Ein Mann für alle Räume

von Sabine Leucht

München, 13. Juli 2015. So viele vergangene Welten! Via Bildschirm sieht man Helmut Griem als Faust und die großen Sprechtheater-Dioskuren Thomas Holtzmann und Rolf Boysen als Gloucester und Lear wundersam verjüngt von den Toten auferstehen. Aus der bis aufs letzte Knöpfchen präzisen Handwerklichkeit der Kostüme spricht eine Sorgfalt, die immer schon ihresgleichen suchte. Und aus den Zeichnungen und Gemälden, die Jürgen Rose als Vor-Studien für seine unzähligen Kostüm- und Bühnenbilder entworfen hat, springt einen ein gutes Jahrhundert Kunstgeschichte an. Mal zart aquarelliert, mal schroff und holzschnittartig hingeworfen, dann wieder wie eine Klimt- oder Degas-Kopie, in ihrer Bildkomposition aber stets gleichermaßen perfekt: Selbst der lockerste Strich immer und exakt an der richtigen Stelle.

Tetralogie der Sommerfrische

von Thomas Rothschild

Reichenau, Juli 2015. Es ist nicht frei von Ironie. Da wurden 1988 die Festspiele Reichenau gegründet, als traditionalistische Reaktion auf Claus Peymann, der zwei Jahre zuvor die Direktion des Burgtheaters übernommen hatte, und auf das, was man irreführend Regietheater nannte. Inzwischen gilt Peymann selbst vielen geradezu als der Inbegriff des Altmodischen, und sein engster Mitarbeiter Hermann Beil hat sich als Dauergast in Reichenau etabliert.

In den Dunkelkammern der praktischen Philosophie

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 7. Juli 2015. Tino Sehgal hat mich auf einen Orbit geschickt, auf dem ich weiterkreise, nachdem seine Performance "This Progress" zuende ist. Und ich merke es erst, als ich mich auf dem Fasanenplatz neben dem Haus der Festspiele auf eine Bank setze, um den Pärchen zu lauschen, die an mir vorbeiflanieren, ins Gespräch vertieft. Pärchen, die in der gleichen Dialogperformance spazieren, in der ich noch wenige Minuten zuvor lief. Wie weit sind sie im Vergleich zu mir und meinen Gesprächspartnern gekommen auf den 200 Metern, die sie vom Anfangspunkt im Haus der Festspiele zurückgelegt haben, wie viel hat ihr Gespräch noch mit der Anfangsfrage zu tun: "Was ist Fortschritt?"

Taking Time

von Tim Etchells

22. Juni 2015. Working with Forced Entertainment in the early '90s we were preparing for a theatre performance with the title "Emanuelle Enchanted". As was often the case for us then, the piece was made from more-or-less discrete sections, each involving text and action, governed and guided by a particular rule-system or structure. Based in games, explorations, and an inventive energetic playing-through of limits, the sprawling improvisations the work grew from were flowing and endlessly generative, appearing to resist both the time demands of theatre and the shaping hand of direction, even as the form we were tied to (a theatre performance) was a frame of more-or-less inbuilt demands and expectations.

Leichte Beute

von Esther Slevogt

Berlin, 21. Juni 2015. Es ist ungewiss, ob es die junge syrische Mutter wirklich gegeben hat, deren Begräbnis in Berlin neulich die spektakuläre Kunstaktion Die Toten kommen des Zentrums für Politische Schönheit eröffnet hat. Ob sich ihr angeblich aus einem anonymen Massengrab exhumierter Leichnam wirklich in dem weißen Sarg befand, der auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow in die Erde versenkt wurde. Denn sie ist in erster Linie eine Theaterfigur, erschaffen, um zu erreichen, was gut ausgedachte Theaterfiguren seit Aristoteles zu erreichen versuchen: nämlich beim Zuschauer Jammern ("Eleos") und Schaudern ("Phobos") hervorzurufen, um schließlich Läuterung (und Erkenntnis) zu bewirken. Und wie sehr das ZPS mit dieser Aktion einen Nerv getroffen hat, zeigt schon das enorme Medienecho.

Subversive Spielesammlung

von Friederike Felbeck

Mülheim, 21. Juni 2015. An seinem letzten Abend steht das Impulse Theater Festival in voller Blüte. Florian Malzacher, sein künstlerischer Leiter, eröffnet eine "durational performance", in dessen Verlauf eine im Mülheimer Wald verstorbene Eiche zunächst coram publico wieder zusammengesetzt wird, um sie dann endgültig zu Holz werden zu lassen. Wenige Meter entfernt ist gerade die letzte Veranstaltung der "Silent University" zu Ende gegangen, ein subversiver Schwarzmarkt von Wissensvermittlung von Akademikern, die durch ihren unsicheren Aufenthaltsstatus keine Lehraufträge annehmen können.

Bitte vermitteln Sie das Gute

von André Mumot

Berlin, 16. Juni 2015. "Das hier ist kein Theater, das ist die Realität", sagt Stefan Pelzer. "Wer glaubt, das hier sei eine Geschichte, der ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten." Noch steht er am Rande, abgerückt von der eigentlichen Grabstelle auf dem Landschaftsfriedhof Gatow, und um ihn herum drängen sich die Journalisten, recken ihm ihre Mikrofone entgegen und tun das, was sie in solchen Fällen meistens tun: Sie zischen sich platzneidig zu, sie rempeln einander an, sie kämpfen sich nach vorn. Ob er beim "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) wirklich der "Eskalationsbeauftragte" sei, will eine Stimme hinter den Mikros wissen. Ja, das gibt Stefan Pelzer zu. Eigentlich schon. "Aber heute bin ich nur Vater."