Der Twitterfelder Weg

von Esther Slevogt

Hamburg, 11. November 2012. Eine Konfliktlinie verläuft unter anderem hier: Er gehe auch deshalb nicht ins Theater, sagte ein junger Mann – weil er da sein Handy ausschalten müsse. Damit würde er in eine auktorial organisierte, einseitige Aufmerksamkeit gezwungen und von den Metaebenen abgeschnitten, über die er sonst über alles, was er tue, sehe und denke, mit anderen kommunizieren würde, Twitter beispielsweise. "Mein Gehirn braucht immer zwei, drei offene Fenster, um gut funktionieren zu können", stimmte eine junge Frau ihm zu. "Twittern oder parallel zu dem, was auf der Bühne geschieht, via Netz Infos zu organisieren, erhöht noch meine Aufmerksamkeit."

theatercamp 240 hh2012 sle uPlüsch oder Techno? Die Bühne des Theatercamps in der Gaußstrasse © slePanikraum Theater?
Aber das sei doch der Horror, entgegnete ein etwas älterer Teilnehmer des Barcamps des Hamburger Thalia Theaters am Sonntag während einer Diskussion. "Ich kriege die Krise, wenn rechts oder links von mir plötzlich die Handydisplays aufleuchten und ich abgelenkt werde." Auch er fand naturgemäß Unterstützer. Zum Beispiel in einem Mann, der das Theater als Panikraum definiert wissen wollte. Ein Panikraum, das ist ein geschützter Raum innerhalb einer Wohnung (oder eines Schiffes). Dorthin können sich Bewohner oder Besatzung im Fall von Bedrohung (wie Überfällen durch Piraten) flüchten, und die Ausstattung ermöglicht zumindest eine Zeitlang hinter verschlossenen Türen das Überleben.

Als Fragen wie diese die Tagesordnung enterten, da war die Veranstaltung fast schon zu Ende. Barcamp hatte das Thalia Theater sie genannt und sich damit explizit für eine offene, partizipative Konferenzform entschieden. Jeder kann sich beteiligen. Die Teilnehmer generieren dann die Inhalte selbst und organisieren in Eigenregie kurze, offene "Workshops", "Sessions" oder Debattenrunden zum Thema. Und das lautete in Hamburg "Theater und Internet".

strauch batizi 240 hh2012 sle uDie Thalia-Organisatoren Jochen Strauch und Dorka Batizi © sleSind die Leute im Zuschauerraum etwa eine Community?

Denn nichts hat die alten Kulturtechniken so nachhaltig erschüttert wie das Netz und seine Folgen. Und nachdem Nutzer von Computer und Internet in der Hochkultur lange das Image von ungebildeten Asozialen und halbdebilen Glotzern hatten, hat inzwischen die Befürchtung viele Theater erreicht, bei diesen Leuten könne es sich möglicherweise doch um ihr Publikum handeln. Oder um Menschen, die als solches mal leise angesprochen werden könnten. Just in case. Und so treibt Mitarbeiter der Öffentlichkeits- und Marketingabteilungen der Theater inzwischen die Frage um, ob die Leute im Zuschauerraum eventuell eine Community sind. Oder wie man aus Fans Publikum generiert und was man sonst mit dem Netz anfangen könnte. Vielfach haben die Marketingleute der Theater inzwischen den Zusatztitel "Social-Media-Manager". Bloß was da genau gemanagt werden soll, ist meist eher unklar. Klar ist nur, dass viele Theater über die Hälfte ihrer Tickets inzwischen über ihre Internetseiten verkaufen.

Wege zum ins Netz verschwundenen Publikum

Rund ums Marketing ging es dann in Hamburg am Sonntag auch ziemlich ausschließlich. Auch wenn die Mutigsten unter den Theater-ins-Netz-Bringern (es sind interessanterweise die Opernleute!) die Kollegen dazu aufriefen, das Netz stärker auch für die Kunst zu nutzen. Angereist waren im Wesentlichen die Marketing- und PR-Leute der unterschiedlichsten Theater aller Größenordnungen und Organisationsformen: von Freien, über Stadt- und Staatstheater bis eben zu den großen Opern im deutschsprachigen Raum. In Panels, die selten länger als eine Stunde dauerten (immer fünf liefen parallel) gab es erst einmal gewaltiges Input, was man marketingmäßig mit dem Internet alles so machen kann, um die Wege ins Netz zu finden, wohin das Theaterpublikum zunehmend verschwindet.

hollaender 240 hh2012 sle ujpgBei Social-Media-Anwendungen sind die Opern vorne. © sleTheater erzählten von ihren Versuchen, das Internet zu nutzen. Die Bayerische Staatsoper beispielsweise, deren Online-Koordinator Johannes Lachermeier seine umfänglichen Aktivitäten und Strategien vorstellte, die Oper ins Netz zu bringen: vom technisch hochanspruchsvollen Live-Stream über Blogs, Real-Live-Happenings und Kunstprojekte, die übers Internet organisiert werden. Zum Beispiel, um Andreas Kriegenburgs Münchner "Ring" zu flankieren. Es gibt inzwischen ein (von der Firma Linde gesponsertes) Staatsoper-TV, in dem Zuschauer Streams von Opernproduktionen des Hauses abrufen können und die inzwischen etwa 460.000 Klicks erreichen, wie Lachermeier wissen ließ, davon mehr als 35% im Ausland. Das ist für die Bayerische Staatsoper unter anderem deshalb interessant, weil die Besucher unter den Online-Zuschauern, die mal nach München reisen, ihr Haus dann mit großer Wahrscheinlichkeit auch physisch besuchen. Die Zürcher Oper, deren neuer Intendant Andreas Homoki Öffnung verordnet hat, experimentiert mit dem Kanal Der twitternde Holländer, um den Probenprozess aus dem abgeschlossenen Raum Theater ins Offene der Stadt zu tragen.

theatercampii 240 hh2012 sle uVerteidigung gegen die dunklen Künste? Im Thalia in der Gaußstraße © sleDramaturgie 3.0?

Auf der anderen Seite waren Firmen und Anbieter gekommen, um neue Marketingmöglichkeiten im Web zu erläutern. Wie man zum Beispiel via Augmented Reality die Bilder im Spielzeitheft zum Laufen bringt. Oder was das genau ist und wie er funktioniert, ein QR-Code. Wie eigentlich strategisch vorgegangen werden muss, um solche Dinge wie Communitybuilding (was man ja eigentlich als ureigenste Theaterdisziplin begreifen muss) zu planen. Und war man dann in den entsprechenden Panels, wusste man manchmal nicht, ob man auf der Zaubererschule Hogwarts in einen Unterricht zur Einführung in die dunklen Künste oder nicht doch zur Verteidigung gegen dieselben geraten war. Wie Zauberworte jedenfalls schwebten die einschlägigen Begriffe über der Veranstaltung: Crowdfunding, Social Media, Tweetups oder gar das schlimme Wort "Return On Investment". Klar wurde bei diesem konzentrierten wie informationsreichen Event vor allem eines: Die Verunsicherung in den Theatern ist ebenso groß wie der Bedarf nach Beratung und Erfahrungsausaustausch.

Dass das Theater auch als Kunstform und Kulturtechnik unter großen Druck geraten ist, wurde nur am Rande verhandelt. Barcamp-Organisator Jochen Strauch, Dramaturg am Thalia Theater, stellte am Ende die Frage nach einer Dramaturgie 3.0: inwieweit also durch die partizipativen Formen, die mit dem Netz entstanden sind, auch offenere Erzählungen und kollaborative Formen der Stoffentwicklung möglich sein könnten, ein vernetztes Storytelling, in dem ganz neue Theaterformen entstehen. Konradin Kunze hatte im Kontext dieser Frage das Projekt "Hacking Luleå" für das Hamburger Schauspielhaus vorgestellt.

hegemann 240 hh2012 sle uAlso sprach Carl Hegemann © sleNachrichten aus der Abgeschlossenheit

Am Ende enterten via Skype zwei Giganten der Hochkultur als virtuelle Geister die Veranstaltung. Carl Hegemann und Nicolas Stemann, die eigenem Bekunden zufolge die letzten 55 Stunden samt Stab in einem abgeschlossenen Raum in Leipzig verbracht hatten, um aus dieser Erfahrung der vollkommenen Abgeschlossenheit von aller Außenwelt und -wirklichkeit ein neues Theaterprojekt zu entwickeln. Womit man wieder bei der Frage angekommen wäre, wie dieser abgeschlossene Raum Theater in Zukunft gestaltet werden kann und muss.

 

 

 

Theatercamp
Barcamp zum Thema Theater und Internet im Thalia in der Gaußstrasse
In Kooperation mit Timeline e.V.

www.thalia-theater.de
www.timel-ne.de

 

Mehr über Theater und Internet im Lexikon.

 

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