Gott und die Verdauung

von Thomas Rothschild

Tübingen, 25. Februar 2017. Während auf der Bühne von dem Vorfall in Nizza am französischen Nationalfeiertag des vergangenen Jahres die Rede war, wurde bekannt, dass ein 73jähriger in Heidelberg gestorben ist, nachdem jemand mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren war. Näher an der Realität kann Theater nicht sein. Freuen kann man sich darüber nicht. Aber Vorsicht: nach dem Stand der Dinge gibt es keinen Hinweis auf religiösen Fanatismus oder auf einen terroristischen Hintergrund für den Heidelberger Vorfall.

Das Bataillon der Kanarienvögel

von Stefan Schmidt

Hamburg, 25. Februar 2017. René Polleschs Theater überfordert sowieso alle. Insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis mal jemand laut und deutlich sagt: "Ich kann nicht mehr!" In der neuesten Pollesch-Produktion am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ist dieser Ausruf der Verzweiflung jetzt zum Titel geworden. Bevor aber jemand argwöhnt, der Postdramatiker selbst kapituliere angesichts einer Welt, die plötzlich wieder einfache Geschichten von Gut und Böse zu erzählen scheint, sei klar gestellt: Pollesch kann sehr wohl noch. Er dreht sogar wieder richtig auf. "The show must go on!"

Verzweifeln, verstummen, verschwinden

von Valeria Heintges

Zürich, 25. Februar 2017. Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner war in seinen sieben Romanen, von "Zündels Abgang" 1984 bis zu "Am Hang" 2004, der "Typologe der anarchisch-wilden Aussenseiter" (NZZ). "Zündels Abgang" wird in der kleinen Kammer des Zürcher Pfauen in einer Dramenfassung wiedergeboren; es beschreibt das bittere Scheitern eines Lehrers an der Wirklichkeit, sein Ausgleiten auf den Glätten des Schicksals und den brutalen Worthülsen des Lebens.

Die Ehe, Gott, die Frau an sich

von Maximilian Pahl

Basel, 25. Februar 2017. Gott ist ein Spanner. Er ist türkis. Und er zerlegt mit einem Messer – frei einem vedischen Mantra folgend – den Menschen in drei Teile. So lautet es bei der hochgeschätzten Dramatikerin Anja Hilling, die sich zum zweiten mal den französischen Bühnendichter Paul Claudel vornimmt. Sein Stück "Mittagswende. Stunde der Spurlosen" aus dem Jahr 1905 basiert auf Reiseerlebnissen und verbrachte das erste Drittel des 20. Jahrhunderts in der Schublade. Nun hat es Hilling also für das Theater Basel umgeschrieben. Nicht etwa, um den Text des katholischen Diplomaten Claudel zu verweltlichen und scheinbar auch nicht, um ihn dadurch vermittelbarer zu machen.

Die Luft, sie ist vergiftet (oder: Die Jugend ist wütend)

von Henryk Goldberg

Weimar, 26. Februar 2017. Doch, hier muss was faul sein im Staate. Mindestens die Luft ist vergiftet. Die Männer, die hier die Wache haben, tragen rote Overalls, schließlich, Dänemark ist ein Gefängnis und sie schützen sich mit Gasmasken. Das macht, was sie sagen, dumpf und schwer verständlich, aber was sind unverstandene Worte, wenn die Welt im Ganzen nicht verständlich ist. Einer der Männer schält einen anderen aus dem roten Anzug, der ist sehr blond und eine Frau. Der mit dem Muskel-Shirt spricht schnell und glatt, wir werden ihn nicht mögen. Die blonde Frau nimmt einem anderen die Maske ab. Der ist darunter weiß geschminkt, seine Hose ist zur einen Hälfte, an einem Bein, ganz weiß. Der Mann hat etwas von einem Harlekin, nur, dass er nicht lustig ist. Sein Name ist Hamlet.

Vor uns die Sintflut

von Gabi Hift

Berlin, 25. Februar 2017. Der letzte Tanz auf den schwankenden Brettern der versinkenden Ku‘dammtheater hätte es werden können: "Alles muss glänzen", eine verzweifelten Komödie über die hereinbrechende Sintflut. Nur das Beste war dafür gut genug. Der Untergang des Theaters wurde dann auf den letzten Drücker abgewendet, der Untergang der Welt blieb aktuell, das Beste vom Besten war noch nötig. Der beste Star: Maria Furtwängler, die schönste, kühlste, geliebteste Tatortkommissarin, Bonus: bekennende Feministin.

Draußen tobt die Hölle

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. Februar 2017. "Du musst anständig werden!" Kufait kommt aus dem Gefängnis, er hatte Geld unterschlagen, ein Fehltritt. Aber noch einmal auf die schiefe Bahn will er nicht geraten. Besonders hoch sind seine Ansprüche an die Zukunft auch nicht. "Man hat sein Zimmer, sitzt warm durch den Winter, vielleicht mal Kino", das muss doch machbar sein. Hauptsache aber: anständig werden.

Nicht totzukriegen

von Frauke Adrians

Berlin, 24. Februar 2017. Nicht mal das mit dem Sterben kriegen sie hin. Die Trauergemeinde aus Müttern und Töchtern, Söhnen und zweifelhaften Vätern in ihren schweren schwarzen Gründerzeit-Kostümen klatscht sich erleichtert die Friedhofserde von den Händen, denn der verlorene Sohn ist auferstanden, wenn auch bloß als Gespenst. Lachen und klatschen, und dann kann alles wieder von vorn beginnen, in alle Ewigkeit.

Nach Art der Litfaßsäule

von Christian Rakow

Dresden, 24. Februar 2017. Der Live-Musiker, der meistbeschäftigte Mann an diesem Abend, hat wirklich immer noch einen auf Lager: Wenn sich ein Liebespärchen zum letzten Mal in die Arme fliegt, orgelt er George Michaels "Careless Whisper (never gonna dance again)"; wenn Edmond Dantés als Steuermann auftrumpft, rauscht die "A-Team"-Titelmelodie rein; und wenn's bloß mal so dramatisch werden soll, gibt es Wagners "Walkürenritt". Es fühlt sich an wie bei einem Animateur auf einer landesüblichen Silberhochzeitsfeier: Die größten Hits der 80er und 90er und das Beste von vorgestern. Bis der Morgen graut.

Knallfrösche statt Sprengköpfe

von Christian Rakow

Hannover, 23. Februar 2017. "Für eine Idee sterben, das ist die einzige Möglichkeit, dieser Idee würdig zu sein." Zackkkk. "Revolutionär ist nur die Bombe." Wummmm. So hämmert es in Albert Camus' Terroristendrama "Die Gerechten". Standpauken für Standpunkte, Amboss-Schläge der Argumente.

Von den blauen Bergen kommen wir

von Claude Bühler

Basel, 23. Februar 2017. "Stefan"-Rufe, rhythmisches Klatschen, Jubelgejohle, Pfiffe: So begrüßte Basel den einstigen Schauspielspieldirektor Stefan Bachmann, der nach 14 Jahren erstmals wieder am Haus inszenierte. Hatte er damals mit frechem "Unterhosen"-Theater das Publikum gespalten, so kehrte er dieses Mal zurück, so scheint es, es wieder zu einen. Die Freunde leichtfüßig dargebrachter Pop-Bühnenkunst befriedigte er zum mindesten, aber auch Schiller-Puritaner werden bekennen müssen, dass die Kraft des Dichterworts – man muss es so sagen – das überwältigende Erlebnis der zweistündigen Aufführung bildet.

Die Möglichkeit eines Happy Ends

von Jan Fischer

Göttingen, 24. Februar 2017. Eurydike, die Demagogin, tritt in den Raum, den kleinen Saal des Deutschen Theaters Göttingen. Sie hat ihre Familie im Schlepptau, Kreon, Haimon und die anderen Kinder. Sie wühlen sich durch das noch stehende Publikum, lächeln, schütteln Hände. Dann betritt Eurydike in ihrem wollenen Machtmenschenköstum das Rednerpult, die Familie ist fotogen um sie herum drapiert. In einer flammenden Rede verkündet sie ihre Executive Order: Polyneikes soll nicht bestattet werden. Man klatscht. Antigone und ihre Schwester verlassen wutentbrannt den Saal. Es werden Häppchen und Getränke gereicht.

Die Hölle ist ein Auftragswerk

von Petra Nachbaur

Bregenz, 23. Februar 2017. "Eine Stadt ist eine heilige Schrift." Zur Untermauerung dieser Ansage dient den zwei schrulligen Damen, die den Ahnungslosen in Rafael Spregelburds Inferno heimsuchen, eine Tablet-Pantomime. Mit der digitalen Straßenkarte zoomen sie Santiago de Chile heran: "San Pablo, San Bernardo, Santo Domingo, Santa-Lucía, Avenida Salvador, Seminario, Santa Rosa, Compañía de Jesús, Providencia, Universidad Católica".

Für später, wenn du tot bist

von Leopold Lippert

Wien, 19. Februar 2017. "Trisomie heißt eins zuviel", erklärt der Arzt den Eltern, und im konkreten Fall heißt es auch: ein Jahr, das dem Neugeborenen gegeben ist. Ein Jahr Leben, nicht mehr. Das ist die melancholische Ausgangsituation in Wolfram Hölls "Drei sind wir", für das der Autor den Mülheimer Dramatikerpreis 2016 gewann. Ein Jahr vorgezogene Trauerarbeit, ein Jahr, in dem der Tod ein steter Begleiter ist. Eine herzzerreißende Mär, in der Höll versucht, die Sprachlosigkeit der Eltern in Worte zu fassen, oder in Wortschleifen zu umkreisen. Als die Eltern beschließen, das Jahr in Kanada zu verbringen, sagen sie: "Wir setzen über. Wir übersetzen ihn. Wir üben ersetzen ihn."

Schicksal eines Rasenden

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 18. Februar 2017. Es wirkt zunächst, als bräuchte es nicht viel, um das unauflösbare juristische und moralische Dilemma des Michael Kohlhaas auf eine Bühne zu bringen: ein paar graue Stühle, 289 streng zum Quadrat gestellte Tische, eine Leinwand aus Papier. Ab wann darf man zur Selbstjustiz greifen, wenn das eigene Recht missachtet wird? Macht man sich gar zum Mitläufer eines korrupten Systems, wenn man es nicht tut? Ist Kohlhaas' maßloses Aufbegehren gegen die Obrigkeit nicht auch ein gerechter Aufstand, ohne den es Veränderungen auf der Welt nie gegeben hätte? Oder ist Kohlhaas ein Fundamentalist, der um jeden blutigen Preis, auch den des eigenen Lebens, im Namen einer unverhältnismäßigen Sache Amok läuft?

Entschleunigung im U-Bahn-Netz

von Petra Hallmayer

München, 18. Februar 2017. Die Geister geben keine Ruhe. Auf einem nächtlichen U-Bahnhof begegnen die Lebenden den Toten, die von Schuldgefühlen oder einer unvollendeten Aufgabe gepeinigt nach Erlösung suchen.

Fressen für die Geier

von Sascha Westphal

Moers, 18. Februar 2017. Dieses Stück ist eine Zumutung, auch für den Leser und Theatergänger, aber vor allem für die Theatermacher, die sich ihm zuwenden. Auf der einen Seite greift der US-amerikanische Autor Michael Yates Crowley ganz tief in die Kiste, in der die abgeschmacktesten Klischees über Hedgefonds-Manager und die moderne Arbeitswelt gelagert werden. So ziert das Firmenlogo der Beteiligungsgesellschaft "CarryOn Partner" die Silhouette eines Geiers. Wer wüsste schließlich nicht, dass Firmen dieser Art sich gierig über finanziell angeschlagene Unternehmen hermachen und sie genüsslich zerpflücken.

Auf dem Albtraum-Dampfer

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. Februar 2017. Das Dienstmädchen breitet seine Arme aus, schaut verträumt in die Ferne, hinter ihr baumelt ein Rettungsboot der SS Titanic. Aber es erschallt ein Nebelhorn und nicht Celine Dion. Nicht Leonardo di Caprio hält sie in den Armen, sondern ein kaputter Trinker. Und die dunkle Schiffswand ist "nur" ein Symbol für Ausweglosigkeit: Am Ende "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist die Familie Tyrone ertrunken im Meer ihrer Traumata.

Soapcast auf Speed

von Michael Wolf

Berlin, 17. Februar 2017. Die Erwartungen waren hoch. Regisseur Ersan Mondtag ist so etwas wie ein Shootingstar. Gerade dreißig Jahre alt, wurde er just bereits zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Nur ein Hype, sagen einige, Feuilleton-Liebling, sagen andere. Mit seiner ersten großen Inszenierung auf dem harten Theatermarkt Berlin hatte er die Chance, es seinen Kritikern zu zeigen. Und zumindest dieser Kritiker hier hätte es sich auch gerne zeigen lassen. Was er dann aber sah, war kein Durchbruch, eher Fraktur. Zugezogen bei einer überambitioniert ausgeführten Fingerübung.

Zum Nachtisch Kindsragout

von Andreas Wilink

Oberhausen, 17. Februar 2017. Wie umgehen mit dem Skandal, der diese Frau ist? Mit dem Ungeheuerlichen ihrer Tat, eines Racheaktes, mit dem sie sich ins eigene Fleisch schneidet. Gibt es eine Rangfolge des Monströsen, angesichts dessen Götter und Menschen sich voll des Grauens abwenden – Muttermord (Orest), Vatermord (Ödipus), Brudermord (Eteokles und Polyneikes), Kindesmord (Medea)? Die individuelle Verkörperung mythischen Verhängnisses sträubt sich gegen historisches, politisches, soziales, psychologisches oder gendertheoretisches Instrumentarium, um das Unsagbare kommunikativ zu integrieren.