There will be blood

von Cornelia Fiedler und Michael Stadler

München, 19. Januar 2017. Münchner Kammerspiele, William Shakespeares "Hamlet", Regie: Christopher Rüping. Der Kritiker-Chat, powered by Skype:

MS: Also, blutleer war diese Inszenierung von "Hamlet" sicherlich nicht.

CF: Ne, 240 Liter laut SZ-Vorbericht. Da stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität ...

MS: Es wird in "Hamlet" eben ein Blutbad angerichtet.

CF: Naja, die drei Schauspieler*innen übergießen am Anfang vor allem den Bühnenboden aus Metallgittern mit Blut, was nicht besonders effektiv ist. Das Blut versickert ja. Gespielt wird also über einem See aus Blut, den man nicht sieht, von dem man aber weiß. Ist das die Metapher?

Die Hölle, das sind die Erinnerungen

von Claude Bühler

Basel, 19. Januar 2017. Wer glaubt denn noch an die Hölle? Aber es gibt sie ja vielleicht doch? Unbezweifelbar ist, dass von der Hölle, dem "Inferno", noch immer die größte Anziehung in Dantes Gedicht-Monument "Die göttliche Komödie" ausgeht – auch der geschilderten Entsetzlichkeiten wegen, die der Renaissance-Dichter wie eine ewige Tatsache vor unser geistiges Auge stellt. Erzählt wird in der "Divina Commedia", wie Dante "in der Lebensmitte vom rechten Wege" abkam und vom antiken Dichterfürsten Vergil durch die Höllenkreise geführt wurde, um später via Läuterungsberg ("Purgatorio") ins Paradies ("Paradiso") zu gelangen.

Peers Pas de Deux

von Friederike Felbeck

Mülheim an der Ruhr, 19. Januar 2017. Es gehört zu den Geheimrezepten des Mülheimer Theaters an der Ruhr, sich mit einem Stück so zu verabreden, als müsse man etwas endgültig klären. Dabei sind es oft Paraphrasen oder "nur" ein einzelner Akt von fünfen, den man dazu benötigt. Es werden Figuren verworfen oder miteinander vereint, Stücke eines oder verschiedener Autoren zu einem neuen verknüpft, voluminöse Textkörper durch einen Trichtertunnel geschickt, um am Ende eine Fassung ganz ohne Schnickschnack, ohne Schlenker zu gewinnen. Es bleibt nur das Wesentliche, der Kern.

Not Born in the USA

von Jan Fischer

Hannover, 19. Januar 2017. Es ist guter Brauch, eine Theaterkritik mit einer Szene zu beginnen. Einer, die im Idealfall über sich hinausweist, komprimiert etwas über die ganze Inszenierung erzählt. Das ist im Fall von Kafkas "Amerika", inszeniert von Claudia Bauer am Staatsschauspiel Hannover, schwierig: Man könnte jede Szene erzählen, die zum Beispiel, in der der Einwanderer Karl Roßmann anfangs verloren zwischen Bodennebel und roten Vorhängen steht, chorisch seine eigene Geschichte erzählt bekommt und dann seinen Schirm suchen geht. Oder die, in der sein gerade gefundener Weggefährte Robinson die versammelte Belegschaft eines Hotels vollkotzt, in dem Roßmann Arbeit als Liftboy gefunden hat, was wiederum zu seiner Kündigung führt. Oder die, in der Karls Onkel und seine Freunde Mr. Pollunder und Mr. Green – allesamt in hohen gesellschaftlichen Stellungen – Karl mit kieferorthopädischen Lippenspreizern im Mund anlächeln. Oder. Oder. Aber in Claudia Bauers Inszenierung gehört alles – auf eine assoziative, nicht ganz greifbare Art – zusammen, formt sich erst in der Masse zu einem Klumpen Hyperrealität, der sich kaum aufbrechen lässt.

Michael Thalheimer möchte nicht, dass wir lachen

von Michael Wolf

Berlin, 18. Januar 2017. Sagt ein Theaterbesucher zum anderen: "Also, lustig war das ja nicht." Sagt der andere: "Aber klar, stand doch Komödie dran." So belauscht nach der Premiere von Molières "Der eingebildete Kranke" an der Berliner Schaubühne.

Im Herzen von Roulettenburg

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 16. Januar 2017. So wie Schiller ohne den Geruch faulender Äpfel nicht gut dichten konnte, umgibt sich Dostojewski gern mit Orangen. Zumindest im Wiesbadener Kurhaus, genauer gesagt im prachtvollen Salon Ferdinand Hey'l. Nur ein paar Roulettetisch-Längen entfernt lauert die Spielbank Wiesbaden. Ein Ort, der in zweifacher Hinsicht Literaturgeschichte geschrieben hat: Weil Dostojewski dort Geld verprasste und weil große Teile seines 1867 erschienenen Romans "Der Spieler" dort angesiedelt sind. Im Buch freilich ist nur von Roulettenburg die Rede.

Was das Netz mit uns macht

von Alexander Jürgs

Mannheim, 15. Januar 2017. Was für eine kranke Idee. Aber besonders abwegig oder gar undenkbar erscheint sie einem dann doch nicht. Da ist ein Elternpaar, das heimlich Filme davon dreht, wie es seine Tochter – Martina, sieben Jahre alt, Pferdeschwanz und niedliche Kleidchen tragend – zurechtweist, mit Vorwürfen überhäuft und belehrt. Die Videos davon stellen die beiden ins Netz, damit verdienen sie ihr Geld. Und die, die diese Filme konsumieren, dürfen auch noch Wünsche äußern, dürfen Situationen bestellen, die das Paar dann an der Tochter durchexerziert. "Scripted reality", inszenierter Familienkrach, der möglichst "natural" rüberkommen soll. Schöne kaputte Facebook-Welt.

Woran die Frau zu tragen hat

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Januar 2017. "Alles muss raus" – nicht bloß die Ware aus dem Outlet-Store. Auch der gesammelte Widerwillen wird ausgekehrt. Elfriede Jelineks Auftragswerk für Wilfried Schulz’ Schauspielhaus mit dem verspreizten Titel "Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" schmiegt sich mehr als nur vage ihrem Münchner Maximilianstraße-Stück an und spielt mit dem Image von Düsseldorf: nicht Kunstakademie, sondern Königsallee. Politur der Oberfläche. Kleidung als "Beschriftung" des Körpers fördert den Kult um ihn. Ähnlich wie in Jelineks "Sportstück" dient die Mode als Metapher für etwas, das mit Gewalt ins Leben eingreift. Sie "ist das Vergangene, das immer neu als Zukunft verkauft werden muß" – und den Wunsch nach Unsterblichkeit ausdrückt. Die Kränkung aber gehört zum Kauf, weil das erworbene Objekt nie erfüllt, was es dem Subjekt suggeriert. Die Frau (der Mann wohl auch) folgt, lustvoll ergeben oder aufbegehrend, dem Schönheitsdiktat.

Die Veranlagung zum Sterben

von Stefan Keim

Bielefeld, 14. Januar 2017. Lange kannten nur Eingeweihte die 1943 in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon. Das hat sich seit 2014 geändert. Da veröffentlichte David Foenkinos seinen Roman "Charlotte", bei den Salzburger Festspielen wurde Marc-André Dalbavies Oper von Luc Bondy uraufgeführt, 2015 folgten ein Ballett von Bridget Breiner im Musiktheater Gelsenkirchen, außerdem einige Ausstellungen. Das kurze Leben Charlotte Salomons – sie starb mit 26 Jahren – ist ein außergewöhnlich berührendes Künstlerinnenschicksal, das über die eigene Biographie hinaus weist. Weil es darum geht, in der Kunst Rettung zu finden.

Gott hat keine Brüste

von Stefan Schmidt

Hamburg, 14. Januar 2017. Der weißhaarige Mann kennt sich für sein Alter ziemlich gut im Netz aus: Auf muslimlove.com gibt er sich als seine älteste Tochter aus, um die manchmal etwas verhärmt wirkende Zarina endlich an den passenden (gläubigen) Mann zu bringen. Arrangierte Ehe 2.0. Also: Rückschritt im Fortschritt? Eine der Ungeheuerlichkeiten in dem Theatertext "The Who and the What" von Ayad Akhtar besteht darin, dass diese Anmaßung des Vaters tatsächlich zum erhofften Erfolg führt. Allerdings nicht so, wie sich der alte Mann das vorstellt.

Dieses lange, graue Leben

von Valeria Heintges

Zürich, 14. Januar 2017. Siggi Schwientek steht da, hängende Schultern, große traurige Augen, Tränensäcke, graue Hosen, graue Haare. Ein Pullover mit Blumen, wenig grün, viel grau, natürlich. Farblos in der Farbigkeit. In einer Hand schlenkert der Revolver, in der anderen die Wodkaflasche. Zweimal Rettung, zweimal Untergang. "Onkel Wanja" von Karin Henkel am Pfauen des Zürcher Schauspielhauses beginnt mit dem Ende – und doch nicht: Wanja hat einen misslungenen Tötungsversuch hinter sich. Er wollte die Waffe gegen sich selbst richten, sich umbringen, endlich. Noch vielleicht 13 Jahre zu leben, das ist ihm viel zu lang. "Man muss nun mal leben, auch wenn man es gar nicht will", sagt Sonja zu ihm, am Anfang statt am Ende. Der Grundton ist gesetzt.

This is not America

von Esther Slevogt

Berlin, 14. Januar 2017. Der Stoff trifft ins Herz der Zeit und der Abend fängt auch erst mal gut an: Per Videoprojektion sieht man über der Szene einen Mann, dem von einem Maskenbildner gerade wüste Verletzungen ins Gesicht geschminkt werden, während er in feinst artikulierender Schauspielerdiktion schildert, wie er fast totgeschlagen wird. Auf der Bühne eine trashige Westernstadt, Marke Themenfreizeitpark für Cowboy-Stuntshows. Mit ein paar Licht-, Musik- und Videoeffekten lassen sich hier wunderbare Atmosphären erzeugen. Es gibt Westerntanzeinlagen, rauchende Colts und markige Typen, wie den verkommenen Sheriff, dem Volkan Türeli eine gute Portion Neuköllner Ghettocharme mitgibt. Den versoffenen Journalisten Henry Locke, den Tim Porath zum Helden der Pressefreiheit aufblühen lässt. Oder Yousef Sweid, der es als Bösewicht mit dem doppeldeutigen Namen Liberty Valance im langen Mantel locker mit bekannten Italowesternhelden aufnehmen kann.

Herzzeit im Big Apple

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 14. Januar 2017. Der lange, intensive Kuss zweier Unbekannter, die auf dem Bahnsteig wie Magnete aneinander gezogen werden: schäumende Hollywood-Seife, würde sich darum nicht ein tendenziell beängstigendes Wortspiel um das Getrennt-Sein, ein Drama um das Die-Welt-um-sich-Vergessen abspielen.

Immerhin Wille zur Wahrheit

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 13. Januar 2017. Die Familie ist der wahre Hort des Postfaktischen: Dort wuchern die falschen Annahmen wie Efeu, verdrehen sich Tatsachen unter der Hand und kommen immer neue Lügen auf den Küchentisch. Ein US-Wahlkampf ist ein Klacks dagegen. So viel zur Frage, wie relevant ein Stück wie "Eine Familie" ist.

Im Reich des Edelsachsen

von Wolfgang Behrens

Dresden, 13. Januar 2017. Man kann den Herausgebern von "Karl May’s Gesammelten Werken" (der Apostroph steht da wirklich!) beileibe nicht viel Gutes nachsagen – dazu haben sie dann doch ein paarmal zu häufig verfälschend in die Texte eingegriffen. Doch als sie Band 34 der Ausgabe, der unter anderem Karl Mays Autobiographie enthält, "'ICH'" betitelten und das "ICH" dabei in Anführungszeichen setzten, da hatten sie einen lichten Moment. Denn das "Ich" Karl Mays war in der Tat ein uneigentliches, ein höchst schwankendes und immer ein anderes, ein präpostmodernes Sammelsurium gewissermaßen.

Die Lanzen tanzen

von Tim Slagman

München, 13. Januar 2017. Wie Pferde dampfen sie, diese Männer, die einen Kreis bilden aus blutverschmierten Leibern. So sehen die Gewinner der Schlacht aus. Bald werden sie sich ungelenk ihre Sakkos überstreifen, einen dünnen Hauch von Zivilisation anlegen, die Lüge, sie lebten in einer vermittelten, verwalteten, strukturierten, ja irgendwie in Ordnung befindlichen Welt. Doch das Blut klebt ihnen noch in Gesicht und Haaren, es mag eine vage Erinnerung wachrufen an Jürgen Goschs geradezu legendäre, blutige "Macbeth"-Variante in Düsseldorf, so wie sich hier viele Referenzen finden – die Hexen könnten sich ihr wallendes, gesichtsverdeckendes weißes Haar beim fernöstlichen Geisterfilm geborgt haben, zum Beispiel. Doch Andreas Kriegenburgs Shakespeare-Inszenierung am Münchner Residenztheater steht insgesamt nicht im Zeichen des Zitatenspiels, sondern hier geht es um Reduktion: Kriegenburg zeigt einen Mikrokosmos kargster Ausstattung, getaucht in rot und schwarz, unmittelbar gewaltvoll, auch erotisch und sicherlich ganz und gar nicht in Ordnung, sondern immer schon gekippt.

Erhöre unseren Antrag

von Eva Biringer

Wien, 13. Januar 2017. Das Prekariat hat gute Laune. Beim Betreten des Zuschauerraums loopt einem Discopop entgegen, Girlanden blinken im Takt. Die möglicherweise klischeehafte Annahme, junge Menschen gingen Freitag abends lieber trinken als ins Theater, ist mit dem Publikum des Schauspielhauses widerlegt. Liegt vielleicht auch am Stück. Dabei ließ dessen Titel "Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt", Schlimmes ahnen, zum Beispiel Hashtag Meta Anführungsstriche Theater.

Die Welt und die Wahrheit, die Kunst und die Wahrheit

von Matthias Schmidt

Jena, 13. Januar 2017. Ein Projekt war angezeigt. Mit hohen Ambitionen. Von gesellschaftlicher Relevanz. Philosophisch tiefgehend. Auf der Suche nach der Utopie, der wahren Alternative, der linken, selbstredend. Ein intellektuelles Aufbäumen gegen die, die plump vorgeben, eine zu sein.

Anrufung der großen Liebesmüh

von Tim Schomacker

Bremen, 13. Januar 2017. Kaum hat der Abend begonnen, ist die Luft auch schon wieder raus. Ein Bild wie das allererste kriegt die regelmäßig in Bremen arbeitende niederländische Regisseurin Alize Zandwijk in zwei Stunden Erzählen, Sagen und Zeigen nicht noch einmal hin. Diesmal. Dieses erste Bild geht so: In einen Reinemachkittel gekleidet, geht Nadine Geyersbach an der blaugrün gemaserten Bühnenwand entlang. An einer goldglänzenden Einbuchtung bleibt sie stehen. Irgendwie tastend. Sie legt ihre Brille auf eine Stufe. Sie nimmt eine große Pappe. Und wedelt mit einer knappen Bewegung alle zwei, drei Dutzend Kerzen aus, die in der Nische auf einem Gestell stehen. Diese unvermittelte Eigenartigkeit holt "Golden Heart" nicht wieder ein.

Wir müssen frei sein

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 12. Januar 2017. "Ja, war ganz nett" – "Ein seltsames Stück" – "Ich fand's interessant!" – "Hm". So kommen die fünf Schauspieler*innen in ein typisches "Nach dem Theater"-Gestammel, als sie ihre Marionetten von den "Zuschauersesseln" erhoben haben. Die Miniatur-Puppen-Sessel waren auf der Bühne des HAU 1 aufgebaut als nullte vor der ersten Zuschauerreihe.