Eine Art Arche Noah

29. Dezember 2012. Im Interview mit Dirk Pilz vom Feuilleton der Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau ist Claus Peymann "stets sehr freundlich", auch wenn er "manchmal mehr ruft als redet".

Sein Traum "ein Korrektiv zu einem Deutschland zu bilden, das sich zur Hegemonialmacht in Europa entwickelt", sei gescheitert, gibt Peymann zu, "entweder an meiner eigenen Unfähigkeit als Regisseur und Theaterleiter oder eben doch am Fehlen einer schlagkräftigen zeitgenössischen Dramatik." Oder sei das Theater als Waffe nicht mehr stark genug? "Müssen wir im Theater vielleicht andere Wege suchen?"

Auf jeden Fall glaube er nach wie vor "an die Unsterblichkeit des Theaters". Die Menschen hätten immer ihre Ängste abgebaut über das Theater. "Es ist wie das Singen ein Teil der menschlichen Natur."

In seinem Berliner Ensemble sehe man noch das ganze Stück, von Schauspielern, die noch sprechen können. "Theater als Feier des Geistes, das tägliche Fest." Die Menschen hätten Sehnsucht nach einer gerechten, heilen Welt, in all der Scheiße heut. Das BE sei in diesem Kontext "eine Art Arche Noah in einer Welt auf schwankendem Boden, in der die Politik so unverhohlen korrupt ist wie zu Shakespeares Zeiten." Es entstünden Ängste und Sehnsüchte, und die alten Stücke könnten den Menschen etwas von ihren Ängsten nehmen, ihnen den Traum von der Veränderbarkeit der Welt vorführen.

Den Bildungsauftrag des Theater beschreibt Peymann als "die Verpflichtung, die großen Stücke der Weltliteratur vorzustellen, das kulturelle Erbe, den Bildungskanon weiterzureichen".
Auch Teil dieses Bildungsauftrags sei es, ein Stück in all seinen Verästelungen zu zeigen. Man unterstelle ja gern, es gebe die Geduld nicht mehr. "Ich trete am Berliner Ensemble den Gegenbeweis an, es ist damit ganz klar auf einem Gegenkurs gegen das Zeitmaß des Fernsehens." Das BE beanspruche mit unseren Aufführungen das Zeitmaß des Theaters selber. "Das gefällt offenbar vielen Menschen."

Dagegen könne auch "die Provinzialität der Berliner Presse" nichts ausrichten. Das kulturfeindliche Klima der Stadt, das sich in einem Journalismus manifestiere, der sich nicht freuen könne, der sich nie überraschen lasse, der alles besser wisse. "Komisch nur: Ihre Leser sind unser Publikum! Die rennen uns die Bude ein, obwohl in Ihrem Blatt seit zehn Jahren behauptet wird: Am Berliner Ensemble ist alles Scheiße." Paradox sei das. "Wir haben immer mehr Besucher und Sie weniger Leser. Seien Sie nicht traurig, das ist einfach typisch Berlin."

Übrigens sei auch der Begriff "Freie Szene" eine journalistische Erfindung. "Wieso sollte ich nicht frei sein? Ich werde doch durch die Subventionen nicht gekauft." Er halte das Berliner Ensemble für extrem frei, während er die Freie Szene oft als spekulativ, also unfrei empfände.

Der allgemeine Niedergang des Theaters, den Peymann in dieser Freien Szene und auch sonst an allen anderen Bühnen außerhalb des BE-Bannkreises beobachtet, liegt für ihn unter anderem daran, dass die festen Ensembles sich aufgelöst hätten. "Eine Handvoll großartiger Schauspielerstars bestimmen die Spielpläne der großen Bühnen." Er, Peymann, vertrete bis heute das Ensembletheater.

Seine Selbstbestätigungen werden immer wieder mal durch ausgestellte Ratlosigkeit unterbrochen, wie zum Beispiel: "Jeder sieht es, die Krise ist da, der Boden wankt. Aber wie kann das Theater eingreifen?"

Angesichts solcher Tatsachen fühle er sich "wie ein anachronistisches Mammut" und antwortet auf die Frage, ob er weitermachen will als BE-Intendant (bis April müsse er entscheiden, ob er bleibe): "Beweggrund, weiterzumachen wäre für mich: Es noch mal allen zu zeigen!" Außerdem: Was sei er denn ohne dieses Theater und die Theaterfamilie? "Will ich Gastregisseur werden? Will ich so werden wie viele der heutigen Regiestars, die – egal, an welchem Theater sie gerade gastieren –, ihre Bedingungen diktieren? Will ich nicht."

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