I follow you - soziale Netzwerke in der analogen Welt
10. Juni 2011. Ja, die sozialen Netzwerke im Internet sind schon eine merkwürdige Angelegenheit: Man befreundet sich mit Menschen, die man zum Teil kaum kennt, man (ver)folgt andere, schreibt ihnen öffentlich einsehbare Kommentare an die Wand. Und dennoch sind alle dabei. Schnell haben Künstler den alltäglichen Netz-Wahnsinn kommentiert. Nun hat's sogar die von Haus aus trägere Oper erwischt, und die English National Opera, Londons pfiffiges Zweit-Musiktheater, hat einen ziemlich lässigen Trailer entwickelt, um Nico Muhlys und Craig Lucas' neues Werk Two Boys zu propagieren. Darin geht's zwar ordentlich zur Sache zwischen Avataren und "Verstörendem Cybersex" (die Oper warnt auf ihrer Homepage: Some elements of this production may be unsuitable for those under 16 years of age), das Video nimmt's aber eher von der komischen Seite.
(Georg Kasch)
Gewaltsame Revolution die einzige Lösung
Man fragt sich ja schon, warum der Aufruf zum Widerstand, gar zur Revolution heutzutage zum Spezialgebiet alter Männer geworden ist. Zu Gast im Fernsehen in der Harald Schmidt Show sprach der 80jährige Rolf Hochhuth gestern: "Das ganz große Verhängnis der EU ist, dass sie zugunsten der Wirtschaft den Einzelnen immer mehr entrechtet. Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem unserer Epoche, und das kann nur auf einem gewaltsamen Wege revidiert werden, das heißt durch eine Revolution und nicht durch parlamentarische freundliche Beschlüsse, die immer liebenswürdig sind und niemals etwas bringen."
Wir gratulieren Hans Neuenfels zum 70. Geburtstag
31. Mai 2011. Als junger Mann hat er einmal Sartre ein Steak gebraten (er war da gerade Assistent des Malers und Bildhauers Max Ernst in Paris). Ob es dem Philosophen gemundet hat, ist nicht überliefert, doch vielleicht hat er Hans Neuenfels bei dieser Gelegenheit ja eine Lektion in Unerschrockenheit erteilt. Wäre dem so, Neuenfels hätte guten Gebrauch davon gemacht: Kein anderer hat sich wohl so regelmäßig den Buhstürmen der Entrüstung gestellt, die seine von Fröschen, Ratten, Bienen, Kentauren, Phalloi und allerlei seltsamem Pflanzenwerk bevölkerten Inszenierungen auslösten (Menschen gab's übrigens auch immer: raubtierartig aufeinander losgehende, liebend sich ineinander verbeißende und anrührend einsame). Sei es eine Frankfurter "Medea" von 1976 (Peter Iden: "tatsächlich ekelhaft"), sei es ein Berliner "Idomeneo" von 2003, dessen abgeschlagene Prophetenköpfe ihn später weltweit auf die Titelseiten bringen sollten. "Da Kunst eine Gefahr darstellt, muss sie damit rechnen, dass sie ihrerseits in Gefahr gerät", sagt Neuenfels. Dieser große Störer wird heute 70 Jahre jung. Wir gratulieren!
Plötzlich legt die Installation los
Berlin, 29. Mai 2011. Jubel brandet auf, als Showcase Beat le Mots "Burnout-Man" im Lunapark knisternd in sich zusammenstürzt. Funken stieben wie Goldregen durch die Luft, illuminieren geheimnisvoll die Dämmerung, schweben als glühende Sternentaler zu Boden.
Stelldichein zum Aufstand
Leipzig, 29. Mai 2011. Freie Platzwahl: Die Eintrittskarte verkündete noch eine gewisse Sitzordnung, doch der – physischen wie intellektuellen – Positionierung lässt dieser Abend im Leipziger Centraltheater völlig freien Lauf: Guillaume Paolis und Manuel Harders Zuschaueraufstellung "Das schwarze Loch". Auf der Hinterbühne versammeln sich die Schaulustigen und sehen erst einmal nichts anderes als sich selbst an.
Bob Dylan als Bühnenmusiker – was fehlt
Vor 70 Jahren erblickte er in Duluth, Minnesota das Licht der Welt, vor 50 Jahren die schummrigen Rampenlichter der Folkclubs im Village ("Hard Times In New York Town"). Vor 45 Jahren spielte er in Manchester das "Londoner Royal Albert Hall Concert" und hämmerte sein elektrifiziertes (und elektrifizierendes!) "Like A Rolling Stone" der buhenden Menge auf die Schädel. Er heiratete und ließ sich scheiden, ehe er vor 32 Jahren das Licht Gottes erblickte und Gospelsongs zum Lobpreis des Herrn für eine abermals buhende Menge rausschunkelte: "You Gotta Serve Somebody"! Vor 23 Jahren begab er sich auf die "Never Ending Tour"; sie ward, was sie versprach: unendlich, unsterblich. Ladies and gentlemen, wir gratulieren Columbia recording artist, Mr. Bob Dylan, zum 70. Geburtstag und sagen, wie es mit dem großen lonesome Hobo in den kommenden Jahren bühnentechnisch weitergehen sollte:
Als Du schliefest
Nach dem anti-naturalistischen Manifest Der Biberpelz nun ein anti-psychologischer Ibsen: Herbert Fritsch erweist sich mit Nora oder ein Puppenhaus als Meister des Formalen und genialer Eklektizist. Im Schnelldurchlauf sampelt er visuelle und literarische Zitate über den Ibsen-Stoff. Kristine Linde und Anwalt Krogstad versinken im Kuss aus "Vom Winde verweht". Finger krümmen sich "Nosferatu"-artig, und auf der glanzpapierfarben ausgeleuchteten Spielfläche wird zombiehaft gelurcht, dass es eine Freude ist. Unterlegt ist das alles mit verzerrt hallender Melodramenmusik, die Suspense à la Hitchcock suggeriert. E. T. A. Hoffmanns Coppelia wackelt puppenhaft über die Szene, und Nora trägt zum Tüllkleidchen der verzogenen Göre das rote Haar von Munchs lüsterner Vampirin. Ihr Geschlecht zieht die Männer magisch an – schwarzes Loch, "Vagina dentata".
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