Alternative Geschichtsschreibung

von Anna Volkland

16. Februar 2017. "Diese Arbeit über das Freie Theater in Deutschland kommt spät", schreibt Verfasser Henning Fülle. Wenn er jedoch sein ihm am Herzen liegendes Anliegen mit diesem Buch doch noch erreichen könne, meint er, sei es nicht zu spät. Und dies sei: "die Überwindung der schon bald tragisch zu nennenden kulturpolitischen Blockaden, die die Teilung der deutschen Theaterlandschaft prägen und fixieren". Tatsächlich aber ist dieses Buch nicht nur "zu spät" – es scheint nur auf seltsame Weise stecken geblieben zu sein in den sicher immer schon fragwürdigen Abgrenzungsdebatten zwischen "Freien" und "Stadttheater". Während die angebliche‚ tragische Teilung der deutschen Theaterlandschaft also vorgeblich überwunden werden soll, geht es um Anderes.

Wir hier unten – die dort oben

von Falk Schreiber

30. Januar 2017. Bernd Stegemann ist ein zutiefst politisch denkender Mensch, als Dramaturg (der ab kommenden Sommer an Oliver Reeses Berliner Ensemble engagiert ist) ebenso wie als Professor an der Berliner Ernst-Busch-Schule und als Publizist, der ein tradiertes Schauspielverständnis in Stellung zu bringen versucht gegen performative Theaterformen. Wer Stegemann also ein wenig kennt, den überrascht nicht, dass der Aufsatz "Das Gespenst des Populismus" ausschließlich politisch argumentiert und erst kurz vor Schluss eine einzige Anknüpfung ans Theater wagt, zu Milo Raus Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs an der Berliner Schaubühne. Mag mancherorts die Tendenz der deutschen Intellektuellen beklagt werden, sich zurückziehen in die Elfenbeintürme von Dramaturgie und Hochschule: Stegemann zumindest zieht sich nicht zurück, Stegemann mischt sich ein.

Mammutaufgabe, machbar

von Dorothea Marcus

19. Januar 2016. Schwerfällige, unflexible Theaterbunker, unreformierbar, sagen die einen über das deutsche Stadttheatersystem. Leuchttürme der Kunst, weltweit einzigartig und beneidet, die anderen. Beide Aussagen erscheinen unvereinbar, und darin liegt der Kern der Krise: "Das Theater ist ein Ort, in dem sich Zustände konserviert haben, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, die das Theater abbildet", so Thomas Schmidt. Es sei eine Krise, die, wenn sie nicht aufgehalten wird, dazu führe, dass in 40 Jahren ein Drittel aller 141 deutschen Theater schließen. Noch beschleunigen wird sich das Theatersterben, wenn ab 2020 mit dem auslaufenden Solidarpakt II in Deutschland Sondermittel für den Osten entfallen – dabei befinden sich dort bereits jetzt die größten Theaterkrisen, man denke an Rostock, Dessau, Erfurt. Sicher hat auch unverantwortliche Kulturpolitik zu Raubbau und irreversibler Abwicklung geführt. Doch ein großer Teil der Krise liegt im System selbst.

Ein Intendant wird besichtigt

von Rainer Nolden

27. Dezember 2016. Es dauert noch eine Weile bis zu seinem Achtzigsten im kommenden Juni. Aber die hochpreisende Festschrift zum runden Geburtstag ist bereits erschienen – unter dem Holzhammertitel "Claus Peymann – Mord und Totschlag – Theater / Leben".

Notwendig eitel

von Thomas Rothschild

18. November 2016. Eigentlich verliere ich die Lust, ein Buch zu lesen, wenn im Klappentext über die Soloprogramme und Lesungen eines Schauspielers erklärt wird, sie seien "Kult", aber wenn dieser Schauspieler Ignaz Kirchner heißt, beschließe ich, dieses infantile Modegeplapper zu ignorieren und den Buchumschlag einfach in den Papierkorb zu werfen.

Im Glanz des Feuilletons

von Janis El-Bira

20. Oktober 2016. Diese Kaiserzeit ist endgültig vorbei. Nachdem der letzte deutsche, also der Fußballkaiser, sich selbst demontiert hat, nehmen nun auch die Kurfürsten des Feuilletons nach und nach ihren Hut. Unter ihnen hegte der im Vorjahr pensionierte Gerhard Stadelmaier nicht nur kraft seines Amtes als Theater-Großkritiker der FAZ naturgemäß allerhöchste Thronansprüche. Vielmehr haftete schon seinem ganzen Kunstverständnis seit jeher eine absolut kaiserliche "Geht's raus und spielt's Theater"-Klarheit an.

Weisheit eines gelungenen Lebens

von Nikolaus Merck

11. Oktober 2016. Als die Schauspielerin Sabine Wackernagel in ihrem 59. Jahr von Kassel kommend in Ingolstadt eintrifft, ist ihr zum Heulen zumute. 40 Jahre. Ein Schauspielerinnenleben zwischen Memmingen, Tübingen, Freiburg, Kassel und nun .. morgen in Ingolstadt? Schon wieder? Wie 1969, als sie geflohen war mit ihrem Liebsten im VW-Bus nach Kathmandu, zum Ganges und nach Nowgorod? Wäre es wenigstens Tübingen, mein Gott, da kam 1971 sogar der berühmte Philosoph Ernst Bloch ins Theater, zu Yaak Karsunkes "Bauernoper".

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