Mädchen aus Ostberlin

von Esther Slevogt

Berlin, 9. Mai 2010. Dimiter Gotscheff sagt es mit Jimmy Hendrix: "Der Ton muss im Raum hängen bleiben." Und das tut er definitiv, wenn diese Schauspielerin spricht, die heute im Deutschen Theater in Berlin mit dem Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet wurde: Margit Bendokat, eine der markantesten Schauspielerinnen des deutschsprachigen Theaters, lange verkannt, manchmal fast schon vergessen. Und bei jedem Comeback, wie man so was heutzutage nennt, auf absoluter Augenhöhe mit der Gegenwart.

bendokat
Probenfoto "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
©Arno Declair

Heiner Müller hätte sich seine Texte gern von Margit Bendokat vorlesen lassen, weil er sie so selbst erst verstanden hatte, kolportiert Nicolas Stemann als Laudator, um dann noch einmal die Besonderheiten dieser Schauspielerin hervorzuheben, die Energiezentren von Texten aufzuspüren, Welten zu öffnen und darzustellen verstehe mit einer ganz eigenen Lakonie.

Heutzutage, sagte Stemann, gebe es einen Hunger nach Authentizität auf der Bühne, weshalb manche nun echte Hartz-IV-Empfänger oder irgendwelche Spezialisten auf die Bühne holten. Natürlich verlören die dort sofort jegliche Authentizität, schließlich sei das Theater ein eigener Raum. Wer aber Margit Bendokat habe, dem könne das niemals passieren. Denn ihre Authentizität komme aus der Tiefe, sozusagen dem Innern des Theaters selbst, in das sie dann die Welt von außerhalb zu holen verstehe und umgekehrt.

Am Ende setzte sich der 1968 in Hamburg geborene Regisseur ans Klavier, um Margit Bendokat mit zartem Schmelz Udo Lindenbergs Vor-Wende-Ballade "Mädchen aus Ostberlin" zu Füßen zu legen, was manch politisch Korrektem im Saal kurz den Schweiß auf die Stirne trieb, es aber so direkt gefühlt und liebenswürdig in die Veranstaltung sich fügte, das bald doch allgemeine Rührung überwog.

{audio}stemann.mp3{/audio}  (Nicolas Stemann singt und spielt Udo Lindenberg)

Deutsche Negerin mit asiatischem Grinsen

Dimiter Gotscheffs Ausführungen, der Margit Bendokat als deutsche Negerin mit asiatischem Grinsen feierte (ein etwas unglücklich müllerndes Kompliment), fielen gewiss auch nicht ins allgemein verständliche Repertoire üblicher Lobesfloskeln. Gotscheff brachte aber dieser Schauspielerin (und unsereins im Publikum) gleich zwei wunderbare Geschenke mit: einmal eine Beschreibung einer Szene aus einer berühmten Tartuffe-Inszenierung von Benno Besson aus dem Jahr 1963, wo Margit Bendokat als Dienstmädchen nicht nur einen einzigen Satz zu sagen, sondern auch Kirschen zu essen hatte, und dies in geradezu naturereignishafter Form getan haben muss, wenn man Gotscheffs Schilderungen glaubt, der dies als Hospitant erlebte. Und was sie (und überhaupt das Erzählen mit dem Körper) von Bessons damaliger Assistentin, der Pantomimin (und späteren Regisseurin) Brigitte Soubeyran gelernt hat, wie die Bendokat dann später erzählt - Soubeyran, die (inzwischen fast achtzigjährig) ebenfalls unter den Gästen im Deutschen Theater war.

Das zweite Geschenk war eine Variation des berühmten Drehbühnenwandkampfs zwischen Samuel Finzi und Wolfram Koch aus Gotscheffs Perser-Inszenierung 2006 am Deutschen Theater, der nun dahingehend abgewandelt wurde, dass die ganze Schlacht, die Aischylos' Drama verhandelt, nur darum geht, welche Partei nun zuerst Margit Bendokat ihre Huldigung darbringen darf ... Finzi oder Koch, die heftig in einem aberwitzigen Slapstick miteinander (und Mark Lammerts Bühnenbild-Wand) darum ringen.

Auch viel Theatergeschichte wehte durch die Veranstaltung. Namen wie der des legendären DT-Nachkriegsintendanten Wolfgang Langhoff, mit dem Margit Bendokat 1964 in Carl Sternheims "1913" auf der Bühne stand - ihre erste "richtige" Rolle am Deutschen Theater und Langhoffs letzte. Namen von Regisseuren wie Adolf Dresen, Alexander Lang, Frank Castorf, Einar Schleef, Heiner Müller, Konstanze Lauterbach oder eben nun Dimiter Gotscheff und Nicolas Stemann pflastern ihren Weg. Die große Käthe Reichel war ihre Lehrerin. Fast ein halbes Jahrhundert Theatergeschichte ist in diesem Körper aufgehoben, den Dimiter Gotscheff mit einer archaischen Landschaft verglich. Der aber dabei höchst gegenwärtig bleibt, möchte man leise hinzufügen, immer greifbar auch in der unsentimentalen Lakonie dieser Schauspielerin, die seit über fünfundvierzig Jahren auf der Bühne des Deutschen Theaters steht, dieses Theater und seine Geschichte verkörpert wie keine andere Schauspielerin des Ensembles. Und die erst jetzt überhaupt zum ersten Mal einen Preis bekam. Am Ende viele gerührte Gesichter und Standing Ovations.

{audio}bendokat.mp3{/audio}  (Auszug aus Margit Bendokats Rede)


Hier geht es zum Text von Nicolas Stemanns Laudatio auf Margit Bendokat.

 

 

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