Zwerge sind Zwerge

Der Dirigent Lorin Maazel hat einst ein Album aufgenommen, das sich "Der Ring ohne Worte" nannte und im Handumdrehen die Klassik-Charts erstürmte. Man darf vermuten, dass viele Käufer der Platte daher so beherzt zugriffen, weil sie sich endlich von dem befreit sahen, was sie schon immer als die "zwangvolle Plage" des Gesamtkunstwerks "Ring" empfanden: Richard Wagners Dichtung. Deren Tauglichkeit ist oft genug angezweifelt worden, und wenn sich Wagner-Verächter heute aus der Deckung wagen, argumentieren sie meist eher anhand der Texte als anhand der Musik.

Doch auch der "Ring ohne Musik" hat seine Tradition: Bereits die allererste "Ring"-Performance schlug 1853 ihre Zuhörer gänzlich ohne Musik in den Bann: Wagner las die vier Teile höchstpersönlich in einem Zürcher Hotel. Aus der jüngeren Vergangenheit wäre noch Tom Kühnels Frankfurter TAT-Produktion von 2001 mit Suse Wächters herrlichen Zwergen- und Rheintöchter-Puppen anzuführen.

kaminskiringWer aber hätte Wagners Worte glänzender rehabilitieren können als Stefan Kaminski, dessen Live-Hörspiele "Kaminski ON AIR" längst Kult-Status erlangt haben? Wenn sich Kaminski sowie seine Geräusche und Klänge erzeugenden Mitstreiter an Glasharfe, Gartenschlauch oder E-Cello der vier Teile des "Rings des Nibelungen" annehmen, scheren sie sich nicht um tiefsinnige Deutungen oder um das sublime Netz der Leitmotive (auch wenn sie, nicht zuletzt in der "Walküre", durchaus einige zitieren), sondern zeigen etwas, das Wagner auch sein kann: großartiger Fantasy-Stoff.

Kaminski übernimmt natürlich alle Rollen im Alleingang und stapft dabei noch durch mit Kies gefüllte Eimer, lässt das Wasser gluckern oder bläst in mundorgelartige Tröten. In der dergestalt aufgekratzten Sound-Umgebung nehmen sich Wagners Figuren plötzlich ganz wie Gestalten aus Tolkiens Mittelerde aus: Die nahezu kindlich-karikierende Lust, mit der sich Kaminski in die Verwandlungen wirft, lässt Mime und Gollum, Wotan und Gandalf als wesensverwandt erscheinen. Zwerge sind hier Zwerge, Riesen sind Riesen (auch wenn sie im Berliner Bauarbeiter-Jargon daherreden), Götter sind Götter – und nicht die Träger irgendeines interpretatorischen Überbaus.

Da Kaminski auch kürzt, umstellt und überschreibt, bleibt von der "zwangvollen Plage" des Wagner'schen Wortes nur das blanke Vergnügen übrig. Und wenn es an der nun erschienenen DVD-Edition, die die vier im Deutschen Theater Berlin produzierten Abende dokumentiert, überhaupt etwas zu mäkeln gibt, dann allenfalls dies, dass die Bildregie mitunter etwas zu hektisch dem Gestus des Vortrags zu folgen versucht. Happy birthday, Richie! (Wolfgang Behrens)

 

Kaminski ON AIR:
Der Ring des Nibelungen
Buch und Regie: Stefan Kaminski nach Richard Wagner
Mit: Stefan Kaminski, Sebastian Hilken, Hella von Ploetz, Natascha Zickerick,
Stefan Brandenburg.

Die Theateredition, 2013, Box mit 4 DVDs, insgesamt 344 Minuten Laufzeit,
Bonus: Making of und Trailer, DVDs auch einzeln erhältlich,
Preisempfehlung für die Box: 59,95 Euro.
www.theateredition.com

 

 

Mit allen Einzelheiten

Ob es etwas geholfen hat? Elfriede Jelinek, damals noch nicht Literaturnobelpreisträgerin, schrieb wenige Tage nach dem Tode des großen Theatermannes Einar Schleef in ihrem Nachruf: "Bitte lesen Sie seine Bücher! Das muß sein!" Viele dürften es nicht sein, die sich daraufhin aufgemacht haben, Schleefs schriftstellerisches Hauptwerk "Gertrud" kennenzulernen, einen vielhundertseitigen inneren Monolog in zwei Bänden, den Schleef seiner eigenen Mutter in den Mund gelegt hat. "Gertrud" gehört wohl weiterhin zu jenen Büchern, die zwar einen vorzüglichen literarischen Ruf genießen, die aber kaum einer gelesen hat.

Und die Gelegenheiten, "Gertrud" zu begegnen, werden rarer: Vor wenigen Tagen lief am Berliner Maxim Gorki Theater die letzte Vorstellung von Armin Petras' 2008 zum Theatertreffen eingeladener Bühnenadaption des Stoffes. Insofern ist jeder Anstoß zur (Wieder‑)Beschäftigung mit diesem Buch, das man nicht mal so eben wegliest, sondern in das man sich beharrlich hineinbohren muss, nur zu begrüßen.

hackertheimatAktuell liefert eine am Institut für Europäische Ethnologie (!) der Humboldt-Universität entstandene Dissertation einen solchen Anlass: Halina Hackert nähert sich Schleefs Buch darin mit dem theoretischen Besteck der cultural studies und versucht, anhand von "Gertrud" zu veranschaulichen, wie Literatur als Ethnographie gelesen werden und eine alltagsgesättigte Gegengeschichte zur offiziellen Geschichtsschreibung entwerfen kann.

"Sich Heimat erschreiben" kommt enorm materialreich daher und sichert sich begrifflich vielfältig ab. Und doch können einen Zweifel beschleichen, ob Halina Hackert mit diesem großen Aufwand wesentlich weiter kommt als etwa die ersten Rezensenten, die die beiden "Gertrud"-Bände 1980 resp. 1984 besprachen. Dass "unsere herkömmliche Vorstellung von Geschichte" von dem unterschiedslos alles mit sich führenden Sprachfluss dieser alten, mitten im DDR-Provinzstädtchen Sangerhausen sitzenden Frau weggespült werde, beobachtete etwa schon Martin Lüdke 1985 im "Spiegel".

Doch sei's drum: Hackert verortet mit ihren sorgfältigen Analysen "Gertrud" überhaupt einmal wieder als Kapitale auf der literarischen Landkarte, und sie bietet darüber hinaus mit dem nur 13 Seiten langen Unterkapitel "Frage mich, wo mein Leben" eine ins Chronologische gewendete Romanzusammenfassung, die allen künftigen "Gertrud"-Lesern als Orientierungshilfe in dem in seiner zeitlichen Abfolge nicht eben leicht zu entwirrenden Monolog dringend ans Herz zu legen ist.

Und dann ist da ja auch noch diese wunderbare Fußnote im Nachwort mit einem apokryphen Zitat Arno Schmidts, einem echten Fundstück: "Wenn der Schriftsteller überhaupt was soll, dann soll er […] ein möglichst getreues Bild seiner Zeit hinterlassen. Mit allen Einzelheiten: ob Margarine- und Büstenhalter-Marken; ob politische oder literarische Denkweisen; die Konstruktionsweise der zeitgenössischen Klo's ebenso, wie die Beschreibung der Bahnhöfe und Moden!" Ja, genau! Arno Schmidt jedenfalls, ein Jahr vor dem Erscheinen des ersten "Gertrud"-Bandes verstorben, wäre ein begeisterter Schleef-Leser gewesen. (Wolfgang Behrens)

 

Halina Hackert:
Sich Heimat erschreiben.
Zur Konstruktion von Heimat und Fremde in Einar Schleefs "Gertrud".
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2013, 332 S., 26,90 Euro

 

 

Überall ist dauernd Kunst

Ja, überall. Auf der Straße ist Theater, im Hinterhof machen sie Musik, an den Sparkassenwänden hängen Gemälde, beim Bäcker stellt jemand Scherenschnitte aus. Es gibt kein Entkommen: alles voll mit Kunst.

Christoph Menke, Philosoph in Frankfurt am Main, ausgewiesener Genauigkeitsdenker, Kunstkenner, Theatergänger, sagt: Noch nie war die Kunst sichtbarer, präsenter und prägender in der Gesellschaft als heute. Das stimmt. Und es hat Folgen. Für Menke geht die Daueranwesenheit der Kunst mit einem Verlust dessen einher, was er ihre Kraft nennt. Die Kraft der Kunst als Ausweis ihrer Güte, ihrer Qualität, ihrem Eigensinn: Darum geht es in diesem Buch.

menkekraftderkunstVor fünf Jahren hat Menke schon einmal ein Buch geschrieben, das sich mit der Kraft als dem Grundbegriff der ästhetischen Anthropologie beschäftigt hat. Das wurde womöglich nicht hinreichend beachtet, leider. Jetzt hat er seiner thematisch eng verklammerten, sehr gehalt- und anspruchsvollen Aufsatzsammlung mit Texten über ästhetische Kategorien wie Urteil oder Schönheit sieben Thesen zur Kraft der Kunst vorangestellt, die die Thesen des früheren Werkes zusammenfassen und zuspitzen. Kraft, sagt Menke, ist der Gegenbegriff zu Vermögen. Während Vermögen am Gelingen ausgerichtet seien, blieben Kräfte ohne Ziel und Maß: "Das Wirken der Kräfte ist Spiel und darin die Hervorbringung von etwas, über das sie immer schon hinaus sind." Auf die Kraft der Kunst zu setzen, bedeute damit, die Kunst im Übergangs zwischen Vermögen und Kraft zu verorten, der selbst spielerisch ist, sich also der Planbarkeit entzieht. Kunst besteht folglich in einem paradoxen Können: "zu können, nicht zu können".

Das ist nicht neu, aber zentral. Und es wird gern vergessen, gerade auch in der Hektik des Theaterbetriebs: Es ist ein Unterschied, ob man es mit handwerklichem Vermögen oder Kunst zu tun hat. Für Menke ist der Unterschied kategorial. Die Kunst ist ihm zufolge "kein Teil der Gesellschaft – keine soziale Praxis". Die Kunst sei vielmehr "das Feld einer Freiheit nicht im Sozialen, sondern vom Sozialen." Sobald nämlich das Ästhetische zu einer "Produktivkraft im postdisziplinären Kapitalismus" werde, sei es seiner Kraft beraubt, eben weil das Ästhetische Effekte habe, aktiv, aber nicht produktiv sei. Es ist nicht politisch im handgreiflichen Sinne.

So gesehen trifft man in der Gegenwart zwar auf viel Vermögen, viel Handwerk, aber selten auf Kunst. Man müsste deshalb unterscheiden: Noch nie trat so viel mit Kunstanspruch auf, was keine Kunst ist, sondern Handwerksarbeit; mit Menke gesprochen: bloßes Ausstellen von Vermögen. Wer regelmäßig ins Theater geht, öfter mal einen Roman liest oder eine Galerie besucht und halbwegs sensibel für die Kräfte der Kunst ist, wird das bestätigen: Kunst ist eher die Ausnahme, die Regel ist Kunstbemühen. (Dirk Pilz)

 

Christoph Menke:
Die Kraft der Kunst.
Suhrkamp, Berlin 2013, 179 S., 14 Euro

 

Weitere Buchrezensionen sind hier zu finden.

 

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