We don't give a shit!

von Christian Rakow

Berlin, 23. November 2013. Warum ist das so, dass einem im Zuschauerraum der Schweiß auf die Stirn tritt, die Muskeln vibrieren, der Puls rast, als habe man gerade selbst fünfundsiebzig Minuten Hochleistungssport getrieben, mindestens auf Pokalfight-Niveau?

Weil diese vier furiosen Chorsprecherinnen dort oben auf den Brettern unablässig Tempo machen, antreiben, Haken schlagen und dabei nicht nur sich selbst in einen Rausch spielen, sondern auch das Parkett, über dem das Saallicht angelassen worden ist. Weil Regisseur Sebastian Nübling, der so etwas wie der Jogi Löw unter den Regisseuren ist – feinsinnig, elegant, voll Virtuosität und Rhythmus –, die vier wie einen wunderbaren Klangkörper dirigiert. Unter Verzicht auf Requisiten und Bühnenbild. Und weil die begnadete Zeitgeisterseherin Sibylle Berg in Topform dem Team einen irren Wuchttext zugespielt hat: "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen".

es sagt mir nichts2 560 thomas aurin uDie Furiosen (von links): Cynthia Micas, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Nora Abdel-Maksoud 
© Thomas Aurin

Souveränität der frühreifen Jahre

"Ein Text von Frau Berg für eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders" steht im Untertitel. Es ist die Suada einer jungen Frau, aus den heimischen vier Wänden heraus, gegen die erodierenden weiblichen "role models", gegen die politischen, erotischen, konsumökonomischen, digitalen, künstlerischen, was auch immer Glücksversprechen, gegen beinah alles und beinahe jedes. Per Skype, SMS und Telefon schalten sich in enger Taktung ihre Freundinnen, ihre Halbschwester, ihre Mutter dazu, ohne dass sie Präsenz gewinnen würden. Es gibt nur ein kurzes Ruckeln im Monolog der Protagonistin, dann rast der Diskursticker weiter. So ist das Leben 2.0: manisch, hyperreflektiert, virtuell.

An vielen Stellen meint man, eher die Autorin als eine fiktive Figur zu vernehmen, eher die sicher pointierende Web-Analytikerin und SPON-Kolumnistin Sibylle Berg als eine "Angry Young Woman" von schätzungsweise Mitte Zwanzig. Wobei, wer wollte beides bemessen: den jugendgleichen Zorn der Dichterin und die Souveränität der frühreifen Jahre? Sebastian Nübling hat den Text jedenfalls um einige Gedankenschlaufen leichter (nicht dünner!) gemacht und ihn nahe an seine vier jungen Akteurinnen (alle zwischen Jahrgang 1983 und 1990) und ihr Publikum herangeholt (die Produktion wird nicht nur am Gorki Theater, sondern auch am Jungen Theater Basel laufen).

In Schlabberklamotten, mit ollen Pünktchen-Kleidern unter überlangen Trainingsjacken und dicken Brillen auf den Nasen, entern Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas die leere Bühne, sehen ein bisschen aus wie Putzfrauen auf Abwegen, aber strahlen aus: "We don't give a shit", kümmert uns nicht die Bohne. Lässig grooven sie los. Die Köpfe wippen, Rap-Rhythmen treiben sie innerlich an, scheint's. Sibylle Berg hatte sich in einer Regieanweisung "Gerne viel Musik" gewünscht. Kriegt sie. Alles a capella, vom leise angesummten "Clint Eastwood" der Gorillaz bis zu hart eingetanztem Dubstep. Aber auch der Sprechtext schwingt, bebt, hämmert, ist durch und durch musikalisiert. Ohne Ruhe, ohne Unterlass, aber mit rasanten Ton- und Taktwechseln stampfen und tänzeln die vier durch die Philippika. Nüblings Choreographin Tabea Martin hat ganze Arbeit geleistet.

Funkelnde Skurilität

"Merkst du, wie ich immer von 'wir' und 'unser' rede? Wie ich mich durch die Identifikation mit einer Gruppe davor drücke, Verantwortung für mich zu übernehmen?" Nübling hat dieses multiple, medial überformte Ich in die Vielstimmigkeit der Bühnengruppe übersetzt. Und nirgends hat er sie – was so oft bei Chorarbeiten passiert – zu einem tönenden Sprachrohr uniformiert. Stattdessen umspielt sich das Quartett in Solopartien, Duetten und, ja, mitunter auch im gemeinsamen volltönenden Forte.

Voll Skurrilität funkeln die Berg'schen Rachephantasien der Frau! Die Protagonistin, so hört man, hat mit zwei Gefährtinnen eine WG gegründet, "meine selbst zusammengestellte Familie", und sagt locker an, was sie alles auf dem Kerbholz haben (oder vielleicht auch nur gern hätten). Check it out: Nächtliche Prügelattacken auf wehrlose, durchaus auch kleinere Männer, bis das Blut fließt, Drogenhandel im Internet, daneben Marketingstudium. Respect! Das ist der Beat der Gosse remixed mit theoriegesättigter Intellektualität. Und zu all dem muss man jetzt wirklich mal einen Blick auf das Foto werfen: auf die Akteurinnen, die trotz Fat-Suite unter den Kleidern doch eher geistig als boxringmäßig schlagkräftig wirken. Es ist in seiner zelebrierten Widersprüchlichkeit auch ein schreiend komischer Abend.

Seit Felicia Zellers Kaspar Häuser Meer (in der Inszenierung von Marcus Lobbes, 2009 aus Freiburg nach Berlin übernommen) gab es am Maxim Gorki Theater kein vergleichbares Chorstück, keines, das derart packte. Und keines, das solche Sätze hatte: "Liebeskummer gibt mir das Gefühl, eine außerordentlich emotionale Person zu sein." Außerordentlich war es, fürwahr, und ganz ohne Kummer.

 

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen
von Sibylle Berg
Uraufführung
Regie: Sebastian Nübling, Choreographie: Tabea Martin, Raum: Magda Willi, Kostüme: Ursula Leuenberger, Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron, Licht: Jan Langebartels, Dramaturgie: Katja Hagedorn.
Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.gorki.de
www.jungestheaterbasel.ch

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (25.11.2013) behandelt Regisseur Sebastian Nübling Sibylle Bergs "zwischen Stumpfheit und Klarsicht wandernde, sarkastisch desillusionierende Charakterisierung junger Frauen" "erfrischend atavistisch". Bergs vielstimmig-einsamer, abstrakt dahinwütender Redestrom hat in dieser handfester Vier-Frauen-Fassung aus Sicht der Kritikerin "deshalb zwar viel von der ätherisch-medialen Bitterkeit und perspektivischen Verkorkstheit verloren". Umgekehrt aber hat er für sie "realistische Greifbarkeit" gewonnen. "Denn noch radikaler, als andere Regisseur, die aus 'Textflächen' Situationen schaffen, verwandelt Nübling Bergs Fläche 'für eine Person und mehrere Stimmen. Oder umgekehrt' in ein reines Menschtheater, das aus Worten Körper und aus Körpern Bewegungen macht."

"Es hätte besser nicht laufen können", schreibt Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (25.11.2013). Regisseur Sebastian Nübling habe die Textfläche, "die beim Lesen – aller Scharfzüngigkeit und Pointensicherheit zum Trotz – manche Redundanz aufweist, klug auf 75 Minuten gestrafft und konsequent auf vier junge Schauspielerinnen verteilt. Denn beim Lesen deutet einiges darauf hin, dass aus der Anfangszwanzigerin durchaus eine Autorin mit der doppelten Lebenserfahrung und der potenzierten Trend- und Lifestyle-Idiosynkrasie spricht. Nübling steuert hier traumsicher dagegen." Die vier "Hochleistungs-Akteurinnen" bestätigen außerdem einen Eindruck, den bereits vorangegegangene Eröffnungsinszenierungen des neuen Gorki Theater bei ihr hinterließen: "Auf die neuen Gorki-Schauspieler/innen darf man sich sehr freuen!"

"Theatertreffen-verdächtig" findet Ute Büsing vom Inforadio des rbb (25.11.2013), wie die vier Darstellerinnen "wie Hochleistungssportlerinnen in gezielten Eskalationsstufen chorisch, körperlich, rhythmisch für 75 kurzweilige Minuten ein unglaublich sehenswertes Feuerwerk zum 'Projekt Ich' zünden".

"80 hinreißende Minuten" fasst Katrin Pauly in einer Kurzkritik für die Onlineausgabe der Welt (25.11.2013) zusammen. Sibylle Berg habe einen "bissig-atemlosen" Stream of consciousness für die Welt da draußen verfasst, und Sebastian Nübling "entwickelt daraus ein perfektes Koordinatensystem weiblichen Selbst-Bewusstseins".

Endlich mal eine wütende junge Frau, freut sich Mounia Meiborg von der Süddeutschen Zeitung (26.11.2013) über Sibylle Bergs Stück. Deren Protagonistin rechne ab "mit einer Welt, in der Hollywoodfilme zum Liebesideal geworden sind, Freunde zu Sozialkontakten und Shoppen zur Bürgerpflicht – was für ein großartiger Bühnenstoff!" Indem Nübling den Text über weite Strecken chorisch sprechen lasse, werde "der Aufschrei einer Einzelnen (...) zu einer Art Generationenmanifest - und zum Dauergag. Denn die Vervierfachung steigert die Intensität nicht. Im Gegenteil: Sie betont nur das Komische und Farcehafte." Manches wirke da "wie gut gemeintes, etwas didaktisches Jugendtheater". Dann wieder gebe es starke Bewegungsmomente, "so kraftvoll, brutal und verzweifelt wie der Text". Leider blieben diese wütenden jungen Frauen bei Nübling vor allem eines: "irgendwie ganz niedlich".

Mit seiner "überbordenden Girlpower" sowie "Gespür, Euphorie und flinken Beinen" überzeugt das Frauen-Quartett Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.11.2013). Sibylle Bergs Text erscheint der Kritikerin dagegen "etwas abgestanden". Er sei zwar "mit seinen gut aufgeschnappten Betrachtungen" teilweise "durchaus amüsant", verliere sich dann aber "immer wieder in rhetorischer Trivialität und plappernder Beliebigkeit". Oder mit einer Faustformel ausgedrückt: "Wo Elfriede Jelinek und René Pollesch, andere Experten für derlei Textflächen, eine Haltung haben, hat Sibylle Berg eben nur eine Unterhaltung."

In seinem Neustart-Porträt des Gorki (Gesamtfazit: ein "guter Anfang") für die Zeit (28.11.2013) findet Peter Kümmel, Sibylle Bergs Attacken auf allerlei Lifestyle-Diktate wirkten so, als wollte eine "Brigitte-Leserin ihrer Lieblingszeitschrift freche Antworten geben: Schminktipps, damit willst du mich abspeisen?!" Regisseur Nübling habe die Autorin "insofern durchschaut, als dieser Text natürlich nicht die Rollenrede einer namenlosen jungen Frau, sondern eine weitere Folge des Auflehnungsmonologs der immer jungen Frau Berg gegen den Verfall allen Fleisches ist." Nübling "inszeniert den Text, indem er ihn vier grandiosen jungen Darstellerinnen überlässt, die sich unter ihm winden", so Kümmel. "Herrliche Wuttänze" hat der Kritiker gesehen. Die Inszenierung wirke wie ein "Versuch über die Frage: Gibt es richtige moves im falschen Leben?"

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