Dienstag, 02. September 2014

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Richard III – Die Bremer Shakespeare Company eröffnet ihr neues Theater zum 30. Jubiläum mit Shakespeares Oberfiesling

König im Nebel auf moosgrünem Grund

von Andreas Schnell

Bremen, 1. März 2013. Man hätte sich's kaum schöner ausdenken können: In dem Jahr, in dem die Bremer Shakespeare Company ihr 30. Jubiläum feiert, darf sie ihre alte Heimat neu beziehen: gründlich saniert und umgebaut, bezahlt aus Mitteln des chronisch klammen Bremen. Die Eröffnung des neuen Theaters am Leibnizplatz wurde gestern mit "Richard III" gefeiert, dem einzigen Shakespeare-Stück, das die Truppe noch nie gespielt hat. Und das nur wenige Wochen, nachdem Archäologen die jahrhundertelang als verschollen gegoltenen Gebeine des echten Richard III identifiziert hatten.

Den eigentlichen Theaterraum betrafen die Umbaumaßnahmen vor allem technisch, die einstige Turnhalle bekam endlich eine ordentliche Elektrik, Kulissenzüge und neues Licht wurden installiert. In ganz neuem Glanz erstrahlt das nun deutlich geräumigere und helle Foyer, der neue Eingang erspart dem Publikum den bisher notwendigen Weg über einen dunklen Schulhof. Kurz gesagt: Entstanden ist eine präsentable Heimstatt für die Company, die seit Gründung zur Spielzeit 1983/84 selbstverwaltet und kollektiv vom Ensemble geleitet wird, das, sofern es nicht in bis zu einem halben Dutzend Rollen pro Schauspieler und Abend auf der Bühne steht, auch das Publikum zu den Plätzen geleitet, Programme verkauft sowie nach der Aufführung im Foyer Spielpläne unters Volk bringt.

Gurren, barmen, zetern, feixen

Inhaltlich geht es am neuen alten Ort in bekannter Weise weiter: Ein volksnaher Shakespeare wird hier gepflegt, gern mit Betonung der Derbheiten des Meisters, immer wieder ergänzt um Stand-up-Comedy-Einlagen, in denen es auch mal um lokale Politik oder den hiesigen Fußballverein gehen darf. Was natürlich zu den Komödien Shakespeares tendenziell besser passt als zu den ernsten Stoffen.

richard iii 560 menke uMichael Meyer als Richard III im Nebel. © M. MenkeRicarda Beilharz enthält sich in ihrem "Richard III"-Abend derartiger Abschweifungen beinahe völlig. Sie setzt auf ein ausgefeiltes Lichtdesign, das die schlichte Bühne, eine schiefe Ebene, hinter der eine Wand aufragt, beides moosig-grünbraun überzogen, immer wieder neu auslotet. Nebel evoziert trübe Witterung – es ist schließlich der Winter unseres Unbehagens –, die Musik von Roman Beilharz verstärkt die Stimmungen subtil. In diesem durchaus reizvollen Setting spielt sich die blutige Karriere unseres Helden ab.

Michael Meyer, bei der Company auf sinistre Typen abonniert, ist eine würdige Besetzung für diesen skrupellosen Aufsteiger. Er gurrt, charmiert, barmt, zetert, feixt und schäumt, was immer es eben braucht, um ans Ziel zu kommen. Paraderolle. Auch seine Kolleginnen und Kollegen machen ihre Sache überwiegend gut bis sehr gut. Das verhindert allerdings nicht, dass dem Abend schon vor der Pause ein wenig die Puste ausgeht – wobei da immerhin schon rund zwei Stunden vergangen sind.

Im Gewimmel der Edwards, Heinrichs und Richards

Woran das lag, war gar nicht so leicht auszumachen. Klar, die Produktionsbedingungen waren schwierig, das Haus bis zuletzt eine Baustelle. Bis zur letzten Sekunde musste noch am Licht gearbeitet werden, ein Stromausfall hatte kurz zuvor die Arbeit von Stunden zunichte gemacht. Aber zumindest teilweise lag es auch am Regieansatz. Dass Richard III lediglich ein Produkt der Gesellschaft ist, in der er seinen Weg nach oben machen will – das war, grob gesagt, die angekündigte Lesart.

richard-iii 280 menke u© M. MenkeBeilharz allerdings inszeniert diese Genesis eher von der Psyche her denn als gesellschaftlich bedingt: Surreale Traumszenen, während derer sich beispielsweise die Rückwand bedrohlich nach vorn neigt und Richard zu erdrücken droht, deuten darauf hin. Eine konkrete Gesellschaft kann auch kaum gemeint sein, wenn sich Kostüme elisabethanischen Stils und Anzüge unserer Gegenwart so umstandslos begegnen. Dabei wäre doch genau dies das Interessante an der aufgestellten These: Wie muss eine Gesellschaft eigentlich exakt beschaffen sein, damit sie genau solche Typen hervorbringt?

Was das angeht, hinterlässt einen die Inszenierung ratlos. In guter Erinnerung bleibt neben Michael Meyers Richard einer jener typischen Shakespeare-Company-Momente: Wenn sich eine der sage und schreibe sieben Figuren Christian Bergmanns einklinkt und versucht, Ordnung in das Gewimmel der vielen Edwards, Heinrichs und Richards zu bringen – vergebens. Die verkommene Gesellschaft hat keinerlei Interesse an dieser (oder irgendeiner anderen) Art von Aufklärung, sondern kreist lieber weiter um sich selbst. Sie wird mit den Folgen bekanntlich noch eine ganze Weile leben müssen. Und vielleicht gibt diese kleine Szene mehr Antworten auf die Fragestellung der Inszenierung als der Rest des Abends.

 

Richard III
von William Shakespeare
Regie und Bühne: Ricarda Beilharz, Kostüme: Heike Neugebauer, Musik: Roman Beilharz, Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer.
Mit: Michael Meyer, Peter Lüchinger, Kathrin Steinweg, Frank Auerbach, Ulrike Knospe, Christian Bergmann, Theresa Rose.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.shakespeare-company.com

 

Zuletzt besprach nachtkritik.de die Bremer Shakespeare Company im April 2011 mit Shakespeares Pleasure Island nach "Der Sturm".


Kritikenrundschau

"Wer gegen wen? Die Regie von Ricarda Beilharz fasst dieses Grundmotiv vor allem als ein gruppendynamisches Problem auf – wobei tendenziell Unklarheit droht", meint Sven Garbade im Weser Kurier (3.3.2013). Es werde in einer "ästhetisch ausgefeilten Bühnenwelt" "viel und kräftig gebrüllt", Richard komme als "drahtiger Giftzwerg" daher, als "netter Wüstling". Immer wieder durchkreuze außerdem Christian Bergmann das Geschehen in zahlreichen Rollen mit veralbernden oder erklärenden Einschüben. "So amüsant er zum Beispiel die Verwirrung um die vielen Edwards kommentiert, so verbleibt am Ende doch ein gemischter Gesamteindruck."

Ein "temporeiches Spektakel, das sich wie eine Melange aus dem Roman 'Gefährliche Liebschaften' und dem Western 'Spiel mir das Lied vom Tod' anfühlt" hat Annica Mullenberg für den Bremer Anzeiger (3.3.2013) erlebt. Richards Boshaftigkeit werde "auf sympathische Weise deutlich". Der lässige Redner und Frauenflüsterer erinnere "zu oft" an einen Silvio Berlusconi. Der BSC gelinge es, die historischen Machenschaften ins Hier und Jetzt zu holen. Man merke den Schauspielern die Freude über die Rückkehr ins eigene Haus an. "Das Wechselspiel der Rollen in immer wieder andere starke Charaktere fesselt."

Ricarda Beilharz lege "in diesem Drama aus der Zeit der Erfindung des modernen Subjekts den Quellcode von dessen postmodernen Krisen offen", schreibt Benno Schirrmeister in der taz nord (5.3.2013). Die Inszenierung finde für "dieses Mingle-Mangle aus sozio- und psychologischer Personenkonzeption" deutliche Bilder. "So zerquetscht sie Richard allmählich unter der vorkippenden Rückwand, während der sich gegen die Niederlage stemmt, (…) schreiend bis zum Kollaps". Den ergreifendsten Moment aber setze "die reine Poesie des Anfangsmonologs", den Beilharz auf alle Spieler verteilt hatte "mehrsprachig und polyphon gesetzt wir eine Fuge".

 




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