Die neue Dramatik: Gourmethäppchen für Feingeister?

von Wolfgang Behrens

Juli 2016. Die Frage nach der Relevanz des Theaters in heutiger Zeit hat uns schon in der Magazinrundschau Juni beschäftigt. Angesichts des "Rechtsdruckes" auf die Bühnen sagt nun Volker Lösch, das Theater könne und müsse sein Publikum "in einen Zustand der geistigen Beweglichkeit versetzen". Aber Obacht! Verabschiedet sich die neue Dramatik derweil von jeglicher "Möglichkeit einer gesellschaftlichen Wirkung"?

Die Themen: Mülheimer Dramatikerpreis: Der Moderator spricht | Mülheimer Dramatikerpreis: Der Kritiker spricht | Rechtsdruck auf die deutschen Bühnen | Volker Lösch über verunsichertes Publikum | Michael Merschmeier zum Tod von Moidele Bickel | Freie-Szene-Förderung

Kein Mitleidsbonus

20. Juli 2016. Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters Berlin, hat die Gründung eines Exil-Ensembles initiiert. Dem Projekt gehe es nicht um einen "um einen Mitleidbonus oder um paternalistische Gesten, sondern um Kunst", erklärt sie im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (20.7.2016): "Wir suchen professionelle und hochbegabte Schauspieler und Performer, die aus Konflikt- und Krisengebieten kommen oder politisch verfolgt sind."

"Sonst geht es gar nicht"

17. Juli 2016. "Hat Matthias Lilienthal einen Jahrmarkt aus einem der ehrwürdigsten Sprechtheater des Freistaats gemacht?", fragt Annette Walter in der tageszeitung zum Ende von Lilienthals erster Spielzeit an den Münchner Kammerspielen. Die Zahlen sprächen für ihn: "Ihm ist es nicht nur gelungen, die Auslastung der vorherigen Saison bei 75 Prozent zu halten, und das, wie er selbst im Gespräch äußert, 'bei einem starken ästhetischen und inhaltlichen Wechsel'." Er habe das Publikum verjüngt (der Anteil von Studierenden stieg von 15 auf 30 Prozent), dafür Teile der Bürgertums verloren.

Frank is not dead

17. Juli 2016. "In Castorfs Fußstapfen zu treten ist ein Himmelfahrtskommando. Das wollten wir vermeiden, deshalb erschien uns eine Nachfolge aus Franks künstlerischem Umfeld als die falsche Lösung", schreibt Berlins Staatssekretär für Kultur Tim Renner in einem Glückwunsch zu Frank Castorf 65. Geburtstag in der Berliner Morgenpost. "Also kein Fritsch, kein Pollesch", führt Renner weiter aus. "Nicht weil wir sie nicht lieben. Im Gegenteil, wir verehren sie und wollen sie vor dem Vergleich schützen. Die Wahl von Chris Dercon vermeidet jedoch den direkten Wettbewerb, weil die Volksbühne damit etwas Neues wagen soll."

"Wir dürfen nicht weinen"

13. Juli 2016.  In einem Interview von Alexander Menden für die Süddeutsche Zeitung spricht Simon Stephens, einer der produktivsten und erfolgreichsten Gegenwarts-Dramatiker Großbritanniens, ausführlich über den Brexit und den Rücktritt von David Cameron: "Ich habe mich nicht mehr so gefühlt, seit Margaret Thatcher Premierministerin war. Mein Blut geriet jedes Mal vor Wut in Wallung, wenn ich an Politik dachte."

 "Wir verklagen jetzt die Bundesregierung!"

13. Juli 2016. "Es ging einzig darum, sich des strafrechtlich relevanten Vorwurfes der Beihilfe zum mehrfachen Suizid schuldig zu machen," sagt ZPS-Frontmann Ruch im Gespräch mit Robert Klages über "Flüchtlinge Fressen". "Das Zentrum für Politische Schönheit wolle damit verdeutlichen, dass wir uns alle der Tausend-fachen Beihilfe zum Suizid schuldig machen, indem wir tatenlos dabei zusehen, wie unsere Politik Menschen dazu zwingt, über das Mittelmeer Richtung Europa zu flüchten. Der Europäischen Union, insbesondere aber der Bundesrepublik, wirft Ruch vor, mit der Genfer Flüchtlingskonvention zu brechen, weil sie einen Visumszwang für Kriegsflüchtlinge eingeführt hat: "Die meisten Journalisten fanden es nicht besonders aufregend, dass das deutsche Innenministerium bei Air Berlin die Bundespolizei vorbeischickt und die völkerrechtlich völlig unhaltbare Rechtsauffassung der Bundesregierung nachreicht, es gäbe keine legale Grundlage für den Transport von syrischen Kriegsflüchtlingen mehr." Dies sage einiges über unsere Abgestumpftheit gegenüber der "Flüchtlingsabwehrpolitik" der Bundesregierung aus.

Im Real-Erlebnispark

12. Juli 2016. In der Süddeutschen Zeitung fasst Peter Laudenbach den Polizeieinsatz bei einer Kunst-Aktion während des Berliner Festivals Foreign Affairs zusammen, um dann allgemein auf die "Reibung zwischen Kunst und Wirklichkeit" zu sprechen zu kommen: Die kleine Referenzrahmenverschiebung sichere noch dem banalsten Vorgang erhöhte Aufmerksamkeit. "Weil das so prächtig funktioniert, ist die systematische Entgrenzung der Kunst und das Verwischen der Differenzen zwischen ästhetischem Spiel und sozialer Praxis, Kunstraum und öffentlichem Raum, Bühne und Flüchtlingscafe zur inflationär benutzten Strategie geworden, mit der sich auch billige Einfälle mit der Zuverlässigkeit eines pawlowschen Reflexes gegen die wertvollste Ressource des Kunstbetriebs eintauschen lassen: Aufmerksamkeit."

Gefahr durch Stärkung

Stefan Keim nimmt in der Welt (Zugriff 11.7.2016) den Hagener Protestmarsch gegen die bevorstehenden Kürzungen im Theateretat zum Anlass, auf die Lage der Bühnen in Nordrhein-Westfalen zu blicken. Denn nicht nur Hagen sei von Kürzungen bedroht: "die Sparrunden in den Etats der Städte in NRW erreichen eine neue Dimension." Der Hagener sei nur insofern besonders dramatisch, als dass die Stadtverwaltung dort "besonders innovative Pleiten hingelegt hat. Da hat man zum Beispiel mit Derivaten (Zinswetten) gezockt, um die Schulden in den Griff zu bekommen – und 39 Millionen Euro verloren."

Neodramatisches Theater in Avignon

8. Juli 2016. Das 70. Festival d'Avignon eröffnete Mitte dieser Woche, und zwar ziemlich spektakulär, mit der besten Eröffnungspremiere seit langem. Es könnte ein guter Jahrgang werden, sind sich die Berichte in der Süddeutschen Zeitung und in der Welt einig.