Cornélia in Wonderland

von Thomas Rothschild

Paris, 23. November 2016. Wenn Cornélia, die Assistentin des Leiters einer Schauspieltruppe, einschläft, bekommt sie in ihrem Zimmer in Indien Besuch. Durch Fenster und Türen dringen sie ein auf die großflächige Simultanbühne mit Cornélias breitem Bett, Tischen, Sitzgelegenheiten, einer offenen Toilette im Hintergrund und einer Veranda rechts vorne für Jean-Jacques Lemêtre, der die Vorstellung mit pulsierenden Basslinien begleitet: die Affen von Mahatma Gandhi, Shakespeare, Tschechows drei Schwestern oder grotesk-schreckliche Taliban. "Une chambre en Inde" – so heißt die jüngste, größtenteils vom Kollektiv bei einem längeren Aufenthalt in Indien entwickelte Kreation an Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil. Sie könnte auch, frei nach Gian Carlo Menotti, "Cornélia and the Night Visitors" heißen.

Absehbares Desaster

von Iwona Uberman

26. Oktober 2016.Die Ankündigung des Wechsels an der Spitze der Berliner Volksbühne hat auch in Polen hohe Wellen geschlagen. Für polnische Theaterliebhaber ist Frank Castorfs Theater schon seit Langem ein wichtiger Ort für Denkanstöße und besondere Theatererlebnisse, regelmäßig reisen sie zu seinen Vorstellungen an. Castorf ist auch ein wichtiger Bezugspunkt für polnische Regisseure wie zum Beispiel die auch in Deutschland bekannten Künstler Jan Klata oder Krzysztof Garbaczewski.

Zu Gast bei Fremden

von Elisabeth Nehring

Minsk, 7. Oktober 2016. "Diese Vorstellung wurde Ihnen präsentiert von Ihrer  ****prombank." Kaum ist das Klatschen abgeebbt und die Zuschauer stehen auf, ertönt schon wieder der aufdringliche Werbejingle eines bekannten weißrussischen Geldinstituts. Bereits kurz vor der Vorstellung hat er bei einigen westeuropäischen Theaterbesuchern kulturell gepflegten Unwillen erregt. Doch wie so vieles muss auch diese spontane Abwehrreaktion nach fünf Tagen Intensivaufenthalts in Minsk samt Besuch des Theaterforums "Belarus Open" etwas revidiert werden. Denn in der weißrussischen Theaterszene ist dieser Tage einiges anders, subtiler, komplizierter als es die hierzulande medial nur rudimentär vermittelte gesellschaftspolitische und kulturelle Situation erwarten lässt.

On The Edge Of A New Struggle

by Hakan Silahsizoglu

Istanbul, 25. August 2016. Turkey had its most intense night in its history on the 15th of July with the failed coup attempt. The incident certainly shocked everyone no matter which political party or belief they have and for the first time in the whole country it felt like people were united and had one voice which cursed the failed coup attempt.

The witch-hunt is on

25. Mai 2016. Im deutschsprachigen Raum ist Oliver Frljić ein renommierter Regisseur, der für sein radikales politisches Theater geschätzt wird. Bei den Wiener Festwochen bringt er am 29. Mai sein neues Stück "Naše nasilje i vaše nasilje" (Unsere Gewalt und eure Gewalt) zur Uraufführung, für das er sich Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" vorgenommen hat (nachtkritik.de wird berichten). In Kroatien leitet Frljić das Nationaltheater in Rijeka; dort ist er wegen seiner politischen Haltung vermehrt unter Druck geraten, seit die rechtspopulistische Partei HDZ im Januar 2016 an die Regierungsmacht gekommen ist.

Für nachtkritik.de hat Michael Isenberg mit Oliver Frljić gesprochen.

Where is the revolution now?

by Lena Kitsopoulou

Athens, April 2016. Culture needs money. Today, Greece is a bankrupt country, enslaved since 2010. At that point, the whole problem starts. What brought Greece into this situation is another big discussion. It’s a mixture of many things and not so easy to investigate. For sure it's not only the "foreigners". All Greeks have experienced the "eating" of state and European money. Many off-the-record-agreements between artists and politicians; public funds not being used for the purpose they should and suddenly disappearing. Corruption. All this has been going on for many years.

"The good change"

by Anna R. Burzyńska

February 2016. When speaking about the new government in Poland, one has to admit: The members of PiS (Law and Justice) party have a very good memory. After they have become the main political force in Poland, they now pay their debts. That means rewarding supporters (giving the most prominent positions in government and national institutions as well as firms to followers, advocates, friends, family members and simply toadies, giving millions of zlotys to church officials who persuaded believers to vote for PiS, changing the law in favor of their supporters, releasing imprisoned criminals and football hooligans, calling violent nationalists "patriots" and encouraging them to organise anti-immigrant demonstrations) – and punishing enemies. Who are enemies? Non-Polish, non-catholics, non-heterosexuals, feminists, leftists, vegetarians, cyclists (it sounds like a joke, but recently one of the ministers said that vegetarianism and riding a bike are both examples of "EU-propaganda", destroying "traditional Polish values") and, of course, artists. "The Polish of the worse sort" – as Jarosław Kaczyński, the real leader behind his political puppets, said.

Auf der Suche nach dem verlorenen Nein

von Michael Beron

Athen, Dezember 2015. "Wir Künstler sind immer schon in der Krise gewesen“, meint Vasso und blickt herausfordernd über die Theke. Dabei lässt sich die Krise an diesem Morgen kaum blicken. Nicht bloß im Flughafen scheint alles wie überall – auch in Athens wichtigstem freien Theater "Bios" herrscht internationaler Komfort: Sonne fällt durch die breite Fensterfront, gedämpfter Verkehr rauscht vorbei und der Kaffee schmeckt vorzüglich. Vasso, 38, Regisseurin, Performerin, Barfrau, schäumt Milch auf. Mit Politik will sie nichts zu tun haben. "Das ist alles Fake, aber guter Fake". Vasso glaubt an Freundschaft, geistigen Sex, Beckett.

Arm, aber enthusiastisch

von Oliver Kranz

10. Dezember 2015. "Ihr nennt es Krise, wir nennen es Krieg!" – Ukrainische Theatermacher nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Besuchern aus dem Westen die Situation ihres Landes zu schildern. Anfang Dezember reiste eine Delegation der European Theatre Convention (ETC) nach Kiew, um die dortige Theaterszene kennenzulernen. Die Zahlen sprechen für sich: In der Ukraine gibt es 137 Stadt- und Staatstheater – fast so viele wie in Deutschland (obwohl das Land wesentlich weniger Einwohner hat). Rund 30.000 Vorstellungen werden jedes Jahr geboten. Daran hat auch der Krieg in Donezk und Lugansk nichts geändert. Die Eintrittspreise sind niedrig, die Besucherzahlen hoch. Auffällig ist allerdings, dass es kaum freie Theater gibt. Da in der Ukraine öffentliche Fördergelder ausschließlich Stadt- und Staatsbühnen zufließen, können sich nur wenige freie Ensembles halten. Eines davon ist das Dakh-Theater, das in einem Plattenbau am Rande der Kiewer Innenstadt residiert.

Tanz über die Splitter der Explosion

von Lena Schneider

Paris, 27. November 2015. Nach dem Verstummen kamen die Ausrufezeichen. Am Wochenende, das auf die Attentate vom 13. November folgte, waren alle Vorstellungen in den Theatern in und um Paris abgesagt worden. François Hollande hatte am Sonntag vor dem Parlament eine flammende Kriegsrede gehalten und dann gemeinsam mit den Abgeordneten viele Strophen der Marseillaise gesungen. Im Laufe der Woche drauf schickten die Theater Lebenszeichen durch ihre Mail-Verteiler. "Ensemble!" (Zusammen!), rief das städtische Théâtre de la Ville am Dienstag, dem ersten Spieltag nach den Attentaten. "Le Théâtre reste ouvert!" (Das Theater bleibt offen), hieß es aus dem Banlieue Sartrouville am Tag drauf. Und gleich nochmal das Théâtre de la Ville: "Ensemble!"