Mittwoch, 23. April 2014

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Presseschau vom 6./7. März 2013 – Milo Raus "Moskauer Prozesse"

Operation am offenen Herzen

6. März 2013. Alle, alle großen deutschsprachigen Zeitungen haben KorrespondentInnen geschickt, um von Milo Raus "Moskauer Prozessen" zu berichten (für uns schrieb Stefan Bläske) – und von den Unterbrechungen, über die die russische Öffentlichkeit von dem Projekt erfuhr.

Stark unterschieden habe sich die Gerichtsshow im Sacharow-Zentrum von den realen russischen Gerichten, berichtet etwa Julia Smirnova in der Welt (5.3.2013): "Die realen Verhandlungen wie etwa der Prozess gegen Pussy Riot mit seinen absurden Dialogen, politischen Aktionen auf der Straße, grotesken Charakteren und Stand-Ups der einzelnen Beteiligten erinnerten bereits an eine Theatervorstellung." Die Richter unterbrächen Verteidiger und Angeklagte und das Urteil werde oft nicht im Gericht, sondern im Kreml geschrieben. "Im Sacharow-Zentrum dagegen fand eine Debatte statt, die in keinem russischen Gericht möglich wäre. Die Anwältin Anna Stawizkaja und die Hauptexpertin der Verteidigung, Kuratorin Ekaterina Degot, konnten ohne Unterbrechung darüber sprechen, dass in Russland weltliche und nicht kirchliche Gesetze gelten, dass politische Kunst kein Verbrechen ist und dass Künstler Probleme ansprechen und nicht zum religiösen Hass anstacheln wollen. Es war möglich, Experten zu befragen, die von den echten Richtern nicht vorgeladen wurden, und Stimmen von christlichen Gläubigen zu hören, die die orthodoxe Kirche ebenfalls kritisieren."

"In teilweise scharf geführten, mitunter turbulenten Debatten, vor allem zwischen der leider überforderten Richterin und dem teuflisch guten, einschüchternd bissigen Maxim Schewschenko, wurde schnell klar, dass diese 'Moskauer Prozesse' den Kern der russischen Gesellschaft betreffen: ihre offenkundig ungeklärte Identität", schreibt Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (5.3.2013). "In grösster Deutlichkeit traten jene Konflikte zutage, die das Verhältnis von Kirche und Staat, Kunst und Religion betreffen. Wozu braucht es moderne Kunst? Sind religiöse Gefühle schützenswerter als die Gefühle von Künstlern? Sollte der Staat sich in Kunstfragen neutral verhalten? Was sind die Werte der russischen Nation? Man konnte als westlicher Beobachter mitunter den Eindruck gewinnen, einem vormodernen Grundsatzstreit beizuwohnen. Die russische Verfassung sichert zwar Rede- und Meinungsfreiheit und legt die Trennung von Staat und Kirche fest, ist aber augenscheinlich nur ein Papier ohne Gültigkeit in der Wirklichkeit." Rau sei mit seinem Projekt etwas sehr Seltenes gelungen: "Er hat zu einer Form von politischer Installationskunst gefunden, die sich freimacht von vordergründiger Pädagogik. Für ihn ist, anders als oftmals im politischen Theater, die Bühne keine moralische, sondern eine im besten Sinne intellektuelle Anstalt: Sie nimmt die Teilnehmer wie die Zuschauer als Selbstdenker ernst."

"Rau war an einem Dialog zwischen den verfeindeten Seiten gelegen, aber dazu reichte es nicht", beobachtete Klaus-Helge Donath in der tageszeitung (5.3.2013). "Die Kontrahenten hörten einander unterdessen schon einmal zu. Sie sprachen gelegentlich auch miteinander, ohne sich zu verfluchen. Die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit, Kunst und Glauben im Gerichtsaal lädt nicht zum kommunikativen Handel ein." Allerdings: Dass Raus Re-Inszenierung einem größeren russischen Publikum bekannt wurde, lag an den Beamten der Einwanderungsbehörde, "die just in dem Moment die Verhandlung sprengten, als Katja Samuzewitsch im Zeugenstand war. Dem Auftritt der Staatsmacht folgte die russische Presse, die so erst über die Prozesse berichtete. Außer für die Protagonisten fand das Reenactment für ein westliches Festivalpublikum statt. Russland als Dialogfeld war vorgesehen, aber nur halbherzig."

Mehr distanzierte Nacherzählung als Einschätzung ist der Bericht, den die Moskauer FAZ-Feuilleton-Korrespondentin Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.3.2013) veröffentlicht: Die Glaubwürdigkeit der Vorstellung sei vom zugleich nationalistischen und islamfreundlichen Journalisten Maxim Schewtschenko gerettet worden, der trotz anderer privater Einstellung als Experte der Anklage "zu furioser Form" auflief. Der schon physisch imposante Schewtschenko stritt wortgewaltig für den Schutz der Gläubigen und ihrer heilige Symbole, wider die aggressive Säkularisierung, die das Menschliche zerstöre, und protestierte, wenn das Wort Vandalismus fiel, jedes Mal nachdrücklich gegen diese 'voreingenommene' Vokabel." Schewtschenko war es auch, der die eindringende "gemischte Truppe aus Miliz und Kosaken beschwichtigte: "Auf seine Einladung hin nahmen sie sogar im Zuschauerraum Platz. Und selbst ihr Anführer verlor an seinen rüden Zwischenrufen bald die Lust."

Dass Rau seinen länger geplanten 'Moskauer Prozessen' noch das Pussy-Riot-Verfahren hinzufügte, bescherte dem Stück nicht nur ungeheure Aufmerksamkeit, sondern "machte aus einer theatralischen Exhumierung eine Operation am offenen Herzen", so Tim Neshitov in der Süddeutschen Zeitung (5.3.2013). Rau sei es gelungen, Menschen zusammenzubringen, die in Russland selten miteinander sprechen und zu zeigen, dass diese Menschen einander wenig zu sagen haben. "Was bei Rau nicht vorkommt, ist jene schwer definierbare Mitte der russischen Gesellschaft, die in seinem Stück von beiden Seiten beschworen wurde."

Christian Esch schreibt in der Frankfurter Rundschau (5.3.2013): Den Staat könne man sich schwer wegdenken, zumal den russischen Staat. Milo Rau habe es versucht, aber er sei gescheitert. Der russische Staat habe "nämlich keine Lust, sich wegdenken und weginszenieren zu lassen", und deshalb sei er "mitten in einem Kunstprojekt selbst auf die Bühne gerumpelt wie ein ungeladener Gast in nassen Stiefeln". Das Projekt habe davon profitiert. "Skandalträchtige Gerichtsverhandlungen" seien Raus Markenzeichen. Rau wollte mit "den Mitteln des politischen Theaters den Streit zwischen Religion und Kunst in Russland neu austragen", mit echten Beteiligten und offenem Ausgang. In den staatlichen Gerichten Russlands sei der Ausgang ja nicht offen. Aber das heiße nicht, dass es keine echte Streitfrage zu entscheiden gäbe. Raus Gerichtssaal sei steril, fernsehtauglich, freundlich, den russischen Staat und seine Symboliken habe er weginszeniert. Doch das Projekt habe bereits "unglücklich angefangen", weil Rau, der selbst kein Russisch spreche, "viele Teilnehmer abgesprungen" seien. Eine überfordert grinsende Journalistin führe den Vorsitz, der Fernsehmoderator Maxim Schewtschenko rette das Projekt. Auch er sei eigentlich gegen die Inhaftierung der Pussy-Riot-Feministinnen, nichts desto weniger seien sie die Vorhut eines "liberal-faschistischen" Angriffs auf "Russlands Seele". Pussy-Riot-Mitglied Jekaterina Samuzewitsch winde sich in Schewtschenkos Würgegriff und wisse nicht darzulegen, was denn nun in einer Kirche verboten sein solle und was nicht.
Aber es sei eben auch eine Illusion, man könne öffentlich und frei über eine Kunstaktion reden, solange zwei junge Mütter für eben diese Aktion im Arbeitslager sitzen.

"Mit seinem dokumentarischen Theater trifft Rau in Moskau den Ton der Zeit", schreibt Johannes Voswinkel in einem eher reportage- als kritikartigen Bericht in der Zeit (7.3.2013) und zitiert den Leiter des Theaterprogramms des Sacharow-Zentrums, Michail Kaluschskij: "Es erfüllt die Funktion, die eigentlich die russischen Medien hätten. Es erzählt von dem, worüber das Fernsehen schweigt. Die offiziellen Kanäle und Medien leiden gerade in ihrem historischen Gedächtnis an Sklerose." Wenn es auch zum Dialog noch nicht gereicht habe, so Voswinkel, "gelang das gemeinsame Zuhören." "Die einen betonten, dass Russland ein Teil Europas sei, und die anderen verwiesen auf die Landkarte: Der Hauptteil des Landes liege doch in Asien. Der jahrhundertealte Streit zwischen Westlern und Ostlern lebt weiter." Aber im Publikum habe eine Frau von Pussy Riot neben einem gläubigen Aktivisten gesessen, der auf der Straße gegen die Demos ihrer Anhänger kämpft. "Der Burgfriede wurde von außen bedroht." Vier angebliche Mitarbeiter des russischen Migrations- dienstes, "von denen drei sich nicht ausweisen wollten", seien aufgetaucht, um die Papiere aller anwesenden Ausländer zu prüfen. "Diese Provokation schaffte, woran es im Gerichtssaal noch mangelte: Der Dialog funktionierte. Ankläger und Verteidiger taten sich zur Rettung der Performance gegen die Kontrolleure zusammen."

(geka/sd)




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