Es geschah aus Liebe

von Willibald Spatz

München, 22. Dezember 2012. Jetzt also endlich in München. Seit einiger Zeit hört man hier bereits, dass der Schauspieler Herbert Fritsch, wenn er Regie führt, ungeheure Dinge anstellt. Er lasse sein Publikum Theater mit neuen Augen sehen, indem er es lachen und mit diesem Lachen in Abgründe blicken lässt. Nun also "Der Revisor", ein Stück, das an sich schon eine witzige Vorlage ist. Und tatsächlich bekommt man das, was Gogol einst niedergeschrieben hat, mit einigen Strichen zumindest als Text geliefert.

Alles, was Gogol heraus gebracht hat, ist amüsant, weil es so skurrile Begebenheiten erzählt und mit schrägem Personal ausgestattet hat. Dennoch stellt er nie jemanden bloß, selbst der lächerlichste Charakter hat noch sympathische Züge. Gogol liebte die Menschen, die er porträtierte oder entwarf, und ertrug es selbst kaum, wenn sie auf der Bühne zum Affen gemacht wurden. Gleich nach der Uraufführung des "Revisor" 1836 beschwerte er sich, dass der Schauspieler aus seiner Hauptfigur einen ganz gewöhnlichen Lügner gemacht habe – "die blasse Figur, die schon zwei Jahrhunderte lang in demselben Kostüm auftritt." Er empfahl sogar, diesen Chlestakow von einem "völlig unbegabten Schauspieler" spielen zu lassen und diesem nur zu sagen, dass er einen "aufrechten Mann" zu verkörpern habe.

Leichenblasse Gesellschaft

So betrachtet hat Herbert Fritsch erst einmal alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Sebastian Blomberg spielt den Chlestakow, und er ist erstens mit nichten unbegabt, zweitens weiß er sehr genau, was er tut. Er wird sogleich zum Zentrum, um das alle anderen hysterisch tanzen. Diese zombiegleiche, leichenblasse Gesellschaft, die hinter einer Plastikplane vor sich hinschimmelt, bis sich das Gerücht verbreitet, der Revisor treffe ein. Da fährt Leben in den Haufen, sie schreien und geraten in Panik. Schließlich könnte ihr jämmerliches materielles Glück in Gefahr sein, wenn der Revisor wirklich kommt.

revisor 18-560 aurin uHi-Hi-Hilfe, der Revisor kommt! © Thomas Aurin

Sebastian Blomberg und Stefan Konarske machen aus Chlestakow, der irrtümlich für den Revisor gehalten wird, und seinem Diener Ossip übersexualisierte Tunten. Sie grapschen sich am Hintern rum, solange bis das Essen serviert wird: der Kellnerin aus dem Gasthaus wird die Suppe direkt aus dem Busen gesaugt. Man lacht.

Zungenkussmomente

Und man lacht immer wieder und immer schneller, weil sich die Pointen jagen. Der Gutsbesitzer Bobtschinskij wird mit einer Botschaft nach Hause geschickt und stößt an jede einzelne der hausförmigen Plastikfolien, die sich Herbert Fritsch als sein eigener Bühnenbildner ausgedacht hat. Dabei sagt er jedes Mal "Aua" und einmal "Haus".

revisor 03-280-aurin uDer Revisor: Hanna Scheibe, Stefan Konarske 
© Thomas Aurin

Jörg Lichtenstein als Schulrat hat zwei irre Monologe übers Grimassenschneiden und über Zungen. Er muss sich dafür auch in einem Zungenkussmoment von Chlestakow eine brennende Zigarre in den Rachen schieben lassen. Auch das ist lustig – gerade weil es so gefährlich aussieht. Michele Cuciuffo genügt als Kreisarzt Dr. Hübner, der weder Russisch noch Deutsch kann, ein gelegentliches "Ähm", um die Zuschauer zum Grinsen zu bringen.

Freilich könnte man das nicht zwei Stunden am Stück ertragen, wenn dieses Tempo durchgehalten würde. Es gibt schon auch die ruhigen, fast poetischen Momente. Da verschwindet zum Beispiel Chlestakow für eine Weile von der Bühne und alle blicken ihm nach. Und zu Beginn des dritten Akts steht das Ensemble ganz still da für anderthalb Minuten als ein Bild. Hier setzt Herbert Fritsch sogar eine Gogolsche Regieanweisung fürs Schlussbild um.

Alles Schein und Lüge

Gegen Ende regnet es Geld von der Decke. Der bis dahin relativ teilnahmslose stumme Chor der Kaufleute fegt den Boden wieder leer, indem sie gierig noch dem letzten Schein hinterher jagen. Chlestakow und Ossip treiben das böse Spiel sogar noch weiter: Sie schmeißen Geldbündel in den Zuschauerraum und auch dort recken sich die Hände.

Man könnte nun einfach sagen, dass dieser ganze Zirkus eine gute Masche ist, dass Herbert Fritsch mit dieser Art von hysterischem Comedy-Theater durch ganz Deutschland eine Spur der Begeisterung ziehen könnte. Denn es funktioniert ja super. Sogar der letzte Trauerkloß, der zum Lachen sonst extra in den Keller geht, wird hier mit einem seligen Gesicht erwischt. Aber da steckt noch mehr dahinter. Die Liebe, die Gogol zu seinen Figuren hatte, die spürt man eben bei Herbert Fritsch in jedem Augenblick. Seine Liebe gilt seinen Schauspielern und seinem Publikum. Das fühlt man und dem kann man sich nicht entziehen.

Freilich ist der "Revisor" nichts anderes als die Geschichte einer großen Lüge, durch die eine kaputte Gesellschaft zurück zu einem Glauben an sich selbst findet. Im besten Fall ist das Theater das auch, wenn es wie bei Herbert Fritsch als Lügen- und Gauklerspektakel ausgelebt wird. In München jedenfalls könnte man davon gern noch mehr vertragen.

Der Revisor
von Nikolai Gogol
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Musik: Ingo Günther, Kostüme: Victoria Behr, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Sebastian Blomberg, Stefan Konarske, Aurel Manthei, Barbara Melzl, Britta Hammelstein, Hanna Scheibe, Gunther Eckes, Jörg Lichtenstein, Miguel Abrantes Ostrowski, Sierk Radzei, Michele Cuciuffo, Paul Wolff-Plottegg, Robert Niemann, Johannes Zirner, Lena Eikenbusch, Jonas Grundner-Culemann, Thomas Hauser, Lukas Hupfeld, Johanna Küsters, Josef Mattes, Klara Pfeiffer, Philipp Reinhardt, Anna Sophie Schindler, Benjamin Schroeder, Jeff Wilbusch.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Der Revisor" wirke beim Lesen so, als habe Herbert Fritsch, der "liebevollste Spaßvogel des deutschen Theaters", es selbst geschrieben, meint Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (24.12.2012). Die Aufführung sei "ein Fest für 14 Ensemblemitglieder und zehn Schauspielstudenten", sei "eine unfassbare Ansammlung von Einfällen und Aberwitzigkeiten. Doch zumindest in der Premierenverfassung ist die Aufführung kaum durchlässig für die bösen Seiten von Gogols Gesellschaftskritik. Sie bleibt eine reine Farce". Trotzdem sei fabelhaft, "mit welcher Lust alle Darsteller hier hochkonkreten Blödsinn machen, bis zur völligen körperlichen Verausgabung, und dabei nie ihre Eigenheit verlieren".

"Autsch", hat Annabel Dillig von der Welt (24.12.2012) "tatsächlich in der ersten Hälfte des Stückes öfter mal" gedacht: Kein Kalauer sei Herbert Fritsch "zu bekloppt". "Andererseits: Sebastian Blomberg als Chlestakow. Sein Feine-Leute-Tamtam! Die Akkuratesse seines Slapsticks! Sein formvollendetes Stenz-Tum!" Besonders gute Laune machten aber "Fritschs Spitzen gegen das seriöse Theater", das sei erfrischend, "gerade am Resi, dieser Kathedrale der Ernsthaftigkeit".

"Meistermotivator Herbert 'Kloppo' Fritsch" habe "jedes einzelne Mitglied des großartigen Ensembles auf Vollgas gestellt", schreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (24.12.2012). Hier werde "ganz vorn verteidigt, nämlich direkt an der Rampe: ein Grimassentheater, als wären die Bronzeskulpturen von Franz Xaver Messerschmidt lebendig geworden". Ob das zum Revisor passe? "Nun. Ja. Gogols Komödie changiert zwischen Satire und Gesellschaftskritik. Bei Fritsch changiert eher wenig – und das ist viel: Niemand kommt hier schnarchend raus."

Natürlich sei die Inszenierung "dank dieses schrägen Personals und seiner exaltierten Spielweise ein formidabler Spaß", sagt Christoph Leibold auf Deutschlandradio (23.12.2012). "Aber die Überzeichnung ist nicht nur komischer Selbstzweck. Die schmierigen Gestalten bilden einen Kleinstadtkosmos, in der Geld die Schmiere des Zusammenlebens ist. In der Deformation der Figuren drückt sich ihre Entstellung durch ihre Gier aus." Natürlich laufe "auch an diesem Abend das Turbo-Theater von Herbert Fritsch immer wieder Mal auf hohen Touren leer", und nicht alle Darsteller verfügten "über die Virtuosität und vor allem Souveränität, die es braucht, damit das grelle Spiel nicht aufdringlich-aufgesetzt wirkt." Trotzdem komme die "Spaß-Offensive" am Münchner Residenztheater "wie eine mittlere, sehr wohltuende Kulturrevolution daher".

Herbert Fritsch toure "sein szenisches Tempo auf eine Weise hoch, dass der vermeintlich reine Slapstick einen durchaus aggressiven Gestus erhält", beobachtet Sven Ricklefs auf Deutschlandfunk (23.12.2012). "Dieser Eindruck erhöht sich noch, wenn Fritsch sein Theater geschickt aus dem freien Flug plötzlich anhält und sein Ensemble zum grotesken Gruppenbild mit Revisor gefrieren lässt. Und wenn dieses Gruppenbild dann noch aus dem fernen Bühnenhintergrund im Gleichschritt auf das Publikum zumarschiert, spätestens dann schaut dieses auch in den eigenen Zerrspiegel." Was bei "Spanischen Fliege" an der Berliner Volksbühne "noch als trampolinhüpfender Knallbonbon daherkam, entpuppt sich nun beim Münchner Revisor als durchaus auch bedrohlicher Witz mit mehr als nur einem Boden."

 

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