altDoppelte Aufregung um die Hälfte

März / April 2012. Allein der Vorgeschmack dessen, was noch kommen wird, sorgt für Aufregung. Im SPIEGEL (12.3.2012) stellen die vier Autoren des Buches "Der Kulturinfarkt" (Erscheinungsdatum 20. März, hier unsere Besprechung) schon mal ihre Thesen vor. Und darunter findet sich die zentrale Frage: "Was wäre, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen in Deutschland, 70 staatliche und städtische Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken statt 8200 – wäre das die Apokalypse?"

Natürlich nicht, so die Antwort der Autoren Dieter Haselbach (Leiter Zentrum für Kulturforschung, Bonn), Armin Klein (Professor für Kulturmanagement, Ludwigsburg), Pius Knüsel (Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia) und Stephan Opitz (Leiter Referat für Kulturelle Grundsatzfragen Schleswig-Holstein). Vielmehr sei diese Streichung überfällig, da die "kulturelle Flutung Deutschlands stets vom Angebot, nicht von der Nachfrage her gedacht" sei.

Dadurch herrsche praktisch Kulturdiktatur: Das Publikum wird entmündigt und muss das hinnehmen, was von den subventionierten Betrieben geboten wird. Durch die Marktunabhängigkeit werde aber nicht nur das Publikumsinteresse missachtet, auch entstehe eine Konformität durch "Übereinstimmung mit Fördermatrizen, Projektformaten".

Private Kulturbetriebe hingegen würden durch ihr Existenzrisiko zu ständiger Innovation getrieben werden. Also alles halbieren und das frei gewordene Geld wie folgt verteilen: 1. Die verbleibende Hälfte der Kulturinfrastruktur angemessen finanzieren. 2. Laienkultur und Laiengruppen in den Gemeinden fördern. 3. Kulturindustrie aufbauen, die ästhetische Erlebnisse als Ware herstellt und vertreibt. 4. Kunsthochschulen an die Wirtschaft anschließen und früh den Wettbewerb schulen. 5. Letztlich gegenwartsbezogene kulturelle Bildung, die international ausgerichtet ist ("türkisch, amerikanisch, chinesisch"), fördern.

(mw)


Reaktionen aus Politik, Kultur und Wissenschaft:

In Liane von Billerbecks Interview auf Deutschlandradio Kultur (13.3.2012) lehnt Monika Grütters, die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, den marktorientierten Kulturbegriff entschieden ab. Gerade "Nonkonformismus im besten Sinne, spröde, widerständige Kulturleistungen", die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, seien nötig. Deshalb sei es das erklärte Ziel, Künstler durch staatliche Gelder "unabhängig zu machen von Zeitgeist und Geldgebern". "Nur so wird sie ja vor neuerlichen auch - ich sage mal ehrlich mit Blick in unsere Geschichte - totalitären Anwandlungen geschützt." Solch immer wiederkehrende Debatten seien zwar nötig, führten aber dazu, dass die "Kulturpolitiker, die den mit Abstand kleinsten Etat verwalten", sich manchmal am lautesten verteidigen müssten.

"Ich bin erstaunt, wie wenig sich die Verfasser mit dem aktuellen System der Kulturförderung auseinandergesetzt zu haben scheinen", so die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler gegenüber der dpa, wie unter anderem auf Welt Online (13.3.2012) nachzulesen ist. Kultur sei "längst kein menschenfremder Tempel mehr für die bürgerlichen Eliten". "Kulturelle Einrichtungen erbringen heute gesellschaftliche Basisleistungen und sind viel stärker sozial vernetzt als die Autoren das behaupten", so Kisseler.

Der Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Städtetags, Hans-Georg Küppers, hält im Interview mit der dpa, wie etwa auf Focus Online (13.3.2012) nachzulesen, den Artikel für "eine völlig unnötige und für die Kultur auch schädliche Polemik – geschrieben von vier Herren, die praktische Kulturarbeit vor Ort scheinbar noch nie geleistet haben, sondern aus dem Elfenbeinturm der Uni oder aus einem Ministerium heraus Parolen loslassen, die ich so nicht verstehen kann." Kulturelle Angebote seien kulturelle Identifikationspunkte und müssten sich nicht rechnen.

Auf hr2-kultur (13.3.2012) interviewt Manfred E. Schuchmann den "neutralen" Soziologen Harald Welzer zu den Thesen: "Ich halte das, ehrlich gesagt, für eines dieser Bücher, die mit einer vollkommen entlegenen These und der Forderung radikaler Lösungen versuchen, Marktanteile zu kriegen. Vom Argumentationsniveau ist das absolut, ich möchte mal sagen, völlig entlegen, das geht im Grunde gar nicht, vorne und hinten nicht." Es sei eine "vollkommene Absurdität sich vorzustellen, dass die Hälfte aller Kultureinrichtungen in einem reichen Land, wie wir es nach wie vor sind, zumachen sollen – zugunsten von was? Zugunsten vom Markt? Also, wo sind wir bitte?"

In der Süddeutschen Zeitung (21.3.2012) schreibt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: In Zeiten knapper werdender Kassen könne, ja müss man über diese Themen diskutieren, so aber nicht. "Wie wichtig Zielgruppenorientierung vor allem für große Museen und Bibliotheken dennoch inzwischen geworden ist, scheinen die Autoren gänzlich zu ignorieren, wenn sie behaupten, öffentliche Kultureinrichtungen lehnten jegliche Orientierung am Nutzer aus tiefstem Herzen ab. Aber auch Marktorientierung kostet Geld, das nicht immer zur Verfügung steht. Richtig ist schon, dass nicht alle Kultureinrichtungen die Notwendigkeit dazu sehen oder die Möglichkeit haben, dies zu tun; hier könnten kluge Vorschläge ansetzen. Diese sucht man in dem Buch jedoch vergeblich. Lieber schütten die Autoren das Kind erst einmal mit dem Bade aus." Staatlich gefördert solle nur noch werden, was 'kulturpolitisch relevant' sei? "Nein, staatlich gefördert werden muss, was kulturell wertvoll ist! Wie auch immer Kulturpolitik in unserem Land in Zukunft aussehen wird, auf jeden Fall braucht es dazu einen politischen und gesellschaftlichen Konsens."

In der Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung (21.3.2012) meldet sich Oliver Reese zu Wort, Intendant des Schauspiel Frankfurt, und warnt vor kultureller "Gleichschaltung und Zentralisierung", Tendenzen, "die wir in der Bundesrepublik eigentlich hinter uns gelassen haben". Außerdem stellt er richtig: "Nur etwa 0,2 Prozent der öffentlichen Ausgaben in Deutschland entfallen auf Bühnen- und Theaterbetriebe - die Haushalte lassen sich nicht wirksam über Kultureinsparungen sanieren. Gerade in kleineren Städten bilden gewachsene Kulturen die oft einzigen markanten Wiedererkennungselemente. Wenn wir Witten kennen, dann wegen der Kammermusiktage. Oberhausen wegen des Theaters und der Kurzfilmtage, Recklinghausen wegen seiner Ruhrfestspiele. Die Autoren schlagen vor, man solle stattdessen die Laienkultur fördern, sozusagen als theatralen Volkssturm." Der wahre Skandal sei "der unkommentierte Vorabdruck im Spiegel".

Der Intendant des Konstanzer Stadttheaters, Christoph Nix, gibt seine Meinung zum "Prostata- und Hirninfarkt" im Südkurier(27.3.2012) ab. Wie es zu dem Buch kam? "Vier Autoren suchen sich einen Gegenstand, stellen die Verhältnisse von den Füßen auf den Kopf, finden einen Spiegeljournalisten, der von Kultur auch nichts versteht und behauptet, sie hätten eine neue Rezeptur gefunden." Inhaltlich pocht Nix darauf, dass die Kommunen von ihren Ausgaben auch etwas hätten: Arbeitsplätze, die wiederum zu Steuereinnahmen führen würden. Insgesamt hätten die Autoren weder neue Ideen noch seien sie ernstzunehmend: "In jeder Zeile spürt man, sie hätten gerne einmal mitgemischt auf dem Markt der großen Diskurse, aber sie finden nur das, was sie selber sind: eine müde Marketingmetapher, ein Bild vom kranken Herzen."

In der taz (26.3.2012) äußert sich Bernd Wagner, der Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft Bonn, und stellt fest: "Eine verpasste Chance." Denn man müsse endlich ohne selbstauferlegte Tabus auch über die Frage des "Rückbaus" diskutieren können. Die Autoren hätten dabei aber inhaltliche wie formale Fehler begangen: Die "Vermehrung" von Musikschulen beziehe sich vornehmlich auf private Einrichtungen, einem Zuwachs kultureller Einrichtungen stehe eine Schließung derselben, besonders in Ostdeuschland, gegenüber. Aber: "Richtig ist, dass das 'System der Kulturförderung neu auszurichten ist', weil die vorhandenen institutionellen Strukturen 'einen zu großen Teil der öffentlichen Mittel absorbieren'."

 

Reaktionen der Autoren:

Im Interview mit Linus Schöpfer in der Basler Zeitung (13.3.2012) schärft Buch-Autor Pius Knüsel nochmal seine Thesen. "Im 'Kulturinfarkt' schlagen wir keine Kürzungen, sondern Umverteilung vor." Er und die Mitautoren befürchten, "dass die Diskussion um den Geldmangel die viel wichtigere Diskussion verhindert, wohin die Reise gehen soll und was Kulturförderung gewollt, vor allem aber ungewollt, bewirkt." Knüsel bleibt dabei: "Kulturpolitik, wenn sie an die ganze Gesellschaft denkt, muss sich der Frage zuwenden, was denn die vielen interessiert und wie man dort Qualität erzeugt."

Auf Deutschlandradio Kultur (12.3.2012) streitet sich Ulrike Timm mit Buch-Autor Stephan Opitz. Es gehe nicht darum, dass tatsächlich die Hälfte aller Einrichtungen geschlossen werden, so Opitz: "Das ist ein Diskussionsanstoß, ein Anstoß für eine Kulturdebatte. Wir merken, dass das System monetär und auch von der Zielsetzung her ja vor dem Kollaps steht. Das merken Sie schon an solchen Slogans wie 'Theater muss sein'. Mehr ist dazu offenbar nicht zu sagen." Der Subventionsapparat müsse deshalb dringend kritisch überprüft und umstrukturiert werden. Opitz äußert sich noch einmal im Interview mit der Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung (17.3.2012).

Auf SWR2 – Journal am Mittag (12.3.2012) spricht Jörg Armbrüster mit Buch-Autor Armin Klein. Dieser stellt unter anderem fest, dass es zwar schon teilweise eine Kommerzialisierung der Kulturlandschaft gebe, allerdings seien die Kräfte momentan noch ungerecht verteilt: manche Betriebe müssten sich mehr, manche weniger selbst tragen. "Im Buch sprechen wir außerdem vom sogenannten Kultur-Schisma: Es gibt einerseits die staatliche, 'gute Kultur' und andererseits die 'Unterhaltungskultur'." Diese Trennung solle aufgehoben werden. So könne sich beispielsweise in Hamburg das erfolgreiche Musical "König der Löwen" mit jeder Opernproduktion messen.

Im Interview auf Deutschlandfunk – Kultur heute (12.3.2012) von Karin Fischer legt schließlich noch der vierte Buch-Autor Dieter Haselbach nach. Er fordert konkret, dass durch politische Diskussionen und "durchaus auch durch die Schließung von Einrichtungen" Mittel frei werden und neu verteilt werden. Schließlich "muss nicht für jeden vor jeder Haustür ein vollständiges Kulturangebot sein. Wenn ich mir betrachte, wie für andere Konsum- oder Freizeitentscheidungen Menschen große Strecken zurücklegen, denke ich, das kann man auch zumuten für einen Kulturbesuch."

(mw / sd)

 

Rezensionen und Kommentare:

Von einem Denkinfarkt spricht Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.3.2012). Thesen und Forderungerungen des Buchs seien "nicht mal in erster Linie empörend, sondern einfach ein bisschen unterbelichtet." Im Grunde handele es sich um das Werk "eines Clubs ergrauter Kulturfunktionäre, die noch einmal die rhetorische Harley rausholen und mit mattem Thesenknattern um den eigenen Block fahren wollen." In vagen Formulierungen werde ein persönliches Frustrationserlebnis umstandslos zur Gesellschaftsdiagnostik aufgeblasen. Untergründig schwingt für den FAZ-Kritiker in den Kulturinfarkt-Thesen auch "das Ressentiment mit, subventionierte Kunst tauge per se nichts, das Gute komme auch allein durch, was, historisch gesehen, schlicht falsch ist: Die Künstler, die heute als Heroen einer autonomen Nachkriegskunst gelten und zu den teuersten Malern der Welt zählen, Maler wie Jackson Pollock und Mark Rothko, konnten jahrelang nur aufgrund großzügiger staatlicher Förderprogramme als Künstler überleben. Hier förderte der Staat etwas, das keinen Markt hatte." Immer wieder sieht Maak den Bürokratenjargon der Autoren hölzern um Lässigkeit ringen. "Wo man hinschaut, bleiben die Axiome vage, eiern die Begriffe: Was die Autoren des 'Kulturinfarkts' vor allem vorführen, ist die Verwüstung, die marktorientiertes Denken in der Sprache anrichtet." Der Gegenentwurf der Verfasser zur Subventionskultur sei eine anders als bei Adorno positiv gemeinte neue 'Kulturindustrie" – "und die, schreiben sie, 'ist Herstellung und Vertrieb von ästhetischen Erlebnissen in Warenform mit dem Willen zum Erfolg'". In einem Land, in dem solche Sätze geschrieben werden, kann es für Maak gar nicht genug Subventionen für Theater und Literaturfestivals geben.

Vor dem Hintergrund der Berliner Kulturlandschaft kritisiert Peter Laudenbach "Kulturinfarkt" im Tagesspiegel und auf dem Onlineportal der Zeit (16.3.2012): "Die Autoren beklagen, die Subventionskultur produziere 'Konformität' und 'überall das Gleiche'. Ein Blick in das Veranstaltungsprogramm eines einzigen Berliner Wochenendes genügt, um sich zu fragen, in welchem Land die Autoren eigentlich leben. 'Die Möwe' am DT, She She Pop im HAU, 'Faust' als Puppentheater in der Schaubude, das Kammerensemble Neue Musik im Automobil-Forum, das trashige Helmi im Ballhaus Ost, 'Tristan und Isolde' in der Staatsoper, Anne Tismer in den Sophiensälen, dazu höchst unterschiedliche Ausstellungen und Lesungen – alles subventionierte Kultur, alles in wenigen Tagen. Eintönig?" Und "die Warteschlagen" vor Museen (etwa vor der Neuen Nationalgalerie bei der Gerhard-Richter-Ausstellung) bewiesen, die "Nachfrage übersteigt das Angebot – wie bei vielen großen Kunstausstellungen der letzten Jahre".

"Kein Feind des notorisch unzuverlässigen Künstlervolks wird aus dem Buch rechten Gewinn schlagen können", befindet Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung (17.3.2012), da es im Grunde unlesbar sei: "schwammig in der Zustandsbeschreibung, unklar in der Polemik, wirr in den historischen Bemerkungen." Der Reformteil tauge bestenfalls als Tischvorlage zur Erarbeitung eines Referentenentwurfs zwecks Einsetzung einer Kommission. "Die Autoren liebäugeln mit dem freien Spiel der Marktkräfte. Zum Glück müssen sie nicht vom Schreiben leben, sie könnten dabei leicht verhungern." Das Buch verschenke die Gelegenheit, einen Streit anzuzetteln, der sich lohnt. "Die Ruhe und das phrasenreiche Einverständnis im Kulturpolitischen sind ja wirklich ein Grund zur Beunruhigung." So viel Stille und Konsens herrsche nur, wo große Konflikte und Probleme zugedeckt werden. "Zu reden wäre endlich über eine Kultur des Aufhörens, des Endes auch von Kultureinrichtungen." Die immer gleichen Argumente gegen Theaterschließungen etwa - bringt wenig, schadet viel, ist banausisch - änderten nichts daran, dass viele Kommunen die Mittel für ihre Theater kaum aufbringen können. "Ist der Bestandsschutz immer gerechtfertigt und die beste Lösung für die Bürger der Stadt? Muss jedes Festival sein? Braucht Berlin wirklich drei Opernhäuser, womit der Löwenanteil des Kulturetats immer schon verplant ist?" Kultursubventionen seien Umverteilungsmaßnahmen zugunsten der akademischen Mittelschicht. Sie profitiere am meisten davon, so Bisky: "Aber ist das nicht gut so? Geht es dem Land nicht eben deshalb gut, weil diese Schicht in der Öffentlichkeit den Ton angibt und Kunst und Kultur dabei als Ressource der Legitimierung und des Streits nutzt? Und schlittert das Land nicht deswegen so erfolgreich durch die Krise, weil seine Institutionen so stabil, zäh und alles in allem produktiv sind?"

In der Neuen Zürcher Zeitung (17.3.2012) werden vier Reaktionen versammelt:

"Die Kunst braucht keine von Zynismus, Herablassung und krausem Denken befeuerten Pamphlete, die ihren Anspruch auf Ernsthaftigkeit selber hintertreiben", meint Roman Bucheli. Keine einfachen Lösungen würden die inhärenten Widersprüche ausräumen. "Aber man muss sie benennen, man muss sie kennen, und dann muss man darüber streiten. Nur intelligenter!"

Ihrer Zeit hinterher hinken die vier Manifestatoren nach Meinung von Peter Hagmann, der für die Kultursparte Musik erklärt: "Dass es im Konzertbereich Probleme gibt bei den Besucherzahlen – übrigens gerade dann, wenn ein Haus die Innovation sucht –, lässt sich nicht leugnen." Daraus auf die Sklerose des Ganzen zu schliessen, sei indes ein Irrtum, der auf mangelnder Branchenkenntnis basiert. "Noch gibt es im Konzert mehr als genug Leben und, vor allem, mehr als genug Qualität – im Künstlerischen wie in Formen der Kommunikation zwischen Produzenten und Konsumenten. "

Die "Kulturinfarkt"-Autoren glaubten daran, dass sich Kultur wie eine Tomate ganz appetitlich «hors-sol» heranzüchten lässt – und nicht eines Humus bedarf, aus dem sie allmählich heranwächst, benachbart und befruchtet von lauter ähnlichen Keimen, die indes nie mit einem Label versehen und zum Verkauf angeboten werden, schreibt Samuel Herzog. Sie glaubten auch an den Laien, dem sie endlich die verdiente Unterstützung gönnen wollen – und übersähen dabei, dass zum Beispiel der Kunstbetrieb bei uns ohnehin zum grössten Teil 'laienhaft' funktioniere. "Laienhaft insofern, als nur ein kleiner Teil der daran Beteiligten, trotz bester Ausbildung, auch nur annähernd davon leben kann und die meisten Leistungen hier gratis erbracht werden." Könne es sich eine Gesellschaft leisten, darauf zu verzichten, indem sie zum Beispiel die Institutionen schliesst, in denen diese Leistungen eine gewisse Anerkennung finden?

An Hochschulen, wo Bühnenberufe gelehrt und gelernt werden; in Fachgremien der Subventionsgeber; bei Wettbewerben und Festivals, welche Hochschulprodukte und andere, unverschultem Boden entsprossene Produktionen der Gunst eines diversifizierten Publikums aussetzen: Da reibe sich die sogenannte Kunst, nicht selten produktiv, an ihren komplexen Entstehungsbedingungen. "Die vier 'Kulturinfarkt'-Schäflein im Wolfspelz wissen es genau. Was heulen oder blöken sie eigentlich?", schreibt Barbara Villiger Heilig.

In der Welt (19.3.2012) bemüht sich Matthias Heine um einen verständnisvollen Blick auf das Werk des Autorenkollektivs: "Das Buch ist so einäugig und ungerecht wie eine Polemik sein muss. Es widerspricht sich manchmal selbst. Und es enthält allerlei Unfug: Die Vier verspotten, das seit den Achtzigerjahren aufgekommene Berufsbild des 'Kulturvermittlers', kommen aber nicht auf die Idee, dass der 'Kulturmanager' genauso eine Pest sein könnte." Ihr Zahlenmaterial sei so angreifbar wie ihr Glaube, man könne 33 Prozent Einnahmenanteil mit "deutlich mehr" zeitgenössischen Werken erzielen; auch hielten die Autoren "an dem Popanz fest, staatlich geförderte Kunst sei etwas Elitäres für wenige Reiche und Alte". Allerdings verdecke all dieser "Quatsch" nicht, dass hier "die richtigen Fragen" gestellt würden, etwa: "Ist es wirklich gerechtfertigt, in einem Land, dessen Bevölkerung schrumpft und dessen finanzieller Spielraum schwindet, ausgerechnet die Kultur zu unantastbaren Heiligen Kuh zu erklären? Fördern wir nicht weniger die Kunst als vielmehr bürokratische Kulturstrukturen? Glaubt irgendjemand an die Legenden von der 'Umwegrentabilität' und an Richard Floridas 'kreative Klasse', die Kulturmetropolen angeblich Wirtschaftsblüten bescheren?"

In der Neuen Zürcher Zeitung (22.3.2012) meldet sich nun der Feuilletonredakteur Joachim Güntner zu Wort. Eigentlich würde er dem Autorenquartett samt seiner Vorschläge gern zur Seite springen, schreibt er. Auch angesichts der moralinsauren Gegenreden allenthalben. "Diesem Buch gegenüber versagt nun allerdings unsere Solidarität," stellt er bald resignierend fest. "Polemiken müssen prägnant, scharf und treffend sein – doch die unter dem Titel 'Der Kulturinfarkt' vorgelegte Abrechnung bleibt ein mattes Elaborat. Das Werk ist redundant, führt Kämpfe gegen längst aufgegebene ideologische Bastionen, verhebt sich mit seinen kulturphilosophischen Ansprüchen, bleibt in seinen Kriterien diffus und relativiert seine Attacken am Ende derart, dass die anfängliche Schärfe im milden Gestus des Sowohl-als-auch verschwindet. Einmal wird kulturkonservativ über die Entleerung des Begriffs künstlerische Qualität und das Verschwinden jeden Kanons geklagt, dann wieder wird Qualität ins Belieben der Künstler gestellt, denen man andererseits vorwirft, bloss an narzisstischer Selbstverwirklichung interessiert zu sein. Vatermörderisch zieht man über Theodor W. Adornos elitäre Verdammung des Amüsements her, möchte aber auch nicht zu denen gezählt werden, welche die Flutung der Bühnen und Leinwände mit den 'Reizen' von 'Gewalt, Sex, Pornografie' goutieren. Bezeichnend, dass die Autoren in Interviews bereits wieder zurückrudern."

Von einem Widerspruch in den nächsten sieht Ernst Elitz auf Welt-Online (22.3.2012) die Autoren stolpern, die aus seiner Sicht zwar die richtigen Fragen stellen, doch falsche Antworten geben: "Erst plustern sie sich als Nachfrage-Ideologen auf. Und plötzlich soll der Staat ein kulturell indifferentes Angebot über seine Kulturkassen fördern. Da stockt uns der Atem. Während der Leser noch vergeblich nach der Tiefe des Gedankens bohrt, sind die Autoren schon am Geldverteilen. Von allem also erst mal die Hälfte. Und davon zwanzig Prozent für die verbleibende Hoch-, zwanzig Prozent für die Laienkultur. Weitere zwanzig Prozent in die 'hubs'. Der Rest an Kunsthochschulen und - die letzte Tranche - in einen Schulunterricht, der 'uns türkische Kunst, amerikanische Kulturindustrie oder chinesischen Nationalismus näherbringt'. Wer es bisher für vorrangig hielt, an den Schulen Kreativität und ästhetische Bildung zu fördern, kommt sich angesichts dieses Programms wie ein Artefakt aus einem Museum vor. Aber das wird ja sowieso geschlossen. Tatsächlich, Deutschland droht ein 'Kulturinfarkt' - falls sich jemand anschicken sollte, auf die Autoren dieser Streitschrift zu hören."

Und Adrienne Goehler, ehemalige Berliner Kultursenatorin und einstige Präsidentin der Hochschule für Kunst und Musik in Hamburg, gibt im Freitag (22.3.2012) zu Protokoll: "Der Diagnose, dass die herrschende Förderlogik unbeweglich ist, viele Gelder an Projekte bindet, die künstlerisch keineswegs immer atemberaubend sind, und dadurch eine Schieflage in der Finanzierung von Kultur entstanden ist, kann man zweifellos zustimmen. Indessen reagieren die Autoren des Kulturinfarkt panisch: Um den drohenden Infarkt zu verhindern wollen sie ein paar Glieder amputieren. Dabei ist die Amputation nicht nur in der Medizin das letzte Mittel der Wahl. Weg ist weg. Welche Städte würden die empfohlenen fünf Prozent Schließungen treffen? Berlin? München? Wahrscheinlichere Opfer sind die kleineren Städte, die jetzt schon gegen Wegzug und Verödung ankämpfen." Auch stellt Goehler ein paar lesenswerte Gegenfragen.

Das besten an dem Buch sei, so Thomas E. Schmidt in der Zeit (22.3.2012), "dass es Ingrimm, also auch einen gewissen Ernst in die Auseinandersetzung zurückträgt. Man kann seine Provokation nicht länger mit der alten Fensterreden-Kulturemphase zurückweisen, nicht einmal von Berlin aus. Der wirkliche Streit um das öffentliche Gut Kultur hat noch gar nicht begonnen. Die Parteien sind keineswegs versessen darauf, ihn zu führen, denn Wahlversprechen kommen darin nicht vor. So steht die Kulturpolitik heute wieder ganz am Anfang."

In der Süddeutschen Zeitung (23.3.2012) äußert sich Thomas Steinfeld, der von den Autoren des "Kulturinfarktes" zustimmend zitiert wurde, selbst zu dem Buch: Im "Kulturbetrieb" walte der "unerschütterliche Glaube" an "die Unwidersprechlichkeit des Kulturellen". Dieser Glaube halte einen Gegenstand "mitsamt dessen öffentlicher Förderung für ewig". "Die Kultur" könne und wolle sich nicht vorstellen, "dass sie nach anderen Kriterien als den heutigen gemessen werden könnte". Gegen diesen Glauben hätte nun die vier Autoren des Pamphlets "Der Kulturinfarkt" verstoßen, ihr Anliegen ließe sich auf die Formel bringen: "Nach fünf oder sechs Jahrzehnten nichtunterbrochenen Wachstums wäre es an der Zeit", den Kulturbetrieb "ökonomischen, sozialen und politischen Kriterien zu unterwerfen - in dem Sinne etwa, wie auch die Sozial- oder die Bildungspolitik solchen Maßstäben gehorchen müssen".
Allerdings sei diese These "eine arge Übertreibung", denn auch der öffentlich finanzierte "Kulturbetrieb" unterliege "allen üblichen Verfahren der Begründung, Auswahl und Kontrolle". Und doch bleibe da "ein metaphysischer Rest", daran zu erkennen, dass man öffentlich finanzierte "Theater und Museen, Archive und Konzertsäle, Orchester und öffentliche Galerien zwar gründen, aber "kaum wieder schließen" könne.
Dass die "Kulturförderung in einem demokratisch verfassten Staat nicht über Qualität entscheiden" dürfe, habe zur Konsequenz, dass die "inhaltliche Verantwortung für die Kultur bürokratisch verfahrenden Institutionen übertragen" werde. Diese Institutionen trachteten naturgemäß zuerst danach, "ihr eigenes Dasein und ihren Fortbestand zu sichern". Die zweite Konsequenz bestünde in der Delegierung aller "inhaltlichen Entscheidungen" an "Jurys und Kommissionen, Ausschüsse und Beratergremien". Dabei entstünde unausweichlich "Syndikalisierung, Kartellbildung, Klüngel".
Dagegen helfe nun aber alleine Aktivität aus der bürgerlichen Öffentlichkeit, aus dem aufgeklärten Publikum und seinen Organe: "in Gestalt von mehr Kritik, schärferer Kritik, rücksichtsloserer Kritik."

Verständnis für die Denkanstöße in "Kulturinfarkt" bringt Birgit Walter in der Berliner Zeitung (26.3.2012) auf. Sie diagnostiziert eine "grobe Arroganz, mit der Kulturpolitiker die durchaus berechtigten Fragen der Autoren ignorieren, nämlich die, woher der Spielraum für die Gestaltung der Zukunft kommen soll". Insbesondere an der Berliner Kulturpolitik kritisiert sie eine "Unlust zum Umbau". Mit Blick auf die drei Opernhäuser der Stadt, deren Auslastung allenfalls für zwei reichen würde, schreibt sie: "Stolz verweist Schmitz auf seinen gestiegenen Etat, eben weil sich die Hauptstadt klar zur Kultur bekenne. Dass die mit 250 Millionen Euro subventionierten Groß-Bühnen dabei auch von kontinuierlich mehr Besuchern gestürmt würden, behauptet er nicht. Aber genau das ist das Problem: Die gewaltige Kultur-Offerte ist sündhaft teuer und wird nicht ausreichend genutzt."

Kultur und kulturelle Bildung, um soziale Exklusion zu bekämpfen? Von solchen Parolen hält Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung (28.3.2012) nichts. Stattdessen verfolgt er die Verwandlung von Kulturpolitik in Verteilungspolitik, denn es sei "eine Illusion zu glauben, es entstehe kein Programm, wenn der Staat die Kultur zwar finanziert, ihr aber keine Gegenstände und keine Formen vorschreibt" – die Freiheit selbst werde zum Programm. "Was allerdings entstehen muss, um des Kulturbetriebs, am meisten aber um der Kultur selber willen, ist ein Bewusstsein davon, dass Kulturpolitik eben auch Politik ist - ein Bewusstsein davon also, dass es auch in der Kultur Interessen gibt, die begründet werden müssen. Und wenn es dabei Interessen geben sollte, die einander ausschließen - umso besser. Dann würde auch in der Kulturpolitik wieder über Inhalte geredet. Und nicht nur über Ansprüche."

Ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung (3.4.2012) führt Michael Stallknecht aus, "warum unsere Bühnenkunst längst kapitalismuskonform ist". Das Theater bilde noch immer die Schule der Nation, aber – das übersähen die "Kulturinfarkt"-Autoren –, indem es das Publikum in der Marktlogik erziehe. "Mit ihrer eigenen Ästhetik unterwerfen sich die Theater ebenjener Rechtfertigungslogik, mittels derer ihm nun die Subventionen bestritten werden." Das Dogma von der unausgesetzten Regie-Innovation unterziehe die Texte einem Radikalkapitalismus, wie ihn nicht einmal der "Kulturinfarkt" als Allheilmittel preisen könnte. Längst wolle man nicht mehr einfach gutes Theater produzieren, das auch in Augsburg, Koblenz oder Rostock genügt, sondern immer neueres, modischeres, kurz: Markentheater. 
Zunehmend hysterisch, gehorche das in sich gefangene Theater-System "derselben Logik wie die Blase auf den Finanzmärkten". Immer gieriger und immer verzweifelter schürfe man nach neuen Inhalten, sei es im Roman aus dem letzten Jahr, auf einem der vielen Stückemärkte oder bei jenen bereits "etablierten" Jungautoren, deren Stücke nach einmaliger Uraufführung als verbraucht gelten. Wie in der Produktwerbung werde der junge Mensch als bevorzugtes, wenn auch selten erreichtes Zielpublikum propagiert. Fazit: "Der Theaterbesuch hat den finanziellen und damit gemäß bürgerlicher Logik auch den sozialen Wert verloren, den die Theater nach eigener Aussage hochhalten."

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