Die Scherben wieder zusammensetzen

von Iwona Uberman

März 2015. Für die polnische Theaterzeitschrift Teatr hat die Dramaturgin, Theaterwissenschaftlerin und Philologin Iwona Uberman ein Gespräch mit dem Leiter der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier geführt.

Aus dem Raum die Zeit lesen

von Thomas Oberender

Berlin, 26. Februar 2015. "2 + 2 = 4. Das ist so. Zum Glück und zum Ganzen", das steht von Hand geschrieben auf einem Blatt mit dem Firmenlogo "IFM". Als ich in Mona El Gammals "Haus Nummer Null" diese Zeilen auf einem mit Dokumenten übersäten Tisch las, bekam ich unmittelbar eine Empfindung für die Einsamkeit jener Figur, die hier ihren Dienst getan haben muss. Scheinbar ist sie vor kurzem aus den Räumen gelaufen, die ich nun durchschweife. Überall blinken noch die Geräte, seltsam futuristisch wirkt die Einrichtung, wie aus einem dunklen Science Fiction von Andrej Tarkowski, modern, aber gleichzeitig alt. Ich höre Regierungsdurchsagen aus den Lautsprechern an der Wand. Auf den Arbeitstischen liegen Tabellen mit Zahlen, Bilder sind an die Wand gepinnt, Ausrisse aus Nachrichten, ein Anrufbeantworter springt an. Aus all dem ergibt sich bruchstückhaft der Eindruck, dass in diesen Räumen jemand eine bedrohliche Entdeckung gemacht hat. Aber wer? Wo ist diese Person? Was hat sie aufgedeckt?

Ohne Schamgrenzen

von Birgit Walter

Berlin, 8. Januar 2015. "Jämmerlich!", maulte der Online-Redakteur der Berliner Zeitung, als im Kulturteil die 1762 Likes eines Facebook-Portals Erwähnung fanden. 1762, das sei doch keine Zahl! "Das ist nichts!", urteilte er streng. Ja ja, vielleicht. Aber die Seite "buehnengagen" war damals, im Februar 2013, gerade erst drei Tage alt und schon vollgeschrieben – jeder Eintrag ein Erlebnis. Die Seite gibt Künstlern die Chance öffentlich zu erzählen, wie der Kulturbetrieb sie behandelt. Unanständig, fies und gemein natürlich, sonst würden sich Künstler nicht darüber aufregen. Die meisten mussten sich in ihrem Berufsleben längst Genügsamkeit und finanzielle Anspruchslosigkeit antrainieren. Die Seite www.facebook.com/Kuenstlergagen über die traurigsten und unverschämtesten Künstlergagen wuchs eilig und dramatisch.

Wärmeinseln zwischen Psychatrie und Assesment-Center

von Jan Fischer

Braunschweig, 30. November 2014. Die Ankunft am Braunschweiger Hauptbahnhof ist nicht schön. Die Kälte hat den 50er-Jahre-Betonbau am Rand der Stadt fest im Griff. Es riecht nach Grünkohl, den sie hier Braunkohl nennen, und vor dem Gebäude grüßen verdorrte Wintergräser den Reisenden mit melancholischem Nicken im Novemberwind. Eine Leuchtschrift kündet von Schönheit und Pracht der Löwenstadt. Zwei Botschaften laufen dort dieser Tage durch: In der einen geht es um Reisen in den Harz. Die andere weist den Besucher aufs "Fast Forward Festival" hin, das in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet und sich in diesen vier Jahren zu einem der wichtigsten deutschen Festivals für junge europäische Regisseure gemausert hat.

Wir können uns nicht ins Bett verkriechen

von Jürgen Holtz

19. November 2014. Die Jury der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste hat mir den Konrad-Wolf-Preis 2014 zuerkannt. Eigentlich hatte ich vor, einfach Danke zu sagen, aber ich habe mich anders entschieden.

Auf der Suche nach dem zoon politikon

von Jürgen Reuß

Freiburg, 17. November 2014. Zur feierlichen Begrüßung der Gäste im Großen Haus des Theaters Freiburg schlug Oberbürgermeister Dieter Salomon einen Ton an, als wolle er mit Macht die These illustrieren, dass Politik sich eh längst aufs Theatrale verlegt hat. In einen atemberaubenden Fettnäpfchenslalom zelebrierte er rhetorisch elegant seine Kenntnisfreiheit des lokalen Kulturlebens und setzte sich mit larmoyanter Selbstironie als Bühnenfigur des "lustigen Oberbürgermeisters" quasi selbst in Gänsefüßchen. Das notwendigerweise trockene und zahlenlastige Grußwort des verhinderten Landeskulturstaatssekretärs Jürgen Walter übernahm er auch gleich mit und pimpte es zur passablen Kabarettnummer auf. Die dahinterstehende pekuniär beglaubigte Wertschätzung der freien Schauspielkunst durch das Land ging im Klamauk unter.

Kampfmittel gegen fortschreitende Zersetzung

von Georg Kasch

Berlin, 5. November 2014. Erwin Piscator war not amused: Es sei "einfach eine Qual" gewesen, die Antonie in Roderich Benedix' "Die Hochzeitsreise" zu spielen. "Dennoch wurde mir von ganz unparteiischer Seite das Kompliment gemacht, dass man mich solange für eine richtige Frau gehalten habe, bis man meinen Namen auf dem Zettel gelesen habe." Mal davon abgesehen, dass es interessant wäre zu erfahren, was eine "richtige Frau" ausmacht – Piscator ist kein Einzelfall: Viele Soldaten spielten während des Ersten Weltkriegs Theater. Und nicht wenige davon spielten Frauenrollen.