Donnerstag, 17. April 2014

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Kommentar-Momente 2012

Von B wie Blackfacing bis U wie Ungarisches Nationaltheater

Berlin, 29. Dezember 2012. Dritter und letzter Teil der Jahres-Rückschau auf nachtkritik.de: Nach den Listen der meistgelesenen und der meistkommentierten Texte folgt die Zusammenfassung der prägnantesten Diskussionen, die sich in diesem fast vergangenen Jahr im nachtkritik.de-Forum entspannen oder auch entzündeten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Voilà:

  • Die folgenreichste Debatte des Jahres beginnt auf nachtkritik.de bereits kurz nach der Jahreswende: Die Meldung, dass im Zuge der Inszenierung von Herb Gardners 1980er-Jahre Broadwayerfolg "Ich bin nicht Rappaport" an Dieter Hallervordens Berliner Schloßparktheater gegen die Bühnenpraxis, Schwarze durch angemalte weiße Schauspieler verkörpern zu lassen, Rassismusvorwürfe erhoben würden, setzt am 9. Januar 2012 die Blackfacing-Debatte in Gang. Diskriminierendes Stilmittel vs. Freiheit der Kunst? Ist es nicht ebenfalls Rassismus, wenn Weiße keine Schwarzen spielen dürfen? Ein Totschlagargument jagt das nächste. "Zu einer Zeit, als Schwarze nicht selbst auf der Bühne stehen durften, haben Weiße die Rollen in oft diffamierender, lächerlichmachender Weise übernommen, indem sie sich schwarz schminkten. Natürlich kann man sagen: Ist doch mitlerweile alles anders! Aber wer glaubt, Geschichte verschwindet so schnell im Orkus, irrt", schreibt jemand unter der Startnummer 47. "Wenn man Ihrer Logik folgt, dann dürften die Schauspieler, die nicht aus dem deutschen Mainstream kommen, nur ebensolche Rollen spielen", gibt Anna Log zu bedenken. "Ich will aber einen schwarzen Romeo, Karl Moor oder Faust." Und Azadeh S. schreibt: "Mir ist schon klar, dass das deutsche Theater deutsch ist, d.h. die Theatermacher sind weiß, die Schauspieler sind weiß und das Publikum ist weiß. Aber die deutsche Gesellschaft ist es nicht mehr!"
  • Weiter geht es vier Wochen später nach der Deutschen Erstaufführung von Bruce Norris' "Die Unerhörten" am 10. Februar in Mainz. Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla handelt sich umgehend einen Rassismusvorwurf ein, als sie sich auf die Hallervordendebatte bezieht, weil Matthias Fontheim das Norris-Stück, wie vom Autor vorgegeben, mit schwarzen Schauspielern besetzt hat. Die Redaktion greift zum ersten Mal in der nachtkritik.de-Geschichte zu der Maßnahme, dass Rassismus-Vorwürfe nur unter Klarnamen gepostet werden dürfen. Auf einen ersten Kommentar antwortet nachtkritik.de-Redakteur Nikolaus Merck, was wiederum die Feuilleton-Redaktion von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau bewegt, bei Merck einen Kommentar zu der Debatte zu beauftragen. So erreicht die auf nachtkritik.de heftig geführte Blackfacing-Debatte auch die Printfeuilletons. (Und später auch die Programmhefte in den Theatern der Republik, beim Esslinger "Othello" zum Beispiel).
  • Ein paar Tage später heizt, immer noch im Februar 2012, eine Anti-Blackfacing-Aktion in einer Vorstellung von Dea Lohers "Unschuld" im Berliner Deutschen Theater, in der ein weißer Schauspieler als Schwarzer geschminkt worden ist, die Debatte weiter an. "Mit Verlaub, die Deutungshoheit, was ich und andere PoC als diskriminierend empfinden oder nicht, liegt nicht bei Herrn Khuon (den Sie ja hier zitieren)", postet Atif Husseini und stellt damit eine Grundfrage der Debatte: Wer darf was spielen, wer beherrscht den Diskurs? Frank-Patrick Steckel (Kommentar 33) appeliert: "An alle Rassisten, Anti-Rassisten, Schminkliebhaber, Farbliberale, Deutungshoheiten, Ausgewogenheitsapostel, Kunstfreiheitskämpfer usw. Ist es Ihnen möglich, einzusehen, dass wir es mit einer Frage zu tun haben, auf der 500 Jahre Unterdrückungsgeschichte lasten?" "... und wer schreit bei all den schwarzgemalten Othellos auf deutschen Bühnen?????", ruft ein Poster mit der Startnummer 35 dazwischen. Stefan versucht zu moderieren: "Mit gegenseitigen Vorwürfen und Belehrungen erreicht man nichts!" Und der Dramatiker Kevin Rittberger meint: "es ist höchste zeit, an deutschen bühnen mehr PoC zu engagieren. aber nicht um die von den autoren entsprechend vorgesehenen rollen zu besetzen, sondern um sämtliche rollen besetzen zu können."
  • Die hochemotional geführte Debatte führt dazu, dass die nachtkritik.de-Redaktion im Laufe der ersten Wochen des Jahres einige Grundsatztexte zum Thema veröffentlicht, u.a. von Ulf Schmidt und Lara-Sophie Milagro.
  • Am 22. März 2012 schließlich erklärt das Deutsche Theater Berlin, in Zukunft auf die Praxis des Blackfacing zu verzichten. Wieder erreichen in kurzer Zeit fast achtzig Kommentare die Redaktion. Unverständnis für diese Entscheidung prallt darin auf Zustimmung. Aber auch ein vorsichtiger Lernprozess zeichnet sich ab, dass die Zuschreibungen einiger Repräsentationspraktiken dringend revisionsbedürftig sind.

  • nachtkritik.de bringt im März eine Rezension des Buches "Kulturinfarkt", das durch eine zugespitzte Besprechung im Spiegel ("Kultursubventionen um die Hälfte kürzen") für Aufregung sorgt. Allsogleich entbrennt eine Diskussion, bei der Martin Baucks hie und Frank-Patrick Steckel da zwei Lager anführen. Es geht nicht um die höhere Dotierung von Laienkunst und Computerspielentwickler, wie im Buch der vier Kulturinfarkter, sondern – man denke! - wieder einmal um Sinn und Zukunft des deutschen Stadttheaters. Die Gefechtsstellung erklärt Guttenberg am 16. April, kurz nach Mitternacht:
    "Es ging ... darum, ob das deutsche Stadttheatersystem erhaltenswert ist oder nicht?
    (Auslöser dieser Grundsatzdebatte war der Vorschlag der "Kulturinfarkt"-Verfasser, die Theater-Zuschüsse zu halbieren und die zweite Hälfte Volkstanzgruppen und anderen basiskulturellen Projekten zu Gute kommen zu lassen.)
    Es zeichneten sich hier 2 grundsätzliche Positionen ab:
    1. Die Steckelgruppe ist für den Erhalt = die Finanzierung des Stadttheatersystems, um das uns die Welt beneidet.
    2. Gegen den Erhalt des Stadttheater-Systems wird mit 2 Gründen argumentiert:
    a) das hierarchische Stadttheatersystem ist verknöchert und muss durch alternative Produktionsstrukturen ersetzt werden. (Strukturelles Argument)
    b) Das real existierende Stadttheatersystem leidet unter der Diktatur verantwortungsloser Regisseure, Intendanten, Dramaturgen, die das Theater nach Gutsherrenart führen und die Schauspieler unterdrücken. (Baucksgruppe)."
    Außerdem geht es um Genossenschaften, Bankenrettung, und ob man von Banken Geld für die Kunst nehmen darf, Berlusconi und das besetzte Teatro Valle in Rom, um die schiefe Gehaltsstruktur an den im Öffentlichen Dienst betriebenen Theatern (noch einmal Guttenberg: "Es kann nicht sein, dass ein ungelernter Beleuchter mehr verdient, als ein voll ausgebildeter Schauspieler. Das ist hirnrissig. Aber wer soll angemessene Darsteller-Besoldung bezahlen, wenn das ganze Stadttheatersystem finanziell am kollabieren ist?"), um zu teure Bühnenbilder, den Schauspieler neuen Typs, die Frage, ob der moderne Dramaturg ein Aufpasser und Kontrolleur der Schauspieler-Leiber und eine Erfindung der Nazis sei, als wie "warenförmig" die Produkte des Kultursektors gelten müssen, ob das Geld in diesem Land da ist, um die Theater etc. auskömmlich zu finanzieren oder ob es Steuererhöhungen bräuchte.

    Nach einem Monat fasst Klaus M. die eher schütteren Ergebnisse im Versuch eines Maßnahmenkatalogs zusammen.

  • In der Oster-Ausgabe der Aachener Zeitung erscheint ein Text darüber, dass in wohl kaum einem anderen Beruf ein so krasses Missverhältnis zwischen dröhnendem Applaus und drohender Armut herrsche wie in der Schauspielerbranche. Die nachtkritik.de-Debatte beginnt mit dem Konsens, dass 1600,- Euro brutto alles anderes als fair sind. "Schauspieler und andere Theaterschaffende verdienen eine faire Bezahlung und eine faire Lebensperspektive genauso wie alle anderen Berufsgruppen. Es geht in keiner Form an, daß wir das gegenwärtige System Theater auf den Rücken der Theaterschaffenden versparwursteln", schreibt Kommentator Nr. 10. Uneinigkeit herrscht, wo eigentlich der Fehler liegt: Bei der Politik, "die die Kulturbranche prekär spart" oder "an einer nicht zu leugnenden Ausbeutung von innen – entweder von Kunstschaffenden, die mangels Geld notgedrungen ihre Mitarbeiter ausbeuten und der Theaterbetriebe, die – schlimmer noch als in so manchem großen Wirtschaftsunternehmen – die Gehälter der Stars auf dem Rücken der Anfänger finanzieren", wie Ernst es feststellt. Oder sind die Schauspieler auch selber schuld, die, wenn auch aus Not, einen überholten (typisch deutschen?) Künstlerbegriff pflegen. "Man hängt immer noch dem romantischen Bild des genialischen Einzelgängers nach der am liebsten umsonst in 'Künstlerarmut' seiner Obsession frönt. Was wahrscheinlich noch nicht einmal im 19. Jahrhundert gestimmt hat, ist heutzutage purer Unsinn", schreibt Kunstquark. Es braucht nicht geringeres als eine Revolution, fordert der blitzkritiker, "von Schauspielern betrieben – begleitet und mitgehostet von radikalen TheaterwissenschaftlerInnen – die sich einigt auf ein paar wenige Grundsätze und die hilft, das AusbeuterInnensystem zu stürzen." Nichts wird gestürzt, es entpuppt sich allerdings, dass Guttenberg mal wieder ziemlich gut lag mit seinem Posting Nr. 5: "Dann wäre das Theater also ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer (einfluss)reicher?" Denn der Diskussion über Schauspielerarmut folgt bald die über Intendantenreichtum: Im Juni wird bekannt, dass Oliver Reese mit seiner Vertragsverlängerung auch eine schrittweise Erhöhung seines Gehalts auf 240 000 Euro ausgehandelt hat. Ist das Schlaraffenland der Kunstförderung also doch noch nicht untergegangen? Doch, schreibt pinke, pinke, "aber wenn sich ungeachtet der mittlerweile prekären finanziellen Lagen an den Theatern einzelne Führungskräfte aus den Töpfen bedienen als hätte sich nichts geändert, dann ist das etwas sehr Anderes. Dann wird innerhalb des Theaters die Gehaltsschere auf schon fast obszöne Weise geöffnet." Die Diskussion zieht nochmal an, als zehn Tage später bekannt wird, dass das Schauspiel Frankfurt ein Drittel der Tarifsteigerungen selbst tragen muss, was einem Einsparbetrag von einer Million Euro entspricht, "das verhalten einzelner führungsleute ist verstörend, richtig empörend allerdings ist das system", fasst es olympe zusammen. Bleibt nur noch die Frage, wie man da glaubwürdig sozialkritisches Theater machen kann. 

 

  • Am Eröffnungsabend des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 ist es lauter als gewohnt. Ein gutes Dutzend Studenten der Schauspielschule "Ernst Busch" performt vor dem Haus der Berliner Festspiele einen Protestchor: "Bitte – bitte", wummert es in den Grünanlagen. Es geht um eine Angelegenheit, die das nachtkritik.de-Forum das ganze Jahr über begleitete und Berlin eigentlich schon seit 15 Jahren beschäftigt: Die renommierte Schauspielschule bildet an vier separaten, sanierungsbedürftigen Standorten aus. Eine Zusammenziehung der Abteilungen an einem Zentralstandort war lange versprochen worden, wurde aber vom Berliner Senat schier endlos hinausgezögert: "Es ist an der Zeit, das Theater von morgen zu bauen statt die bröcklige Fassade von vorgestern zu sanieren", kommentiert der User "Der Bau" bereits Ende April einen Bericht von Esther Slevogt in der taz. Schnell aber richtet sich die Diskussion grundsätzlich auf die Tradition der Schauspielausbildung an der "Ernst Busch". Kritiker wie Studentin Berlin sehen die Schule als "Kaderschmiede" an, in der Mittel "perfekt gezüchtet und trainiert" werden, "doch die Entfaltung und Entwicklung gar Stärkung der eigenen Persönlichkeit steht doch sehr weit im Hintergrund." Schauspieler und "Busch"-Absolvent Hans-Jochen Wagner hält dagegen: "Das Geraune, an dieser Schule würden Persönlichkeiten gebrochen und tote Perfektion gezüchtet, ist vollkommen blödsinnig, was stimmt ist, dass man sehr genau, ja auch technisch genau ausgebildet wird, was einem im späteren Beruf sehr hilft und dass keine psychologischen Selbstfindungsseminare abgehalten werden, in denen tränenreich die eigene Vergangenheit nach dramatisch Verwertbarem durchstöbert wird." Ende Mai erhält die Busch-Schule vom Senat die Zusage für einen 30 Millionen Euro teuren Neubau in der Chausseestraße in Mitte. Anfang November sieht es so aus, als würde diese Zusage zurückgenommen und ein neues Begutachtungsverfahren für einen Standort im Außenbezirk Schöneweide eingeleitet. "Kann nicht wahr sein!", sagt Regisseur Frank-Patrick Steckel kurz und knapp. Im Dezember dann das Happy End: Die "Ernst Busch" erhält den versprochenen Zentralstandort in der Chausseestraße. Jetzt könnte man nur noch über die Architektur des Baus nörgeln ("Ist wie spielen mit Bauklötzchen"), was die Kommentatoren aber nur kurz tun.

  • Während die diesjährige Bayreuther Festspiel-Premiere kaum Kontroversen anzufachen geeignet war, brachte die Nachricht, dass Jonathan Meese 2016 auf dem Grünen Hügel den "Parsifal" inszenieren soll, dann doch noch die Gemüter in Wallung. Oder zumindest zwei: Inga und Martin Baucks verhaken sich in einem langen, nur gelegentlich von gleichsam à part gesprochenen Mitleser-Einwürfen unterbrochenen Dialog ineinander. Ein sich "SALZ" nennender User hofft gar, dass "der Briefwechsel Baucks/Inga der Hit auf der Buchmesse wird, so gerne habe ich ihn gelesen". Die Zwiesprache von Inga und Baucks entzündet sich einerseits an der Künstlerpersönlichkeit Meeses, der für Inga "immer nur den lustigen und nie den bösen Clown spielt" und sich "wunderbar in die kommerzielle Maschinerie der Bayreuther Lifestyle-Kultur integrieren" lasse, wohingegen Baucks bei der Betrachtung von Meeses Werken "einen emotionalen Qualitätssprung" erlebt und hinter Ingas Haltung "unbegründete Feindlichkeit gegenüber Künstlern" wittert. Andererseits arbeiten sich Baucks und Inga an einigen Schlüsselszenen des "Parsifal" ab, nicht zuletzt an Kundrys Kuss: "Ein langanhaltender Kuss, ausgehend von einer erwachsenen Frau, gerichtet auf einen Knaben, ist mindestens Sex mit Minderjährigen." (Baucks) Ganz nebenbei werden auch noch Netzfunde mitgeteilt, etwa ein Gespräch von Alexander Kluge mit Schlingensief über den Hodensack als Gral.

  • Nach der ersten Verurteilung der drei russischen Pussy Riot-Mitglieder lässt Intendant Claus Peymann auf dem Dach des Berliner Ensembles eine Solidaritätsfahne hissen, die das Schiller-Zitat "Die Kunst ist die Tochter der Freiheit" trägt. Sie weht noch nicht lange, da geht es los. "Sich außen eine bunte Fahne anzuhängen, zeugt noch nicht von entsprechenden inneren Qualitäten. Will das BE echte Solidarität beweisen oder nur billig eine neue Zuschauergeneration ansprechen?", fragt Stefan, dem wie der Mehrheit eine Fahne zu wenig ist. Credo: "Sie flattert. Keiner kann sagen, was sie bedeutet. Aber sie bedeutet irgendwas." Die Frage kommt auf, zu welchem Anlass Peymann die Fahne wieder einholen will? "Also wann hat sie ihren Sinn erfüllt? Was soll sich ändern? In Russland? Bei uns? Am BE im Speziellen?" Nebenbei wünscht sich Inga noch, dass unter Klarnamen geschrieben werde, "möglicherweise würde das einiges offenlegen". Die Aufregung legt sich nur kurz. Wenige Tage später erscheint ein Text von Elfriede Jelinek, in dem sie Russland in einer Art "Zeitknoten" sieht und unter anderem schreibt: "Pussy Riot haben in einer Kirche gesungen, das gehört sich dort so, und sie haben wild getanzt, eine Art Veitstanz, eben wie es sich gehört, wenn in einem Staat, der auf dem Weg in die Totalität ist, Menschen sich etwas herausnehmen müssen, um gehört zu werden". "Traurig zu sehen, dass eine weltweit geachtete Schriftstellerin nicht davor zurückschreckt, von Dingen zu sprechen, von denen sie keine Ahnung hat", schreibt Mihails Gubenko am 5. September und postet nun täglich, um die Einhaltung der Gesetze der Russischen Föderation zu verteidigen oder das permanente Russlandbashing als eine Beleidigung für Menschen mit Migrationshintergrund zu verurteilen. Ist es gar eine Nachwehe des Kalten Kriegs, dass Russland denunzierend in den Medien präsentiert wird? Klar ist, dass jeder sein Terrain markiert, auf dem er sich bewegt, und martin baucks schreibt: "Wir dürfen hier ja alles. Also, wenn wir keinen Life-Auftritt im Kölner Dom riskieren wollen, bauen wir den Dom einfach auf einer Bühne eines Staatstheaters nach und performen dort. Das ist so frei!" So geschieht es: Anfang September lesen in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung die drei Schauspielerinnen Cristin König, Anne Müller und Regine Zimmermann die Schlussplädoyers, die von den Pussy Riots selbst am 13. August 2012 vor dem Chamowniki-Gericht in Moskau vorgetragen wurden, verschränkt mit Kreons Reden vom Wohl des Staates aus der zweitausend Jahre alten "Antigone". "Ich glaube einfach nicht, dass ein Punkgebet in einer deutschen Kirche, für oder gegen wen auch immer, je eine solche Art von Solidarität erzeugen könnte", schwillt die Diskussion noch einmal neu an. Und wie heißt es von Guttenberg: "Ja, ich finde die Putin-Show dümmlicher als die Pussy-Show. Nur dass Putin leider ein Clown mit Macht ist".

  • Offene Briefe gibt's wie Sand am Meer. Warum hat der von Ulrich Khuon, Intendant des Berliner Deutschen Theaters, an den Kulturdezernenten der Stadt Wuppertal wegen der Spareinschnitte beim dortigen Theater eine Kommentarflut entfacht? Vielleicht, weil Khuons Engagement und die Zweifel einiger Erwiderer daran die Stadttheaterdebatte berührt: Eine Stimme findet, dass sich das Theater als Diskursraum innerhalb der Stadt abgeschafft habe, eine andere sekundiert, eine dritte gibt zu bedenken, dass auch gute Theater geschlossen werden. Auch gegen die Intendanten geht es: Auf den Vorschlag, doch einen freiwilligen Fonds aus ihren Gehältern für Theaterrettungen einzurichten, folgt der Vorwurf, sie hielten den Gedanken schon für die Tat. Außerdem stellt ein Gewerkschafter interessante Fragen: "Wie soll ein Theater den Zuschauern Werte vermitteln und sich kritisch über gesellschaftliche Entwicklungen äußern, wenn sich seine Leitung unsozial gegenüber seinen eigenen Mitarbeitern verhält? Wie können sich die nicht ent-lassenen Mitarbeiter noch für ein Theater mit einer derartigen Führung engagieren?"

  • Die bereits 2011 angestoßene rege Diskussion um Vinge/Müllers John Gabriel Borkman im Prater der Berliner Volksbühne riss auch 2012 nicht ab, solange gespielt wurde. Nachdem Vegard Vinge dem Publikum in Vorstellung Nr. 18 Geld dafür geboten hatte, einen als "schwarzen, schwulen, behinderten Juden" eingeführten Darsteller anzupinkeln, machte sich im Forum zunächst Verstörung breit. Die dann abgelöst wurde vom Verständnis der Aktion, zum Beispiel "als wirklich sehr intensiven Punkt, da wir als Publikum auf den Prüfstand gestellt wurden", und vom Nachdenken über Sinn und Zweck derselben. Es folgten u.a. ein mimetischer Begeisterungssturm sowie ein Hinweis auf die Computerspiel-Ästhetik der Inszenierung, den wir unlängst mit einem großen Text zum Verhältnis von Gaming und Theater aufgenommen haben.
    Auch unter dem Shorty zum Theatertreffen-Gastspiel des "John Gabriel Borkman" im Mai 2012 blieb es nicht ruhig – kein Wunder, ließen Vinge/Müller ja auch mehrere Vorstellungen mit teils stundenlangem monotonen Gezähle beginnen, was mindestens einmal zu annähernder Publikumsmeuterei führte. Ein Kommentator sah darin einen (seiner Meinung nach absolut gerechtfertigten) Stinkefinger an die Theatertreffen-Jury und meinte: "Was hat dieser Borkmann mit all der Mittelmäßigkeit und dem Verrat an Theater und Kunst zu tun, den man beispielesweise bei Karin Henkel oder Simon sehen muß – wirklich nichts. Wenn man Vinge/Müller etwas Übel nehmen muß, dann das, dass Sie sich an dieses spießigen und mittelmäßige Event beteiligen." Desweiteren provozierte "John Gabriel Borkman" beim Theatertreffen einen kleinen Schlagabtausch über Regie-Diktatur (hier und hier) sowie (hier und hier) ein mehr oder weniger gemeinsames Nachdenken darüber, ob "geil" ein geeignetes Kriterium der Beschreibung eines – bzw. dieses – Theaterabends sein kann.

  • Der Höhepunkt einer langjährigen Zusammenarbeit? Das Duo René Pollesch und Fabian Hinrichs wurde für Kill your Darlings nicht nur in der Nachtkritik gepriesen, sondern auch zum diesjährigen Theatertreffen geladen. Doch nicht alle Kommentatoren versteigen sich zur Aussage, den besten Theaterabend ihres Lebens miterlebt zu haben. Vielmehr hagelt es aus ziemlich genau jedem zweiten Leser-Posting plötzlich schwere Einwände gegen das Feel-Good-Stück: Banalitätenrevue, Kunstgewichse, eitler, uninteressanter Kram, ein Schwank aus der Blase intelektueller Selbstbezogenheit! Während sich die üblichen Verdächtigen dieser Diskussion enthalten, überbieten sich Zuschauer mit knappen, umso deutlicheren Statements. Wobei die Verteidiger einen ähnlich warmherzigen Ton anzuschlagen wissen, wie es im Stück geschieht: So wurde manch einer ultimativ beglückt, andere gaben sogar Liebeserklärungen an Fabian Hinrichs ab. Bis "S. Rosinski" dazwischengerätscht, der Publikum und Kritik gar über eine Publikumsbeschimpfung hinweglachen sieht.

  • Als der Leipziger Noch-Intendant Sebastian Hartmann im Februar nach Jahren der Abwesenheit wieder einmal in Berlin inszeniert (und nicht an der Volksbühne, sondern am Maxim Gorki Theater, sic!), folgt ihm auch seine treue Netzgemeinde. Wie immer bei Hartmann-Inszenierungen geht es auch nach dieser Romanadaption von Hans Falladas Der Trinker von jetzt auf gleich hoch her: "Von Herrn Hartmann auch in der Hauptstadt nichts Neues. Eitles und lautes Klimbim im Äußeren – im Kern nur wenig Substanz. Dafür gibt's Klamauk und Unappetitliches zuhauf", mokiert sich eine Theateremigrantin aus Leipzig. Befürworter wie Hatice halten dagegen, dass es Hartmann gelinge, "die Verlogenheit von Kunstproduktionen zu vermeiden, die den Exzess feiern, in dem sie das Elend der Trinker ausbeuten zu ihrem Zweck". Ist Anti-Theater also der adäquate Umgang mit Falladas Suchtroman? Daran scheiden sich die Geister. Und weil Hartmann eine ausufernde Kotz-Szene mit einem riesigen Abpumpschlauch in seine Inszenierung eingebaut hat, taucht auch das "K"-Wort in diesem Thread so häufig auf wie sonst wohl nur beim rheinländischen Junggesellenabschied.

  • Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Joachim Lux ausging, dass alle Welt abstimmen dürfe. Und diese Spielplanabstimmung war die allererste und geschah zur Zeit, da Carl Hegemann Dramaturg am Thalia Theater Hamburg war. So geht der Anfang des Dramas aller Theater-Dramen.
    Wie alles begann. Noch im Jahr 2011 wird bekannt, dass das Hamburger Thalia-Theater eine Publikumsabstimmung über Teile seines Spielplans plant. Während Carl Hegemann noch von "direkter Beteiligung" träumt, ist die Kommentarschlacht bereits eröffnet: PR-Geilheit, RTL-Voting-Pest, Ideenlosigkeit, Web-2.0-Hysterie, Ochlokratie – oder doch den Versuch wert, gar ein konstruktiver Feldversuch? An den Wahlurnen werden schnell erste Unregelmäßigkeiten registriert. Ein Schweizer Autor wittert seine Chance und pusht sein Stück Die Erbsenfrau.
    Das erregende Moment. Das Thalia-Theater wird nervös und veröffentlicht Zwischenergebnisse – wohl in der Hoffnung, dass sich genug Wähler finden, die das Ruder noch herumreißen. Doch das geht nach hinten los: Damit werde regelrecht zur Manipulation eingeladen!, so der Vorwurf der Kommentatoren. Und tatsächlich besteht das Führungsfeld plötzlich nur noch aus (Eigen-)Interessensverbänden: Ein A-Capella-Heavy-Metal-Chor mit Peers Heimkehr, eine Schultheatergruppe mit dem "Jack the Ripper"-Musical – sowie die Kampnagel-Zyniker mit The Black Rider als Wilson-Reenactment. Das Thalia rudert zurück und veröffentlicht keine Zwischenstände mehr. Nach außen hin betont man aber nach wie vor: Das war alles so geplant! Haben wir alles kommen sehen!
    Höhepunkt und Wendung. Es kommt zur Auszählung. Das Ergebnis überrascht durchaus: In letzter Sekunde hat sich eine mysteriöse Facebook-Gruppe durchgesetzt. Peinliche Farce, krasser Wahlbetrug oder große Kunstaktion? Der Intendant tut jedenfalls schon bei der Ergebnisbekanntgabe so, als habe er mit der bescheuerten Aktion nichts zu tun.
    Retardierendes Moment. Dem anschließenden Videointerview stellt sich Carl Hegemann tapfer: Liebevoll versponnen, resümiert "Ingo". Und dann winkt der Kaiser plötzlich auch noch selbst als Kommentator vom Balkon: "Die ganze Debatte in 'Nachtkritik' [...] hat so unglaublich viele wunderbare Stilblüten hervorgebracht, daß es eine wahre Freude ist", schreibt Joachim Lux. Somit wäre auch geklärt, welche Seite sich da in etwas verrannt hat.
    Die Katastrophe steht übrigens noch aus, auch wenn das öffentliche Interesse daran inzwischen gefühlt gegen Null geht: Während inzwischen ein Wahlstück wieder abgesagt wurde und Carl Hegemann längst nicht mehr am Thalia Theater arbeitet, stehen im Februar und im April – fast anderthalb Jahre später – die Gewinnerinszenierungen an.

  • Manche Kritiken haben ein echtes Aufregerpotential. Die von Martin Krumbholz zu Monster Trucks Dschingis Khan zum Beispiel. Was als kritische Antworten auf Krumbholz' Verriss beginnt, wird bald zur facettenreichen Diskussion um Behinderte und Theater. Welche Rolle spielen geistig behinderte Schauspieler auf der Bühne? Können sie überhaupt Rollen spielen? Oder wollen wir sie nicht am liebsten in dieser Rolle sehen: als gewitzte Darsteller ihrer selbst? "Vielleicht ist es einfach schön für Menschen, die nicht der DIN entsprechen, sich auf einer Bühne ausdrücken zu dürfen und jemand schaut zu?", fragt einer, eine andere hält dagegen: "Aber war diese Theaterform nicht mal mit dem Anspruch gestartet, Kunst zu machen und Teil der ganz normalen Theaterszene zu werden?" So ergibt sich eine Debatte, die auf oft kluge Art und Weise unseren Essay zum Inklusionstheater flankiert und die so noch nicht geführt worden sein dürfte.

  • Im September hat Thomas Ostermeiers in Avignon gefeierte Inszenierung von Henrik Ibsens Ein Volksfeind an der Berliner Schaubühne Premiere. Im vierten Akt geht es hoch her. Ostermeier lässt seine Schauspieler aus dem Saal heraus agieren. Das Publikum wird aufgestachelt, während der Ibsen-Protagonist Thomas Stockmann unter Nutzung des Online-Protesttextes "Der kommende Aufstand" mit seiner/unserer Gegenwart abrechnet. Die Zuschauer werden von den Akteuren in ein Gespräch über den Konflikt des Stückes verwickelt. Was passiert hier? Ist das ein neues politisches Theater, eine Rückkehr des Theaters in die Agora? Im nachtkritik.de-Forum ist die Mehrzahl der User weniger überzeugt. Kommentator hmmnaja bemängelt "Naja, eine Debatte ist in der Inszenierung ja nicht wirklich vorgesehen. Das hat mich etwas gestört. Wenn man das wirklich will muss man mehr Raum dafür lassen." Und der unsichtbare Zuschauer ätzt: "Autsch, was ist denn da passiert? Das muss man natürlich auch erstmal hinbekommen, 'Der kommende Aufstand' kontextual und ästhetisch so einzubinden, dass er die Erotik und die Sprengkraft eines grünen Parteitags hat." Eingehend analysiert die Userin Dr. Renate Hassloch diese Art des Mitmach-Theaters: Zu erleben seien "ein paar Minuten improvisierter Dialog auf Basis asymmetrischer Machtverteilung, der in der Inszenierung stecken bleibt".

  • Ende November wirft der Düsseldorfer Intendant Staffan Valdemar Holm nach nur 15 Monaten das Handtuch. Burn-Out? Depessionen? Betonfraktion in der Kulturpolitik? Nicht nur der Kritiker Andreas Wilink, auch die Kommentatoren suchen nach Gründen: Christoph von der Wolke macht gar eine tödliche Anspruchshybris als Ursache aus. "Man müsste endlich wieder eine Diskussion über die Arbeitsstrukturen an Theatern anstoßen. Weniger Geld für unsere Theater verstärkt den Trend zur Selbstausbeutung hinter den Kulissen!", meint ein "Leipziger Student". Und "Franziska" schreibt: "Vor ein paar Wochen der Selbstmord des Intendanten des mousonturms in Frankfurt, jetzt der Zusammenbruch von Holm, ich erinnere mich an den Rücktritt von Schirmer – das liegt doch nicht einfach "nur" allein an diesen Persönlichkeiten? Da stimmt doch was grundsätzlich nicht mehr."

  • Mitte Dezember wird bekannt, dass der Regisseur Attila Vidnyanszky, aus der ungarischen Minderheit in der Ukraine stammend, neuer Leiter des Nationaltheaters Budapest wird und der rechts-konservative Ministerpräsidenten Viktor Orbán damit seinen Wunschkandidaten durchgesetzt hat. "Im Umgang mit Rechtsextremismus zeigen sich in Ungarn Spaltungstendenzen in der Bürgergesellschaft" und "wie rechts darf Theater sein", eröffnet p.z. die Debatte, die sich schnell daran reibt, dass der Umgang mit einem rechtsradikalen Intendanten in Deutschland auch nicht so ganz geklärt ist. Den einen würde ein "rechtsradikaler Intendant in der BRD sehr interessieren, solange ich ihn in einer pluralistischen und polyphonen Theaterlandschaft erleben dürfte", schließlich können auch Kriminelle Kunst machen. Andere sehen nicht, was ein rechtsradikaler Intendant künstlerisch bewirken könnte. Und es ist fast schon ein sozialpädagogischer Ansatz, zu meinen, man sollte radikale politische Haltung in die Kunst einbinden. Heiner Müller, Bertolt Brecht, Richard Wagner werden zitiert und dekliniert. Ein Post verweist auf einen Mitschnitt aus einer Bundestagsdebatte, bei der Angela Merkel während einer Rede der Opposition den Raum verlässt. Und manch einer beschreibt sein eigenes Grinsen im Gesicht, weil sich nicht jeder von jedem unangenehme Fragen stellen lassen will. Die Debatte hält weiter an.

 

 




Kommentare (1)

1. Kommentar-Momente 2012: Nachfrage
Wie kommt die "nachtkritik-Redaktion" darauf, dass Carl Hegemann schon lange nicht mehr für das Thalia Theater in Hamburg arbeitet? In einer hier am 20.Dezember veröffentlichten Pressemeldung wegen der abgesagten Uraufführung von "Kein Licht I & II", wird er sogar u. a. wie folgt zitiert: "Wir werden auf jeden Fall unsere Elfriede-Jelinek-Auseinandersetzung weiter vorantreiben – das ist uns sehr wichtig."
B.W. , 30. Dezember 2012 - 20:31 Uhr

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