Wenn man vom Hamsterrad des Kapitalismus reden will, bietet sich die Metapher des 24-Stunden-Supermarkts an. In Super Premium Soft Double Vanilla Rich parodiert Toshiki Okada die Segnungen des Konsums. Die Uraufführung bei Theater der Welt sah Esther Boldt.

WassaVerwandtschaft auf der Seite ganz dunkler Kräfte, so lässt sich Maxim Gorkis Drama Wassa Shelesnowa beschreiben, das gerade von den Bühnen wiederentdeckt wird. Michael Talke inszeniert es in rücksichtsloser Geisterhaftigkeit der Gefühle, sehr konsequent, sehr überzeugend, findet Stefan Schmidt.

Wenn der Chor spricht, dann am liebsten in Zahlen: 67 Prozent denken bei Chrysothemis an Blumen, 60 Prozent finden, Demokratie ist langweilig. Die Kraft der Mehrheit steht in Thomas Oliver Niehaus' Elektra-Inszenierung dem Individuum gegenüber, Elektra, die derartige Geschichtsvergessenheit höhnt. Mehr von Jens Fischer.

Der libanesische Künstler und Theatermacher Rabih Mroué hat oft vom Krieg erzählt, meist aus einer subjektiven Perspektive. Auch in Riding on a cloud, ein Abend, der seine europäische Festivaltour bei Theater der Welt fortsetzt. Dort steht Mroués Bruder auf der Bühne. Kai Krösche sah den Abend bei der Premiere in Wien.

Quälend und bierernst sind die drei bzw. fünf Stunden in Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe. Jan Bosse sowie seine grandiosen Darsteller Astrid Meyerfeldt und Joachim Król rücken dem länglichen Kammerspiel mit Tempo und demaskierender Komik zuleibe, die Inszenierung gastiert derzeit bei den Ruhrfestspielen. Mehr von Verena Großkreutz.

Im Oktober 2013 sterben vor Lampedusa 366 Flüchtlinge – und Europa schaut nur halbherzig hin. Elfriede Jelinek verleiht diesen und anderen Schutzsuchenden in ihrem neuesten Stück Die Schutzbefohlenen eine Stimme. Doch wer spricht nun, wenn Schauspieler das auf die Bühne bringen? Wie Jelinek-Spezialinszenator Nicolas Stemann bei der Festivaleröffnung von Theater der Welt in Mannheim mit dem Text ringt, beschreibt Esther Boldt.

Ohne Coltan und Tantal kein Smartphone. Abgebaut werden die Rohstoffe unter gefährlichen Bedingungen in zentralafrikanischen Minen. Dieses Thema umkreist Roland Schimmelpfennig in SPAM – Fünfzig Tage, das er am Hamburger Schauspielhaus selbst in Szene setzte. Das magisch angehauchte Passionsspiel betrachtete Michael Laages.

Der russische Regie-Wunderknabe Konstantin Bogomolov mischt die Wiener Festwochen mit einer krachenden Portion Humor auf: "Pulp fiction" war einmal, jetzt kommt Stavangera (Pulp People). Reinhard Kriechbaum hat selten so gelacht.

Ab der kommenden Spielzeit wird Markus Dietz neuer Oberspielleiter in Kassel. Mit einem bildstarken Macbeth, in dem es gewaltig blutet und leuchtet, setzt er aber schon jetzt eine Marke. Andreas Wicke sah zu.

Die Schweiz hat jetzt ihr eigenes Theatertreffen – und zeigte zur Eröffnung in Winterthur eine Inszenierung, die – na sowas! – auch beim Berliner Theatertreffen zu sehen war: Karin Henkels Zürcher Abend Amphitryon und sein Doppelgänger, den Ewa Hess zur Premiere im vergangenen September besuchte.

Wie stark ist der menschliche Herdentrieb? Wie willig (oder unwillig?) trottet eine Menge einem charismatischen Führer hinterher? Diese Faschismus-Reflexionen aus Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer geht Regisseur Tilmann Köhler in Stuttgart kühn an: Er manipuliert mit seinem Solo-Virtuosen Paul Schröder schamlos das Publikum. Und auch Nachtkritiker Steffen Becker kam nicht ungeschoren davon.

Wie geht es unseren Spitzenpolitikern miteinander? Juli Zeh und Charlotte Roos klären die Koalitionsverhältnisse in ihrer therapeutischen Familienaufstellung Mutti, die Weimars Intendant Hasko Weber bei den Ruhrfestspielen zur Uraufführung bringt. Hartmut Krug war im Ruhrpott.

Mit gleich zwei Uraufführungen zeigte sich die belgische Needcompany beim Figurentheaterfestival Fidena und brachte Holzkisten und sperrige Titel mit: The Ohno Cooperation Conversation und What do you mean what do you mean and other Pleasantries. Auf Stefan Keim wirkten die Performer Jan Lauwers und Maarten Segher wie Beckett-Figuren, denen man den Text weggenommen hat.

Sean O’Casey sei ja noch penetranter als Shakespeare, hat Peter Zadek einmal gesagt: Von einer Sekunde zur nächsten werde umgeschaltet von der Tragödie zum Schwank und umgekehrt. Guter Stoff also für Sebastian Hartmann, der mit just diesen Mitteln immer wieder gern ans Existenzielle rührt. Bei den Ruhrfestspielen hat er O'Caseys Stück Purpurstaub inszeniert. Andreas Wilink sagt, wie es funktionierte.

Es ist der letzte Teil des Mammutprojekts "Die Welt ohne uns" am Schauspiel Hannover: In Po.W.E.R. erzählen die Roboter, wie und warum es mit uns zu Ende ging. Der eigentliche Trumpf aber ist der Raum, findet Jan Fischer.

Der junge Österreicher Thomas Köck ist der erste Träger des Osnabrücker Dramatikerpreises. Daran ist auch die Uraufführung des Stücks geknüpft. Und so hat Gustav Rueb die geschichtsphilosophische Farce Jenseits von Fukuyama auf die Bühne gebracht. Tim Schomacker berichtet.

Das Theatertreffen endet heute, gestern gab's die letzte Festival-Premiere: Die Geschichte von Kaspar Hauser vom Schauspielhaus Zürich, erzählt von Alvis Hermanis. Der Star des Abends: ein weißes Pony. Mehr im TT-Shorty von Anne Peter.

Mit René Polleschs Abend Gasoline Bill wurde gestern der Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis eröffnet. Matthias Weigel sah schon die Münchner Premiere. Hier die Übersicht zu allen eingeladenen Stücken.

Am Staatsschauspiel startete gestern abend das 1. Internationale Bürgerbühnenfestival – mit 13 professionellen Produktionen mit Laien aus 8 europäischen Ländern. Es begann mit Die letzten Zeugen vom Burgtheater. Das Teresa Präauer schon nach der Wiener Premiere besprochen hat.

Seit dem 7. Mai läuft das Theaterfestival für zeitgenössische Dramatik auawirleben. Gestern war dort Sebastian Nüblings Sibylle-Berg-Abend Es sagt uns nichts, das sogenannte Draußen zu sehen. Christian Rakow besprach bereits die Berliner Premiere.

Was fängt man heute mit Maxim Gorkis alter Kamelle über eine vom Kapitalismus aufgefressene Familie an: mit Wassa Schelesnowa? Jetzt, wo dieser Kapitalismus doch nicht, wie man zu Gorkis Zeiten und auch lange danach noch dachte, gestorben ist. Am Deutschen Theater hat Stephan Kimmig sich gemeinsam mit einer Top-Schauspielerliga das Drama von 1910 neu angeschaut. Das Ergebnis hat Nikolaus Merck gefallen.

Die Bühne sieht wie eine riesige Tonne aus. Vielleicht ist es auch ein Tunnel, der statt ins Freie in bewegte Bilder führt. Tolle Albtraumbilder sind es, mit denen Stefan Pucher in den Kammerspielen seine Version von Jean Genets Die Zofen umgeben hat. Und die Willibald Spatz gerne immer wieder angehalten hätte.

Zur Eröffnung der Bayerischen Theatertage fährt das kleine Theater Erlangen mit Dantons Tod einen großen Stoff auf. Und siehe da, es funkt, wenn Mario Portmann mit aufgestocktem Ensemble und hinzuerfundener Büchner-Figur den Revolutionsrocker auf seinen Erfinder treffen lässt. Mehr von Dieter Stoll.

Ehefrau oder Geliebte? Deutschland oder Frankreich? René Schickele, schrieb zu Beginn des 1. Weltkriegs Hans im Schnakenloch, dessen Protagonist sich entscheiden soll – und so die Zerrissenheit einer ganzen Region porträtierte. Ingo Putz und Boris Brandner haben das Stück in Baden-Baden ausgegraben, Harald Raab war dabei.

Soldaten, die nicht im Kampf sterben sondern in der Kaserne: um die geht es in Schildkrötensoldat von Melinda Nadj Abonji. Die Baseler Hausautorin, 2010 mit Buchpreisen hochdekoriert, sammelte Fälle, in denen Soldaten von ihren eigenen Leuten in den Tod getrieben werden. Patrick Gusset inszenierte die Uraufführung, Elisabeth Maier sah zu.

Mann ist Mann von Bertolt Brecht handelt von der Zurichtung des Menschen: zum willigen Instrument für welches System auch immer. Im Schloßtheater hat nun Philipp Preuss den Stoff neu vermessen. Und auf die Tarnanzüge der Soldaten Bilder einer Moerser Hecke gedruckt. Sascha Westphal weiß mehr darüber.

Der Schweizer Friedrich Glauser gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren. Nach einem zerrütteten Leben starb er 1938 im Alter von 42 Jahren. Das psychiatrische Umfeld, in dem er seinen Kriminalroman Matto regiert angesiedelt hat, kannte er aus eigener Anschauung. Im Schauspielhaus hat Sebastian Nübling die Sache nun auf die Bühne gebracht. Claude Bühler berichtet.

Ödön von Horváths Romanerstling "Sechsunddreißig Stunden" über eine Vertreterin der Lost-Generation nach dem Ersten Weltkrieg ist erst Jahrzehnte nach seinem Tod erschienen. Im Theater in der Josefstadt hat Fabian Alder daraus nun Die Geschichte vom Fräulein Pollinger destiliert. Zur Zuschauerfreude von Reinhard Kriechbaum.

Der libanesische Künstler und Theatermacher Rabih Mroué hat oft vom Krieg erzählt, meist aus einer subjektiven Perspektive. Auch in Riding on a cloud, ein Abend, der seine europäische Festivaltour jetzt bei den Wiener Festwochen begann. Dort steht Mroués Bruder auf der Bühne, der nach einem Kopfschuss sich Erinnerung und Sprache neu erarbeiten musste. Kai Krösche ist beeindruckt.

91 Jahre ist er alt und verpasst nie eine seiner Aufführungen: der französische Regisseur Claude Régy. Am Eröffnungswochenende der Wiener Festwochen zeigte er seine in Japan erarbeitete Inszenierung Intérieur nach dem großen Symbolisten Maurice Maeterlinck, ein ursprünglich für Marionetten erdachtes Stück. Bei Régy wird es zum abstrakten Spiel aus Licht und Stille. Theresa Luise Gindlstrasser berichtet.

Das angepasste Leben ist vorbei, die Farce der Bürgerlichkeit ausgespielt. So geht es, wenigstens gefühlsmäßig, den beiden Heldinnen in den Frauen-Novellen Die Marquise von O... und Drachenblut von Heinrich von Kleist und Christoph Hein. Stuttgarts Schauspielchef Armin Petras hat beide Prosaexte zusammengespannt und mit zwei Hochenergiespielerinnen besetzt: Fritzi Haberlandt und Astrid Meyerfeldt. Wie das Doppel gelang, weiß Verena Großkreutz.

Jeder mit jedem, Drogenexperimente, basslastige Beats, zu denen sich die Elfen räkeln – Christina Paulhofer hat Shakespeares Kreuz-und Quer-Liebesgeschichte Sommernachtstraum ins zeitgemäße Nachtleben versetzt. Und Bochum jubelt ihr zu. Mehr von Friederike Felbeck.

Große Momente beim Theatertreffen: Eine Woge des Jubels schwappte durch den Saal. Der Anlass: Müllhalden-Tänze und Menschenkenntnis in Tauberbach von Alain Platel. Im TT-Shorty stimmt Mounia Meiborg in den Jubel ein.

In der alten Bundeshauptstadt schaut man rund um den Jahrestag der deutschen Kapitulation noch mal zurück: wie alles anfing sozusagen. Damals im 19. Jahrhundert, als mit der Idee der Demokratie auch der Nationalismus geboren wurde. Waffenschweine haben Volker Lösch und Nicola Bramkamp ihre Auseinandersetzung mit den deutschen Burschenschaften genannt. Mehr von Sascha Westphal.

Wir haben sie schon oft gesehen, Henrik Ibsens Nora. Aber haben wir sie je mit einem Schafskopf erblickt? Einen solchen hat ihr am Schauspiel Frankfurt Michael Thalheimer aufgesetzt. Shirin Sojitrawalla kann es bezeugen.

Die Tochter hat mit einem Liebhaber…, also …, also: Das ruft nach Ehrenmord! Bloß wie stellt man's an? Ibrahim Amirs bitterböse Parallelgesellschaftskomödie Habe die Ehre hat Stefan Bachmann in Köln zur deutschen Erstaufführung gebracht. Martin Krumbholz war dabei.

Tiefschwarz sind die Geschichten zweier Kriegskinder, die Ágota Kristóf in ihrem Roman "Das große Heft" erzählt. Mit The Notebook bringen die britischen Erzähltheaterveteranen Forced Entertainment sie jetzt auf die Bühne des PACT Zollvereins, und zwar zartgrau mit einem Schuss bordeauxrot. Friederike Felbeck hat zugehört.

Delete oder keep? Angesichts von Ex-Freunden, LoL-Antwortern oder ewigen Katzenbild-Postern, kann man sich diese Facebook-Frage schon stellen. Brian Lobel hat für die Performance Purge 1300 Facebook-Kontakte als Ausgangsmaterial genutzt. Über seine Reinigungsaktion beim Festival auawirleben berichtet Geneva Moser.

Um Überforderung durch Gleichzeitigkeit ging es James Joyce in seinem Roman Ulysses, der im Jahr 1904 spielt, lange vor der Erfindung des Smartphones. Marat Burnashev und Swantje Basedow gehen ihr Joyce-Projekt von zwei Seiten an, im Netz und auf der Bühne. Eva Biringer war bei der Premiere am Berliner Ballhaus Ost.

Das Schicksal von Anne Frank und ein Dinner-Arrangement im Theater – geht das zusammen? Darf's nicht auch ein bisschen kommerziell sein? Schon im Vorfeld gab es Geschmacks-Diskussionen über Anne, das Stück (bzw. die Show?) von Jessica Durlacher und Leon de Winter, für das in Amsterdam eigens ein hochmodernes Theater gebaut wurde. Zur Premiere war der König da. Und Elske Brault.

Von den Kulturschaffenden lernen heißt siegen lernen. Denn da herrschen Ausbeutungsverhältnisse, die jedes Stadttheater locker kompatibel mit sauber neoliberal aufgestellten Industriebetrieben machen. Das und noch viel mehr verhandelt Oliver Kluck in seinem neuen Stück Der Hund des alten Mannes, das Marie Bues am Theater Rampe uraufgeführt hat. Kathrin Kipp war dabei.

Vor zwei Jahren hat die Dramaturgin Anita Augustin einen kolossal witzigen Roman herausgebracht, dem alleine seines Titels wegen die Kalauer-Krone gebührt: Der Zwerg reinigt den Kittel. Bei den Ruhrfestspielen hat Bettina Bruinier nun die Bühnenfassung uraufgeführt. Ob der Zweck die Mittel heiligte, weiß Hartmut Krug.

Wenn Frank Castorf von München nach Berlin reist: Wie sich seine Residenztheater-Inszenierung von Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht beim Theatertreffen-Gastspiel ausnahm, steht im TT-Shorty von Christian Rakow.

Scheiße und Gold, das gehört einfach zusammen. Das schöne Gegensatzpaar inspirierte schon viele Werke der bildenden Kunst. Und eigentlich trennt beides immer nur eine sehr schmale Grenze. Auf welche Seite die Künstler-Kings in Nora Abdel-Maksouds neuem Stück am Ballhaus Naunynstraße gehören, weiß Eva Biringer.

Fegefeuer in Ingolstadt, das vierte Theatertreffen-Gastspiel, hat zwar eine bayerische Stadt im Titel, und die Inszenierung von Susanne Kennedy stammt von den Münchner Kammerspielen. Die Uraufführung 1924 fand aber in Berlin statt. Wie dort nun das Gastspiel ankam, weiß Esther Slevogt.

Samuel Becketts Texte sind zeitlos schroffe Inseln. Eine Reise in jenen Verzweiflungs-Kosmos des Ekels, des Hasses und des sardonischen Lachens ermöglichen jetzt die Ruhrfestspiele Recklinghausen mit zwei Beckett-Adaptionen des Dubliner Gate Theatre im Theater Marl: Eh, Joe / I'll go on. Mit dabei auch der Ire Barry McGovern, der im englischsprachigen Theater als der ideale Beckett-Darsteller gefeiert wird – zu Recht, wie Sascha Westphal findet.

In Mars Attacks! sind die grünen Männchen böse. Die Erdlinge wollen's nicht wahr haben, deshalb werden sie gekillt. Wer darf auf der Bühne die guten, aber doofen Erdlinge, wer die smarten, aber bösen Marsianer spielen? Das Helmi und das Theater Hora stritten sich darum in der Roten Fabrik, Julia Stephan hat's gesehen.

Das dritte Theatertreffen-Gastspiel kommt aus Stuttgart: Robert Borgmann brachte dort Onkel Wanja mit Auto-Ballett und unter einem Lichtstern auf die Bühne. Wie das in Berlin ankam, sagt Georg Kasch.

Erst macht sich der Mensch nackt: die Hüllen fallen, je ängstlicher die Bürger die Ankunft des Revisor erwarten. Dann wird die implodierende Poesie von Sarah Kanes 4.48 Psychose in Video-Projektionen transformiert. Stadt der Angst nennen Marcus Lobbes und Kay Voges das Triptychon aus drei Stücken, das Gefühlsinnenwelten bis ins Digitale übersetzt. Mehr darüber von Friederike Felbeck.

Soeben eröffnete der israelische Regisseur Eyal Weiser noch das Radikal jung-Festival am Münchner Volkstheater. Jetzt bringt er dort mit Nystagmus – Eine große deutsche Kunstausstellung seine erste Arbeit außerhalb Israels heraus, wie sich das ausnahm, beschreibt Sabine Leucht.

Das mit den Nullen und Einsen ist doch überholt, sagt die Quantenphysik. Wir sind nicht determiniert, alles ist Zufall. Dirk Schulz hat Philipp Löhles Text mit naturwissenschaftlichen Experimenten aufgeladen – mehr von Marcus Hladek.

SchauspielerInnen aus Deutschland, Österreich, Griechenland, Bulgarien, Burkina Faso und der Türkei hat Regisseur Bernhard Stengele für Euripides' Die Frauen von Troja ans thüringische Landestheater. Ob viel auch viel bringt, weiß Christian Baron.

In Celle starb 1979 Arno Schmidt. Jetzt feiert man dort seinen 100. Geburtstag mit der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas. Kalle Kubik inszenierte die Bühnenfassung. Jan Fischer berichtet.

Der österreichische Dramatiker Fritz Hochwälder ist heute fast vergessen. Das Theater an der Effingerstraße führt jetzt Der öffentliche Ankläger von 1948 auf. Bei der Premiere war Charles Linsmayer.

Theatertreffen eröffnet. Wir stehen in der "Morgendämmerung eines neue Zeitalters", sagt Festspiel-Chef Thomas Oberender. Danach Zement von Heiner Müller, Sophie Diesselhorst mit Eindrücken.

Der Megaphonchor der Performance-Künstlerin Sylvi Kretzschmar war 2013 ein lautstarker Teil der Anti-Gentrifizierungsproteste gegen den Abriß der sogenannten Esso-Häuser im Stadtteil St. Pauli. Jetzt ist ihre Aktivismusperformance Esso Häuser Echo von der Straße auf die Bühne umgezogen und als Nachruf auf die Häuser und die Aktion auf Kampnagel zu sehen. Tim Schomacker berichtet.

Kernige Titel schätzt er: Oliver Kluck, Autor von "Froschfotzenlederfabrik", dramatisiert jetzt Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend nach dem bitteren autobiographischen Buch von Andreas Altmann: über eine 50er Jahre-Jugend mit brutalem SS-Vater und Frömmigkeitskult. Christina Rast besorgte die Uraufführung und Reinhard Kriechbaum war dabei.

Jo Fabian ist ein Spezialist für bildstarke, mit Assoziationen um sich sprühende Theaterabende. Einen ganzen Haufen Folklore und Improvisationseinsprengsel fährt er jetzt für Schillers Schweizstück Wilhelm Tell auf. Seine dritte Arbeit für das Mülheimer Theater an der Ruhr erzählt eindrücklich vom Werden einer Revolution – ohne dabei auf den Maidan oder Tahrir Platz zu schielen. Friederike Felbeck war angetan.

In Die deutsche Ayşe. Türkische Lebensbäume hatte Tuğsal Moğul die Lebensläufe dreier Frauen im Münsterland recherchiert und sie konzentriert auf die Studiobühne des Theater Münster gebracht. Jetzt ist der Abend am Berliner Ballhaus Naunynstraße zu Gast. Die Uraufführung hatte Kai Bremer für uns besprochen.

Er war der Marinelli in Michael Thalheimers berühmter "Emilia Galotti" und später dessen Faust. Bis 2012 spielte Ingo Hülsmann am Deutschen Theater, dann wechselte er ins Schaubühnenensemble. Dort betätigte er sich jetzt auch als Regisseur und stellte seine Lektüre von Rudolf Brunngrabers wichtigem Roman Karl und das zwanzigste Jahrhundert vor. Wie sich diese Geschichte des kleinen Mannes auf der Bühne ausnahm, sagt Wolfgang Behrens.

Ursprünglich war Parzival von Tankred Dorst und Ursula Ehler ein Auswuchs des Monster-Welten-Dramas "Merlin". Die Geschichte eines reinen, recht brutalen Tors. David Bösch hegt eine unstillbare Zuneigung zu solchen Figuren, denen Welt zustößt. Kein Wunder, dass er den Stoff nun in sein schummrig-abgeranztes Universum einverleibt hat. Wie die Begegnung zwischen Dorst, Ehler, Parzival und Bösch ausging, beschreibt Martin Pesl.

Das Wuppertaler Sinfonieorchester sitzt im ersten Stock, dem traditionellen Überblicksplatz des Bademeisters. Unten im Schwimmbad ist der Stöpsel längst gezogen, finden nur noch Trockenübungen statt – die aber vom feinsten. Mit seiner Inszenierung Viel Lärmen um nichts, Shakespeare mit der expressionistischen Bühnenmusik von Korngold, legt der scheidende Wuppertaler Intendant Christian von Treskow einen scharfen Abgang hin. Regine Müller zieht den Hut.

Seit drei Jahren tourt Pascal Rambert mit seinem Stück Ende einer Liebe durch die Theater der Welt und trifft Nerven. Bei der deutschen Erstaufführung am Thalia Theater sind nun Marina Galic und Jens Harzer die (Ex-)Liebenden. Falk Schreiber beobachtete ein Publikum, das gerne mal wieder über die Liebe nachdenken wollte.

  Als Powergirl stürmt Sonja Beißwenger die Bühne – doch schon bald geht Die Jüdin von Toledo in Nuran David Calis' Inszenierung des "historischen Trauerspiels" von Franz Grillparzer unter. Nicht ohne dabei noch ein paarmal ins Heute zu zeigen, wie Tobias Prüwer zu berichten weiß.

Leonardo DiCaprio hämmerte sich kürzlich als "Wolf of Wallstreet" gorillamäßig an die Brust. In Weimar tut es ihm nun Malvolio gleich, um seine Angebetete zu beeindrucken. Alice Buddebergs geschlechterverwirrte Was ihr wollt-Variante am Nationaltheater Weimar punktet mit einer bestürzend berührenden Viola. Und spiegelt ansonsten unsere Burnout-Gesellschaft sehr überzeugend, findet Christian Baron.

Es ist das Siegerstück der letztjährigen Autorentage "Stück auf" am Schauspiel Essen: Katja Wachters Eine Blume als Gegenwehr. Wogegen man sich mit einer Blume wehren muss? Gegen die körperlose Kälte des Internets zum Beispiel. Tilman Gerschs Uraufführung inszeniert. Zum Zuschauerglück von Sascha Westphal.

Der Heidelberger Stückemarkt 2014 ist eröffnet – mit dem letzjährigen Siegerstück Lupus in fabula von Henriette Dushe, einer düsteren Todesfuge mit tollen Sätzen wie "Der Tod ist eine blöde Sau". Die erste Bühnenversion hat Alexander Nerlich verfertigt. Mehr von Ralf-Carl Langhals.

Das Thema ist ebenso wichtig wie populär: Wie wollen wir essen? Wie dürfen wir überhaupt noch essen, um uns nicht an der Schöpfung zu versündigen. Am Deutschen Schauspielhaus sucht Cargo Fleisch, ein internationales Theaterprojekt von Clemens Bechtel, nach Antworten. KaSabine Leuchttrin Ullmann berichtet.

Aus Grillparty-Geschwätz und Goethe'scher Philosophie hat Ewald Palmetshofer seine furiose "Faust"-Erneuerung faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete geschaffen. Als Sprechoper geht die Neusser Intendantin Bettina Jahnke das Werk am Rheinischen Landestheater an. Was herauskam, weiß Martin Krumbholz.

Eine Kutsche wird im Schummerlicht auf die Bühne gezogen. Das ist der Anfang. Kutsche da, Licht an, Text los: Martin Wuttke inszeniert an der Volksbühne Teil drei einer Balzac-Trilogie, die René Pollesch und Frank Castorf begannen. Trompe l'amour ist sie überschrieben. Eigentlich wollte Wuttke auch mitspielen, hat sich dann aber in letzter Minute gestrichen. Wie? Was? Dirk Pilz weiß mehr.

Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs Film Das Fest war der Gründungsfilm der dänischen Dogma-Bewegung, und auch am Theater hat der Stoff eine lange Karriere hinter sich. Wurde etliche Male inszeniert mit seiner schauerlichen Thematik, den Konflikten in einer hochbelasteten Situation. Christopher Rüping hat sich nun in Stuttgart an die Familienaufstellung gewagt. Mehr von Verena Großkreutz.

Finanzblase, Bankenskandal, dubiose Termingeschäfte – alles ist drin in Frank der Fünfte, Friedrich Dürrenmatts musikalischer Komödie über eine verdorbene Bankerdynastie, in der die Kinder nicht besser als die Eltern sind. Trotzdem ist das Stück selten gespielt, an der Landesbühne Sachsen hat es Regisseur Arne Retzlaff nun mit Wilsonhafter Künstlichkeit versucht. Mehr über den Abend von Matthias Schmidt.

Eigentlich ist Der Besuch der alten Dame ja schon nachhaltig genug; in seiner Dürrenmatt-Inszenierung am Deutschen Theater verleiht Bastian Kraft der alten Dame Claire Zachanassian aber noch den Pluralis Majestatis von gleich fünf Schauspielern. Allein steht dagegen Ulrich Matthes als Ex-Ekel Alfred Ill. Wie es ausgeht und aussieht, weiß Christian Rakow.

Der Abend "Dschingis Khan" des Performance-Kollektivs Monster Truck wurde deshalb so viel diskutiert, weil unklar blieb: Werden die Darsteller mit Down Syndrom benutzt? Ihr neuer Abend an den Sophiensälen heißt Regie und macht genau diese Frage zum Thema. Ob's mehr als ein Meta-Abend geworden ist, sagt Simone Kaempf.

So wie Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch hat Simon Solberg sich als Schelm bekannt gemacht. Nun hat er den Barockroman von Grimmelshausen in Dresden auf die Bühne gesprengt. Lukas Pohlmann ist baff und schreibt trotzdem, wie es war.

Systeme brechen zusammen, Einbrecher ein, Konventionen auseinander. Die Mainzer Hausautorin Natascha Gangl hat ihr neues Stück Die große zoologische Pandemie den Spielarten des Brechens gewidmet. Ob sich Regisseur Felix Meyer-Christian einen abbricht, weiß Shirin Sojitrawalla.

In Baden-Württemberg fordern gerade 192.000 Petenten, dass der Diskurs über sexuelle Vielfalt nicht in Bildungsplänen stehen soll. Vor diesem Hintergrund bekommt Katharina Gerickes Stück Maienschlager über zwei schwule Jungs im Dritten Reich beklemmende Aktualität. Stefan Otteni hat Regie geführt, Elisabeth Maier war dabei.

Frau Ganbler liebt ihren Mann nicht, ist auf ihren ehemaligen Liebhaber eifersüchtig und hat eine Pistole. Heiße Kombination, die unter Regisseur Sarantos Zervoulakos in Kälte erstarrt, sagt Ute Grundmann.

Was Sie schon immer über Angelina Jolie und Drew Barrymore wissen wollten! Michael Jacksons Schönheitschirurg packt aus! Na, angefixt? Dann ist dieser Abend vielleicht etwas für Sie. Angela Richter hat für ihren neuen Dokufictionabend Brain and Beauty eigens in Beverly Hills recherchiert, bei den Ärzten der Reichen und Schönen. Wie sich das mitgebrachte Recherchematerial in der Kölner Halle Kalk ausnimmt, weiß Stefan Keim.

Brit Bartkowiak war bis 2013 Regieassistentin am Deutschen Theater Berlin und fiel dort mit ihrer Marianna-Salzmann-UA "Muttersprache Mameloschn" auf. Jetzt hat sie im Theater an der Glocksee, einer kleinen Hannoveraner Off-Stätte, mit Dennis Kellys Waisen ein sehr eindringliches Sozialdrama inszeniert. Stephanie Drees war vor Ort – und beeindruckt.

Glaubt man dem Klischee, dann befeuert sich die russische Seele gern mit Alkohol, und nah bei Gott ist sie sowieso. Gibt es da vielleicht sogar einen Zusammenhang? Der russische Autor Iwan Wyrypajew suggeriert das in seinem Stück Betrunkene, das Alexander Simon nun in Hamburg am Thalia in der Gaußstraße herausbrachte. Wie nüchtern blieb unsere Berichterstatterin Katrin Ullmann?

Man hätte es Erpressung nennen können, als die Choreografin Sasha Waltz wiederholt mit ihrem Weggang aus Berlin drohte, nachdem ihr das gewünschte Geld (und der gewünschte Posten?) verweigert wurden. Doch sie blieb, und sie bekam ja auch etwas: Die Opernregie für Tannhäuser an der Staatsoper etwa. Wie sich ihre Tänzer-Hipster in Daniel Barenboims Dirigat einfügen, weiß André Mumot.

Tragischerweise ist es nicht Die Wildente, die in Henrik Ibsens Stück zu Tode kommt, sondern die Tochter der Familie Ekdal. Wie Stephan Rottkamp Ibsens ausgebuffte Dramaturgie neu erlebbar macht, begeistert Michael Laages.

Winnie und Willie erleben in unterschiedlicher Gefangenschaft Glückliche Tage, und wir müssen ihnen dabei zugucken. Stéphane Braunschweig hat Samuel Becketts Stück in Düsseldorf noch grausamer gemacht. Mehr von Sascha Westphal.

Peter Stamms Roman Agnes scheint mit seinen zwei Erzählebenen einer Liebesgeschichte für eine Bühnenadaption geeignet. Daniela Löffner kommt im Zürcher Schiffbau sogar mit den Originalsätzen aus. Ob der erstmalige Medienwechsel klappt, sagt Claude Bühler.

Das Geschrei, was denn all diese Film-Adaptionen auf dem Theater sollen, muss bei Lars von Triers Dogville verstummen: Kaum ein Film dürfte in seiner Ästhetik mehr vom Theater her kommen. Wenn Theatertreffen-Dauergast Karin Henkel "Dogville" nun am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne bringt, so kehrt der Film gewissermaßen in sein Ursprungsmedium zurück. Oder etwa nicht? Grete Götze berichtet.

Sebastian Nübling hat in der vergangenen Spielzeit in München und beim Berliner Theatertreffen bewiesen, dass der schwüle Bekenntnis-Schinken Orpheus steigt herab von Tennessee Williams spielbar ist. Am Hans Otto Theater zieht nun Elias Perrig nach. Ob's gelang, weiß André Mumot.

Sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten machte 2009 Liao Yiwu weltberühmt. 2012 erhielt der chinesische Exilschriftsteller auch den Friedenpreis des Deutschen Buchhandels. Episoden des verbotenen Buchs hat nun Max Claessen auf die Bühne gebracht. Tim Schomacker sah die Uraufführung.

Beim Nachwuchsfestival des Volkstheaters Radikal Jung läuft aktuell eine Produktion des eigenen Hauses: Der große Gatsby von Abdullah Kenan Karaca inszeniert. Cornelia Fiedler sah bereits die Premiere. Hier gehts zur Übersicht mit allen eingeladenen Produktionen.

Die NSU-Morde waren nicht nur kaltblütige Gewaltaten, sie waren auch Auslöser für fremdenfeindliche Verdächtigungen und Verurteilungen im Umfeld der Opfer, wurden zum Motor der Ausgrenzung. Davon erzählt der bewegende Dokumentarabend Urteile von Regisseurin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Azar Mortazavi am Residenztheater, der zwei Münchner Familien ins Zentrum rückt. Petra Hallmayer war da.

Sie sind wieder da! Vier Jahre nach "Testament", der großen Erbschaftsreflexion nach Shakespeares "King Lear" von She She Pop und ihren Vätern, gibt es den Gegenabend: Frühlingsopfer, nach Strawinskys "Sacre", von She She Pop und ihren Müttern. Ob am HAU bei Tagesdeckenschleiertänzen und Video ähnlich viel Energie rüberkam wie seinerzeit in "Testament", weiß Matthias Weigel.

Dass ein Lehrplanklassiker wie Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan nicht schultafelgrau und didaktisch sauber hingezirkelt aussehen muss, zeigt Antje Schupp in ihrer Ulmer Inszenierung des Stückes. Die wilde Rap-Battle sah Steffen Becker.

Der türkische Mann ist nicht nur publizistisch ein viel beachtetes Phänomen. Entsprechend lebhaft wuchern die Klischees in den Köpfen der Zeitgenossinnen und -genossen. Das hat die Schauspielerin Idil Üner zum Anlaß genommen, einmal genauer hinzusehen und reale Vorbilder für ihre Bühnenfiguren in einer Selbsthilfegruppe gecastet. Süpermänner hat sie ihren Abend im Ballhaus Naunynstraßen überschrieben, den Eva Biringer sich angesehen hat.

In der Schaubühne findet gerade das F.I.N.D.-Festival statt. Gestern lief die radikale Peter-Pan-Übermalung Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy) der spanischen Perfornerin Angélica Liddell, die Kai Krösche schon bei den Wiener Festwochen beeindruckt hat.

Zu den Stücken, die zum Festival Radikal Jung geladen sind, gehört auch Michael Ronens bildmächtige Inszenierung I call my brothers – Ich rufe meine Brüder von Jonas Hassen Khemiri. Martin Pesl sah die Premiere in St. Pölten. Infos zu allen eingeladenen Inszenierungen in der Festivalübersicht.

Erst ist Arnolphe der Zyniker, der seine Pflegetochter bewusst zur Dummheit erzieht, um sie später heiraten zu können, am Ende steht er als Geleimter da in Molières Die Schule der Frauen. Ein Stoff wie gemacht für Regisseur Herbert Fritsch, um ein paar Gänge hochzuschalten und seinen Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff am Schauspielhaus Hamburg konsequent ins Zentrum zu stellen. Mehr von Falk Schreiber.

Gestern Abend wurde am Münchner Volkstheater das zehnte Radikal jung Festival für junge Regisseure eröffnet mit Produktionen israelischer Regisseure. Isabel Winklbauer hat zwei – Life & Strive und This is the land – gesehen.

"Wirtschaftswunder", das klingt in Finanzkrisen-Zeiten historisch. In Hannover geleitet Milan Peschel seine Version von Das Mädchen Rosemarie in WW-Zeiten – Tim Schomacker ist mit in die Fünfziger gereist.

Lauch, Zwiebeln, Möhren, das gehört unbedingt in eine Suppe, soll sie die beste Suppe der Welt werden. Und die lässt Robert Hartmann ordentlich köcheln am JT Göttingen, um in seiner Candide-Inszenierung der Frage nachzugehen, wie die bester aller Welten aussieht. Jan Fischer berichtet.

Ja, die großen monologischen Ausbrüche können sie am Maxim Gorki Theater! Mirko Borschts Woyzeck III droht gerade in Gothic-Düsternis wegzubrechen, da reißt ein furioser kulturgeschichtlichen Abriss die Inszenierung raus, wie die Stimmen der Götter einst das Handeln primitiver Gemeinschaften strukturierten. Und wie passt das zu Figuren wie Georg Büchners Hauptmann? Mehr darüber von Christian Rakow.

Andrej Tarkowskijs Andrej Rubljow ist die gewaltige Geschichte eines um 1400 lebenden Malers und Mönchs, der in eine tiefe Schaffens- und Glaubenskrise stürzt. Robert Borgmann, dessen entschleunigter "Onkel Wanja" im Mai zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, hat den Film für die Bühne adaptiert. Martin Krumbholz berichtet.

Das fragt man sich ja eh: was muss noch passieren, dass die Leutchen auf der Top-Ebene schaudernd rufen: Die Kunden werden unruhig? Der Dramatiker Johannes Schrettle hat sich das auch gefragt. Michael von zur Mühlen inszenierte das Spiel, Kathrin Kipp hat zugesehen.

Im September wird in Kanada der Prozess gegen Luka Magnotta beginnen. Einen Studenten soll er ermordert und zerstückelt, die Leichenteile an Parteien verschickt haben. Weniger von dieser Tat als vielmehr von dessen Lebenswelt ließ sich Thomas Bo Nilsson zu seiner Performance-Installation Meat an der Schaubühne inspirieren. Ob sie mit den Erfahrungswelten seiner alten Gruppe SIGNA mithalten kann, weiß Georg Kasch.

Der Roman ist ein tausendseitiges apokalyptisches Gesellschaftspanorama. Sein Autor, der Chilene Roberto Bolaño, hat ihn im Zukunftsjahr 2666 angesiedelt, obwohl er unsre finstere Gegenwart beschreibt. Beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne hat Álex Rigola das Buch adaptiert. Sophie Diesselhorst berichtet.

Stereotypenhorror beim Einkaufsterror: In Kristof Magnussons Erfolgskomödie Männerhort flüchten Shopping-Gatten in den Heizungskeller. Wie Regisseur Jonas Hien, der als Schauspieler reichlich Komödienerfahrungen bei Herbert Fritsch gesammelt hat, über die Klischees hinwegkommt, weiß Hartmut Krug.

Sie rennen, sie lieben, sie verwechseln, sie finden zusammen. Aus der saftigen Shakespeare-Komödie Ein Sommernachtstraum hat Regisseur Markus Heinzelmann erstmal alles Anzügliche gestrichen. Zu welchem Ergebnis, berichtet Julia Stephan.

Hier sollte eine Kritik zu Barbara Freys Inszenierung von Carlo Godonis Komödie Diener zweier Herren stehen. Aber unser Autor geriet auf dem Weg ins Zürcher Schauspielhaus in einen Stau, der durch einen schweren Unfall verursacht worden war, und hat das Theater nicht rechtzeitig erreicht. Wir bitten um Entschuldigung.

Harold Pinter wurde zwar mit einem Nobelpreis geehrt, wird in Deutschland aber nicht besonders oft gespielt. Den Sozialrealismus seiner Stücke durchweht der Geist des absurden Theaters. Nun hat das Residenztheater seinen Durchbruch Der Hausmeister von 1960 hervorgeholt und in die Hände der Meisterin des genauen Lesens gelegt: Andrea Breth bringt zu ihrem Resi-Einstand auch gleich einen Alt-Star mit. Mehr von Sabine Leucht.

So ein kleiner Mord für eine große Milliarde, wer würde nein sagen? Das unmoralische Angebot macht Claire Zachanassian der Stadt Güllen, wo die Gülle bis zum Halse steht. So hoch, dass trotz anfänglicher Solidarität am Ende ein Mord begangen wird. Am Theater Brandenburg lässt Jürg Schlachter den Schulstoff Der Besuch der alten Dame aufleben. Vom Komödiendrang berichtet Nikolaus Merck.

Die Taten des NSU sind so über alle Maßen grausam, dass sie geradezu schreien nach boulevardesker Skandalisierung. Dagegen arbeiten am Badischen Staatstheater Karlsruhe der Dramaturg Konstantin Küspert und der Regisseur Jan-Christoph Gockel an. In ihrem gemeinsamen Rechercheprojekt Rechtsmaterial versuchen sie das Phänomen NSU zu verstehen, indem sie es in die deutsche Geschichte einordnen. Mehr von Dennis Baranski.

Ein junger Mann verliert seine Verlobte und fängt sich einen Korb von einer weiteren Frau, die ihn eigentlich liebt. Kein Wunder, dass die Hauptfigur von Federico García Lorcas selten gespieltem Sobald fünf Jahre vergehen die Welt nicht mehr versteht. In Stuttgart hat Jo Fabian das eindrücklich illustriert. Verena Großkreutz berichtet.

In der Schweiz wird weiter gezündelt. Nach Volker Löschs migrantischen Biedermann und die Brandstifter in Basel, präsentiert Claudia Meyer den alten Max Frisch-Erfolg jetzt in Bern als Albtraum mit Chor. Valeria Heintges sah die Premiere.

Bertolt Brechts Parabel Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui ist Liebling vieler Deutschlehrer, weil man mit ihr so schön den Nationalsozialismus erklären kann. Eine Interpretation, der viele Regisseure folgen. In Dresden erzählt Tilmann Köhler die Geschichte aber als eine von heute – mit einem umwerfenden Christian Friedel in der Titelrolle. Lukas Pohlmann berichtet.

Ein Paar erhält nach seinem Tod die Chance, in sein Leben zurückzukehren. Eine Rückkehr unter Auflagen und in ungelöste Konflikte allerdings, die Jean-Paul Sartre in Das Spiel ist aus thematisiert. Jette Steckel hat die Vorlage jetzt am Deutschen Theater Berlin inszeniert. Matthias Weigel wundert sich über die Verwandlungsnaivität.

Herausfinden, was man eigentlich will, kann und sich traut? Eine gemeinsame Zukunft entspinnen? Hört sich ein bisschen nach einem Lebenshilfe-Projekt an. Ist aber der Theaterabend Leben und Arbeiten, für den im Rahmen des Doppelpass-Fonds das freie Kollektiv Turbo Pascal und das Theater Freiburg zusammen nach neuen Arbeitsformen suchen. Mehr darüber von Jürgen Reuß.

"was soll das theater? dieses ewige suchen nach menschennähe. nach konnexion mit dem anderen", fragt Tomo Mirko Pavlovics Adaption von Goethes "Faust"-Stoff und klopft den Klassiker in Faust Exhausted auf sein zeitgenössisches Potential ab. Nach Sofia, Luxemburg und Sibiu zieht das interkulturelle Projekt der Stuttgarter Formation TARTproduktion jetzt ans Schlachthaus Theater Bern. Geneva Moser berichtet.

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges spielen die Theater entweder "Die letzten Tage der Menschheit" oder sie bauen sich was eigenes Neues: So das Thalia Theater mit Oberspielleiter Luk Perceval, der Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues", Henri Barbusse "Das Feuer" und Zeitdokumente zu einem großen vielsprachigen Klagesang verschmilzt: FRONT. Das demnächst durch Europa tourende Großprojekt sah Falk Schreiber.

Arme Johanna: Am Ende muss sie erkennen, dass sie nur eine Figur in einem einzigen, großen Theaterspiel war. Welche Kniffe Regisseur Martin Laberenz in Schillers Jungfrau von Orleans noch einbaut, weiß Jan Fischer.

Elmar Goerden übernahm 2005 die Intendanz von Matthias Hartmann in Bochum und gab sie 2010 wieder auf. Seither ist Goerden als freier Regisseur unterwegs und hat sich nun Ibsens Wildente gewidmet. Ob ein Modernisierungserfolg zu vermelden ist, berichtet Harald Raab.

Raus aus dem Internet, rein ins Leben! Netzkritik ist seit dem NSA-Skandal en vogue, und der Autor Johannes Schrettle und das Kollektiv "Zweite Liga für Kunst und Kultur" surfen mit In allen Netzen ist Ruh auf dieser Welle mit. Leopold Lippert sah zu.

Ein superg.... Duo bilden Nis-Momme Stockmann, amtierendes Boy-Wonder der deutschen Dramatik, und Exerzitienmeister Ulrich Rasche in den Sophiensaelen. Mit Die kosmische Oktave starten sie einen Generalangriff auf den ganz gewöhnlichen Alltags-Zynismus. Den ersten Abend der Theater-Schlacht zwischen Gefühl und Misere besingt ein begeisterter André Mumot.

Man durfte gespannt sein, was ein Anreicherungs-Regisseur wie Sebastian Baumgarten mit der viel und zu Vielem gebrauchten Antigone des Sophokles wohl anstellen würde. Biogas? Blackfacing? Mediengewitter? Was der Opernmann aufzubieten hat, weiß Matthias Schmidt.

Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg heißt Katja Brunners neues Stück. Es geht also um Tod. Marco Štorman reichert ihn in seiner Luzerner Uraufführungsinszenierung mit weiteren Schrecken an – zu Elisabeth Maiers Begeisterung.

Die Zeiten, da Werner Schwab mit seinen Präsidentinnen die Leut' noch schocken konnte im Theater, sind lange vorbei. Ins Klo greifen, gehört, bildlich gesprochen, für uns alle zum Alltag. Was ein Regisseur wie Miloš Lolić in dieser Situation mit der alten Ekelkomödie angefangen hat, beschreibt Leopold Lippert.

Das flämische Duo BERLIN macht crossmediale Kunst zwischen Film und Performance. Ihr neues Werk Perhaps all the Dragons kam jetzt im Schauspielhaus heraus. Wie dieses Gewebe aus videogestützten Tischgesprächen, Live-Event und Aufzeichnung, dieser Mix aus Wirklichkeit und Fiktion funktioniert, schildert Tim Schomacker.

Niemand wird in Ruhe gelassen, kein Bild darf länger stehen bleiben in Sascha Hawemanns Inszenierung von Tennessee Williams' Endstation Sehnsucht, das wird gleich zu Anfang des Abends klar. Was sonst noch klar wird und auch was unklar bleibt, weiß Ute Grundmann.

Das deutsche Gesundheitssystem hat seine Defizite. Zum Beispiel bei der Pflege: Nichts ginge mehr ohne die Hilfe unterbezahlter osteuropäischer Arbeitskräften. Mit Polnische Perlen haben ihnen das niedersächsische Künstlerkollektiv werkgruppe 2 und Regisseurin Julia Roesler nun ein Dokumentartheaterstück gewidmet. Auf der Bühne stehen jedoch keine Experten des Alltags, sondern Schauspieler. Ob das überzeugt, weiß Alexander Kohlmann.

Eigentlich ist How to win friends & influence people der Titel eines eines amerikanischen Motivationsklassikers. Motivation und Predigt sind aber gar nicht so weit voneinander entfernt. Glaube und Fiktion auch nicht, wie Boris Nikitin in seiner Performance zeigt, die jetzt in einer Schweizer Kirche zu sehen ist. Claude Bühler berichtet.

Der Ort ist rätselhaft. Die Figuren, die ihn bevölkern, kommen von überall her. Sogar eine Art Fee ist dabei. Allerwelt nannte der österreichische Dramatiker und Hans-Grazer-Stipendiat von 2011 Philipp Weiss sein Stück. Pedro Martins Bejas hat das Flüchtlingszauberdrama am Schauspielhaus uraufgeführt. Mehr von Martin Pesl.

Felicia Zellers Erfolgsstück X-Freunde wird in den Theatern zurzeit rauf und runter gespielt. Irgendwie scheinen die drei dauergestressten Selbstverwirklichungs-Workaholics einen Nerv zu treffen. Am Theater Rampe in Stuttgart hat jetzt Intendantin Marie Bues eine eigenwillige Version des atemlosen Quasseltrios inszeniert – und auch den Zuschauer kostet das Nerven. Wie es sich angefühlt hat, sagt Verena Großkreutz.

Beim Festival Szene Ungarn – Ausschnitte einer Theaterlandschaft am Burgtheater Wien gastiert heute Béla Pintérs Miststück, eine musikalische, schwarzkomische Erzählung über Gefühlsverkommenheit und Ressententiments auf dem Lande. Das weit getourte Erfolgsstück lief schon 2011 bei den Theaterformen in Hannover, wo es Esther Boldt sah.

Ersan Mondtag gehört zu jenen Regisseuren, die in diesem Jahr zum Münchner Festival "Radikal jung" geladen sind. Und er war bei Vegard Vinges bereits legendärer 12-Stunden-Borkman-Aufführung dabei. Gründe genug, um hinzuschauen, was Mondtag in der Box des Frankfurter Schauspiels mit Franz Kafkas Rätselroman Das Schloss anstellt. Näheres weiß Shirin Sojitrawalla.

Was für ein kühnes Unterfangen! Die Landesbühne Sachsen bringt die Szenenfolge Die 14. Provinz von Volker Braun zur Uraufführung, unter Beteiligung aller Sparten, aber ohne Regisseur. Gerade so kann lebendiges politisches Theater entstehen, meint Hartmut Krug.

"Le bal", dieses in einen Film geronnene Theaterkonzept der französischen Banlieue-Compagnie Théâtre du Campagnol, wird immer mal wieder zurück auf die Bühne überführt. Jetzt in Graz von Viktor Bodó: In Das Ballhaus lässt der ungarische Regisseur verschroben-sympathische Menschen aus der österreichisch-ungarischen Monarchie auf eigenen Wegen in die Gegenwart tanzen – zur Begeisterung von Reinhard Kriechbaum.

Das Dreamteam der länderübergreifenden neuen Dramatik ist zurück: Autor Simon Stephens hat Bizets "Carmen"-Oper in Carmen Disruption zersprengt. Und sein Leib-und-Magen-Regisseur Sebastian Nübling bringt das Werk mit gewohnt choreographischer Note am Schauspielhaus zur Uraufführung. Katrin Ullmann war dort.

Caligula – das war doch dieser römische Kaiser, der sein Pferd zum Konsul ernannt hat? Richtig! Was man dieser Figur abgewinnen kann, wenn sie von Astrid Meyerfeldt gespielt wird, zeigt Krzysztof Garbaczewskis Stuttgarter Inszenierung von Albert Camus' dramatischem Porträt des Gewaltherrschers. Steffen Becker hat sie gesehen.

Ein großer Dichter der kleinen Formen, der Miniaturen des abseitigen Alltags: Robert Walser. Musiktheatermacher Ruedi Häusermann widmet ihm, seinem erklärten Lieblingsschriftsteller, am Schauspielhaus die theatrale Hommage Robert Walser, die Christoph Fellmann erlebte.

Juli Zehs Stück Corpus Delicti entwirft einen Überwachungsstaat, in dem das Rauchen einer Zigarette eine lange Gefängnisstrafe nach sich ziehen kann. In seiner Inszenierung am Schauspiel Hannover findet Lars-Ole Walburg das gar nicht so realitätsfern. Jan Fischer berichtet.

Kaum jemand hat so einen genauen Blick für kulturelle Konflikte wie Yael Ronen. Sensibel, selbstreflexiv und selbstironisch untersucht die Regisseurin in frei entwickelten Stücken politische Brandherde. Das war so in dem Israel-Palästina-Deutschlandstück "Dritte Generation", und ist jetzt wieder so in Common Ground am Gorki Theater, einer packenden Analyse des Zerfalls Jugoslawiens. Anne Peter sah einen wichtigen Abend.

Auftritt Jana Schulz: wie ein Rockstar nach unausgeschlafener Nacht, eine, die im Wüten gegen sich selbst ganz groß sein kann. Mit der Zerstörungskraft in Henrik Ibsens Hedda Gabler passt das allerdings nicht zusammen. Was vor allem an der Regie von Roger Vontobel liegt. Andreas Wilink wird grundsätzlich.

Witze reißen über Banker, prekäre Intendanten in Fußballvereinen oder am Burgtheater, ist das die Party unserer Zeit? So jedenfalls lässt Peter Kastenmüller seine Figuren in Der große Gatsby am Zürcher Theater Neumarkt zusammenkommen. Mehr über dieses Spiel mit den Illusionen weiß Christoph Fellmann.

Ein kühner Versuch, sich den Syrien-Konflikt anhand des syrischen TV-Melodrams aufzuschließen. Guillermo Calderón unternimmt ihn als Autor und Regisseur in seinem anspielungsreichen Kuss am Düsseldorfer Schauspielhaus. Wie er glückte, weiß Martin Krumbholz.

Okay, traurige Tocotronic-Musik schlägt keine Brücke zum Himmel. Aber sie kann ein Weihnachtsfest retten. Was rettet Punk-Musik? Und was die ivorische Straßenmusik Pololo? Für ihre neue Tanztheaterarbeit Not Punk, Pololo fahren Gintersdorfer/Klaßen in Bremen ganz groß auf und mixen die Beats der Elfenbeinküste mit dem einheimischen Punkrock der Goldenen Zitronen. Andreas Schnell ließ sich treiben und ging verloren.

Wenn es um die schärfsten Titel im Dramengeschäft geht, ist Laura Naumann ganz vorn dabei. Auf "Demut vor deinen Taten, Baby" lässt sie Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken folgen, in Bochum uraufgeführt von Malte C. Lachmann. Und Naumann kann noch mehr als scharfe Titel, sagt Stefan Keim.

900 Milliarden Euro werden in den nächsten zehn Jahren vererbt, so viel wie nie zuvor. Anlass, für Maria Magdalena Ludewig und Tino Hanekamp in ihrer Stückentwicklung Born rich auf Kampnagel über Erbschaftsfragen nachzudenken, mit einer grandiosen Anne Ratte-Polle in der Solopartie. Mehr von Katrin Ullmann.

Einen Tag nach dem abrupten Abgang des Burgtheaterdirektors wird bereits ein neuer König inthronisiert. Auf der Bühne zumindest: Frank Castorf hat Hans Henny Jahnns radikales Königsdrama Die Krönung Richards III. inszeniert, der darin alles Streben nach Höherem zurück in den Urschlamm des Kreatürlichen wirft. Klar, dass eine Geschichte wie diese nach dem Königsdrama um Matthias Hartmann noch zusätzlich an Symbolkraft gewann. Mehr von Teresa Präauer.

Das Performance-Kollektiv machina eX versucht schon seit einiger Zeit, das Prinzip von Computer-Strategie-Spielen aufs Theater zu übertragen. Der Zuschauer wird zum Spieler, zum Avatar seiner Selbst. Auch in Right of Passage, wo er als Flüchtling versuchen muss, in ein schweizartiges gelobtes Land zu kommen, während die Uhr läuft. Nur einer kann gewinnen, wie Dorothea Marcus am eigenen Leib erfahren hat.

Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann, das ist – spätestens seit der Kölner Uraufführung der "Kontrakte des Kaufmann" – so etwas wie das dekonstruktive Dream-Team des Schauspiels. Nun sind die beiden in die Oper weiter getingelt, der Kaufmann heißt jetzt Wotan, und seine Kontrakte sind in Richard Wagners "Ring" niedergelegt. Rein Gold nennt sich das resultierende Musiktheater an der Berliner Staatsoper, von dem sich Georg Kasch überfordern ließ.

Am HAU startete am Sonntag das Festival Leaving is not an option, das sich aktuellen künstlerischen Positionen aus Ungarn widmet. Zur Eröffnung gab es Aufführungen, über die das Archiv von nachtkritik.de bereits Auskunft zu geben vermag: Korijolánusz von Csaba Polgár, Dementia, or The Day of my Great Happiness von Kornél Mundruczó und Acts of the Pitbull von Péter Kárpáti.