Zuverlässig unberechenbar

von Dieter Stoll

Erlangen, Nürnberg, Fürth, 18. Mai 2015. Am späten Sonntag schien die zeitweise wankende Welt der Figurentheater-Fans wieder richtig in Ordnung. Da waren bei der Deutschland-Premiere des durch Schlamm und Blut des Ersten Weltkriegs watenden Spektakels "Die Tragödie ist das Filetstück vom Vieh" des bildgewalttätigen französischen Théatre de la Mezzanine die Szenen zum Schlachtfeld-Environment gefroren. Das Ensemble, langjährige Facharbeiter für Endzeit-Orgien, fächerte zum Finale alle Möglichkeiten des Genres vom Todestango bis zum Fliegerangriff in melodramatischer Satire auf. Wie zum Vorspiel hatte das Künstler-Kollektiv Akhe aus Russland mit dem wilden Party-Happening "Monochrom" im alten Glocken-Kino klecksend in Radikal-Bild und Monster-Ton die Augen und Ohren durchgepustet. Nein, der Floskel von den "tanzenden Puppen" blieb da keine Chance. Und weil die im Städte-Großraum Erlangen / Nürnberg / Fürth seit 1979 alle zwei Jahre platzierte Auslese dieser chronisch übergriffigen Sondersparte auch im Selbstbewusstsein des Publikums sowas wie Bestandsaufnahme ist, brauchte es die End-Euphorie dringend.

Ordnung ist nur das halbe Leben

von Patrick Wengenroth

Berlin, 11. Mai 2015. Deutschland im Frühling. Und plötzlich tauchen im Berliner Stadtbild in beachtlicher Häufigkeit diese Plakate auf, mit einem unfassbar coolen Typen darauf: offenes Hemd, eine Zigarette zwischen den wulstigen Lippen, die ein – in diesem Falle akkurat gestutzter – Schnauzer ziert, ein konzentriert lauernder und zugleich skeptisch-schläfriger Blick. Ja, er ist es. Der RWF – der Rainer Werner Fassbinder.

Geigenschrott hat keine Chance

von Sabine Leucht

München, 7. Mai 2015. Vor seiner "Liebeserklärung an die Stadt München" und sein neues Haus reichte der künftige Intendant arabisches Hochzeitsgebäck herum. Und auch sonst galt bei dieser ersten Pressekonferenz der Intendanz Matthias Lilienthal zur Spielzeit 2015/16: Falls sich irgendwer vor der mit dieser Personalie vermeintlich einhergehenden Auflösung des Ensembletheaters zugunsten einer Abspielstätte von auf Zuruf produzierten Freie-Szene-Performances gefürchtet hat, konnte die oder der sich gleich entspannen.

Technik, Ästhetik, Politk

Berlin, 30. April 2015. In dieser Sammlung finden Sie eine Auswahl von Texten zu den Diskussionsschwerpunkten der Konferenz "Theater und Netz. Vol. 3" von nachtkritik.de und der Heinrich Böll Stiftung am 2. und 3. Mai 2015 in Berlin. Sie präsentiert Beiträge, die nachtkritik.de in kontinuierlicher Auseinandersetzung mit den Konferenzthemen in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Alles über das diesjährige Tagungs-Programm von "Theater und Netz" finden Sie auf der Konferenzwebsite www.theaterundnetz.de.

Ohne Pause auf Entschleunigungstour

von Hartmut Krug

Berlin, 20. April 2015. Am Anfang der viertägigen Theaterreise der "Staatsministerin für Kultur und Medien" Monika Grütters stand ein Augenblick herzerwärmenden Glücks. Denn der Ministerin und ihrer Begleitung (BKM-Mitarbeiter, etliche Reise-Organisatoren vom Theatertreffen mit Leiterin Yvonne Büdenhölzer an der Spitze sowie rund zehn Theaterjournalisten) saßen im Nationaltheater Mannheim dessen fünf untereinander gleichberechtigte Leiter gegenüber und jubelten über ihr auf Leitungsebene radikaldemokratisches Modell: Kein Generalintendant, sondern je ein Intendant für das Schauspiel, die Oper, das Ballett, die Geschäftsführung und eine Intendantin für das Kinder- und Jugendtheater Schnawwl.

Unter Kapitän Latchinian

Diese Chronik erfasst in chronologischer Reihenfolge alle Meldungen, Presseschauen und Debattenbeiträge, die auf nachtkritik.de seit der Berufung Sewan Latchinians zum Rostocker Intendanten veröffentlicht wurden.

"Lieber weitermachen statt Abfindung"

Rostock, 1. April 2015. Der Rostocker Intendant Sewan Latchinian wurde nach nur sieben Monaten Tätigkeit am 31. März fristlos entlassen. Im Interview mit Christian Rakow spricht er über die Umstände.