Europäischer Common Sense

von Christian Baron

Weimar, 19. Oktober 2012. Für den Kritiker wird es sofort grundsätzlich: Sollte man sich einer szenischen Lesung der Verteidigungsrede des Massenmörders Anders B. Breivik mit ästhetischen Kategorien nähern? Freunden des leicht verkürzten moralischen Zeigefingers verbietet sich dies natürlich. Wer aber einen kühlen Kopf bewahrt, kommt daran nicht vorbei. Zumal Regisseur Milo Rau und Darstellerin Sascha Ö. Soydan den künstlerischen Charakter dieses nun in Weimar uraufgeführten Textes ausdrücklich betonen. So sei es vorweg gesagt: Das Experiment ist vollends geglückt, Soydan hat den inhaltlich kruden und literarisch grottenschlechten Text sachlich, aber nicht ohne Haltung vorgetragen und durch ihren bedächtigen Stil den Zuhörern viel Raum für eigene Gedanken gewährt.

breivik 280h thomasmueller uDie Schauspielerin Sascha Ö. Soydan
© Thomas Müller

Heikles Vorhaben

Das mit dem kühlen Kopf ist in diesem Fall ja so eine Sache. Der Rechtsradikale Breivik, der im Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete, verlas im April 2012 unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor dem Osloer Gericht jenes einstündige Statement, in dem er seine angeblich politischen Tatmotive ausführlich darlegte. Es fällt schwer, das emotionslos zu analysieren. Umso heikler ist das Vorhaben Milo Raus, sein Projekt als Teil des szenischen Kongresses "Power and Dissent" umzusetzen, der an diesem Wochenende am Nationaltheater Weimar wissenschaftlich-künstlerisch die Funktionsweise und ästhetische Darstellbarkeit von Staatsmacht erkunden möchte.

Zwei Tage vor der Aufführung hatte sich das Weimarer Theater urplötzlich dazu entschlossen, "Breiviks Erklärung" in den eigenen Räumen zu verbieten. Nur der kurzfristigen Bereitschaft des benachbarten Lichthaus-Kinos ist es zu verdanken, dass die Veranstaltung stattfinden konnte. Fakt jedoch ist: Raus Inszenierung (für die er dieses Wort eigentlich nicht verwenden möchte) ist ein hervorragendes Diskussionsangebot und verstört vor allem durch das den bloßen Text ins Zentrum rückende Spiel mit dem Minimalismus.

Die Maske des Dämons entreißen

Vor einer improvisierten Holzlamellenwand spricht die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Ö. Soydan in die laufende Kamera, mit nüchtern anmutender Intonation sowie durch kleine szenische Elemente wie manch versiert eingesetztes Lächeln oder Kaugummikauen reserviert und zugleich frei von jeder Ironie. Damit ist bestmöglich prononciert, wie stark sich die Agierenden selbst von dem Inhalt distanzieren. Es gelingt, diesem in fast allen Medien und letztlich auch durch das Gericht als wahnsinnig abgestempelten Breivik die Maske des Dämons zu entreißen und dahinter den fanatischen Antikommunisten hervorscheinen zu lassen, der unser aller Mitte entstammt.

Als hätte sie schon vorher geahnt, wo mancher Zuschauer innerlich erschrecken mag, legt die Protagonistin an besonders prägnanten Punkten vielsagende Pausen ein; es sind meist Sentenzen, die deutschen Ohren nur zu bekannt vorkommen müssen. Da prangert der Text etwa den "Kulturmarxismus" an und behauptet, in Europa gäbe es "keine Demokratie" mehr, weil Nationalisten, die den "schädlichen Multikulturalismus" ablehnen, "für Verbrechen büßen müssen, die lange vor ihrer Geburt geschehen sind". Hierzulande kennt man das als "Schlussstrich-Debatte". Das schrille Geheul der Westerwelle-FDP wird einem wiederum in Erinnerung gerufen, wenn davon die Rede ist, dass die Europäer aufgrund ihrer sozialstaatlichen Dekadenz längst im Sozialismus lebten. Im anschließenden Versuch, nachzuweisen, wie stark die vermeintliche Islamisierung Europas voranschreitet und dass sich die "Völker Europas" bald "fremd im eigenen Land" fühlen müssten, wird schnell klar: Roland Koch oder Edmund Stoiber hätten es in ihren umjubelten Bierzeltreden kaum anders ausgedrückt.

Als salonfähig entlarvt

Es sind Passagen, die belegen, dass es noch nicht einmal das Sarrazin-Buch gebraucht hätte, um zu erkennen, wie sehr die Grundelemente von Breiviks chaotischem Gedankenkonstrukt im Bewusstsein der europäischen Bevölkerung verankert sind. Auch bei zwei der drei NSU-Terroristen handelt es sich um saturierte Akademiker-Sprösslinge. Außerdem, so lässt sich ohne große Geistesblitze logisch folgern, wenn ein so großer Anteil der menschenverachtenden Gedanken Breiviks auch von vielen aus dem nicht terroristisch gesinnten Bildungsbürgertum geteilt wird, dann ist es zunächst einmal völlig egal, ob der Text aus der Feder eines Klosterschülers oder eines Mörders stammt.

Freilich gewinnen die Thesen erst dadurch, dass Breivik der Autor ist, eine besondere Brisanz, auf die sich wiederum unterschiedlich reagieren lässt: Entweder (wie geschehen) wird Breivik offiziell für unzurechnungsfähig erklärt und sein Text totgeschwiegen. Oder aber (und dafür ist Rau gar nicht genug zu danken) er wird als politischer Täter ernst genommen, die kruden Thesen als salonfähig entlarvt und durch eine szenische Lesung der öffentlichen Debatte zugeführt. Auch wenn das Deutsche Nationaltheater Weimar diese Debatte verhindern wollte, bleibt am Ende doch die Erkenntnis: Dieser Abend hat gezeigt, wie wichtig die Konfrontation damit ist.

 

Breiviks Erklärung
Öffentlicher Filmdreh des IIPM – International Institute of Political Murder
Konzept und Regie: Milo Rau, Recherche: Tobias Rentzsch, Ausstattung: Anton Lukas, Video: Markus Tomsche, Ton: Jens Baudisch.
Mit: Sascha Ö. Soydan.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause.

international-institute.de
www.nationaltheater-weimar.de

 

 Alles über Milo Rau auf nachtkritik.de im Lexikon.

Kritikenrundschau

Henryk Goldberg schreibt auf thueringer-allgemeine.de, der Online-Seite der Thüringer Allgemeinen (22.10.2012), "Breiviks Erklärung" sei kein Skandal. "Eigentlich" sei dieser Abend "unerträglich langweilig". Es handele sich um das Dokument eines "eklektizistisch zusammengeschraubten Weltbilds", in dem sich der Massenmörder als Freiheitskämpfer geriere. Milo Rau böte eine "seriöse, minimalistische Inszenierung", in der die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Ö. Soydan die "größtmögliche Distanz" repräsentiere. Sie halte den Text "gleichsam hoch", stelle ihn aus, abstrahiere von der Person Breivik und immer wenn ein Satz "mehrheitsfähig" scheine, mache sie eine kleine Pause und werfe einen "um Komplizenschaft" werbenden Blick ins Publikum. "Nicht der Text im Ganzen, aber einzelne Haltungen, die Angst vor "Überfremdung", die "Islamphobie", seien "durchaus konsensfähig in der Mitte der europäischen Gesellschaften" vermutet Goldberg. Das mache diese bürgerliche Mitte "nicht anfällig für Massenmord und Lynchjustiz", zeige jedoch, "ins Monströse projiziert, das Potenzial solchen Denkens, wenn es seine bürgerliche Konditionierung verliert". Die Konsequenz daraus könne "nur die Debatte über diese Ängste sein, nicht ihre Verteufelung".

Ganz anders argumentiert Wolfgang Hirsch auf tlz.de, dem Online-Portal der Thüringischen Landeszeitung (22.10.2012): er hält "Breiviks Erklärung" für eine "Perversion des Theaters". Milo Rau behaupte zwar, man müsse sich mit den "Inhalten" dieses "nicht guten", jedoch "faszinierenden" Textes "auseinandersetzen", doch bedürfe es nicht einmal "durchschnittlichen Verstandes, um den in sich widersprüchlichen, ideologisch verblendeten Breivik-Stuss" als solchen zu identifizieren". Mit dem Massenmörder, der sich auf "Völkerrecht" und "Menschenrechte" berufe, in eine "paranoide Komplizenschaft einzutreten und seinen kruden Gedanken ein Forum - zudem eines der Kunst - zu bieten", lasse sich auch nicht mit "einem radikalaufklärerischen Impetus" entschuldigen. Die Inszenierung sei eine "Beleidigung des Publikums" und mache die Schauspielerin Soydan zu einem "allerdings freiwilligen – Missbrauchsopfer". Milo Raus "geistige Libertinage" huldige einem "selbstzweckhaften Positivismus" und nehme eine "Verletzung des naturrechtlichen Fundaments, auf dem abendländische Civitas nach unserem philosophischen Verständnis gründet", lässig in Kauf. Aus solch einer Haltung spreche, wenn man sie "aus der Warte der Breivik-Opfer" betrachte: "die kalte Menschenverachtung".

Wiederum anders argumentiert Dirk Pilz in den Feuilletons des Dumont-Konzerns Frankfurter Rundschau (wir zitieren hier aus der längeren FR-Fassung) und der Berliner Zeitung (22.10.2012): Er versucht "Breiviks Erklärung" in den Kontext des Kongresses "Power and Dissent", kuratiert von Milo Rau, einzuordnen. In Vorträgen und Podiumsgesprächen sei es um die Frage gegangen, "wie sich staatliche Macht manifestiert, wie sich Kunst und Dissidenz zueinander verhalten und was es heute heißt, politische Strategien in der Ästhetik zu verfolgen". Pilz beschäftigt sich auch noch einmal mit der Absage des Nationaltheaters an Rau, den Text im E-Werk lesen zu lassen. Pilz hält es für skandalös, dass der geschäftsführende "Interimsleiter" glaube, "über einen Theaterabend urteilen zu können (und müssen), ohne auch nur eine Probe oder die Premiere gesehen zu haben. Dass er den Text schon für das Theater hält." Die Ahnungslosigkeit paare sich hier mit der "Angst vor der Kraft, die Breiviks Text auf einer Bühne gewinnen" könne. Dabei passiert genau das Gegenteil. Durch die Lesung werde der Massenmörder weder "dämonisiert" noch "erklärt". Man erkenne, dass der Text ein geschlossenes rassistisches Denksystem bediene. "Erst durch diese Theaterlesung wird hörbar, dass der Text ressentimentgeladene Elemente zu einem Konvolut kombiniert, das auf große Zustimmung spekuliert", der Topos von der "Fremdheit im eigenen Land" etwa sei "weit verbreitet", die "Rede vom Glaubensverlust an die Demokratie fast Allgemeingut". "Erst die Verlegung der Rede auf die Bühne ermöglicht es, zu diesen bekannten Befunden kritische Distanz herzustellen." Das sei "Provokation im Wortsinne": "Herausforderung zum Einspruch, zur politischen Auseinandersetzung".

"Man hatte gedacht, es schlau zu machen, indem man den Text von einer Akteurin sprechen ließ, deren Figur so weit wie denkbar von dem norwegischen Unhold entfernt wäre: der jungen Deutschtürkin Sascha Soydan", erläutert Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung (22.10.2012). Aber gerade der Kaugummi, den sie kauen musste, habe die Situation kippen lassen: "Er war eindeutig ein Requisit, und als solches zog er das Event von der Lesung zum Drama hinüber. Zwar war er als Zeichen der Distanzierung kaum misszuverstehen; doch damit schuf er eine Rolle und verhalf der Figur zu gewaltiger Präsenz, einer Präsenz von Pein und Arroganz." Als Lesestück hätte der Text einschläfernd gewirkt – über Breivik in Oslo wäre man entsetzt gewesen. "Wenn aber Frau Soydan wiederholt vom Blatt aufblickte, auf der Stirn die Qual des Rechthabers, und ins Publikum rief 'Ist das denn so schwer zu verstehen?' "- habe jeder im Saal die "künstlerische Leistung" erlebt. "Frau Soydan erledigte ihre Sache schlecht, indem sie sie so gut machte." Am Schluss sei unschlüssiger Applaus erklungen, der "die Schauspielerin ehren wollte ohne ihren Part zu billigen. Das geht nicht."

Die Aufführung der Breivik-Rede im Vortrag der "attraktiven, supercoolen, streetwisen und unerreichbaren Tochter türkischer Migranten" Sascha Soydan "schmerzt", berichtet Detlef Kuhlbrodt von der tageszeitung (23.10.2012) aus Weimar. "Der Text schmerzt, nicht so sehr im Einzelnen, in den Passagen, die tatsächlich anschlussfähig sein mögen, nicht nur an einen rechten Diskurs, Sarrazin, Islamophobiker und Islamisten, sondern auch an linke Zitate" (der Kritiker fühlt sich etwa an Wendungen aus einem Song von "Ton Steine Scherben" erinnert). Er schmerze im Vortrag, weil "er eine Wunde wieder aufreißt", die Zeitungen wie der Spiegel längst als vernarbt ansehen, wenn sie argumentieren, in Sachen Breivik gebe es keinen "größeren Nachholbedarf" mehr. "Man hatte das Gefühl, nicht nur bei, sondern auch Teil einer obszönen Veranstaltung gewesen zu sein, von der man sich in Wortmeldungen distanzieren zu müssen meinte, wenn etwa gesagt wurde, dies sei kein guter Text, oder es sei zwar rhetorisch ein guter Text, 'aber nicht erste Liga' gewesen."

Im Zusammenhang eines längeren Porträts des Reenactment-Theaters von Milo Rau schreibt Christine Wahl vom Tagesspiegel (27.10.2012) über "Breiviks Erklärung": "Was an dem Abend tatsächlich stattfindet, ist nicht nur eine Entdämonisierung, sondern auch eine gezielte Enttheatralisierung Breiviks: Rau und Soydan tragen die vertrauten Medienbilder vom Massenmörder und dessen Selbstinszenierung ab und legen die Architektur eines rassistischen Gedankengebäudes offen, dessen Anschlussfähigkeit an mehr oder weniger etablierte rechtsnationale Diskurse eine demokratische Gesellschaft analytisch aufarbeiten sollte, statt sie zu verdrängen."

"Breivik weg zu inszenieren", wie es Milo Raus Anspruch war, sei "ihm, natürlich, nicht gelungen", schreibt Michael Helbing im Freitag (26.10.2012). Er "hat ihn nicht weg, er hat die vermeintlich schweigende Masse gleichsam hinzu inszeniert". Sie spreche aus der Vortragenden Soydan, "die den Text bis zur Hälfte Kaugummi kauend und in Gänze betont sachlich vorträgt, woraus sich fast wie von selbst eine kühle, spöttische Überlegenheit herstellt". Mit der Aufführung der Rede begebe man sich im Ganzen in ein "klassisches Dilemma: Das Theater, das den Skandal vermeiden will, beschwört ihn damit erst herauf. Gibt man Breivik ein Podium, gibt man ihm recht. Gibt man „Breivik" keines, auch."

 

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