Mammutaufgabe, machbar

von Dorothea Marcus

19. Januar 2016. Schwerfällige, unflexible Theaterbunker, unreformierbar, sagen die einen über das deutsche Stadttheatersystem. Leuchttürme der Kunst, weltweit einzigartig und beneidet, die anderen. Beide Aussagen erscheinen unvereinbar, und darin liegt der Kern der Krise: "Das Theater ist ein Ort, in dem sich Zustände konserviert haben, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, die das Theater abbildet", so Thomas Schmidt. Es sei eine Krise, die, wenn sie nicht aufgehalten wird, dazu führe, dass in 40 Jahren ein Drittel aller 141 deutschen Theater schließen. Noch beschleunigen wird sich das Theatersterben, wenn ab 2020 mit dem auslaufenden Solidarpakt II in Deutschland Sondermittel für den Osten entfallen – dabei befinden sich dort bereits jetzt die größten Theaterkrisen, man denke an Rostock, Dessau, Erfurt. Sicher hat auch unverantwortliche Kulturpolitik zu Raubbau und irreversibler Abwicklung geführt. Doch ein großer Teil der Krise liegt im System selbst.

Ein Intendant wird besichtigt

von Rainer Nolden

27. Dezember 2016. Es dauert noch eine Weile bis zu seinem Achtzigsten im kommenden Juni. Aber die hochpreisende Festschrift zum runden Geburtstag ist bereits erschienen – unter dem Holzhammertitel "Claus Peymann – Mord und Totschlag – Theater / Leben".

Notwendig eitel

von Thomas Rothschild

18. November 2016. Eigentlich verliere ich die Lust, ein Buch zu lesen, wenn im Klappentext über die Soloprogramme und Lesungen eines Schauspielers erklärt wird, sie seien "Kult", aber wenn dieser Schauspieler Ignaz Kirchner heißt, beschließe ich, dieses infantile Modegeplapper zu ignorieren und den Buchumschlag einfach in den Papierkorb zu werfen.

Im Glanz des Feuilletons

von Janis El-Bira

20. Oktober 2016. Diese Kaiserzeit ist endgültig vorbei. Nachdem der letzte deutsche, also der Fußballkaiser, sich selbst demontiert hat, nehmen nun auch die Kurfürsten des Feuilletons nach und nach ihren Hut. Unter ihnen hegte der im Vorjahr pensionierte Gerhard Stadelmaier nicht nur kraft seines Amtes als Theater-Großkritiker der FAZ naturgemäß allerhöchste Thronansprüche. Vielmehr haftete schon seinem ganzen Kunstverständnis seit jeher eine absolut kaiserliche "Geht's raus und spielt's Theater"-Klarheit an.

Weisheit eines gelungenen Lebens

von Nikolaus Merck

11. Oktober 2016. Als die Schauspielerin Sabine Wackernagel in ihrem 59. Jahr von Kassel kommend in Ingolstadt eintrifft, ist ihr zum Heulen zumute. 40 Jahre. Ein Schauspielerinnenleben zwischen Memmingen, Tübingen, Freiburg, Kassel und nun .. morgen in Ingolstadt? Schon wieder? Wie 1969, als sie geflohen war mit ihrem Liebsten im VW-Bus nach Kathmandu, zum Ganges und nach Nowgorod? Wäre es wenigstens Tübingen, mein Gott, da kam 1971 sogar der berühmte Philosoph Ernst Bloch ins Theater, zu Yaak Karsunkes "Bauernoper".

Das Spielfeld lesen lernen

von Shirin Sojitrawalla

30. August 2016. Im Fußball spricht man davon, ein Spiel lesen zu können. Dieses Lesen ist nicht nur so genannten Fachleuten, sondern auch sachkundigen Laien zuzutrauen. Ähnlich verhält sich das im Theater. Auch eine Aufführung will gelesen werden. Was geschieht wo und wieso und mit welchem Ergebnis? So weit, so klar, doch wie bewertet man das Spiel, äh, Stück?

Die Musealisierung des Eisenhändlers

von Sascha Ehlert

24. August 2016. Jetzt, da die Ära Castorf an der Volksbühne zu Ende geht, ist offenbar die Zeit gekommen, um dessen Denkmal mit Ornamenten und Verzierungen zu verschönern, oder böse ausgedrückt: es zu verkitschen. Diese Befürchtung drängt sich jedenfalls auf, beschaut man zwei neue Publikationen, die dieser Tage erscheinen: zum einen die "Republik Castorf", herausgegeben von Frank Raddatz, insbesondere aber das "Arbeitsbuch Castorf" von "Theater der Zeit". "Seit seinem Durchbruch in den frühen neunziger Jahren hatte kein anderer Regisseur in den vergangenen Jahrzehnten mehr Einfluss", schreibt dort Staffen Valdemar Holm, schwedisch-deutscher Theatermacher und ehemaliger Intendant des Schauspielhaus Düsseldorf. Bedeuten Sätze wie dieser das Ende des Widerstands von Castorfs Kunst gegen die Gegenwart?

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