Samstag, 29. November 2014
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Was ihr wollt – Katharina Thalbach schäkert am Berliner Ensemble mit Shakespeare

Schnelle Nummern hinter der Muschel

von Simone Kaempf

Berlin, 24. November 2012. Der Narr sitzt in einem aufgespannten Regenschirm, der über der Bühne schwebt. Stark geschminkt ist er, trägt einen Lorbeerkranz auf dem Kopf und einen Rettungsring um die Hüfte. Aber das Trottelige ist nur Maskerade. Dieser getarnte Narr, halb Götterbote, halb Schiffbrüchiger, durchschaut als einziger die Liebesspiele und Liebesverwirrungen um ihn herum, die er sanft weltweise kommentiert. Und dann auch in schönsten Tönen besingt.

wasihrwollt 280h thomaseichhorn-uSabin Tambrea und Thomas Quasthoff
© Thomas Eichhorn
Der Liebe Nahrung

Der Sänger Thomas Quasthoff spielt diesen Narren. Eigentlich hat sich Quasthoff Anfang dieses Jahres vom Konzertleben zurückgezogen, weil seine Gesundheit ihm seinen eigenen Anspruch nicht mehr zu erfüllen erlaubt. Wie immer seine Form wirklich sein mag, wie immer es dazu kam, dass er nun bei "Was ihr wollt" mitspielt: Die Barockarien, die er begleitet von der Lautten Compagney Berlin singt, sind so feinnervig, voller Intimität und, ja, der Liebe Nahrung, dass sich zu Katharina Thalbachs überbunter und herbhumoriger Inszenierung am Berliner Ensemble ein ziemlicher Abstand einstellt. Quasthoff ist es, der dem Abend eine gewisse Würde verleiht. Retten kann er ihn allerdings auch nicht.

Dass Thalbach ihre Inszenierungen auf handfeste Komik anlegt, weiß man. In den Verwechslungen, den Dreiecksbeziehungen und dem Gender-Trouble von "Was ihr wollt" herrscht ein Durcheinander, das per se komödiantisch ist. Wie gut muss Thalbach aber auch die anderen Facetten des Stücks kennen, wurde sie 1984 nicht nur Zeuge von Thomas Braschs Arbeit an der Übersetzung, sondern spielte unter Ernst Wendts Regie am Schillertheater damals auch die Rolle der Viola.

Lust-Reise auf dem Jambendampfer

Ihre Inszenierung ist nun gar nicht so witzig geraten, dunkel-melancholisch aber erst recht nicht. Homosexuellen- und Kleinwüchsigen-Witzchen werden harmlos eingestreut. Mal geht es sehr handgreiflich zu, dann prallen die kalauernden sexuellen Andeutungen aneinander ab. Von dem Shakespeareschen Unbehagen, das hier jeder in der falschen Haut steckt, ist nichts zu spüren. Alles ist bunt, illustrierend, laut geraten. Und nicht nur Quasthoff singt. Gerne drückt auch die Gräfin Olivia ihre Sehnsüchte in Popsongs wie "I will survive" oder "Nothing compares 2 U" aus.

WasIhrWollt3 560 ThomasEichhorn uSchiffskabinen für das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel  © Thomas Eichhorn

Das fühlt sich streckenweise wie im Musical an, voll jugendlicher Verve eingesetzt, aber auch zu dick aufgetragen wie vieles an diesem Abend, das sich nicht zu einem runden Ganzen fügen will.

Selbst das Schiffs-Bühnenbild hilft nicht. Den Bug eines Dampfers hat Momme Röhrbein auf die Drehbühne gesetzt. Mal wirkt das Schiffsteil wie ein Vergnügungsdampfer, mal wie ein Frachtdampfer, aus dessen Luken, Klappen und Umkleidekabinen die lebende Last steigt, man sich gegenseitig belauscht und voyeuristisch beobachtet. Übergroße Muscheln dienen als Souffleurkästen, in denen die Musiker Platz nehmen oder die für Albernheiten dienen müssen. Für eine Klipp-klapp-Mechanik ist das hilfreich, erstarrt ansonsten zu sehr zur Kulisse, als dass eine Atmosphäre existenziell schwankenden Grunds oder etwas Tiefgang entstünde.

Irrewerden an der Illusion

Das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel kosten die Schauspieler allerdings lustvoll aus. Antonia Bills Olivia sitzt erst wie in eine Burka gehüllt am Spinnrad, in Trauer über den Tod ihres Bruders, um bald verliebt tänzelnd außer Rand und Band zu geraten. Traute Hoess spielt das Kammermädchen Mary, das die falsche Liebesbotschaft an Malvolio einfädelt, mit bajuwarischer Saftigkeit. Und es ist die mit Abstand schönste Szene, wenn Norbert Stöß als Malvolio durch den getürkten Liebesbrief für die Gräfin Olivia entflammt, ihm die Gefühle deutlich die Zunge und die Glieder lockern bis er schließlich gockelnd seine gekreuzten Strumpfbänder vorführt. Die unheimliche Verwandlungskraft der Gefühle blitzt hier auf. Malvolios Absturz in tiefe Verzweiflung, das Irrewerden der Illusion der Liebe erlegen zu sein, gerät dann allerdings wieder zur plumpen Nummer. Als wahnsinniger Springteufel tritt er am Ende nochmal auf, um die drei Paare im Happy-end zu beschimpfen, und man weiß nicht warum. Weniger Klischee, weniger Kalauer, weniger Musik wäre am diesem Abend wirklich mehr gewesen.


Was ihr wollt
von Willliam Shakespeare
deutsch von Thomas Brasch
Inszenierung: Katharina Thalbach, Mitarbeit: Wenka von Mikulicz, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüme: Angelika Rieck, Musik: Wolfgang Katschner, Dramaturgie: Hermann Wündrich.
Mit: Antonia Bill, Larissa Fuchs, Traute Hoess, Katharina Susewind, Thomas Quasthoff, Veit Schubert, Martin Seifert, Norbert Stöß, Sabin Tambrea, Felix Tittel.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.berliner-ensemble.de

Kritikenrundschau

Von einem "krachbunten, mit allen erdenklichen Mitteln vergrinsten, versauten, verknatterten, verkitschten Shakespeare-Schwank" spricht Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (26.11.2012). "Und wie viel Mühe sich gegeben wird beim Lustigsein!" Die sich "als doof-derbe Gaukler verstellenden Ensemble-Angestellten" müssen, mutmaßt der Kritiker, "unter schwerstem Muskelkater gelitten haben vom vielen Augenverdrehen, Stimmeverstellen, Gesichterziehen und Rumhampeln. Uff."

Dem Eindruck von Andreas Schäfer vom Berliner Tagesspiegel zufolge (12.11.2012) hat man es bei diesem Shakespeare-Abend mit einer "eintönigen monochromen Landschaft" zu tun, "die irgendwo unter der Gürtellinie liegt." Ein paar schlüpfrige Details, dann läßt Schäfer "wie aus einer anderen Welt" Bassbariton Thomas Quasthoff in einem Regenschirm sitzend durch den Bühnenhimmel einfliegen. "Erhaben und stimmgewaltig schwebt er wohlwollend über der Verirrung dieses Abends."

"Poesie, Satire und tiefere Bedeutung fehlen," so Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" beim Deutschlandfunk (25.11.2012). Denn aus seiner Sicht setzt Katharina Thabach als Regisseurin "erbarmungslos auf die Klischeeklamotte und den Humor schlechter Fernseh-Comedys". Gefühle würden "nicht ge- oder erspielt, sondern mit Best-Of-Popsongs ersungen oder spießig veralbert". Auch schauspielerisch sei dies daher eher ein Trauerspiel mit Effektdrang. Nur ein Darsteller hat diesen Kritiker rundum überzeugt: der Bariton Thomas Quasthoff in der Rolle des Narren.

Das Publikum bejubele "jeden derben Witz und jedes Liedchen", so Eberhard Spreng in der Sendunk "Fazit" beim Deutschlandradio (24.11.2012), der von "Dudel-, Dödel-, Blödelheater" spricht.  Lediglich Thomas Quasthoff, "der große Sänger behält in all dem Quark ein wenig szenische Autonomie."

"Jeder noch so blöde Einfall wird ausgepinselt und aufgeblasen," so Ute Büsing in ihrer Kritik auf Inforadio des RBB (26.11.2012) Das Publikum am Premierenabend sei zwar begeistert gewesen "von der prallbunten Shakespeare-Show, gespickt mit Survial-Songs aus der Popkiste zum Wiedererkennen und Mitklatschen. Es gab Standing Ovations. Aber manche fragten sich doch, wie ich, was ein solcher Musical-Verschnitt an einem hochsubventionierten Theater zu suchen hat." Aus Sicht dieser Kritikerin ist die BE-Nummernrevue "der auf Buntes und Derbes spezialisierten Regisseurin doch sichtlich aus dem Ruder gelaufen". Irrungen, Wirrungen und Wallungen des Personals würden "mit krachledernen dumpfbackigen Stammtischwitzchen" zugekleistert, "gerne über Schwule und Zwerge, haha." 

Thalbach nehme Shakespeare in der Übersetzung von Thomas Brasch entschlossen beim Wort, findet hingegen Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.11.2012). "Die Inszenierung ist ein leichtfüßig verrückter Witz, der seinen Tiefgang geschickt zu verbergen weiß." Thomas Quasthoffs Narr setze "den Glanzpunkt der tollkühnen Aufführung". Thalbach halte Shakespeares Komödie fest und lasse sie "gleichzeitig los, haut ihr frech auf die Schulter und die Schenkel und küsst ihr dennoch voll Respekt die Hand. So ist ihr ein Herzensstück gelungen."

 




Kommentare (25)

1. Was ihr wollt, Berlin: Begeisterung pur
Ergänzend könnte man anmerken, daß die Premiere ein ungeheurer Erfolg war. Jubel, Begeisterung, sehr langer Applaus, Bravorufe. Das muß natürlich künstlerisch nichts bedeuten, aber wenn Frau Kaempf schon einen Premierenbericht gibt, wäre es vielleicht interessant, derlei zu erwähnen. (…)
Tilda , 25. November 2012 - 15:46 Uhr
2. Was ihr wollt, Berlin: traurige Arbeit am BE
nein, muss man nicht! ich gebe Simone Kaempf in allem recht. ich finde die inszenierung mehr als furcht-bar. ich bin erschüttert, welch sinnloser, einfallsloser, unpolitischer quatsch im BE gezeigt/produziert wird. traurig.
xaver , 25. November 2012 - 16:03 Uhr
3. Was ihr wollt, Berlin: Jubel von Kollegen
Liebe Tilda, Premierenjubel, Begeisterung, sehr langer Applaus und Bravorufe kommen oft von andere Kollegen im Theater und haben nichts mit der Qualität der Aufführung zu tun. Deswegen könnte es irreführend derlei zu erwähnen.
Jens , 25. November 2012 - 18:10 Uhr
4. Was ihr wollt, Berlin: Aushalten & untersuchen!
Ob man es mag oder nicht. Wenn ein ganzer Saal im Stehen applaudiert ist das einer Erwähnung wert. Claque gibts immer, füllt aber keinen Saal. Aushalten und untersuchen, wenn andren gefällt, was man selber hasst, ist die Arbeit, die ein Kritiker leisten sollte.
Johanna Schall , 25. November 2012 - 21:54 Uhr
5. Was ihr wollt, Berlin: Frage
Lieber Jens, lieber Xaver, aber ihr arbeitet auch für oder wenigstens um das Theater, oder nicht?
Tilda , 25. November 2012 - 23:54 Uhr
6. Was ihr wollt, Berlin: Kritiker-Spagat
Werte Johanna Schall, werte Tilda,

es gibt Kollegen, die den Standpunkt vertreten, die Erwähnung der Applaus-Stärke gehöre zur Chronistenpflicht. Daraus ergeben sich allerdings folgende Probleme. Erstens: Wenn Sie mal mehrere Kritiken einer Premiere vergleichen, die alle die Jubelstärke bewerten, dann fallen diese Erwähnungen mitunter so verschieden aus wie die Bewertungen des Abends. Zweitens: Wenn Sie in einer Kritik die Applausstärke erwähnen, gehen Sie entweder mit dem Publikum d'accord. Schön für Sie, aber das liest sich im Zweifel doch so, als hätten Sie für Ihre Meinung dem Volk aufs Maul geschaut oder bräuchten einen vielstimmigen Fürsprecher, um sie zu stützen. Wenn Sie allerdings schreiben, dass alle jubelten, es aber dennoch furchtbar war, unterstellen Sie indirekt dem Publikum, nicht besonders clever zu sein.

Natürlich gibt es Abende, da müsste man diese Differenz befragen, und etliche Premieren im Berliner Ensemble, an denen sich das Gros der Kritikerschaft mit Entsetzen auf seinen Plätzen windet und später mit heftigem Applaus konfrontiert wird (sowie mit vollen Folgevorstellungen), gehören dazu. Vielleicht würde man dann darauf kommen, dass Kritiker damit rechnen (können), in Stadt- und Staatstheatern künstlerischen Auseinandersetzungen zu begegnen, mit einem ernsthaften, wenn auch oft genug scheiternden Erkenntnisinteresse auf der Höhe der ästhetischen Auseinandersetzungen. Im Boulevardtheater gelten andere Regeln: Gutes, wirkungsvolles Handwerk ist da schon mehr als die halbe Miete. Aber in einem staatlich subventionierten Theater wie dem Berliner Ensemble, in dem Brecht, Berghaus, Wekwerth und Heiner Müller Maßstäbe gesetzt haben, erwartet man mehr als Boulevard, der auch noch (wie im vorliegenden Fall) mit heftigem Augenzwinkern vergessen machen will, wie hingeschustert er ist.

Natürlich kann man fragen, ob es sinnvoll ist, dass die Kritik derart an den Bedürfnissen von größeren Teilen des Publikums vorbeischreibt. Sicher bleibt zu diskutieren, ob man den Spagat nicht öfter thematisieren sollte (aber auf welchem Platz? soll man im Zweifel das Bühnenbild oder die Schauspielerbeschreibungen unter den Tisch fallen lassen?). Grundsätzlich aber muss die Argumentation des Kritikers für sich alleine bestehen können. Auf nachtkritik.de zumindest ist das nicht zwangsläufig der Weisheit letzter Schluss – mit Ihren Kommentaren ergänzen Sie ja gerade das, was Ihnen in der Kritik fehlt. Was nicht zuletzt einer der Existenzgründe für nachtkritik.de ist.

MfG
Georg Kasch
Georg Kasch , 26. November 2012 - 09:59 Uhr
7. Was ihr wollt, Berlin: Freudlosigkeit und Phrase
Ach, methodisch und theoretisch gesehen mag da ja was dran sein, Herr Kasch. Nur so unbeeindruckt dabeizustehen wenn andere sich freuen, das zeugt einfach von einer so erstaunlich verinnerlichten Freudlosigkeit, daß man es schon mal als interessanten Charakterzug hervorheben möchte. Wie man auch erwähnen möchte, daß Leute, die "hingeschustert" und "Weisheit letzter Schluß" schreiben, sich vielleicht nicht als Gralshüter des Reinen, Hehren und Hohen gebaren sollten, Brecht und Heiner Müller wären jedenfalls vor derartigem Phrasenmaterial zurückgeschreckt. Freudlosigkeit und Phrase in Kombination, vielleicht wäre das eine schöne Definition dessen, was nicht in Ordnung ist mit denen, die heute das angebliche Handwerk des Kritisierens ausüben. Eines von beidem ohne das andere wäre ja akzeptabel, beides zusammen wirkt erstickend.
Tilda , 26. November 2012 - 11:21 Uhr
8. Was ihr wollt, Berlin: heiter und ironisch
ach tilda, so ein quatsch.

wer mal in so eine be-museums-touristen-premiere geraten ist, weiß wie schmerzhaft es ist, wenn dieser stuss vom publikum gefeiert wird. da finde ich die ausführungen von herrn kasch und frau kaempf noch heiter und ironisch.
staw , 26. November 2012 - 11:46 Uhr
9. Was ihr wollt, Berlin: gegen das Publikum
Von wem war doch gleich der Satz, der Kritiker müsse für das Publikum schreiben, wenn nötig gegen das Publikum?
Frank-Patrick Steckel , 26. November 2012 - 11:58 Uhr
10. Was ihr wollt, Berlin: die Rache der Puritaner
Ist die Kritik jetzt etwa die Rache der Puritaner, die das BE am liebsten geschlossen sehen würden? Man könnte es fast meinen. Malvolio, die alte Spaßbremse, hatte es ja lauthals prophezeit. Katharina Thalbach versucht so den Rezensenten den Wind aus den Segeln zu nehmen, und steuert ihren Komödienkahn zielsicher ans seichte Gestade, sprich ins Stadl. Vom Wannsee direkt ans BE. Krachledernes Schenkelklopf- und Wegschmeißtheater. Rotnasiger oder besser rotznasiger Kinderkram. Da ist der Boulevard am Kudamm noch wesentlich intelligenter. Man sehnt sich förmlich in Katharina Thalbachs "Wie es euch gefällt"-Inszenierung zurück. Sie kann es eigentlich besser. Das "Was ihr wollt" auch gute Klamotte sein kann, hat Jan Bosse am Thalia in Hamburg bewiesen. Mit Abstrichen vielleicht noch Matthias Hartmann an der Wiener Burg. Aber im Klamauk erstickt K. Thalbach auch noch das letzte Bisschen hintergründigen Shakespeare´schen Wortwitz. Ein bayerischer Trampel, zwei Grenzdebile und lauter Schauspieler die sich wie pubertierende Teenager aufführen. Thomas Quasthoff muss man hier ausdrücklich ausnehmen. Ein weiser Narr auf einem Ship of Fools, schafft ihn weg.
Dass Shakespeare das Stück auch als melancholischen Abgesang auf sein Theater inszeniert hat, das ihm die Puritaner wenig später auch tatsächlich geschlossen haben, kommt nur in einer Fußnote vor. Das Geschlecht ist hier nur ein derber Unterleibswitz. Geschlechterverwirrung als bloßer Irrtum. Lauter Klemmschwestern und Möchtegernmachos, denen es nicht nur in der Hose fehlt. Einen Spagat muss man da nicht mehr machen. Es zwickt auch so genug im Schritt. Ob es dafür Standing Ovations gibt, oder in China fällt ein Sack Reis um, ist Pillepalle.
Dass Claus Peymann da selbst so langsam die Zweifel kommen, wundert niemanden mehr. Dem BE-Publikum dürfte es mittlerweile Schnurz sein, Hauptsache es fetzt. Die Puritaner sind auf Landgang und da will man sich halt amüsieren.
Das es das DT nicht viel besser kann, außer einer zitatenreichen Kunstpose, ist traurige Bilanz eines verkorksten Shakespeare-Wochenendes.
Stefan , 26. November 2012 - 12:44 Uhr
11. Was ihr wollt, Berlin: Zensur statt Streitkultur
Da, scheint mir, liegt der Hund begraben, der so schlecht riecht, wenn man ihn ausgräbt.
Es gibt, so verstehe ich Herrn Kasch und Herrn Stefan, für die Kritik nur die Variante: Reaktion des Publikums ignorieren, denn sie hat keine Bedeutung oder beweist nur, dass die "Puritaner auf Landgang" halt bescheuert sind. Oder man erklärt sich Applaus mit Claque, mangelndem ästhetischem Urteilsvermögen und fehlender Verehrung des Feuilletons. Das reicht mir nicht, das ist nicht Kritik, sondern Ausschluss/Beschuss von Meinungen. Zensur anstatt Streitkultur. Da Kritiker, zumindestens einige, so viel mehr über das Theater wissen, sollte es doch ihre Aufgabe sein, Irritationen zu untersuchen, anstatt sie wegzubürsten. Oder?
Johanna Schall , 26. November 2012 - 13:15 Uhr
12. Was ihr wollt, Berlin: Gralshüter des Reinen
@Tilda, 7.

Entschuldigen Sie, dass ich mich - natürlich innerlich freudlos - der Sünde der Besserwisserei schuldig mache. Aber auch Meister Brecht gehört zu den Leuten, die vor Phrasen wie "Weisheit letzter Schluß" nicht zurückgeschreckt sind (vermutlich war er ja auch kein Gralshüter des Reinen). Hier jedenfalls ein wunderbar im Versmaß holperndes Brecht-Zitat, das auf Goethes "Faust" gemünzt ist: "Sein Reis ist aber noch nicht zu End - / Es kommt dazu, daß er erkennt: / Eben der Weisheit letzter Schluß / Die Welt bereichern ist höchster Genuß."
Wolfgang Behrens , 26. November 2012 - 13:19 Uhr
13. Was ihr wollt, Berlin: was wäre die Aufgabe?
@Johanna Schall, 11.

Liebe Frau Schall,

ist das Wort "Zensur" nicht eine etwas zu große Keule für die Tatsache, dass eine Kritik nicht die Reaktion des Publikums einbezieht? Und ich verstehe auch nicht, welcher Art die Irritationen sein sollen, die es zu untersuchen gilt, anstatt sie wegzubürsten. Nehmen wir beispielsweise eine Veranstaltung auf Mallorca, bei der Jürgen Drews ein großes Publikum zum Kochen bringt: Wo liegt da die Irritation? Was wäre die Aufgabe eines Kritikers, der eine solche Veranstaltung besprechen soll?
Wolfgang Behrens , 26. November 2012 - 13:34 Uhr
14. Was ihr wollt, Berlin: Klamauk über alles
Der Stachel im "Ar... der Mächtigen", eine Ulknudel. Klamauk über alles.

(...)

Nomos , 26. November 2012 - 14:11 Uhr
15. Was ihr wollt, Berlin: So voller Wahnsinn ist die Raserei
Ich zitiere mal Hermann Beil, wenn er mir das nicht übel nimmt, aus dem Arbeitsbuch Thomas Brasch, Theater der Zeit 2004 (Gespräch mit Martina Hanf über Braschs Shakespeare-Übersetzungen): „Die Balance zwischen poetischer Form und Direktheit, die in Shakespeares Zeit ihre Wirkung gehabt haben muss, das war sein Ziel.“ Über dieses Ziel dürfte Katharina Thalbach mit ihrer Inszenierung weit hinausgeschossen sein. Von Balance ist da nicht mehr viel zu spüren. Nun kann sie ja mit Texten ihres Mannes machen was sie will. Ich bin auch der Letzte, der sich über ungenügende Werktreue beschweren will. Aber es gibt neben Wahnsinns-Klamauk auch einen Wahn der Sinne im Stück. Dabei bedeutet Sinnlichkeit auch, eine tiefere Ebene zumindest noch durchschimmern zu lassen. Dass dem Publikum auch auffällt, dass es nicht nur um das reine Vergnügen geht. Sonst sättigt man es zu schnell ab.

„Wenn die Musik die Nahrung für die Liebe ist, dass ich mich ganz überfress` und mir der Appetit vergeht daran. So voller Wahnsinn ist die Raserei, die Liebe heißt – dass die am Ende auch sich selber in den Wahn der Sinne reißt.“ (Was ihr wollt)

Ansonsten könnten wir natürlich auch den Streit begraben und uns auf die Formel einigen:

„Ich beschwöre euch, o ihr Frauen, bei der Liebe, die ihr zu den Männern tragt, laßt euch von dem Stücke soviel gefallen, als euch gut dünkt; und ich beschwöre euch, o ihr Männer, bei der Liebe, die ihr zu den Frauen tragt (und euer vergnügtes Grinsen sagt mir, keiner von euch haßt sie), daß euch zusammen mit den Frauen das Stück gefallen möge.“ (Wie es euch gefällt)
Stefan , 26. November 2012 - 15:14 Uhr
16. Was ihr wollt, Berlin: etwas stimmt nicht
Schau nur, liebste Johanna, wie sie alle hervorpreschen, der Kasch, der Behrens und der Steckel, wenn sie spüren:

Etwas stimmt im Ganzen nicht mehr!

So sieht das aus, wenn man in dem falschen Kontext eines Spielplans "nicht erfüllter Ansprüche" mit einem Publikumserfolg scheitert.

Armes BE.

Traurig. Bitter.
martin baucks , 26. November 2012 - 16:26 Uhr
17. Was ihr wollt, Berlin: Nachfrage an die Redaktion
Na,...liebe Nachtkritik Redaktion, diskutieren sie jetzt heftig....oder was bewegt sie in diesem Moment?

(Lieber Herr Baucks, ja, wir diskutierten heftig, da wir Redaktionskonferenz hatten. Da kann sich die Freischaltung der Kommentare schon einmal ein paar Stunden verzögern. Und im Moment bewegt mich die Frage, ob ich mir einen Wein aufziehe oder nicht. Herzlich wb)

martin baucks , 26. November 2012 - 18:31 Uhr
18. Was ihr wollt, Berlin: die letzte Waffe
Lieber Herr Behrens - DIE LETZTE WAFFE IST DER KORKENZIEHER! Es gibt nur einen Grund, sie nicht zu zücken: die Flasche hat einen Schraubverschluss.
Frank-Patrick Steckel , 26. November 2012 - 22:25 Uhr
19. Was ihr wollt, Berlin: deutliche Sprache
Was die Zuschauerreaktionen und ein Gros der Kritiker im Verhältnis zu ihnen angeht, sprechen die Kritiken von Herrn Seidler und Herrn Krug doch eine überaus deutliche Sprache; so scharf kommt das im Pressespiegel dann garnicht rüber. Wie immer sich das GANZE und was immer damit gemeint ist nun auf eine einzelne Inszenierungs- , ja Premierenkritik auch auswirken mögen (das läßt Herr Baucks schön im Nebel).
Arkadij Zarthäuser , 27. November 2012 - 19:48 Uhr
20. Was ihr wollt, Berlin: Angebot
Na, Herr Behrens, bevor sie die letzte Waffe ziehen, Lust auf diese Stelle?

Für die Leitung unserer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

– in enger Zusammenarbeit mit Claus Peymann und der Dramaturgie –

suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine(n) phantasievolle(n)

PRESSEREFERENT/IN

mit Lust auf kreatives Chaos und guten Nerven.

Erfahrung im Theater/Verlag o.Ä. wünschenswert.


Bitte senden Sie Ihre schriftlichen Unterlagen an:
BERLINER ENSEMBLE
z. Hd. Miriam Lüttgemann
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
oder per Email an presse(at)berliner-ensemble.de
(Telefonische Anfragen 030 28408116)
martin baucks , 28. November 2012 - 21:14 Uhr
21. Was ihr wollt, Berlin: noch ein Angebot
Oder für die Damen der Redaktion:

Sie leiten das Direktionsbüro und arbeiten eng mit Intendant Claus Peymann zusammen.

Sie sind verantwortlich für Korrespondenz, Terminkoordination etc. (die "klassischen" Sekretariatsaufgaben)
– und sind in der Lage, schon bald mit Überblick selbständig die Dinge voranzubringen.

Sie lieben und kennen die Arbeit am Theater, so daß "kreatives Chaos"
und ungewöhnliche Arbeitszeiten Sie nicht schrecken.

Bewerbungen schicken Sie bitte an:
BERLINER ENSEMBLE
z. Hd. Claus Peymann
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
oder per Email an direktion(at)berliner-ensemble.de



....kreatives Chaos? Ist das jetzt Hohn oder Humor? ....
martin baucks , 28. November 2012 - 21:16 Uhr
22. Was ihr wollt, Berlin: Empfehlung
Herr Baucks, Sie sollten sich vielleicht mal irgendwo um einen Job bewerben.
Dann müssten Sie sich Ihre viele freie Zeit nicht mit sinnfreien Nachtkritik-Kommentaren um die Ohren schlagen.
Rolltreppe Abwärts , 28. November 2012 - 23:27 Uhr
23. Was ihr wollt, Berlin: die Kassen füllt es
Lieber Georg, das ist ganau richtig, was Sie schreiben
Mutig ist das schon, so etwas am BE zu zeigen. Lasst die Thalbach doch am Wannsee oder in den Kudammbühnen. Das ist doch nicht das Niveau des BE und dann auch noch als Ersatz für den Arturo Ui. Das ist eine Zumutung der schlimmsten Atr Verkommenheit. Als Peymann sich über die grandiose Kömödie von Fritsch aufregte, dachte ich, er ist halt kein Komödiant, versteht das nicht. Mag sein, Schwamm drüber. Doch, wenn er solch einen Mist ins Haus lässt, ist er halt ein schlechter Komödiant. Dann darf und sollte er das Haus aber auch nicht leiten. Denn, die Kassen füllt es, aber nicht den intellektuellen Hunger. Ich bin entsetzt. Am besten mietet Peymann das Grab neben Hochhut neben den Grimms. Dann können sie sich später über ihr verkanntes Alterswerk austauschen. Walser und Grass hinzu, wird genmütlich. Nur verschont die Grimms, die haben es nicht verdient.
Ich habe nun noch drei Abokarten und wenn Wuttke den Arturo nicht spielen kann, biete ich sie zum Normalpreis, da kann ich mich dann in der wirklich innovativen Volksbühne tummeln.
Sicher wird diese Kritik nicht veröffentlicht, geht verloren. Mal sehnen. Ist eh egal, fast ein viertel Jahr hat niemend es für nötig gehalten, etwas zu schreiben. Und im letzten halben Jahr gab es neben mir nur noch einen.
Wann endlich knüpft das BE an die alten Zeiten an. So einem großartigen Regisseur Peymann war dieses Ende leider nicht zu wünschen. Um es ganz klar zu sagen, Peymann ist für mich großartig gewesen. Wer kann solch ein Werk der Umsetzung der Bernhard- Stücke aufweisen? Und es stimmt mich traurig wenn ich diesen Thalbachblödsinn im Peymannhaus sehe. SCHADE!
Aber man kann sich und darf sich freuen. Nur muss man dann den Ort und das Umfeld suchen. Der Peymannsche Stachel sollte anderes bieten. Ich muss mir ja nicht jeden Castor und das Umfeld ansehen. Ich weiß, was mich erwartet und diejenigen, die dorthin gehen, werden selten enttäuscht.
Mich regt diese Peymannverlogenheit auf.
Schaut euch den Fritsch an, das ist lustig, das ist gekonnt. Diese Thalbach verurschelt etwas zur Operette. Wer es mag, sollte aber an diesen Ort gehen. Ohne überheblich zu sein, das hat am BE nichts zu suchen! Und geschätzte Frau Schall, wenn Sie es überhaupt sind, was ich nicht glaube, was dann aber auch wieder Anmaßung ist, wogegen ich als Frau Schall klagen würde, was Sie schreiben zeugt nicht von künstlerischem verstand. Wenn so etwas im BE beklatscht wird, ist es mit dem BE am Ende. Hören Sie nicht, wie der alte Brecht aus dem Theaterhimmel seinen Donner grollt?
Schaut euch das Publikum an, Kudammbühnen lassen grüßen und ein kleiner Schenkelklopfer darf dann auch schon einmal dabei sein. Das ist der Stadel am Schiffbauerdamm. Danke, Peymann.
Olaf , 10. Dezember 2012 - 22:26 Uhr
24. Was ihr wollt, Berlin: an vielen Stellen falsch gedacht
Zuviel Oberfläche, zu wenig Tiefgang hin oder her: für mich haben grundlegende Regieeinfälle hier nicht funktioniert. Das, obwohl ich die Thalbach im allgemeinen als Regisseurin zu schätzen weiß - "Der Raub der Sabinerinnen" ist köstlich, jeder Gag sitzt an der richtigen Stelle und doppelt toll wird's durch ihr Mitspiel, Katharina Thalbach macht so leicht keiner mehr was vor, steht sie erstmal selbst auf der Bühne. Im großen und ganzen habe ich mich bei "Was ihr wollt" schon ganz gut unterhalten gefühlt, auch die Idee mit dem variablen Schiffsdeck als Bühnenbild war hübsch und gut bespielt. Doch ging nicht auf z. B. der Geschlechterrollenwechsel Sabin Tambreas als Viola, die zugleich die Rolle ihres Bruders spielt. Nicht durchgehalten durch's ganze Stück und an vielen Stellen falsch gedacht: ein Mann, der eine Frau spielt, die einen Mann spielt - muss der nun besonders feminin rüberkommen? Oder doch vielleicht eher überbetont maskulin mit kleinen Brüchen? Diese Art des Nachdenkens fehlt der Rolle. Ganz blöd die vielen Homowitze. Klar, die Heteros werden auch durch den Kakao gezogen. Aber dummerweise geht der schwule Kapitän am Ende leer aus, wenn jeder Topf sein Deckelchen gefunden hat. Dumm gelaufen? Nein, für mich leider Wahnsinn mit Methode - ganz abgesehen davon, dass die schwule Liebesgeschichte so nicht im Stück steht und schon aus dem Grund keine Auflösung erfährt, spiegelt das Ende den klassischen Ausgang für miese Schwulenwitze. Das hat mich sehr befremdet. Toll ohne Zweifel Thomas Quasthoffs Lieder - doch zuviele. Extra Raum geschaffen wurde für ihn. Wenn er denn nun schon mal mitspielt, dann soll er auch singen, denkt man sich, im Zuschauerraum sitzend, muss sich die Regie wohl gedacht haben. Und flugs hat man noch ein paar schöne Lieder eingebaut. Total unmotiviert, leider, an den Stellen, an denen sie auftauchen. Ganz abgesehen vom übrigen Musicalcharakter der Inszenierung. Allerdings schimmert darin doch die Idee durch, dass sich die Liebenden im Grunde nur für ein "Popstars" oder "DSDS"-Publikum inszenieren. Das hat was und passt zum Thema von "Was ihr wollt". Jedoch, leider, die Idee wurde nicht als Motiv durchs ganze Stück geführt. Etwas wirr, ein wenig mehr als nur leicht befremdlich dies alles im Ergebnis. Aber doch bunt anzusehen. (Ich stimme allerdings einigen der Vorredner zu: zum Haus passte mir der Stil der Inszenierung ebenfalls nicht, wenngleich in meinen Augen nun nicht gerade in jedem Stück die Brechtgardine vorkommen muss, das am BE läuft.)
Elke Koepping , 31. Dezember 2012 - 02:31 Uhr
25. Was ihr wollt, Berlin: Comedy-TV-Niveau unterboten
würde das Ohnsorg-Theater Shakespeare auf hochdeutsch spielen, würde das vermutlich sogar besser ausfallen. Aber so oder so sind die massiven Subventionen, die das BE geniessen darf nun wirklich nicht dafür gedacht, mit Inszenierungen wie dieser das übliche Comedy-Fernsehniveau mühelos zu unterbieten.
Winfried , 24. März 2013 - 08:40 Uhr

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