Donnerstag, 24. Juli 2014
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Jérôme Savary ist tot

Überbordend und sinnlich

5. März 2013. Nach kurzer schwerer Krankheit starb gestern Abend der große französisch-argentinische Regisseur Jérôme Savary in einem Pariser Krankenhaus. Das teilte das Landestheater Niederösterreich in St. Pölten mit, wo Savary in den letzten Jahren drei Raimund-Stücke inszenierte.

Savary wurde 1942 in Buenos Aires geboren. Als 18jähriger zog er 1960 nach New York, in die Heimatstadt seiner Mutter, die eine Tochter des einstigen New Yorker Gouverneurs Frank W. Higgins war. In New York war er zunächst Jazzmusiker (und Chauffeur der Witwe von Charlie Parker, wie Wikipedia weiß), bevor er schließlich zum Theater wechselte.

1965 gründete Savary in Paris die "Compagnie Jérôme Savary", aus der "Le Grand Magic Circus et ses animaux Tristes" hervorging, eine überwiegend aus Laien bestehende Theatertruppe, mit der er bald auch international bekannt wurde. Als Intendant des Hamburger Schauspielhauses brachte Ivan Nagel Savarys überbordend lebenszugewandtes und sinnliches Theater nach Deutschland. Hier hat Savary in legendären Inszenierungen immer wieder mit Peter Zadek zusammengearbeitet – 1981 in der Fallada-Revue "Jeder stirbt für sich allein" im Berliner Schillertheater zum Beispiel.

1988 wurde Savary Direktor des Théâtre National de Chaillot. 2000 wurde er an die Opéra Comique berufen, die er bis 2007 geleitet hat. Seine letzte Berliner Arbeit hat Savary 2009 im Auftrag der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz realisiert: Vögel ohne Grenzen nach Aristophanes.

(sle)

 




Kommentare (2)

1. Jérôme Savary: Nachruf (Teil 1)
Jérôme Savary gehört zu den Personen, von denen ich mir nie hätte vorstellen können, dass sie sterben, so sehr war er ein Stehaufmännchen, ob in persönlichen oder professionellen Krisen. Nach dem Tod eines Menschen schießen die Erinnerungen hoch, an schöne oder auch schwierige gemeinsame Augenblicke und zu den aufregendsten gehört die erste Begegnung. Etwas zittrig betraten Jürgen Bansemer und ich das Cafe in Bonn, wo er gerade "Schade, dass sie eine Hure ist" inszeniert und dem Publikum bei einem Buh anhaltend die Zunge rausgestreckt hatte. Wir hatten soeben erst unseren eigenen Theaterverlag gegründet. Richtig high verließen wir das Cafe, denn wir hatten einen Bühnenautor entdeckt, der von sich gar nicht wusste, dass er einer war. Wir hatten ihn auf "Weihnachten an der Front" angesprochen und befunden, dass das ein sehr beeindruckendes Theaterstück zum Nachspielen sei. Wenn Sie meinen, sagte er etwas skeptisch, aber irgendwie hatte er insbesondere zu Jürgen Bansemer spontan Vertrauen gefasst, es wurde eine tiefe Freundschaft, ich kann es nur so emotional ausdrücken. Jérôme Savary war übrigens generell nicht nur ein Tausendsassa und Bühnenmagier, sondern auch ein sehr leidenschaftlicher, zuverlässlicher Mensch. Im deutschsprachigen Bereich wurde er dann auch tatsächlich mindestens so bekannt als Bühnenautor wie als Regisseur, erfolgreich mit 9 übersetzten Stücken in 75 Inszenierungen an Nachspieltheatern aller Art, durchwegs im Großen Haus. Später übertrug er uns auch sämtliche Auslandsrechte.
Ute Nyssen , 07. März 2013 - 13:49 Uhr
2. Jérôme Savary: Nachruf (Teil 2)
"Weihnachten an der Front" kam zum letzten Mal 2003 an den Wuppertaler Bühnen. Mit "Bye bye Showbusiness" und "Mélodies du Malheur" ist es das meistgespielte ganz eigene Stück, daneben liefen sehr gut auch seine Bearbeitungen und das entzückende Kinderstück "Vom dicken Schwein, das dünn werden wollte" (U Burgtheater Wien). Wir haben bei seinen Stücken immer von einem harten Tingel-Tangel Theater gesprochen. Häufig erzählte er seine Geschichten in Episoden, mit dem Mittel der Revue (also mit Musik), aber am originellsten ist sein Rückgriff auf das Melodrama in der Tradition des französischen Vaudeville: in "Mélodies du Malheur". Es gibt kaum Handlung, keine Figuren, sondern arme Monster, die auf dem Jahrmarkt zur Schau gestellt werden, natürlich auch ein Hinweis auf die Theaterschausteller und deren Zuschauer. Ich erinnere mich an eine Nummer, wo eine Frau so zittert, dass sie stirbt und man nicht mehr lacht, sondern die Tränen unterdrücken muss.
Jérôme Savary mochte die Deutschen und sein Stück "Weihnachten an der Front", das im ersten Weltkrieg spielt, hat sicher ein bisschen dazu beigetragen, die seinerzeit noch sehr wacklige Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland zu fördern. Wenn überhaupt, so verstand er sich als politischen Bühnenautor, der aber zugleich jedes Pathos seiner Botschaften gnadenlos parodierte und unterminierte. Wir hatten viel Glück mit ihm.

Ute Nyssen/Theaterverlag Nyssen & Bansemer Köln
Ute Nyssen , 07. März 2013 - 13:57 Uhr

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