Berlin, 11. Februar 2011

Auf nach Luzern!

Zunächst und vor allem: vielen Dank an alle, die mitgemacht haben! Die nachtkritik-KorrespondentInnen haben die für sie wichtigsten Theaterinszenierungen der letzten 12 Monate für das nachtkritik-Theatertreffen 2011 nominiert. Und die nachtkritik-LeserInnen haben aus diesen 38 Inszenierungen zehn für das nachtkritik-Theatertreffen 2011 gewählt.

Und der Sieger kommt aus – Luzern.
Herzlichen Glückwunsch!
Was, vom Theater Luzern?, werden womöglich alle denken, die noch nicht am Theater Luzern waren. Ja, ein kleines Theater in einer kleinen Stadt in der kleinen Schweiz. Eine Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson, Henrik Ibsens Peer Gynt, herausgekommen im Oktober 2010.

Eine Überraschung. Gewonnen hat kein großer Name, kein großes Haus, keine der Inszenierungen, die in der Szene derzeit hoch gehandelt werden.

Unter den zehn Inszenierungen mit den meisten Stimmen sind neben dem Luzerner Sieger gleich zwei Abende aus dem auch nicht größeren Zwei-Städte-Theater Biel Solothurn, je einer aus Osnabrück, vom Prinz Regent Theater in Bochum und von She She Pop, eine Arbeit aus der Freien Szene (freilich eine bereits preisgekrönte).

Was besagt das Ergebnis?
Das nachtkritik-Theatertreffen fragt nach den wichtigsten Inszenierungen. Und diese Wichtigkeit wird stets auch sehr persönlich, lokal oder regional bestimmt. In seiner Virtualität ist das nachtkritik-Theatertreffen deshalb auch so etwas wie ein Barometer für den Wallungsfaktor von Theatern vor Ort. Für alle außerhalb der Region zeigt es an: Seht her, dort bewegt ein Theater nicht nur Stoffe, sondern auch eine Stadt und ein Publikum. Und dieses Publikum in Solothurn und Luzern, Osnabrück und Bochum, Köln und Berlin hat jetzt gesprochen.

Hier die zehn Inszenierungen (in alphabetischer Reihenfolge) die Leser und Leserinnen von nachtkritik.de zum virtuellen nachtkritik-Theatertreffen 2011 gewählt haben:

 

{slide=Das Prinzip Meese, Oliver Kluck,
Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Antú Romero Nunes, Nachtkritik vom 8. Februar 2010, Video}

In seiner Uraufführung poliert Antú Romero Nunes Oliver Klucks nicht eben genialen Text zu eineinhalb Sternstunden auf: Den bauchnabelbeschauenden, stets ironisch getönten Ennui der Generation Praktikum macht er spürbar, wenn sich Anika Baumann und Michael Klammer in ihrem Bühnen-Kinderzimmer austoben. Dass einem die zwei Darsteller in diesem Un-Stück nicht nur ans Zwerchfell, sondern auch ans Herz gehen, ist ein veritables Theaterwunder.{/slide}

{slide=Das Werk / Im Bus / Ein Sturz, Elfriede Jelinek,
Schauspiel Köln, Regie: Karin Beier, Nachtkritik vom 29. Oktober 2010, Video}
Ein Katastrophen-Slapstick, denn das Unglück ist auch ein fauler Witz. Mit Elfriede Jelineks "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" erreicht die Uraufführungs-Regisseurin Karin Beier wiederum neue Ufer. Es wechseln Stimmungsbögen vom Weichgespülten zum Gehärteten, vom leichtfüßig Soubrettenhaften zum massiven Einsatz – und sind in jeder Facette scharfsinnig, beklemmend virtuos, souverän und wirkungssicher geführt. Dabei wird der Kölner Archiv-Ein-"Sturz" fast zur reinen Farce: die Katastrophe als Büro-Satire. Und ist doch auch elementares Ereignis. Theater als Naturgewalt.{/slide}

{slide=Die Räuber, Friedrich Schiller,
Schauspiel Bremen, Regie Volker Lösch, Nachtkritik vom 27. Februar 2010, Video}
Volker Lösch verkürzt den alten Klops nicht nur um entscheidende Längen, sondern übersetzt auch den Konflikt darin überzeugend in die Bremer Gegenwart – in einem tollen Bühnenbild dazu.{/slide}

{slide=Don Carlos, Friedrich Schiller,
Staatsschauspiel Dresden, Regie: Roger Vontobel, Nachtkritik vom 27. März 2010, Video}Nicht jede interpretatorische Wendung leuchtet ein, aber: die psychologische Dichtheit, die schneidende Präsenz, die Selbstaufgeklärtheit der Spielweise. Keiner wickelt hier seine Sätze einfach als Figurenbeiwerk ab, keiner flüchtet sich in routinierte, abgehangene Gesten. Ein intensives Denk- und Schaustück.{/slide}

{slide=Ein Volksfeind, Henrik Ibsen,
Theater Biel-Solothurn, Regie: Katharina Rupp, Nachtkritik vom 14. Januar 2011, Video}
Es gelingt Katharina Rupp auf überzeugende Weise, das Geschehen in die aktuelle Gegenwart zu versetzen, ohne dass dabei die Sprache und die dramatische Wucht der ibsenschen Vorlage geschmälert würden. Zudem verfügt sie über ein Ensemble, dem die Rollen wie auf den Leib geschneidert erscheinen. Das alles hat zur Folge, dass das Publikum sich unmittelbar angesprochen fühlt und sich in die Aufführung einbringt, als nähme es an einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Demokratie in der Schweiz teil. Die Aufführung ist noch bis Ende April in Solothurn und Biel zu sehen.{/slide}

{slide=Peer Gynt, Henrik Ibsen,
Theater Luzern, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Nachtkritik vom 14. Oktober 2010, Video}
Thorleifur Arnarsson und der Dramaturg Ulf Frötzschner haben Ibsens Riesenstoff in einer stringenten Fassung überzeugend gebändigt und für das "Gyntsche Heer von Wünschen, Lüsten und Begehr" einen lebendigen Kosmos entwickelt: Vytautas Narbutas' ausdrucksstarker Bühnenraum, ein einst eleganter Salon, in dem der Stuck bröckelt und das Dach leckt, wird zu Meer, Bergen und Haus. Der Abend besticht mit sinnlicher Kraft, mitreißender Energie und einer einzigartigen, auch Gérard Clevens Beleuchtung zu verdankenden Atmosphäre.{/slide}

{slide=Perfect Happiness, Charles den Tex und Peter de Baan,
Theater Biel-Solothurn, Regie: Max Merker, Premiere: 19. September 2010, Kritikenrundschau, Video}
Intelligentes Stück am harten Puls der Zeit – menschliche Machenschaften auf dem heutigen Wertschriften- und Liebesmarkt. Irgendwo zwischen präzisem Klamauk und düstersten Abgründen angesiedelt und ebenda auch inszeniert, vor allem aber sehr genau interpretiert und mit überzeugender Spiellust an die Zuschauerin getragen von einem begeisterten Ensemble. (Zu dieser Inszenierung gibt es keine Nachtkritik).{/slide}

{slide=Prinz Friedrich von Homburg, Heinrich von Kleist,
Prinz-Regent-Theater Bochum, Regie: Sibylle Broll-Pape, Premiere: 26. Mai 2010, Video}
In der Inszenierung wird der Text überzeugend mit einem breiten Arsenal zeitgenössischer Ausdrucksmittel konfrontiert, ohne dabei gewollt zu wirken. Vielmehr wird eben dadurch die Zerrissenheit von Kleists Hauptfigur zwischen Patriotismus und Liebe deutlich und der Kleist'sche Witz geht auch nicht verloren. (Zu dieser Inszenierung gibt es keine Nachtkritik).{/slide}

{slide=Shoot / Get Treasure / Repeat, Mark Ravenhill,
Theater Osnabrück, Regie: Marie Bues, Nachtkritik vom 11. Dezember 2010, Video}
Die Vielzahl an Szenen aus Ravenhills "Shoot / Get Treasure / Repeat" hat Regisseurin Marie Bues geschickt und mit Mut zum Experiment teilweise neu kombiniert. In vielen Bildern findet sie ihren eigenen, stets mitreißenden Zugang zu dem Stück und scheut dabei weder Humor noch krassen Realismus. Eine bemerkenswert virtuose Inszenierung.{/slide}

{slide=Testament, She She Pop nach William Shakespeares King Lear,
Hebbel am Ufer Berlin, Regie: She She Pop, Premiere am 25. Februar 2010, Fernsehbeitrag}
Wie viel Privatheit verträgt die Bühne? Sehr viel, man kann es hier erleben. Für alle, die sich nicht weglügen wollen über das, was zu erwarten steht, die versuchen, Alter, Siechtum, Schmerz und Demenz bei den eigenen Lieben ins Aug' zu sehen – für alle, die im Theater etwas erleben wollen, was mit uns zu tun hat, unmittelbar, erbarmungslos, lästig und unglaublich berührend, ist "Testament" die Aufführung der Wahl.{/slide}

 

Herzlichen Glückwunsch!!!
nachtkritik.de gratuliert den Produktionsteams aller ausgewählten Inszenierungen, gratuliert den Autoren und Autorinnen sowie den Theatern, an denen diese Aufführungen entstanden.

Der Sieger des nachtkritik-Theatertreffen Gewinnspiels ist bereits benachrichtigt.

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