Ohne Pause auf Entschleunigungstour

von Hartmut Krug

Berlin, 20. April 2015. Am Anfang der viertägigen Theaterreise der "Staatsministerin für Kultur und Medien" Monika Grütters stand ein Augenblick herzerwärmenden Glücks. Denn der Ministerin und ihrer Begleitung (BKM-Mitarbeiter, etliche Reise-Organisatoren vom Theatertreffen mit Leiterin Yvonne Büdenhölzer an der Spitze sowie rund zehn Theaterjournalisten) saßen im Nationaltheater Mannheim dessen fünf untereinander gleichberechtigte Leiter gegenüber und jubelten über ihr auf Leitungsebene radikaldemokratisches Modell: Kein Generalintendant, sondern je ein Intendant für das Schauspiel, die Oper, das Ballett, die Geschäftsführung und eine Intendantin für das Kinder- und Jugendtheater Schnawwl.

Unter Kapitän Latchinian

Diese Chronik erfasst in chronologischer Reihenfolge alle Meldungen, Presseschauen und Debattenbeiträge, die auf nachtkritik.de seit der Berufung Sewan Latchinians zum Rostocker Intendanten veröffentlicht wurden.

"Lieber weitermachen statt Abfindung"

Rostock, 1. April 2015. Der Rostocker Intendant Sewan Latchinian wurde nach nur sieben Monaten Tätigkeit am 31. März fristlos entlassen. Im Interview mit Christian Rakow spricht er über die Umstände.

Die Scherben wieder zusammensetzen

von Iwona Uberman

März 2015. Für die polnische Theaterzeitschrift Teatr hat die Dramaturgin, Theaterwissenschaftlerin und Philologin Iwona Uberman ein Gespräch mit dem Leiter der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier geführt.

Aus dem Raum die Zeit lesen

von Thomas Oberender

Berlin, 26. Februar 2015. "2 + 2 = 4. Das ist so. Zum Glück und zum Ganzen", das steht von Hand geschrieben auf einem Blatt mit dem Firmenlogo "IFM". Als ich in Mona El Gammals "Haus Nummer Null" diese Zeilen auf einem mit Dokumenten übersäten Tisch las, bekam ich unmittelbar eine Empfindung für die Einsamkeit jener Figur, die hier ihren Dienst getan haben muss. Scheinbar ist sie vor kurzem aus den Räumen gelaufen, die ich nun durchschweife. Überall blinken noch die Geräte, seltsam futuristisch wirkt die Einrichtung, wie aus einem dunklen Science Fiction von Andrej Tarkowski, modern, aber gleichzeitig alt. Ich höre Regierungsdurchsagen aus den Lautsprechern an der Wand. Auf den Arbeitstischen liegen Tabellen mit Zahlen, Bilder sind an die Wand gepinnt, Ausrisse aus Nachrichten, ein Anrufbeantworter springt an. Aus all dem ergibt sich bruchstückhaft der Eindruck, dass in diesen Räumen jemand eine bedrohliche Entdeckung gemacht hat. Aber wer? Wo ist diese Person? Was hat sie aufgedeckt?

Ohne Schamgrenzen

von Birgit Walter

Berlin, 8. Januar 2015. "Jämmerlich!", maulte der Online-Redakteur der Berliner Zeitung, als im Kulturteil die 1762 Likes eines Facebook-Portals Erwähnung fanden. 1762, das sei doch keine Zahl! "Das ist nichts!", urteilte er streng. Ja ja, vielleicht. Aber die Seite "buehnengagen" war damals, im Februar 2013, gerade erst drei Tage alt und schon vollgeschrieben – jeder Eintrag ein Erlebnis. Die Seite gibt Künstlern die Chance öffentlich zu erzählen, wie der Kulturbetrieb sie behandelt. Unanständig, fies und gemein natürlich, sonst würden sich Künstler nicht darüber aufregen. Die meisten mussten sich in ihrem Berufsleben längst Genügsamkeit und finanzielle Anspruchslosigkeit antrainieren. Die Seite www.facebook.com/Kuenstlergagen über die traurigsten und unverschämtesten Künstlergagen wuchs eilig und dramatisch.

Wärmeinseln zwischen Psychatrie und Assesment-Center

von Jan Fischer

Braunschweig, 30. November 2014. Die Ankunft am Braunschweiger Hauptbahnhof ist nicht schön. Die Kälte hat den 50er-Jahre-Betonbau am Rand der Stadt fest im Griff. Es riecht nach Grünkohl, den sie hier Braunkohl nennen, und vor dem Gebäude grüßen verdorrte Wintergräser den Reisenden mit melancholischem Nicken im Novemberwind. Eine Leuchtschrift kündet von Schönheit und Pracht der Löwenstadt. Zwei Botschaften laufen dort dieser Tage durch: In der einen geht es um Reisen in den Harz. Die andere weist den Besucher aufs "Fast Forward Festival" hin, das in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet und sich in diesen vier Jahren zu einem der wichtigsten deutschen Festivals für junge europäische Regisseure gemausert hat.