"Wir wollten Blut und bekamen Liebe"

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 15. Juli 2014. Beim Abhören des Interviews mit Philipp Ruch, André Leipold und Cesy Leonard vom Zentrum für politische Schönheit fällt die Neigung aller Beteiligtem zu Slogans auf; kein Mangel an Überschrift-Material. Siehe oben, weitere Beispiele: "Kunst darf Menschenleben retten", "Besinnung auf Humanität ist die stärkste Waffe", "Wir reden von Welt verändern. Von der Korrektur der Welt".

Kein Zweifel, die Dame und die Herren sind Kommunikationsprofis – ein weiteres zu den vielen Labels, die ihnen in den vielen Zeitungsartikeln und Radio- und Fernsehbeiträgen, die sie seit ihrer Gründung vor fünf Jahren provoziert haben, aufgeklebt worden sind. Sie selbst nennen sich Theatermacher; wobei das Theater für sie ganz klar der Sphäre der Kunst angehört. Gar nicht mögen sie es, wenn sie als Aktivisten bezeichnet werden. "Das kommt aus diesem Missverständnis, dass man meint, die reale Politik dürfe nicht auch Kunst sein", erläutert André Leipold. "Schönes Beispiel: Der Kniefall von Willy Brandt." Leipold ist in der ständigen Besetzungsliste des Zentrums der Dramaturg. Sie wollten, so sagt er, den Kunstbegriff "nicht nur intern, sondern auch extern" erweitern. Extern, das bedeutet außerhalb der Welt, in der die Kunst sich selbst reflektiert.

Das Medienecho tönte laut

Und so ritten sie im Frühjahr 2009 auf großen schwarzen Pferden vor den Berliner Reichstag, um dort zehn programmatische Thesen zur politischen Schönheit anzuschlagen. "Schönheit und Hässlichkeit sind die beiden Pole, zwischen denen das Leben sich elementar abspielt", heißt es da, oder: "Menschen werden nicht nur von Ursachen, sondern auch von Zielen bewegt. Schönheit, Größe und Vollkommenheit sind Ziele." Sie meinen es "sehr ernst", sagt Philipp Ruch, der "künstlerische Leiter" oder auch "Regisseur" des Zentrums.zentrum fuer pol sch 2 560 ruben neugebauer u"Kindertransporthilfe des Bundes": Schön wär's! © Ruben neugebauer

Schönheit wäre für sie zum Beispiel, wenn die Bundesfamilienministerin beschließen würde, nach dem Vorbild der Kindertransporte nach Großbritannien in der Nazizeit 55.000 syrische Kinder in deutsche Pflegefamilien zu vermitteln. Also haben sie sich und der Öffentlichkeit im Mai 2014 kurzerhand solch eine Kampagne vorgestellt. So professionell gemacht ist die Webseite 1aus100.de, so perfekt imitiert sie ministeriale Präsentationen in Bild- und Sprachwahl, und so bekannt hatte sich das Zentrum durch seine kontinuierliche aktionskünstlerische und Presse-Arbeit in der Journalisten-Welt gemacht, dass die Aktion einschlug wie eine Bombe: Das Medienecho tönte derart laut, dass Ruch ins Kanzleramt geladen wurde. Er brachte zwei durch die Kindertransporte der 30er Jahre gerettete Holocaust-Überlebende als moralische Stützen mit, das in der tageszeitung abgedruckte Gespräch erfüllt vor allem die Funktion, die Ignoranz der Regierungsbeamten vorzuführen.

Manifest des Aggressiven Humanismus

War das nun eine erfolgreiche Aktion? Ist Erfolg überhaupt ein Kriterium? Beim sommermorgendlichen Kaffee in der Berliner Kastanienallee scheint es schon so, wenn die drei Zentrums-Mitglieder Ruch, Leipold und Leonard, einander ins Wort fallend, alle gleichzeitig davon schwärmen, wie sich sage und schreibe 700 Menschen bei ihnen gemeldet hätten, die ein syrisches Kind in ihren Haushalt aufnehmen wollten. "Wenn die Bundesregierung auf den Zug aufgesprungen wäre, hätten wir in einer Woche locker 55.000 Kinder vermitteln können", sagt Ruch. Der gewaltige Zuspruch hätte sie selber überrascht, sagt Leipold: "Wir wollten Blut und bekamen Liebe."zentrum fuer pol sch 3 560 ruben neugebauer uDurch Kindertransporte gerettete Holocaust-Überlebende im Kanzleramt.
In der Mitte: "Regisseur" Philipp Ruch © Ruben Neugebauer

Blut wollen sie im Geiste des "Aggressiven Humanismus", den Philipp Ruch in einem manifestartigen Aufsatz beschreibt. André Leipold fasst es so zusammen: "Aggressiver Humanismus heißt für mich, bezogen auf politische Entscheidungsträger Verantwortungsethik zu etablieren: Nicht gesinnungsethisch zu denken, sondern die eigenen moralischen Ansprüche unter Umständen in die Tonne zu treten, bereit zu sein zu meucheln, zu verraten, um dafür zu sorgen, dass Jugendliche nicht in den Krieg ziehen müssen."

Gezielte Naivität

Von Christoph Schlingensief, der in den vielen Artikeln, mit denen das Zentrum schon bedacht worden ist, immer wieder erwähnt wird und dessen Bild Ruchs Aufsatz über den Aggressiven Humanismus wie eine Galionsfigur eröffnet, distanzieren sie sich übrigens, sobald sein Name fällt. Klar, als Aktionskünstler sei Schlingensief schon eine zentrale Figur gewesen, sagt Ruch, aber künstlerisch sei er für ihn "bereits 2004 verstorben, als er dazu überging, Installationskunst und Opern zu machen." Neulich habe jemand zu ihm gesagt: Bei Schlingensief sei viel politische Naivität im Spiel gewesen, "und das ist bei euch nicht der Fall." Da fühle er sich verstanden. "Aber es ist sehr wichtig, naiv zu sein", wirft die "Chefin des Planungsstabs" Cesy Leonard ein. "Ja, aber gezielt naiv", zieht André Leipold den Schlussstrich unter den Schlingensief-Vergleich.

Verpflichten ihre hohen Ansprüche an (politische, wirtschaftliche) Entscheidungsträger sie nicht eigentlich dazu, sich selbst auf die Ebene der Entscheidungsträger zu begeben? Oder, anders gedacht: Wenn Politiker sich als Künstler verstehen sollen, könnten dann nicht Künstler, die sich ernsthaft in die Sphäre der Politik begäben, inspirierend wirken? Ja, man habe schon einmal über eine Parteigründung nachgedacht und man wolle das für die Zukunft nicht ausschließen, aber, sagt Philipp Ruch: "Solange wir nicht eine Idee haben, die besser ist als Schlingensiefs Chance 2000, tun wir das nicht. Es geht um einen Wettbewerb der Ideen." "Es riecht nach Aktivismus", schiebt André Leipold nach.

Die Katharsis des Waffenhändlers

Womit wir wieder bei den Labels wären – "Theatermacher" ist also ihr selbstgewähltes. "Wenn man Kindern sagt: 'Mach nicht so ein Theater!' Genau darum geht es politisch: so ein Theater zu machen", sagt Philipp Ruch. Wenn man ihre Aktionen im Gedankenexperiment als Theaterstücke versteht, enthüllen sie ein Theaterverständnis, das im Betrieb meistenorts als überkommen gelten dürfte. In den peniblen Dokumentationen in Wort und Bild auf der Webseite des Zentrums ist das nachzuvollziehen: Es gibt drei oder vier unter einem klassischen Spannungsbogen organisierte Akte. Das Ziel: Katharsis. Bei der Aktion "25.000 Euro Belohnung" geht gar eine der Hauptfiguren mit gutem Beispiel voran; Burkhart von Braunbehrens, einer der Waffenhändler, deren Namen das Zentrum öffentlich gemacht hatte, distanzierte sich öffentlich von seinem Unternehmen.zentrum fuer pol sch 1 560 patryk witt u"Wer hat Informationen, die zur Verurteilung dieser Menschen führen?"
Die Aktion "25.000 Euro Belohnung" © Patryk Witt

Die dramatis personae sind (vor allem durch Schuldzuweisungen) klar umrissen, die Interaktion mit dem Publikum – zum Beispiel die Telefonhotline der "Kindertransporthilfe des Bundes"-Aktion – ist (per Zentrums-Hoheit über die Präsentation der Ergebnisse) gesteuert, es geht dabei nicht ums gemeinsame Experiment. Ihre ästhetischen Entscheidungen resultieren aus pragmatischen Erwägungen – Cesy Leonard: "Wir wollen möglichst viele Menschen erreichen. Also wählen wir Bilder, die die Menschen kennen." Selbst die "Zielobjekte" schienen "oft Hochachtung vor dem zu haben, was wir da tun", ergänzt Philipp Ruch und fragt rhetorisch: "Hätten sie die, wenn wir mit einer Trash-Ästhetik an sie herantreten würden?"

Wo bleibt der Stadtschreiber der politischen Schönheit?

Der Text allerdings, und damit verleiht das Zentrum dem Begriff "postdramatisch" eine neue Bedeutung, entsteht erst durch die Aktion. Wie die Politiker oder Waffenhändler, die von ihnen an den Pranger gestellt werden, reagieren, das können sie nicht vorhersehen. Und auch, was die Journalisten schreiben, können sie nur indirekt steuern – die mediale Berichterstattung macht die Masse des Textes aus. Eigentlich würden sie aber einen embedded "Zentrums-Stadtschreiber" als Dokumentar bevorzugen, sagt Philipp Ruch. Und überhaupt: Mit der Idee, dass sie konservatives Theater machen, sind sie überaus glücklich. "Dann ist Aktionskunst endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen", freut sich Philipp Ruch.

Das augenscheinlichste Argument gegen ihre Behauptung, Theater zu machen, ist die fehlende Kopräsenz von Akteuren und Zuschauern. Diesem Argument halten sie ihren Begriff einer "Hyperrealität" entgegen: "Der Zuschauerraum ist aufgelöst. Es ist im Prinzip Theater, was über die Medien, auch Neue Medien, konsumierbar ist, und wo die Auseinandersetzung schon zuhause stattfinden kann", erklärt Ruch. Die Neuen Medien lösen allerdings keine Euphorie bei ihm aus: "Mit nur den klassischen Medien, die ja leider aussterben, hätten wir es zu Beginn leichter gehabt."

Die nächste Aktion ist immer die beste

Mittlerweile hat das Zentrum neben zig Artikeln in den "klassischen Medien" auf Facebook zehntausende "Follower" gewonnen –  vielleicht auch mithilfe der Verinnerlichung einer aufmerksamkeitsökonomischen Grundregel, die medienübergreifend gilt: "Wir haben eigentlich einmal geschworen, keine Aktionen zu Tierbabys oder Kindern zu machen. Damit mussten wir jetzt brechen. Ich brauche keine Kinder, um Mitmenschlichkeit für die Menschen in Syrien zu entwickeln. Die meisten hier aber offenbar schon", sagt Cesy Leonard (über die "Kindertransporthilfe des Bundes").

Der Aufmerksamkeitszuwachs bedeutet nicht, dass das Zentrum kein Problem mehr hat, an Geld zu kommen. Förderanträge werden in schöner Regelmäßigkeit abgelehnt. "Das erleben wir immer wieder", erklärt es sich Leonard, "dass die Leute unsere Aktionen gut finden, aber nicht wissen, wo sie sie – auch moralisch – einordnen sollen." Vorerst existiert die Organisation – Gruppe oder Kollektiv wollen sie ausdrücklich nicht genannt werden – unter der Bedingung, dass alle Beteiligten dazu bereit sind, sich selbst auszubeuten. Auch sonst ist man innerhalb der eigenen Mauern alles andere als gesellschaftsutopisch drauf: Schallendes Gelächter auf die Frage, ob sie sich als Demokratie verstünden. André Leipold: "Auf gar keinen Fall. Es stehen auch nicht 50 Leute im Raum, wenn man einen Song schreibt. So funktioniert Kunstproduktion einfach nicht."

Das Kernteam trifft sich regelmäßig und ist "immer dabei, eine noch bessere Aktion zu planen" (Ruch). Die Vorlaufzeit beträgt für jede Aktion mindestens ein halbes Jahr – "nicht weil wir bei unseren Treffen über die Abschaffung des Kapitalismus diskutieren" (Leipold), sondern weil man sich stets mit Akribie in das nächste Sujet hineinrecherchiere. Mit Abstand am wichtigsten sei ihnen das Feedback von Syrern und Holocaust-Überlebenden. "Weil wir als Gesellschaft von nichts so viel lernen können wie von deren Erfahrungen, Gedanken und Bedürfnissen", erklärt Philipp Ruch.

Anregungen für Anreger

Der Erfolg bringe es mit sich, dass sie andauernd Mails mit Themen-Anregungen bekämen. "Das ist eigentlich das Schlimmste", sagt Ruch. "Auf der Homepage müsste zuoberst stehen: Inhaltliche Mitarbeit wird zur Anzeige gebracht." Ideen seien nicht ihr Problem. Als sie das mal einem "Anreger" geantwortet hätten, habe der zurückgeschrieben: "Na, Ihr seid offenbar ein Ventil für den Fruststau von Vielen, zu denen ich mich auch zähle." Das Zentrum hat die Schotten mittlerweile dicht gemacht, Verstärkung holen sie sich nur noch gezielt für einzelne Aktionen.

Wie geht es weiter? Was sind – abgesehen von der Weiterarbeit an der Verbesserung der Welt – Ziele des Zentrums? "Ich sehe es so, dass wir uns als Institution etablieren, die an der Schnittstelle zwischen Politik und Medien operiert, das sind bisher unverrückbare Schnittstellen gewesen. Diese Zerfließung zwischen Realität und Fiktion konkret zu machen", sagt André Leipold. Er habe im Übrigen "das Gefühl, dass viele Theater danach lechzen, ihre Strukturen aufzubrechen". Auch Philipp Ruch zeigt sich potentiellem Werben aus dem Theaterbetrieb nicht abgeneigt, aber: "Auf gar keinen Fall soll man uns in die vier Wände reindrängen." Natürlich hätte man auch "eine Vorstellung davon, was in den heiligen Hallen möglich wäre." Aber grundsätzlich müsse der Schwerpunkt weiterhin darauf liegen, "wie wir das jetzt machen, dass man das Schild: 'Vorsicht, Theater!' abmontiert, dass man die Wände wegnimmt und dann den Raum bis zum Kanzleramt hin öffnet."

 

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